»Der Chef ist der Chef. Der sagt wie es gemacht wird. Anders geht es nicht.« Während die ältere Dame am Nebentisch mit Ihren rosa lackierten Fingernägeln am Wasserglas rumtippelt, denke ich darüber nach, wie oft Menschen das wohl schon gesagt haben. Ich komme schnell zu dem Schluss, das in dem Spruch »Alle haben gesagt: Das geht nicht. Dann kam einer, der das nicht wusste und hat’s gemacht« eine essentielle Formel für das menschliche Zusammenleben steckt.
Ihre sportlich gekleidete Gesprächspartnerin nickt zustimmend. Pilates oder Aerobic, vielleicht Tanz. Kein Yoga. Das hätte ich erkannt. Es scheint um die Arbeit in einem Theater-Ensemble oder ähnlichem zu gehen. Die zuvor aufgeschnappten Gesprächsfetzen verraten eine Tätigkeit im künstlerisch körperlich arbeitenden Bereich. Ihre Gestik in Kombination mit den selbstbewusst licht getragenen Haaren lassen auf eine gewisse Exzentrik schließen, die wunderbar in ein Pina Bausch Ensemble gepasst hätte.
»Gerade die Döfsten wollen am meisten mitbestimmen.« Schiebt sie hinterher. Wie sehr ich ihren inneren Konflikt doch nachvollziehen kann. Gleichzeitig würde ich mich am liebsten aufdrängen und ihr von meinen Ansichten zu holokratischen Unternehmensstrukturen, und wie angenehm es sein kann (vor allem kreative) Arbeit mit klar gezeichneten Kompetenzfeldern und flachen Hierarchien umzusetzen, erzählen; Von dem Unterdruck, der in meiner Generation eindeutig spürbar ist, wenn es darum geht, die Welt mitzugestalten; Von Mechanismen und Methoden, statt von Verboten und zementierten Gesetzen; Von neuen Dimensionen für politische Systeme durch partizipative Elemente und dezentralisierte Strukturen.
Doch ich spare mir ein Kommentar und erzähle meine Gedanken lieber dem Internet. Ein bisschen aus Feigheit, ein bisschen aus Anstand, mit Sicherheit auch aus Gemütlichkeit, aber vor allem weil das Thema hier besser platziert ist. Einwurf: Der Fenchel-Orangen-Salat war wirklich gut. Leider schwamm alles im Dressing. Wo sind die Mitmach-Restaurants dieser Welt?!
»Der Chef ist der Chef.« Aber was, wenn es keinen Chef im klassischen Sinne mehr geben würde? Was ist wenn – egal ob im Unternehmen, in der Politik, in der Zivilgesellschaft, in einer Tanztheater-Produktion oder im WG-Leben – Kompetenzfelder klar gezeichnet wären? Oder noch besser: Stetig daran gearbeitet werden würde Entscheidungsbereiche danach aufzuschlüsseln, wer welche Kompetenzen und Kapazitäten mit sich bringt und Handlungsspielräume danach einzuräumen. Diese Gedanken sind in der Unternehmenswelt nicht neu und bringen erstaunlich agile Ergebnisse mit sich: Effektiveres Wirtschaften, mehr Zufriedenheit am Arbeitsplatz, selbstverständliche Innovationen.
Innovation! Gutes Stichwort. Ein Begriff den wir zunächst mit wirtschafltichem Treiben in Verbindung setzen. Und wie man sehen kann (wenn man denn möchte), hat die Wirtschaft wieder mal die Nase vorn. Warum?
Weil sich Menschen kooperativ zusammen schließen, um ein gemeinsames Ziel zu erlangen: Wettbewerbsfähigkeit. Profit. Sie wollen Geld verdienen. Erfolgreich sein. Sie sind in der Lage ihr Ego zu überwinden, weil ihnen ein größeres Ziel vor Augen schwebt. Schwierig diesen Mechanismus als Blaupause in andere Bereiche unseres Zusammenlebens zu transportieren; Zu Diffus unsere Einstellung zu richtig und falsch; Zu chaotisch die Vorstellungen von der Welt, wie sie sein sollte. Und dennoch scheint es – je nach dem wo man seinen Blick hinwirft – so, als wäre dieser evolutionäre Prozess im vollen Gange. Ein Prozess, der hoffentlich darin gipfelt, sich seiner Prozesshaftigkeit bewusst zu sein. Räder zurück drehen scheint keine Option.
Bevor sich die Wortwolke von Idealen, Egoismus, Wölfen und Schafen, Utopien und Zukunftsgestaltung über mein sonniges Gemüt legt, schaufel ich schnell das letzte Stück Ziegenkäse aus meinem Vinaigrette Süppchen, Während mein Unterbewusstsein Bob Marleys ‘Redemption Song’ einspielt. Leise vor mich hinsingend gehe ich wieder meinem Alltag nach: “...Emancipate yourself from mental slavery, None but ourselves can free our minds.“
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.
Dies sind die Gedanken eines Artgenossen, der für jede offene Diskussion dankbar ist. Tut Euch einen Zwang an und teilt mir Eure Meinung mit.
Ahoi!
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