Alfred Lorenzer: […] Der Trieb ist ein Gefüge von Interaktionsformen, wobei der Begriff Trieb die größere Einheit bezeichnet, den Begriff vom Ganzen der Interaktionsformen in ihrer frühen Existenz darstellt. Noch anders ausgedrückt: Der Begriff der Interaktionsform, angesetzt als Bestimmung des Triebes, soll ausdrücken, daß der Trieb selbst hervorgeht aus der Auseinandersetzung zwischen innerer Natur un gesellschaftlicher Praxis. Dabei kann der Begriff »innere Natur« nicht eine umschriebene Gegenständlichkeit bezeichnen, sondern muß als Ansatzpunkt gesehen werden für einen Prozeß, der in der Ontogenese Schritt für Schritt vor sich geht. Die Ausbildung des Embryonen etwa spielt sich ja in diesen Schritten ab und ist von Anfang an einbezogen in ein intensives Wechselspiel. Was wir an dieser Stelle als »innere Natur« bezeichnen, ist exakt nichts anderes als das, was in der äußeren Natur ein (in dem, was uns dort materiell entgegentritt, enthaltenes) Nichtidentisches ist. »Innere Natur« ist demgemäß das Nichtidentische gegenüber gesellschaftlicher Praxis, die an diese biologische Natur herantritt. Nun ist das ja nichts Greifbares, denn alles, was gegriffen werden kann, ist ja bereits angeeignet und – um dies wieder am geläufigeren Beispiel der äußeren Natur zu verdeutlichen – gestaltet, Produkt eines Erkenntnis- und Herstellungsprozesses. In gleicher Weise ist – gehen wir von der inneren Natur aus – all das, was wir bereits verwirklicht vorfinden, durch bestimmte Prozesse in diese Wirklichkeit hereingeholt, kann nicht jenseits von Geschichte, nicht außerhalb von Praxis stehen. Mit einem Satz: Trieb stellt vor, was schon realisierte innere Natur ist. Trieb, Bedürfnis, Körperprozess gehören nicht mehr zum Geschichtsjenseits. Insofern gibt es vom ersten Moment an ein gesellschaftlich und geschichtlich bestimmtes Erleben. Nun darf allerdings die Kritik dies nicht nur behaupten, sondern sie muß »Trieb« durchsichtig machen: - als Gefüge von Interaktionsformen, als Niederschlag sinnlich-unmittelbaren Interagierens, wobei - in den Interaktionsformen die innere Natur anwesend ist (anders würde vulgäridealistisch die innere Natur in Subjektivität aufgelöst werden); - diese innere Natur aber aufgehoben zu denken ist in Auseinandersetzung gesellschaftlicher Praxis mit dieser Natur; aus diesem praktisch-dialektischen Prozeß gehen die Interaktionsformen als »Triebelemente« hervor (anders wäre dies ein Rückfall in die Metaphysik eines mechanischen Materialismus). Einzig in den Interaktionsformen ist also innere Natur »vorhanden«, nirgendwo sonst, nirgends außerhalb der Auseinandersetzung von menschlicher Praxis mit der inneren Natur in der Mutter-Kind-Dyade. Bernhard Görlich: Damit lehnen Sie auch die Vorstellung ab, die gegenwärtig in der französischen Diskussion des Strukturalismus und Poststrukturalismus eine bedeutende Rolle spielt, eine Vorstellung, in der das Unbewußte als Sprache organisiert gedacht wird, das Subjekt als »Leerstelle«, »Differenz«, als »Lücke«. Kommt hier nicht doch, mehr oder weniger verdeckt, ein idealistisches Konzept zum Vorschein? Alfred Lorenzer: Ich finde auch, daß die französische Diskussion – wenn wir Lacan oder die Nach-Lacanisten betrachten – hier zu kurz greift, weil sie die Analyse der Sozialisationsprozesse nicht früh genug ansetzt, nicht an dem Punkt, der mir einer der spannendsten zu sein schien: an der organismischen Auseinandersetzung mit »innerer Natur« als dem Nichtidentischen menschlicher Praxis. Genau deshalb müssen wir die Einsicht in das Nicht-Geistige, Nicht-Bewußte, Nicht-Sprachliche des Triebes festhalten, die uns die alte psychoanalytische Triebtheorie vermittelt, und dürfen »Trieb« auch nicht als Randfigur des Symbolischen, Sprachlichen verstehen, sondern als einen Bereich, der jenseits der Sprache liegt, aber gleichzeitig mit Sprache verbunden werden kann. Man muß zeigen, wie in Konkurrenz zur Sprache etwas darunter besteht, das nun nicht den tierischen Trieb, sondern einen Teil der menschlich-gesellschaftlichen Praxis darstellt. Nur wenn man begreift, daß diese Matrix als sinnliche Praxis unterhalb der Sprache umfassender ist als diese, eine Fülle von organisierbaren und nicht-organisierten Anteilen von Wünschen, Phantasien, Unformuliertem enthält, wird auch deutlich, daß die Triebstruktur gegen die normverfügende Sprache als Handlungsgefüge, als Gefüge von Individualität, organisiert werden kann, daß sich die in den Interaktionsformen enthaltene Natur gegen gesellschaftliche Zumutungen zur Wehr setzen kann. Und auch das ist nicht nur zu behaupten: Die Spannung zwischen Bewußtsein und Sinnlichkeit muß sozialisationstheoretisch erhellt werden.
Lorenzer, Alfred/Görlich, Bernard (1980): Die Sozialität der Natur und die Natürlichkeit des Sozialen. Zur Interpretation der psychoanalytischen Erfahrung jenseits von Biologismus und Soziologismus. Ein Gespräch zwischen Alfred Lorenzer und Bernard Görlich, in: Görlich, Bernard/Lorenzer, Alfred/Schmidt, Alfred (Hg.): Der Stachel Freud. Beiträge und Dokumente zur Kulturismus-Kritik, Frankfurt a. M., S. 331ff.

















