Vortragsreihe „Gesellschaftliche Naturverhältnisse und materialistische Kritik“
Seit dem (Wieder)Erstarken der Thematisierung des Klimawandels nach dem medialen Verschwinden des Ozonlochs Mitte der 1990er Jahre sind Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Energiesparen, CO2-Minimierung und vor allem „gesunde“ (Bio-)Nahrungsmittel wichtige, beinah alltägliche Paradigmen der Lebenswelt. Vor einigen Jahren noch undenkbar, ist das Warenangebot an Bio-Produkten, vollwertigen Lebensmitteln, ökologisch verträglichen, früher nur in der Reformhaus-Szene erhältlichen Verbrauchsprodukten bis hin zum Stromanbieter, energieneutralem Hausbau sowie Umweltinvestment für den Kleinanleger unüberschaubar gewachsen. ›Umweltbewusstsein‹ scheint mehr denn je verbreitet zu sein. Kaum ein Unternehmen leistet sich kein Umweltmanagement, Umweltschutz ist auf regionaler bis globaler Ebene eines der wichtigsten Topoi in der Politik geworden und die Konsumwelt ist ohne die Labels ›Bio‹, ›ökologisch abbaubar‹, ›CO2-neutral‹ etc. nicht mehr vorstellbar.
Utopien der Nachhaltigkeit, einer „gesünderen Lebensweise“ und Dystopien der Endlichkeit der Erde begegnen einen beinah täglich. Umweltbewusstsein, nachhaltiger Konsum und darauf bezogene Wachstums- und Konsumkritik beleben nicht nur Untote wie die globalisierungskritische ATTAC-Bewegung, sondern transformieren den seine Bedürfnisse befriedigenden Normalbürger in einen ›kritischen Konsumenten‹. Der Natur was Gutes tun, ob „mit jedem Waschgang“ oder der Balkon-Tomate! Im Mittelpunkt der konsumkritischen Wohlfühl- und Bewusstseinspraxis steht ein Verständnis von Natur, in dem sie als vermeintliches Prinzip des Reinen, Guten oder Authentischen, als Gegensatz zur Gesellschaft fetischisiert wird. Was hinter der gesamtgesellschaftlichen Pseudoaktivität, ob als ›kritischer Konsument‹, als von Wellblechhütte und Subsistenz träumende Wachstumskritikerin oder moralisch richtig gepolter, grün-konservativer Altbau-Bewohner, verschwindet, ist eine Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Naturverhältnis. Die Frage, was die Zerstörung der Natur und das zügige Voranschreiten zu tatsächlichen Grenzen des Planeten, mit dem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang, mit der kapitalistischen Produktionsweise und mit gesellschaftlicher Herrschaft zu tun haben könnte, wird erst gar nicht gestellt.
Dies stellt gewissermaßen den Ausgangspunkt dar, um in den Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen das Verhältnis von Natur und Gesellschaft näher zu beleuchten. Nachgegangen werden soll, was es überhaupt mit Natur (auch am Menschen) auf sich hat, wie das Verhältnis von Natur und Gesellschaft im Lichte der ›Dialektik der Aufklärung‹ zu begreifen ist und was dies für eine tatsächliche Gesellschaftskritik jenseits der Verkürzungen von Konsumkritik und Postwachstumsbewegung bedeutet. Folgende Vorträge werden zum Thema im Wintersemester stattfinden:
19.11.2014 – Martin Blumentritt:
Der Begriff der Natur bei Marx und Adorno
19.00 | Radio Corax, Unterberg 11, Halle
Bereits in der bekannten ersten Feuerbachthese bestimmte Marx das Verhältnis von Natur und Gesellschaft in kritischer Auseinandersetzung mit dem sinnlichen Materialismus Ludwig Feuerbachs. Diesem sei zu zugestehen, dass im Gegensatz zur Erkenntnistheorie des deutschen Idealismus dem Subjekt wirklich „sinnliche Objekte“ und nicht „Gedankenobjekte“ gegenüberstehen. Die subjektive Hinwendung folge aber nicht einfach der „Form des Objekts“ oder sei Prozess der „Anschauung“, sondern ist die Geschichte der „sinnlich[en] menschliche[n] Tätigkeit“ selbst. Marx stellt damit den Subjektivismus des Idealismus auf materialistische Füße. Er verneinte nicht einfach den idealistischen Konstruktivismus, sondern zeigte, wie der Mensch sich durchaus seine Wirklichkeit schafft, weniger aber durch sein Erkennen als vielmehr durch sein schöpferisches, umgestaltendes und notwendiges Tätig-Sein, dass jedoch zugleich die objektive Welt zwar ›für ihn‹ ist, aber nicht letztlich aus seiner Anschauung oder Praxis hervorgeht. Die sich darin abzeichnende Dialektik, dass der Mensch stets eine „geschichtliche Natur und eine natürliche Geschichte vor sich habe“ (Marx/Engels; Deutsche Ideologie), ja mehr sogar, dass der Mensch als zugleich Natur- wie gesellschaftliches Wesen selbst Teil dieser Konstellation ist, stellt auch den materialistischen Kern der Kritischen Theorie dar. Natur wird darin mit der Kategorie der „Naturgeschichte“ und der „Negativen Ontologie“ (Adorno) in ihrem „gesellschaftlich-geschichtlichen Charakter“ begriffen. Das bedeutet, dass „[a]lle (…) Aussagen über Natur, seien sie spekulativer, erkenntnistheoretischer oder naturwissenschaftlicher Art, (…) die Gesamtheit der technologisch-ökonomischen Aneignungsweisen der Menschen, gesellschaftliche Praxis jeweils schon voraus[setzen]“ (Alfred Schmidt). Natur, auch des Menschen selbst, ist somit stets vermittelt, gewinnt aber zugleich durch ihre doppelte immanente Notwendigkeit als für den Menschen lebensnotwendiger Naturstoff sowie als Natur am Menschen einen zur Gesellschaft antagonistischen Charakter.
Was das für eine Gesellschaftskritik bedeutet, soll ausgehend vom Referat diskutiert werden.
09.12.2014 – Julian Kuppe:
Ohnmacht und imaginäre Inszenierung. Zu einigen gegenwärtigen Erscheinungen des Verhältnisses von Natur, Individuum und Gesellschaft.
19.00 | Radio Corax, Unterberg 11, Halle
In gegenwärtigen Gesellschaften ist eine Gleichzeitigkeit von Dynamik und Erstarrung vorzufinden. Der dieser Erscheinung zugrunde liegende Zusammenhang muss im Verhältnis von Natur, Individuum und Gesellschaft in ihrer kapitalismusspezifischen Form gesucht werden. Wie Marx und die kritische Theorie aufweisen, ist Geschichte bis heute Vorgeschichte, in der sich Naturzwang blind durchsetzt. Fortschritt und gesellschaftliche Dynamik erweisen sich damit als Ausdruck unbegriffenen Naturzwangs, als Naturgeschichte. Diese Dynamik der ihrer selbst unbewussten Gesellschaft bringt ganz offenbar erhebliche soziale und ökologische Widersprüche hervor, die innerhalb des Rahmens der bestehenden Verhältnisse nicht aufzulösen sind. Was aber ist die gesellschaftliche Antwort auf diese Konstellation? Ein Schwerpunkt gesellschaftlichen Praxis scheint vor allem darin zu bestehen, die scheinbare Ohnmacht gegenüber den als Naturmacht erscheinenden gesellschaftlichen Verhältnissen imaginär zu bewältigen. Gesellschaftliche Dynamik ist damit einerseits als blinder Naturzwang real und andererseits als imaginäre gesellschaftliche Praxis scheinhaft, wobei sich dahinter zugleich die gesellschaftliche Statik in Form der erstarrten gesellschaftlichen Verhältnisse verbirgt. Da die Identität von Imaginärem und Realität aber nicht herzustellen ist, sondern immer wieder scheitert, wird letztlich Gewalt zum Mittel des Versuchs der Herstellung dieser unmöglichen Identität.
Der Vortrag versucht der Frage nachzugehen, welche Stellung imaginäre Identität in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Konstellation einnimmt und in welchem Verhältnis diese gesehen werden müsste, um die katastrophalen, gewaltförmigen Folgen, die diese gegenwäertig mit sich bringt, zu vermindern.
14.01.2015 – Michael Schüßler:
Zum Verhältnis von Natur und Geschichte im Individuum – Psychoanalyse als Kritische Theorie des Subjekts bei Alfred Lorenzer
19.00 | Radio Corax, Unterberg 11, Halle
Bekanntlich ist in der materialistischen Gesellschaftskritik von Karl Marx der Mensch als Naturwesen, welches zugleich die Natur in der Anwendung ihrer Eigengesetzlichkeit hinter sich lässt, bereits in einer Dialektik von Natur und Geschichte gefasst. Jedoch erscheint ausgerechnet das Individuum in seiner Spontanität, mit seinem Reiz-Trieb-Geschehen, in seiner somatischen Unbestimmtheit und in seiner Irrationalität bis heute als die Bruchstelle der Analyse gesellschaftlicher Objektivität. Offenbar geht das Individuum im Gesellschaftlichen nicht auf. Die Psychoanalyse Sigmund Freuds nahm sich dieses Problems an. In der bei Freud dauerhaften Spannung zwischen einem naturwissenschaftlichen, physiologischen Ansatz und den kulturkritischen Analysen untersuchte seine Psychoanalyse anhand der klinischen Praxis, vor allem der Neurosen- und Psychosenlehre, das Feld der sich dem Rationalen in Teilen entziehenden seelischen Vorgänge des Menschen. In der Instanzentheorie (ES, Ich, Über-Ich) wie in der Triebtheorie versuchte Freud das Psychische des Menschen zwischen Naturanlage und „Gesellschaft in Tiefenstruktur“ (Herbert Marcuse) zu fassen.
Beide Ansätze, Gesellschaftstheorie wie Psychoanalyse, scheinen sich je aus eigener Perspektive auf den gleichen Gegenstand – Sozialwesen Mensch – auszurichten. Und doch gehen das Individuum als gesellschaftliches Subjekt und das Individuum in seiner (vermittelten) Unmittelbarkeit und damit die Gegenstände beider Ansätze nicht ineinander auf. Die Kritische Theorie hat demzufolge bekanntlich ihren materialistischen Kern auch so gefasst, dass die Kritik gesellschaftlicher Totalität mit der Analyse der individuellen Persönlichkeitsstruktur vermittelt werden muss.
Jedoch: Auf Seiten der Marx-Rezeption gibt es bis heute eine all zu eilfertige Erledigung der Psychoanalyse. Hängen Traditionsmarxisten weiterhin dem Irrtum an, man könne die subjektive Struktur vollends qua Marxschem Diktum – das Sein bestimmt das Bewusstsein – aus der Ökonomiekritik entfalten, erledigen Gruppen wie der GegenStandpunkt das Psychische, vor allem das Unbewusste durch eine Überhöhung aufklärerischer Rationalität – das (interessenbezogene) Bewusstsein bestimme durch und durch das Sein. Selbst Rezeptionslinien der Kritischen Theorie tappen qua Setzung des ES als Natur kontra Gesellschaft in die vermittlungslose Falle des bekannten Freudschen Biologismus.
Auch auf Seiten der Psychoanalyse findet man weitgehend eine Auflösung der notwendigen „Trennung bei gleichzeitiger Vermittlung“ beider Ebenen. Die Revisionisten der Psychoanalyse gaben mit der Zentrierung auf die Ich-Kategorie zum Preis des Unbewussten das Naturmoment am Menschen auf. Sie wendeten die Psychoanalyse hin zu einem Kulturismus. Dagegen verfielen marxistisch orientierte Psychoanalytiker in der strikten Trennung zwischen natürlichen Anlagen und gesellschaftlicher Determinierung dem alten Biologismus anheim bis hin zum Obskurantismus des späten Wilhelm Reichs. Die heute wohl einflussreichste Lesart der Psychoanalyse, die Theorie von Jacques Lacan, ist zwar über den Dualismus von Kulturismus und Freudschen Biologismus hinaus, verfällt aber in der Zentrierung auf Sprache in einen extremen Subjektivismus, welcher eher als Leerstelle, als „abstrakte Geschichtlichkeit“ (Alfred Lorenzer) erscheint. Bei Lacan „wird die Frage nach der Produktion individueller Struktur unter objektiven Bedingungen vorweg gegenstandslos“ (Lorenzer), die Vermittlung zwischen Gesellschaftstheorie und Analyse der Persönlichkeitsstruktur, wie sie Kritische Theorie kennzeichnet, ist aufgelöst.
Alfred Lorenzer dagegen gibt weder das Natur-Moment noch die stete gesellschaftliche Vermittlung preis. Seine psychoanalytische Theorie stellt sich dem Widerspruchsverhältnis einer nicht in Gänze in gesellschaftlicher Praxis aufgehenden menschlichen Natur, ohne das sie einer Essentialisierung gleich käme.
Hierfür sind bei Lorenzer zwei zusammenhängende Stränge von Bedeutung. In seiner materialistischen Sozialisationstheorie zeigt er, wie in Reiz-Reaktions-Komplexen zwischen Fötus und Mutter bereits intrauterin, später in vorsprachlichen leiblich-körperlichen Interaktionsformen zwischen Neugeborenen und primären Beziehungsobjekten und vor allem in der Spracherwerbung Naturanlagen und gesellschaftliche Praxis beständig vermittelt werden. Zugleich zeichnet Lorenzer in diesem Zusammenhang von präsymbolischen Interaktionsformen und dem späteren Spracherwerb die Bruchlinien zwischen Kind und gesellschaftlichen Anforderungen als stets konflikthafte, beschädigende Subjektwerdung unter den Bedingungen gesellschaftlicher Herrschaft nach. Alfred Lorenzer nimmt die individualistische psychoanalytische Praxis, deren Erkenntnisse nicht einfach kausalgenetisch zu einer Gesellschaftstheorie aufgebläht werden dürfen, ernst und reflektiert die Einbettung der Herausbildung der Persönlichkeitsstruktur in die objektiven gesellschaftlichen Verhältnisse. Seine Psychoanalyse wird so eine Kritische Theorie des Subjekts.
Im Vortrag möchte ich diese mit besonderem Fokus auf das Verhältnis von Natur und Gesellschaft am Menschen darlegen und die Stärke des Ansatzes gegenüber dem poststrukturalistischen Mainstream diskutieren.