8.6.2018
Sharing Economy und intermodaler Verkehr: Buzzwords, aber wenn's drauf ankommt ...
Nachdem ich vor einigen Jahren vom TÜV enteignet wurde auch das zweite unserer Autos überaltert aus dem Verkehr gezogen wurde, decken wir unsere Mobilitätsbedürfnisse in Berlin und anderswo recht gut mit Fahrrad, öffentlichem Nahverkehr, zwei BahnCards und dem CarSharing-Auto fürs Wochenende; bisweilen auch mit Taxis. Dazu gehört allerdings auch eine gewissen Planung: Schon im Frühjahr buche ich für alle Sommerwochenenden ein Auto bei einer CarSharing-Organisation, für die regelmäßigen sommerlichen Fluchten ins Brandenburger Umland.
An diesem Freitag stehe ich etwas ratlos am Standplatz der CarSharing-Wagen. Das Auto ist nicht da. Ein Anruf bei der Buchungszentrale ergibt die nüchterne Information: Ich habe für dieses Wochenende gar keinen Wagen gebucht. Dieses Wochenende ist mir bei meiner Reihenbuchung schlicht durchgerutscht.
Ein Blick auf die Buchungslage in der App macht es nicht besser: An diesem sonnigen Frühsommerwochenende ist kein Auto mehr verfügbar. Aber das gilt nicht nur fürs CarSharing, wie sich schnell herausstellt: Auch bei den großen Mietwagenunternehmen gibt es bis zum Sonntagabend nichts mehr zu buchen.
Lektion 1: Sharing funktioniert nur, wenn nicht alle gleichzeitig sharen wollen.
Also bleibt nur die Alternative, mit öffentlichen Verkehrsmitteln rauszufahren – in der stickig-heißen Stadt wollen wir bei Temperaturen von um die 30 Grad nicht bleiben. Ich suche eine Zugverbindung raus, zum nächsten Bahnhof wollen wir mit dem Bus fahren. (Die naheliegende Alternative, einen Teil der Strecke mit dem Fahrrad zurückzulegen, fällt aus bestimmten Gründen aus.)
Ich versuche, das Ticket für den Verkehrsverbund in der Bahn-App zu buchen . Aber genau die ausgesuchte Verbindung ist angeblich nicht verfügbar. Würden wir, mit einem ziemlichen Umweg und zusätzlicher Zeit, eine andere, längere Verbindung wählen, gäbe es das Ticket in der App.
Lektion 2: Die Deutsche Bahn ist nicht in der Lage, Tickets der Verkehrsverbünde zuverlässig über ihre App bereitzustellen (ähnliches hatte ich schon mehrfach beim Verkehrsverbund Rhein-Sieg feststellen müssen).
Als wir uns der Bushaltestelle nähern, rauscht der Bus an uns vorbei – drei bis vier Minuten vor der angegebenen Abfahrt. Dafür ist der nächste Bus, eigentlich gilt ein Zehn-Minuten-Takt, mit 16 Minuten Verspätung in der App des Verkehrsverbundes angezeigt – unterm Strich also fast eine halbe Stunde Verzögerung, durch die wir die Zugverbindung verpassen werden.
Lektion 3: Öffentlicher Nahverkehr funktioniert nur, wenn man auf den “intermodalen Verkehr”, also die Verbindung verschiedener Verkehrsmittel, nicht wirklich angewiesen ist.
Wir halten dann ein Taxi an, mit dem wir in wenigen Minuten zum nächsten Bahnhalt kommen, erreichen den Zug, erreichen die Umsteigeverbindung und sind eineinhalb Stunden später noch nicht direkt am Ziel, aber nahe genug dran.
Am Zielbahnhof nehmen wir wieder ein Taxi – und stellen fest, dass in Brandenburg deutlich höhere Preise aufgerufen werden als in Berlin. Immerhin sind wir nach etwa zwei Stunden am Ziel. Eine Freundin, die fast die gleiche Strecke mit dem Auto zurücklegte, war keine Viertelstunde schneller.
Unterm Strich: Da ist noch enormer Verbesserungsbedarf. Vielleicht nicht bei der Sharing Economy, denn die wird Engpässe nie vermeiden können. Wer mir aber noch mal was von intermodalem Verkehr und dessen Erleichterung durch Internet-basierte Dienste erzählt, darf sich auf was gefasst machen.
(Thomas Wiegold)














