Ich habe mein eigenes Auto abgeschafft. Ich nutze es zu selten und die Kosten selbst bei Nichtnutzung sind hoch (2.000 Euro für Versicherung, Steuer, Stellplatz), dazu kamen in 2018 noch mal 2.000 Euro für knapp 9.000 km, davon habe ich deutlich mehr als die Hälfte in Urlauben zusammengefahren) – Sprit, Wartungs- und Werkstattkosten, Parktickets, Ersatzteile.
Meine täglichen Wege in Hamburg erledige ich meistens mit dem Rad, meine Freundin nutzt das gut ausgebaute Bus- und Bahnnetz.
Ein eigenes Auto hatten wir vor allem aus Bequemlichkeit (sofortiger, wahlfreier Zugriff – mal eben ungeplant irgendwo hinfahren), zum Transport von Dingen, die mit dem Fahrrad oder zu Fuß nervig und/oder sperrig sind, z.B. große Pflanzen, Werkzeug(kisten), zwei Bleche Kuchen ... und wenn wir (auch gerne mit Gepäck) in Gegenden fahren, die mit der Bahn in nur lumpigen 7 Stunden Regionalbahngegurke erreichbar sind, obwohl man mit dem Auto 2,5 Stunden braucht.
Für diese drei Fälle brauchen wir nun Alternativen.
In Hamburg gibt es ein ziemlich unübersichtliches Angebot von verschiedenen Fremdautogebrauchsmöglichkeiten, die unter Carsharing und Mietwagen zusammengefasst werden.
Mir ist klar, dass wir damit in Hamburg privilegiert sind im Vergleich zu mittelgroßen Kleinstädten – ich glaube, auf dem Land wäre das Leben, das ich aktuell führe, ohne eigenes Auto ziemlich kompliziert.
Das Angebot teilt sich grob in drei Bereiche:
Freefloating Carsharing: Im Hamburger Stadtgebiet stehen Autos herum, die man über eine Handyapp des jeweiligen Betreibers spontan nutzen kann. Das Auto kann beliebig im vom Betreiber festgelegten Geschäftsbereich abgestellt werden. Es stehen generell verschiedene PKW-Typen mit verschiedenen Features (Cabrio, Smart, 4-Sitzer, E-Auto) und verschiedenen Preisen zur Verfügung, oft hat man in der Praxis aber nicht die Auswahl, sondern nimmt eher das, das am nächsten ist. Es wird die Nutzungszeit abgerechnet, die Autos dürfen in Parkzonen ohne Parkschein abgestellt werden.
Die Sache mit dem Geschäftsbereich ist allerdings problematisch, wenn das Fahrtziel nicht in der Innenstadt ist – der Geschäftsbereich und damit auch der Abstellbereich ist leider nur dort, wo sich das für den Betreiber auch lohnt. Die beiden größten Betreiber von Freefloating Carsharing in Hamburg haben z.B. südlich der Norderelbe (Hafen, Wilhelmsburg, Harburg, Finkenwerder) nur noch sehr kleine oder keine Geschäftsbereiche (mehr).
Stationsgebundenes Carsharing: Die Autos dieser Betreiber stehen an festen Abholstationen bereit und müssen nach der Nutzung auch dort wieder abgestellt werden, ebenso muss man bereits beim Reservieren der Miete angeben, wie lange man das Auto nutzen möchte. Die Autos werden auch über eine Handyapp gebucht. Bei den größeren Stationen scheint eine spontane Buchung gut zu funktionieren, bei den kleineren mit nur einem oder zwei Fahrzeugen bin ich mir da noch nicht drüber im Klaren. Es gibt unterschiedliche Fahrzeugtypen vom Elefantenrollschuh bis zum Transporter, damit kann man also auch mal Möbel kaufen oder ähnliches.
Die Abrechnung erfolgt auf Zeit- und km-Basis, es gibt Tages- und Nachttarife.
Mietwagen: Klassische Mietwagen sind (für mich überraschend) schnell günstiger als Carsharing-Autos. Mietwagen gibt es in allen denkbaren Kategorien, sind typischerweise stationsgebunden und enthalten in der Regel eine km-Pauschale pro Zeiteinheit.
Da das Herumklicken in den in Hamburg verfügbaren Anbieterwebseiten sehr schnell unübersichtlich wurde, habe ich angefangen, diese in einer Tabelle zu listen. In der Tabelle werden konkrete Anbieter sichtbar - das müssen nicht die besten oder einzigen sein, es sind die, die mir aus verschiedenen Gründen aufgefallen sind und sie sind bundesweit zumindest in großen Städten und bei mir verfügbar.
In der Tabelle sind einmalige Setupkosten nicht berücksichtigt, bei DriveNow und Car2go wechseln diese permanent durch Werbeaktionen (max. 20 Euro), Flinkster kostet für Bahncardinhaber nix, Greenwheels kostet grundsätzlich nix, Cambio kostet aktuell 30 Euro.
Ebenso wird in der Tabelle nicht berücksichtigt, dass es bei allen Anbietern Paketpreise oder günstigere Tarife für Vielnutzer gibt, die dann aber monatliche Grundgebühren verursachen – ich habe absichtlich die Tarife verglichen, die wenn man sie nicht nutzt, auch nichts kosten. Car2go experimentiert mit einem Angebots/Nachfrage-Preisschwankungsmodell herum, deswegen ist das dort ein gemittelter Wert angegeben.
Link auf die Originaltabelle
Freefloating ist am teuersten, man spart aber oft einen Weg, weil das Auto nicht zurückgebracht werden muss.
Stationsbasiertes Carsharing ist in der Zeitabrechnung günstig, die Kilometer sind aber teuer – gut, um das Auto mal 5 Stunden bei IKEA rumstehen lassen zu können oder früh morgens in der Knüste fotografieren zu gehen.
Schon ab ungefähr 6 Stunden Nutzung ist bei meinem Vergleich ein Mietwagen das günstigste Modell, obwohl hier noch der verbrauchte Sprit / Strom dazu kommt, der bei Carsharing-Fahrzeugen bereits in der Miete enthalten ist. Tanken muss man manchmal trotzdem.
Mietwagen werden in der Regel persönlich durch einen Mitarbeiter übergeben, das kostet real auch noch mal Zeit – Carsharing-Autos öffnen sich per App/Karte und sind 24/7 verfügbar, Mietwagen müssen tendenziell zu den üblichen Geschäftszeiten abgeholt werden.
Von meiner Wohnung aus sind Greenwheels, Cambio und Flinkster alle zusammen am Bahnhof Harburg (etwa 15 lockere Minuten mit dem Rad oder zwei Stationen mit der S-Bahn) stationiert, ein DriveNow-Auto kann ich in 5 Fußminuten Entfernung abstellen, Car2Go sind 15 Minuten Fußweg, Starcar etwa 10 Minuten Fußweg.
Das praktische Kundewerden war bei allen Anbietern langweilig unspektakulär. Antrag im Netz ausfüllen, dann entweder mit Führerschein und Personalausweis in einen Laden eines Vertragspartners gehen oder Videoident über sich ergehen lassen – fertig. Vielleicht wird das erste Nutzen von stationsgebundenem Carsharing noch mal interessant, aber ich vermute, das geht genauso simpel wie bei Car2Go und DriveNow.
Das ganze Miet- und Sharing-Gesummse hat allerdings noch einen Nachteil: Die Selbstbeteiligungskosten bei verschuldeten Unfällen sind sehr hoch (bis 1.000 Euro), bei einem Diebstahl des Fahrzeugs haftet man zum Teil sogar voll. Jeder Anbieter bietet dafür (natürlich zu Extrakosten) noch mal Selbstbeteiligungsminderungs-Pakete an, das läppert sich dann aber schnell zu erheblichen Summen.
Wenn man ein kleines bißchen sucht, findet man Selbstbeteiligungsausschluss-Versicherungen für genau diesen Einsatzzweck. Stichwort ist LDW - Loss Damage Waiver (das entspricht einer Vollkaskoversicherung mit Haftungsbefreiung) oder Leihwagenversicherung. Das ist unglaublich viel günstiger als das, was die Anbieter selbst anbieten – und dazu noch keine Reduzierung, sondern eine Abschaffung der Selbstbeteiligungskosten auf null.
Neben den kommerziellen Anbietern gibt es auch immer mehr Leute, die ihr wenig genutzes Privatauto über entsprechende Anbieter sharen. Damit werde ich vom Kopf her nicht warm. Ich möchte im Falle des Falles lieber ein unpersönliches Firmenauto vom Zeitwert in den Schrottwert verwandeln und nicht jemandes eventuell schwerst vom Mund abgespartes, geliebtes und gebrauchtes Gefährt.
Um z.B. mit Besuchern gemeinsam auf dem Rad die Stadt zu erkunden, bietet sich noch das technisch ähnlich gestaltete Kurzzeit-Leihen von Fahrrädern an, aber darüber wurde ja schon an anderen Stellen im Techniktagebuch berichtet.