,,Du warst gestern aber ganz schön früh zuhause." sagte Susan, während ich mir am Frühstückstisch Milch in meine Müslischüssel kippte. ,,Hm." brummte ich. ,,War's denn gut?" Wollte mein Vater wissen. Ich antwortete nicht. ,,War's dennn gut?" Wiederholte er. ,,Ja man!" erwiderte ich zickig. ,,Was ist denn mit dir los?" Wollte Jamila wissen, die vorsichtig an ihrem heißen Kakao nippte. ,,Hast du dich mit Ben gestritten?" Abrupt wendete ich mich zu ihr. ,,Geht's noch?" schnauzte ich sie an. ,,Was soll die dumme Fragen denn jetzt?!" ,,Beruhig dich Melia." Sagte mein Papa in seiner ruhigen Sonntagsstimme. ,,Man wird ja wohl noch fragen dürfen." Zischte Jamila genervt. ,,Ja, aber nicht sowas." Ich schob mir einen Löffel Müsli in den Mund. ,,Wahrscheinlich hat sie nur einen Kater." Meinte Susan und schaute dabei Jamila und meinen Vater an. ,,Sei leise." Zischte ich wieder. Sie wollte wohl so tun, als hätte ich es nicht gehört. Ich hustete. ,,Hast du dich erkältet?" wollte mein Vater wissen, er schaute mich besorgt an. ,,Ne, ich huste, weil es draußen so warm ist." Brummelte ich ironisch. ,,Bleib heute im Bett, dann bist du morgen fit." ,,Nein." Ich wandte mich jetzt an meinen Vater. ,,Ich hab gestern auf der Party gedacht, dass jemand meine Jacke geklaut hat. Aber eine Freundin hat sie nachher gefunden und ich treffe mich heute mit ihr, damit ich die Jacke wieder haben kann." ,,Du bist also den ganzen Rückweg ohne Jacke gegangen?" Ich nickte. ,,Bist du völlig verrückt?" Mein Vater schüttelte den Kopf, und ich bereitet mich innerlich schon auf eine Predigt vor, aber dann mischte sich meine Schwester ein. ,,Und Ben hat dir nicht seine Jacke gegeben?" Alle Blicke richteten sich auf mich. Ich schüttelte genervt den Kopf. ,,Vielleicht wollte ich auch nicht?!" ,,Jaja." Meine Schwester klang sehr selbstbewusst, sie ahnte, dass sich zwischen Ben und mir eine Spannung befand, beziehungsweise etwas vorgefallen war.
Um 3 Uhr stand ich am Alexanderplatz, und wartete an einem Stinknormalen Kaffee auf Linda. Immer wieder schaute ich auf meine Uhr, ich war enorm pünktlich und wartete schon seit zehn Minuten. Als Linda dann um die Ecke kam, strahlte sie mich an. ,,Gut erholt?" Wollte sie wissen, während sie mich zur Begrüßung umarmte. Ich wusste erst nicht, ob ich ihre Umarmung erwidern sollte, weil ich nicht darauf vorbereitet war, tat es dann aber doch, um eine peinliche Situation zu vermeiden. ,,Naja, ohne Jacke durch die Nacht, mein Hals muss jetzt ganz schön leiden." ,,Oh je." Linda musterte mich von oben bis unten. ,,Zum Glück kommt jetzt ja langsam der Frühling." Sie machte eine Kopfbewegung und wir gingen in das Kaffee. Ich war noch nie mit einer Freundin mitten am Tag in ein Kaffee gegangen, geschweige denn sonst wohin. Nicht mal mit Lisa. Ich wusste ja nicht mal, ob ich Linda als Freundin bezeichnen konnte, ich kannte sie ja erst seit gestern. Linda hatte vorgeschlagen, dass wir uns in einem Kaffee treffen konnten, und ein Bisschen quatschen. Ich wusste erst nicht, ob ich ja sagen sollte. Tat es dann aber doch, weil ich irgendwie keine Lust hatte den ganzen Tag zuhause zu gammeln. Ein Wunder, dass mein Vater mich hatte gehen lassen, aber er konnte meine Jacke ja auch nirgends finden, also musste er mir ja glauben. Wir setzten uns an einen Tisch etwas in der Ecke, Linda bestellte sich einen Latte Macchiato mit einer Waffel, und ich bestellte mir einfach nur einen Cappuccino. ,,Also", sagte Linda, während sie ihre Hände um ihre Kaffeetasse legte. ,,Willst du mir jetzt sagen, was gestern vorgefallen ist?" Ich zögerte. Sollte ich? Schließlich kannte ich Linda erst seit gestern, und ich wusste ja nicht, wie sie tickte. Allerdings schätzte ich sie als sehr Taff und selbstständig ein, sie war 20 und traf sich mit einer 17 Jährigen. Ich denke, ich konnte mir einen guten Rat von ihr holen, auch wenn ich bezweifelte, dass ich einen brauchte. ,,Also, Ben und ich sind halt raus, ich wollte mir eine Rauchen." Ich trank einen Schluck von meinem Cappuccino, um den Schmerz in meinem Hals zu lindern. ,,Irgendwann haben wir rumgealbert, wir waren beide etwas betrunken. Auf jeden Fall haben wir uns irgendwann einfach auf den arschkalten Boden gesetzt und eine ganze Weile geredet, unter anderem auch geschwiegen. Irgendwann hat Ben was ganz süßes zu mir gesagt." Ich stoppte. Linda schaute mich fragend an, sie folgte mir aufmerksam. Ich fuhr fort. ,,Ich meinte, dass besoffen alles schöner sei, und dann sagte er so etwas in der Art wie 'Du bist besoffen genau so schön wie nüchtern.' Ich wusste erst nicht, wie ich reagieren sollte, aber irgendwie fand ich das extrem süß." Ein Grinsen huschte über mein Gesicht, ich ließ es sofort wieder verschwinden. ,,Und dann?" Linda beugte sich zu mir rüber, sie wurde immer aufmerksamer. ,,Irgendwann hat er mich hochgezogen, wir standen ziemlich dicht aneinander und haben uns angeschaut. Dann hat er mich geküsst." Ich verstummte wieder. Lindas Augen weiteten sich. ,,Was? Oha." ,,Ja..." Ich wusste nicht, ob es sich gut oder schlecht anfühlte, dass ich Linda davon erzählt hatte, aber dann fing sie an zu reden. ,,Also, weißt du. Ich bin ja schon zwanzig, und ich denke, ich habe ein Bisschen mehr Erfahrung mit solchen Sachen wie du. Ich weiß, wir kennen uns erst seit gestern, aber so von Frau zu Frau; So schnell einen Kuss zu kriegen, ist scheiße." Ich nickte, und wollte gerade etwas einwenden, da redete sie schon weiter. ,,Aber", sie betonte das 'aber' extrem. ,,Er war besoffen. Besoffen macht man Dinge, die man vielleicht lieber nicht machen sollte." Sie hatte Recht. Er war besoffen, aber nichts desto trotz war es zu viel für mich gewesen. ,,Ich habe schon oft auf Partys mit Kerlen rumgemacht, dessen Namen ich nicht mal kannte. Natürlich war ich da auch besoffen." Ich malte mit meinem Zeigefinger kreise auf den Tisch. ,,Es hat mir nie was ausgemacht, vielleicht war ich bei den Meisten noch etwas betrunkener gewesen, als gestern. Aber ich hab's oft getan, und es hat mir nie, wirklich nie etwas ausgemacht. Doch als Ben mich geküsst hat, da... da... also ich hab kein Ekel oder so empfunden, es hat sich einfach nicht richtig angefühlt." Linda nickte, sie hatte dem, was ich gesagt hatte, aufmerksam zugehört. ,,Das liegt daran, dass du Ben magst." ,,Nein!" werte ich mich. Ihre Aussage kam so plötzlich. ,,Doch." Sie sah Siegessicher aus, so wie meine Schwester heute am Frühstückstisch. ,,Bevor wir euch angesprochen haben, da haben Merle und ich uns gedacht 'Oh hey, die zwei sind ja süß da drüben, müssen ganz schön verknallt sein.' Aber ihr kennt euch ja erst seit einer Woche. Es war einfach die Art wie er dich angesehen hat, und wie du seine Blicke erwidert hast. Glaub mir, das merkt ein Blinder, dass ihr zwei euch mögt." ,,Aber ich kenne ihn doch noch gar nicht." Ich schaute auf den Tisch und musterte meine Tasse. Ich spürte wie mein Puls schneller schlug und wie die Angst vor einer Gefühls- Konfrontation in meinen Kopf stieg. ,,Klar kennst du ihn, seit einer Woche." Linda trank mehrere Schlücke von ihrem Latte Macchiato und leckte dann ihre Kaffee Schnute ab. ,,Haha." Erwiderte ich sarkastisch. ,,Kann ich dir was sagen?" fragte ich Linda. Sie nickte. Ich musste das jetzt unbedingt loswerden, und da wir sowieso schon in diese Richtung liefen, konnte ich auch einen Schritt schneller gehen. ,,Alles verändert sich im Moment. Ich hab eigentlich nur zwei Freunde, und mit denen darf ich mich nicht mehr treffen, weil mein Vater herausgefunden hat, dass ich mit ihnen Joints geraucht habe. Genau in der Woche, in der das alles passiert ist, habe ich Ben kennengelernt. Er war mir direkt sympatisch. Und normalerweise ist mir das nie jemand. Ich bin total verschlossen, steh in den Pausen immer alleine und hänge nur mit Lisa und Tom, so heißen meine beiden Freunde, und so Punks im Park ab. Ich bin nicht so, und ich will das nicht zulassen. Ich will mich nicht verändern. Ich will nicht vernünftig sein, ich will wild und unbegrenzt sein. Ich will am liebsten Drogen nehmen und Scheiße bauen. Ich brauch dieses Gefühl, weißt du. Aber seit ich mehr Zeit mit Ben verbracht habe, da hab ich mich nicht mehr so krass mit der Freundin meines Vaters gestritten, ich war generell ruhiger. Mein Vater hat mir Hausarrest gegeben wegen der Droge Sache, normalerweise wäre ich schon längst zu meiner besten Freundin geflüchtet, aber ich verspüre gar nicht den Drang dazu." Ich stoppte und schaute Linda an. ,,Krass." Sagte sie plötzlich. ,,So hab ich dich gar nicht eingeschätzt." ,,Siehst du." Meine Miene verzog sich, ich wollte verzweifelt aussehen, damit sie mir einen guten Rat gab. ,,Du brauchst diesen Adrenalin Kick wohl einfach nicht mehr." Ich verstand nicht. ,,Wie meinst du das?" ,,Naja", sie streifte sich mit einer Hand durchs Haar und leckte sich über die Lippen. ,,Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht wie ich dir das erklären soll." Sie überlegte kurz. ,,Sagen wir es am besten so, du sagst doch, dass du am liebsten Drogen nehmen würdest, richtig?" Ich nickte. ,,Wenn du den Drang dazu verspürst, Drogen zu nehmen, dann ist das ja ein Sucht Gefühl, und nachdem du die Drogen genommen hast, ist das Gefühl befriedigt." Wieder nickte ich. ,,Vielleicht tust du die Dinge, die du sonst immer getan hast, einfach nicht mehr, weil der Drang dazu befriedigt wurde. Du hast jetzt den Drang zu anderen Dingen. Du hast zum Beispiel gar nicht den Drang dazu, deine beste Freundin zu sehen. Weil du Ben hast. High zu sein, ist ein Abenteuer. Jetzt ist Ben dein Abenteuer." Sie winkte ab. ,,Ist doch halb so schlimm." Ich verzog den Mund. ,,Das hört sich kitschig an." Das brachte Linda zu lachen. ,,Was ist daran so lustig?" ,,Ein Bisschen von der alten Melia steckt wohl noch in dir." Sie boxte mir mit der Faust freundschaftlich gegen die Schulter. Ich wusste nicht, ob ich das jetzt als Kompliment, oder als Beleidigung ansehen sollte, entschied mich dann aber mitzulachen. Ich wollte die lockere Stimmung, die sich trotz des unangenehmen Gesprächsthema hier befand, nicht zerstören. Wir saßen noch ziemlich lange im Kaffee und unterhielten uns über alles mögliche. Ich bemerkte, dass ich zu Linda einen guten Draht aufgebaut hatte, obwohl ich sie nicht einmal 24 Stunden kannte. Konnte es sein, dass ich im Moment schnell eine Beziehung zu Menschen aufbaute? Nachdem wir das Kaffee verließen, liefen wir noch eine Weile durch Berlin. Ich war lange nicht mehr durch die Innenstadt gelaufen, denn ich wohnte ja in einem Wohngebiet weiter außerhalb, vom Großstadt leben bekam ich also nicht viel mit. Linda zeigte mir ihre Lieblingsplätze und erzählte mir, was ihr an Berlin gefiel und was nicht. An gefühlt jeder Straßenecke saß ein Penner, der um Geld bettelte. Früher wollte ich immer jedem ein Bisschen Geld geben, hätte ich das gemacht, wäre ich jetzt wohl möglich selber Obdachlos. ,,Ganz schön schrecklich, so viele Obdachlose." Ich zuckte mit den Schultern. ,,Normal in Großstädten." Linda nickte, während sie in ihr Croissant biss. Sie hatte sich vorhin eins im Kaffee mitgenommen. Sie sah aus, als könnte sie so viel essen wie sie wollte, und würde trotzdem nicht dicker oder dünner werden. Ich wollte auch so eine Figur wie sie haben, so perfekt dünn, nicht zu dick. Weibliche Kurven und eine gesunde Hautfarbe. ,,Gibst du den oft Geld?" Fragte sie, und zog mich damit wieder in unser vorheriges Gesprächsthema. ,,Nie." Plötzlich fiel mir eine lustige Geschichte ein. ,,Einmal, da war ich mit Lisa und Tom unterwegs, und bin auf dem Rückweg alleine nach Hause gegangen. Es war schon dunkel und ich musste durch die halbe Stadt um zur U-Bahn zu gelangen. Auf einmal kamen da so zwei betrunkene um die Ecke, ich hatte keine Angst, ich hing ja selber viel mit Trinkern und Rauchern ab. Irgendwie sind die Betrunkenen mir dann gefolgt und ich hab doch noch Angst bekommen. Als ich gerade die Treppen zur U-Bahn runter gelaufen bin, haben sie angefangen mich zu belästigen. Ich hatte das Glück, dass ein Obdachloser das bemerkt hat. Der hat mir direkt geholfen, was man von Obdachlosen ja nicht erwartet. Ich hab mich dann noch eine ganze Weile mit ihm Unterhalten, Willi hieß er. Jedes mal, wenn ich in der Stadt war, hab ich ihn besucht. Manchmal hab ich ihm ein Brötchen mitgebracht, Pfandflaschen und im Winter sogar mal eine Decke. Zu dieser Zeit war ich oft in der Stadt, ich hab mit Tom und Lisa immer ganz schön viel scheiße gebaut. Einmal, als Tom besoffen war sind wir wieder an der U-Bahn Station vorbei gelaufen wo Willi immer saß. Aber er war weg. Ich weiß bis heute nicht was mit ihm passier ist, ich vermute mal er ist im Krankenhaus gelandet. Er hat auch getrunken, oder vielleicht ist er in so einem Obdachlosenheim untergekommen. Ich weiß es nicht." Linda leckte sich die Krümmel des Croissants von ihren Lippen und lachte. ,,Sowas kommt doch eigentlich nur in Filmen vor." ,,Oder in Berlin." Ich grinste. Ich hatte schon coole Sachen erlebt, natürlich auch viel Scheiße, aber wenn ich mit Lisa und Tom unterwegs war, hatten wir immer irgendetwas erlebt. Ich hustete. ,,Fahr nach Hause und geh schlafen." Riet Linda mir. ,,Ich lauf schon zur nächsten U-Bahn Station." Ich lächelte und hustete wieder. ,,Irgendwann kommst du mich und Merle besuchen und wir zeigen dir unsere WG." Sie klopfte mir auf die Schulter, sie hatte so ein enormes Selbstbewusstsein. ,,WG hört sich cool an." Schwärmte ich. ,,Ist es auch." Sie zwinkerte mir zu. ,,Was ich noch wissen wollte." Ich schaute sie an. ,,Woher kamst du so schnell auf die ganzen Begründungen, also den Rat den du mir gegeben hast. Studierst du Psychologie oder so?" ,,Nein!" lachte sie. ,,Ich studiere Pädagogik, da lernt man ziemlich viel über Menschen und ich denke, dass ich sowas sowieso gut einschätzen kann." ,,Ach so." Wir gingen noch ein paar Meter zusammen, doch dann trennten sich unsere Wege. Zum Abschied umarmte Linda mich wieder, was mir nochmal total fremd vorkam. Ich war das einfach nicht gewohnt! Aber scheiße fühlte es sich jetzt nicht an.