Ein Rant und: Warum ich trotzdem (!) Kinder in die Welt setze
Manchmal frage ich mich, warum Menschen überhaupt noch Kinder in die Welt setzen. Gerade heute und zu unserer Zeit. Zugegeben, es ist nicht so schrecklich, wie in anderen Generationen. Und die Welt bleibt immer im Wandel. Und Herausforderungen gibt es immer und überall. Und auch wenn man denkt, dass die Welt morgen untergehen könnte: So schlimm ist es doch gar nicht.
Und trotzdem fühle ich: Die Sichtweise auf Kindern hat sich in unserer Gesellschaft verändert. Sie macht Rückschritte in eine Zeit, die – zumindest in der westlichen Welt – als überwunden galt.
Ein rant (= englisch für: schimpfen) über Kindsein heute
Früher war ganz klar: Kinder zu haben bedeutet Arbeitskraft heranzuziehen. Jemanden, der die Familie besorgt. Im Mittelalter war es ganz normal, dass Kinder im Familienbetrieb mitarbeiten mussten. In Zeiten der industriellen Revolution wurde jede Arbeitskraft gebraucht. Nach dem Krieg jede Hand, die Geld verdient und mit anpackt. Damals hatten Kinder eine ihnen ganz klar zugeordnete Rolle. Sie durften spielen und sich austoben, wurden aber früh als Arbeitskräfte ausgebildet.
Zwischen dieser Zeit und heute liegt eine große Errungenschaft: Kinder nicht mehr als „kleine Erwachsene“ wahrzunehmen, sondern ihnen eine eigene Kategorie einzuräumen.
Kinder, dass sind Menschen, die sich entwickeln dürfen. Die Freiheit und Spielraum brauchen und sich in Tagträumen verfangen können. Für die es – außer den Essens- und Schlafenzeiten – keinen vorgefertigten Takt gibt. Die sich selbst ausprobieren können und Stärken und Schwächen frei entwickeln. Die Konflikte selbst austragen und lernen, sich mit dem anderen auseinanderzusetzen.
Die von ihren Eltern den ganzen Tag nicht gesehen werden, weil das Toben so viel Spaß macht. Die aus der Schule kommen, den Ranzen in die Ecke feuern und dann auf den Bolzplatz gehen – rennen und kicken bis zum Umfallen. Die sich wirklich jeden (!) Tag der Sommerferien stundenlange Wasserschlachten liefern oder zusammen Höhlen im Wald bauen.
Und heute? Eine kleine Stunde am Tag, die übrig bleibt, um zu toben und sich zu erholen. Eine vorgegebene Entwicklung, die auf Leistung basiert. Durchgetaktete Familienurlaube, weil außerhalb der Ferien keine Zeit mehr für Familie ist. Eltern, die sich (zu) schützend vor ihre Kinder stellen und die es nicht mehr erlauben, dass man mit „denen da“ spielt. Das wäre ja schlecht für die Entwicklung. Es kommt auf die Noten an und nicht um Kindsgerechte Entwicklung.
Wir haben uns einreden lassen: Wenn wir nicht schon Kinder optimal fördern und fordern, wenn wir sie nicht in das System zwängen, wenn wir sie nicht zu Höchstleistungen anspornen, dann haben sie keine Zukunft. Kein Spielen, sondern Lernen.
BULLSHIT!
Wir lassen uns blenden von schlechten Zukunftsprognosen, von der Angst, dass es Widerstände gibt. Von der Schwarzmalerei von „Experten“, die wissen, wie eng es werden wird für unsere Kinder in der Arbeitswelt, für ihre Rente, für Deutschland.
Und ganz unbemerkt schleicht sich der alte Gedanke wieder ein: Kinder sind junge Erwachsene. Sie sind künftige Arbeitskraft. Klammheimlich haben wir uns aus dem Wunsch, das Beste für unsere Kinder zu erreichen, in den Verdängungswettbewerb der Marktwirtschaft treiben lassen.
Kinder als „Humankapital“ – das ist nicht vereinbar mit einer altersangemessenen Erziehung geschweige denn Entwicklung.
Wollen wir das wirklich? Ich möchte das nicht. Ich will mich herausfordern lassen, diesem Druck nicht nachzugeben. Mein Kind darf spielen. Es darf schlechte Noten mit nach Hause bringen. Es darf Hausaufgaben auch mal nicht machen, wenn es einfach zu viele sind. Ich nehme mir Zeit für mein Kind, egal, was in der Arbeit gerade alles ansteht. Sie sind nicht mein „Zukunftskapital“ – sondern ich ihr „Zukunftsermöglicher“. Ich wertschätze Kinder einfach nur, weil sie Kinder sind. Nicht, weil sie etwas leisten.
Ob ich das durchhalte, weiß ich nicht. Aber der Widerstand gegen diese Art Kinder und Jugendliche zu betrachten wächst.
Ich möchte an dieser Stelle zwei Blogs weitergeben:
www.kinderwaerts.de ist ein Blog von Anna Noß. Sie schreibt über genau diese Wertschätzung an und für Kinder.
http://fannyswildewelt.blogspot.de/ ist der Blog von meiner Freundin Steffi aus der Friedenskirche hier in Ingelheim. Sie schreibt aus sehr persönlicher Sicht über Familie, Erziehung, Freundschaften etc.
So, und damit jetzt genug gerantet.
Warum ich trotzdem (!) Kinder in die Welt setze
Kinder an die Macht – hat Herbert Grönemeyer einmal gesungen. Kinder verändern die Atmosphäre. Eine Welt ohne Kinder wäre eine verlorene. Sie verändern Familien und Generationen. Sie schaffen Brücken und Verbindungen, die ohne sie nicht möglich wären.
Ich beobachte, wie sich die Atmosphäre in einem Raum ändert, wenn ein Kind dabei ist. Das geschäftliche Treiben und die ernsten Gespräche weichen immer wieder dem spielen und lachen. Kinder schaffen Unordnung in die geordnete Welt der Erwachsenen. Sie hinterfragen Altgewohntes und brechen feste Strukturen auf. Sie geben sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden. Sie erinnern uns an Freiheit, Ausgelassenheit und Unbekümmertheit. Sie lassen keine Härte zu. Sie wollen angeleitet und gleichzeitig beschützt werden. Jeder Mensch fühlt die Zerbrechlichkeit der Kindern.
Sie verändern die Gesellschaft. Sie fördern Verantwortungsbewusstsein und Fürsorge. Sie bringen mit einem Lächeln Wärme und Nähe.
Meine Kinder gehören zu mir und sind doch verfügbar – wenn sie wollen – für andere. Sie spielen mit den Geflüchteten, die ihre eigenen Kindern nicht mit nach Deutschland bringen konnten. Sie schenken den Menschen, die ich keinne, die keine eigenen Kinder bekommen können, Nähe, iebe und Wärme (und das sind die coolsten „Freunde“). Sie toben durch die Gemeinde und erinnern uns daran, was es heißt lebendig zu sein.
Ja, wir wären arm dran ohne Kinder. Wir wären arm dran ohne Kinder, die auch Kinder sein dürfen.
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