Bänz Friedli
Seine Lieblingsfarben sind Blues und Gelb-Schwarz, bei WhatsApp setzt er zum Trotz Interpunktionen, und er lebt nicht nur freiwillig, sondern gerne in Zürich. Zurzeit tourt er mit der abendfüllenden Frage «Was würde Elvis sagen?» durch die Schweiz.
Seit 2003 hat Bänz Friedli zahlreiche Bücher, CDs und DVDs veröffentlicht, zuletzt 2017 das Kinderbuch «Machs wie Abby, Sascha!» (Baeschlin) und 2018 den Band «Es ist verboten, übers Wasser zu gehen» (Knapp).
2015 wurde er mit dem «Salzburger Stier» ausgezeichnet. Sein aktuelles Programm heisst: «Was würde Elvis sagen?». Bild: Vera Hartmann
Umschreibe kurz, wie du «mys bärndütsch» verstehst, d.h. welche regionalen, sozialen und sprachbiografischen Einflüsse deine literarische Mundart geprägt haben.
Mein Berndeutsch ist meine gesprochene Sprache: Jugend in der Berner Agglo, Schulen in der Stadt, verheiratet mit einer Emmentalerin, mit der ich seit vielen Jahren in Zürich lebe. Familiensprache: Berndeutsch, eher dasjenige ihrer Sumiswalder Kindheit als das meiner Uettliger Tage. Die erwachsenen Kinder switchen zwischen Züri- und Bärndütsch.
Meine Sprache ist auch im Wandel, ich verwende nur Wörter, die ich am Küchen- oder Beizentisch auch sagen würde, und unbedingt auch Neologismen und Wortschöpfungen der heute Jungen. Klar setzt man beim Schreiben jedes Wort mit Bedacht, aber stets mit dem Ziel, dass es eben nicht «literarisch», sondern möglichst alltäglich und natürlich klinge. Im Idealfall: ungekünstelt.
Künstlerische Einflüsse? Die sind, wenn auch unterbewusst, bestimmt da: Klaus Schädelin, Kuno Lauener, Steff la Cheffe, Ernst Eggimann, Baze, Mani Matter.
Warum und wann schreibst/publizierst du Hochdeutsch, wann Berndeutsch (gemeint ist journalistisches/literarisches Schreiben)?
Kolumnen, journalistische Texte und Essays für die Presse schreibe ich Hochdeutsch, meine Radio-Beiträge für die «Zytlupe» und «Spasspartout» schreibe ich in Mundart. Mein kabarettistisches Programm ist stets und ausschliesslich Mundart.
WhatsApp schreibe ich, ein bisschen aus Trotz, grad äxtra hochdeutsch, mit Gross-/Kleinschreibung und Interpunktion. Wobei ich zugeben muss, jüngst öfter auf Sprachnachrichten ausgewichen zu sein – Mundart, natürlich.
Schreibst du ein homogenes Berndeutsch, oder benutzest du ab und zu auch andere regionale Färbungen, Soziolekte oder ev. sogar andere Mundarten? – Wenn ja, welche und wozu?
Solang ich meine eigenen Haltungen vortragen will, rede ich meine eigene Sprache. Selbstverständlich fliessen viele andere Färbungen, Dialekte und Soziolekte ein, um die Figuren meines Programms zu typisieren. Mich interessiert, wie ein Senior Vice President im Businesswagen des Intercitys spricht, eine Coiffeuse aus Wallisellen, ein Lehrer aus Luzern.
Slangs und Mundarten vom Thurgauer bis zum Walliser Dialekt höre ich mir genau an und übe sie fürs Programm ein. Sie müssen sitzen, denn nichts ist peinlicher als ein schlecht nachgeahmter Dialekt. Dazu ziehe ich stets «native speakers» als Coachs bei, ob Baseldytsch oder Bündnerisch.
Ich benutze auch verschiedene Arten von Berndeutsch. Der Fanbeauftragte in meinem Programm klingt nicht wie die Junkie-Frau am Bahnhof, der Rentner aus Belp nicht wie der Wengener Taxifahrer, «ds Erika vo Bleike» nicht wie «dr Gianluca vo Bümpliz», mein Jugendfreund, der Italo-Secondo mit seinem unverwechselbaren Tscharnergut-Abruzzen-Berndeutsch. Er ist seit vielen Jahren eine Konstante in meinem Programm.
Weil ich stets Ein-Mann-Stücke präsentiere, dienen Jargons und Dialekte mir, um gewisse Typen zu charakterisieren. Dabei geht es mir weniger um ein Nachahmen als um ein Nachempfinden, die Figur aus mir heraus sprechen zu Lassen.
Ein Freund wies mich darauf hin, dass die meisten Schafseckel in meinen Programmen Züritütsch sprächen … Dabei lebe ich so gern in dieser Stadt! Nun habe ich eigens Arschlöcher ins neue Programm eingebaut, die Berndeutsch sprechen.
«spoken word»: Würdest du dich als spoken word-AutorIn bezeichnen? Inwiefern wird dein Mundart-Schreiben durch die Vorstellung, dass der Text vorgelesen wird, beeinflusst?
Ich lese mir die Texte beim Schreiben immer laut vor, auch solche, die ich nie mündlich vortragen werde. Das ist der beste Garant, dass sie Fluss haben und verständlich sind.
Gibt es für dich richtiges / falsches Berndeutsch?
Monn, stellsch du däm Fraag voll inn Ärnscht? Wüük, ey?
Legst du Wert auf bestimmte Prinzipien der Schreibung oder lässt du das deine LektorInnen machen?
Ich hab meine ganz eigene Schreibweise. Sie soll möglichst leserlich sein und ist ziemlich phonetisch. Lesen können muss es ja aber nur ich – und vereinzelt Theatertechniker, die ob meinem Textbuch halb verzweifeln … Ich veröffentliche meine Scripts nicht.
Wenn du deine Schreibung selbst pflegst, welche Regeln sind dir besonders wichtig?
Was sich leichter liest, schreibe ich in der Standardsprache: Milch, nicht Miuch. Dabei würde ich nie im Leben dieses patrizische, stadtbernische -l- in der «Miuch» aussprechen! Das berühmte und umstrittene Ygregg verwende ich auch, vor allem, um zu unterscheiden. «Si» ist für mich Possessivpronomen: sein Hut; «sy» ist Verb: «Mir sy ggange.» Ach, ja, genau: Beim Partizip Perfekt setze ich gern den Doppelkonsonanten: ggässe, ggange, ggumpet.
Gibt es Berndeutsch-Schreibungen bei andern, die dich aufregen? Nenne Beispiele und begründe kurz.
Gekünsteltes mag ich nicht. Aber vielleicht fänden andere ja meine Schreibweisen gekünstelt. Im Mündlichen gibt es mehr Dinge, die mich aufschrecken lassen. Wobei, wenn ich oben behauptet habe, es gebe kein richtiges und demnach auch kein falsches Berndeutsch, weil Mundart ja eben immer gesprochen ist und weil gesagt gesagt ist, kann ich hier nun schlecht «Fehler» anprangern.
Aber das Futur ärgert mich schon im Dialekt: Morn wirds Rägegüss gäh … Für mich hiesse das: Morn chunnts de cho rägne. Unnötige Germanismen stören mich auch. Aber dann kommt es auch wieder vor, dass ich Greis, Steff la Cheffe oder Baze zuhöre, und sie gebrauchen viele Wendungen, die ich selber nie sagen würde und die ich streng genommen auch nicht für richtig halte – und doch hat es einen ureigenen Flow, ist es stimmig, weil es eben ihre Sprache ist.
Und das ist schliesslich das Wichtigste: Dass jede und jeder ihren oder seinen Tonfall, seinen Sound findet. «Find your own voice!», lautet das entsprechende Gebot im Blues.
Kultivierst du besondere Wörter, hast du Lieblingswörter? Gib ein paar Beispiele!
Wenn man kultiviert, ist man schon zu nah am «bbluemete Trögli». Aber «dernaa» Lieblingswörter habe ich schon. Zum Beispiel sage ich gern «baas», obschon berndeutsch.ch den Ausdruck als veraltet klassiert.
Im aktuellen Programm mache ich eine Nummer über den vielgestaltigen Berner Konjunktiv: «Was suug äch Elvis, was seiti, was sugti, was sieg?» Aber nicht als l’art pour l’art, das sollte Spoken Word nie sein; das Wortspiel muss meines Erachtens immer einem Zweck dienen, einen Sinn haben.
Mit diesen Konjunktiven versuche ich das zögerliche Berner Wesen zu umreissen. Und dann ist es halt wunderbar und wird vom Publikum von Basel bis ins St.-Galler Rheintal geschätzt, wenn man Ausdrücke benutzt, die lautmalerisch sind, deren Bedeutung sich aber leicht erschliesst: verminggmänggle, zungerobsi, Möff.
Fluchworte sind ja sowieso die schönsten, und bei mir vergeht kein Auftritt ohne ein herzhaftes «settige huere Schissdräck».
Was für Wörterbücher konsultierst du? – Hast du auch schon mal www.berndeutsch.ch benützt?
O ja, das nutze ich regelmässig. Dazu das klassische Berndeutsch-Wörterbuch von Bietenhard/von Greyerz und verschiedene Bände von Emanuel Friedli. Die brauche ich meist, wenn meine Frau behauptet, man sage etwas so und so, und ich behaupte etwas anderes.
Um zu klären, ob der Plural von Tag nun Tääg oder Tage heisst, ob man Gigetschi oder Gröibschi sage. Und am Ende stellt sich dann meist heraus, dass wir beide recht haben. Das ist ja das Schöne: Es gibt nicht DAS Berndeutsch, es gibt deren viele, sogar familienintern.










