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Das Menschliche ist aber nicht, das haben wir inzwischen ausgiebig erfahren, das Hauptmerkmal der Humanisten. Die Humanisten sind diejenigen, die über den konkreten Menschen hinweg in das Unverbindliche der Menschheit blicken. -
Celan, Paul (2005): Das Vortragsprojekt 'Von der Dunkelheit des Dichterischen'. In ders.: 'Mikrolithen sinds, Steinchen' - Die Prosa aus dem Nachlaß. Herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann und Bertrand Badiou. S. 151. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Es ist nicht so - wie es das von mir eben noch einmal in Erinnerung gerufene Vorurteil will -, daß etwas abstrakt Allgemeines im Verlaufe der Therapie zu dem Konkreten wird, das sich als individuelle Krankheit erfassen, unter Umständen auch heilen läßt; sondern der entscheidende Punkt ist der: das, worauf Analytiker und Analysand in der psychoanalytischen Situation stoßen, ist das konrete Allgemeine, die Krankheit insofern gerade dadurch individuell, daß das leidende Subjekt Nichtindividuelles festzuhalten versucht und nur festhalten kann in Form und um den Preis einer individuellen Deformation. Ich kann es auch so formulieren: das, was in der analytischen, Freud zufolge durch den Analytiker, der sich als Therapeut in einem gesellschaftlich bedingten Vacuum zur Verfügung stellt, dadurch die Gesellschaft allerdings zugleich entlastet, und den Analysanden als dem Individuum, das sonst die Hoffnung auf Heilung aufgeben müßte, konstituierten Situation - ... - als private Deformation erscheint, ist im Grunde die Wirkung eines nicht privaten Deformationsmechanismus. Das für unsere Überlegungen entscheidende ist, daß der Analysand selber dies kennen lehrt: daß seine Symptome von etwas reden, was nicht begrenzt ist auf ihn; und daß er sich nicht damit begnügt, sich in einer individualpsychologischen Situation zu verdoppeln und dadurch zu sich zu kommen, daß er den Analytiker als ein ihm zunächst fremdes, dann aber vertrautes Gegenüber nimmt, das - und darauf laufen alle Konzepte hinaus, die das analytische Verhältnis privatistisch auf ´Begegnung` reduzieren - ihm die Gesellschaft ersetzt und ihn so von der Auseinandersetzung mit ihr entlastet. Die individualanalytische Situation ist, obschon sie die Möglichkeit bietet, in einem zeitlich begrenzten Prozeß akuten Leidensdruck zu mildern, nur ein Ersatz für die Situation, die die psychoanalytisch verallgemeinerte wäre: diejenige, in der der Analysand ermutigt würde, selber Analytiker zu sein, und in der der Analytiker aus einer Reihe von Gründen, die von dem Interesse an Selbstschutz bis hin zum Interesse der Anpassung des Analysanden an den Status quo reichen, sich nicht dahinter verschanzen müßte, einen speziellen Beruf auszuüben.
Heinrich, Klaus (2001 [1974/75]): dahlemer vorlesungen 7. psychoanalyse sigmund freuds und das problem des konkreten gesellschaftlichen allgemeinen: 314 f.