der roman spielt in einer nicht näher definierten doch scheinbar sehr nahen zukunft, in der in deutschland parteien die macht übernommen haben, die dabei sind, die bundesrepublik in eine diktatur - oder zumindest einen überwachungsstaat - zu transformieren. allerorten ist propaganda zu hören, mit ihrer angstschürerei scheinen diese parteien viel erreicht zu haben und die freiheiten sind sehr eingeschränkt. dazu kommt, dass eine sogenannte bürgerwehr, eigentlich eine vom staat gestützte paramilitärische gruppierung durch die straßen des landes und seiner hauptstadt ziehen, um “vermeintlich” für ordnung zu sorgen. die protagonisten sind burschi, charlie und charlotte. charlie verübelt es seiner mutter charlotte noch immer, so kreativ gewesen zu sein bei der wahl des namens für ihren sohn. charlie hatte als kind noch große träume, doch inzwischen lebt er in einem trott, der ihm selbst keinen spaß macht, versucht jedoch dem überwachungsmechanismus des staates weitmöglichst aus dem weg zu gehen, was natürlich schwer möglich ist bei seiner mutter. charlotte ist teil der bürgerwehr. sie ist scharfschützin. nachdem der staat beschloss, die bürgerwehr einzuführen, hat er versucht im volk zu rekrutieren, schnelle ausbildungen anzubieten, wie ebenjene, die charlotte absolviert hat. man muß doch dem staat etwas zurückgeben... charlotte hatte zwar nie an so etwas für ihr leben gedacht, doch dann, mit den neuen machthabern kam es ihr verführerisch vor. sie ist in den reihen der bürgerwehr recht gut angesehen und soll gar nach wien reisen, um vor einem kongress auch dem nachbarland österreich das konzept der bürgerwehr schmackhaft zu machen. doch charlottes geschichte und die bürgerwehr bringen sie nach und nach in den wahnsinn - wozu das wohl führt, wenn man leicht zugang zu waffen hat... dann ist da noch genannte burschi. ein ganz anderes kapitel, verstößt sie doch mit absoluter hingabe gegen die sexuelle ideologie der neuen berliner regierung....
vor dem hintergrund der immer schrilleren töne einiger populistischer parteien weltweit und vor allem auch in deutschland, wo solche parteien in fast allen länderparlamenten und im bundestag sitzen, entwickelt laura lichtblau in ihrem debutroman eine deutsche dystopie, die erinnerungen an die dunkelsten kapitel deutscher geschichte wachrufen. im lichte der geschichtsvergessenheit deutscher populistischer parteien und deren rückwärtsgerichteter weltanschauungen allerdings ist lichtblaus dystopie nur folgerichtig vorgesponnene geschichte für den fall, eine solche partei würde eine regierung im lande stellen. ein kurzer blick in das ein oder andere land (selbst innerhalb der eu) lässt es einem kalt über den rücken laufen, wenn man sieht, wie schnell so manche hart erarbeitete rechte dahinschmelzen... lichtblau erzählt das erleben und das leben in diesem bereits als unrechtsstaat zu bezeichnendem land aus drei perspektiven, die sich in manchem aspekt überschneiden. drei perspektiven, drei leben, drei menschen - besonders interessant: drei ich-erzähler, die sich diesen roman teilen müssen. keiner ist dabei wichtiger als der andere... lichtblau ist mit ihrem debutroman ein großer coup gelungen. sie bündelt aktuelle politische strömungen in einer dystopie, in der diese sich voll entfalten und ihr wahres gesicht zeigen.