Manchmal weiß man nicht, wo es hingeht, aber man geht trotzdem weiter.
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Manchmal weiß man nicht, wo es hingeht, aber man geht trotzdem weiter.
Ich will weniger Verschwiegenheit, ehrlich zu mir selber sein. Weniger Vergleiche, mich weniger vergleichen. Aus ganzer Seele sprechen, nicht nur mit dem Mund, weniger Drama, mehr Fantasie, weniger Vergangenheit, mehr Utopie. Ich will mehr Hände, die einander fassen als Hände die sich fallen lassen, mehr Wege die zusammenführen...
Irgendwann find' ich mich in all dem bunten Treiben, irgendwann versteh' ich mich, les’ zwischen meinen Zeilen...
jzynoelani
🌼 Gute Tage aufsaugen, genießen, um an dunkleren davon zehren zu können. Die Welt ist im Wandel, Gefühle sind im Wandel, und jeder gute Tag verdient Dankbarkeit.🌼
Kapitel 9 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.
(Nachgeliefert, weil ich es schlicht vergessen hatte zu posten)
Es ist, wie es ist Die Manie und das Danach
2015 zog ich nach Aschaffenburg. Ich begann mein Studium der Sozialen Arbeit und trennte dann mich von SH und landete schließlich in einer Stadt, die ich immer schon liebte und die für die nächsten zehn Jahre mein Lebensmittelpunkt werden sollte.
Ich hatte mich von einem Menschen getrennt, der mir Halt gegeben hatte und startete in eine neue Lebensphase. Nach einer kurzen Zeit in einer betreuten WG zog ich von den unschönen Zuständen dort zu Zero, den ich zu diesem Zeitpunkt bereits 10 Jahre kannte, in den ich mich aber Hals über Kopf verliebt hatte. Er war dann sehr lange krank geschrieben, wegen Depressionen und übernahm quasi den kompletten Haushalt, noch nie in meinem Leben wurde ich derart verwöhnt. Privat war es eine ruhige, schöne Zeit.
Im Studium forderte ich mich sehr, begann mich auch noch in der Hochschulpolitik zu engagieren. Aber das alles fraß mich auf. Ich weiß nicht wie groß der Einfluss von Stress auf das kommende war, aber ich denke unwichtig dafür war es nicht.
In dieser Zeit rutschte ich in die schwerste manische Phase meines Lebens. Ich war schon früher manisch gewesen, aber nie in dieser Intensität. Diese Phase blieb lange unbehelligt, weil ich nach außen harmlos wirkte. Ich war friedlich, sprach viel über Achtsamkeit, saß im Park und sah wortwörtlich dem Gras beim Wachsen zu. Ich redete ruhig, freundlich, verbindlich. Was niemand sah: Für mich war das alles real. Ich hörte Stimmen. Keine Bilder, aber klare akustische Halluzinationen. Ich hatte Wahnvorstellungen, Größenideen, eine absolute Gewissheit über Dinge, die nicht überprüfbar waren. Ich war überzeugt, alle Sprachen zu sprechen. Ich hielt mich für einen außergewöhnlich großen Künstler. Geld auszugeben fühlte sich nicht riskant an, sondern folgerichtig. Meine innere Welt war geschlossen, logisch, vollständig. Es gab keinen Zweifel, nur Ordnung.
Zero war der erste der verstand, dass ich so gar nicht in Ordnung war, ich sagte dann sehr schlimme Sachen zu ihm.
Erst als diese Ordnung nach außen hin brüchig wurde, kam ich in die Klinik. Dort wurde ich medikamentös eingestellt. Die Manie klang langsam ab. Nicht an einem Tag, nicht in einem Moment. Sie sickerte weg. Und mit jeder zurückkehrenden Klarheit kam etwas anderes nach vorne: Scham.
Als ich die Klinik verließ, war ich nicht mehr manisch. Ich war auf einem normalen Level. Funktional. Und voller Schuld- und Schamgefühle. Ich zog bei Zero aus, weil zu viel zwischen uns passiert war.
Mein gesamter innerer Raum war von Schuld und Scham besetzt. Ich begann, meine Gedanken zu überprüfen, meine Aussagen, mein Verhalten. Ich sah mit klarem Kopf, was ich getan hatte, wie ich gewirkt hatte, was ich verloren hatte. Das Studium war gescheitert. Meine Beziehung war gescheitert. Wieder einmal scheitern auf ganzer Linie. Und es gab Dinge aus der Manie, die nicht rückgängig zu machen waren. Die Manie selbst war nicht der schlimmste Teil. Die Scham über die Taten war das Schlimmste.
Aus diesem Zustand heraus begann ein Jahr, das von außen ruhig wirkte und innerlich vollständig von Vorbereitung bestimmt war. Ich sammelte Medikamente. Nicht hektisch, nicht impulsiv, sondern konsequent. Ich schrieb einen Abschiedsbrief. Handschriftlich. Ich ergänzte ihn immer wieder, über Monate hinweg. Es war kein Ausdruck von Verwirrung, sondern von Überforderung durch das eigene Versagen. Ich schämte mich nicht, weil mir alles egal war, sondern weil mir alles wichtig war.
Etwa ein Jahr nach dem Abklingen der Manie versuchte ich, mich mit diesen gesammelten Medikamenten umzubringen. Dieser Suizidversuch brachte mich körperlich am nähesten an den Tod. Ich wachte im Akutkrankenhaus auf, zunächst verwirrt, später klarer, entubiert, mit Katheter, unter Beschluss. Und erst als ich wirklich wieder bei mir war, kam der eigentliche Bruch.
In diesem Zustand beendete ich die Sinnsuche. Nicht trotzig, nicht verzweifelt, sondern pragmatisch. Ich strich jede Vorstellung von einem Danach. Kein Jenseits, kein Ausgleich, kein Paradies, keine Hölle. Es gibt nur diesen einen Durchgang. Dieses eine Leben. Also jetzt oder gar nicht. Und wenn es nur dieses eine Leben gibt, dann muss ich lernen, es für mich erträglich zu machen, so wie ich bin.
Einige Wochen später begann ich mit Lithium. Nicht sofort, weil die Nieren nach der Überdosierung erst Zeit brauchten. Als es dann begann, geschah etwas, das ich nicht erwartet hatte. Lithium regulierte nicht nur die manischen Spitzen. Es nahm etwas weg, das seit meinem elften oder zwölften Lebensjahr konstant da gewesen war: die latenten Suizidgedanken. Nicht den Wunsch, tot zu sein in akuten Krisen, sondern diesen täglichen Hintergrundgedanken, ohne einen speziellen Auslöser, dass Nicht-Sein eine Option sei. Nach ein paar Wochen Lithium war dieser Gedanke weg.
Zu diesem Zeitpunkt war alles da. Ich hatte DBT gelernt, hatte therapeutische Strukturen, hatte Sätze meiner Familie, an denen ich mich halten konnte. Ich hatte beschlossen, dass Sinn keine Voraussetzung mehr ist. Ich hatte akzeptiert, dass es kein Danach gibt. Und ich hatte ein Medikament, das diesen dauernden inneren Abgrund stillgelegt hatte.
Ich war startklar. Und ich startete.
Kapitel 10 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.
Ich arbeite besser mit mir selbst zusammen
Nach dem Wirken des Lithiums kam ich zurück in meine Wohnung. Ich lebte wieder allein, mitten in Aschaffenburg, in der Innenstadt. Corona kam in die seit 2015 nie wieder ganz beruhigte Welt, doch nun demonstierten durchschnittliche Leute, Alt-Hippies usw. mit offensichtlich Rechten und propagierten Verschwörungserzählungen. Ich blieb als politischer Mensch in der Welt, doch dann kam Anfang 2022 der Angriff Russlands.
Ich hatte jahrzehntelang in einem inneren Dauerlärm gelebt, und jetzt, wo das permanente „Ich will sterben“ weg war, war mir die Welt ein Stück weit egal. Wenn sie die Rechten wollen, wenn ein Weltkrieg entsteht, dann sollen sie es haben. Ich wollte endlich mit mir selbst klar kommen und mich nicht dauernd mit Schwachsinn beschäftigen, nur weil meine Mitmenschen einer Massenpsychose verfallen waren.
Ich kannte mich nur als jemand, der sterben will, und wusste nicht, wie man lebt als jemand, der nicht mehr sterben will. Dieses Wissen war kein Fortschritt, sondern Überforderung. Leben fühlte sich weiterhin unerträglich an, nur ohne den Fluchtgedanken. Ich musste lernen, mit mir zu leben, ohne den Notausgang. Das war kein romantischer Prozess. Es war Arbeit.
Also zog ich mich Anfang 2022 zurück, ich konsumierte keine Nachrichten, keine sozialen Medien, keine politischen YouTubeVideos. Ich spielte Spiele, schaute Streams, später auch das nicht mehr. Ich las, auch Fanfiction, nichts Großes, nichts Bedeutungsvolles. Ich träumte vor mich hin. Ich war allein mit mir selbst. Und erst da merkte ich, wie groß mein inneres Widerstreben mich zu 100% auszuhalten war. Achtsamkeit war für mich nie Wohlfühlkram gewesen, auch in der DBT nicht. Mich selbst wahrzunehmen mit voller Aufmerksamkeit, ohne Ablenkung, war eine der schwersten Übungen überhaupt. Aber ich wusste, falls ich noch viel Leben vor mir habe, muss ich das lernen, falls nur wenig wollte ich es erlebt haben.
Dieses Jahr nenne ich mein Schneckenhausjahr (002 Mein Jahr im Schneckenhaus). Nicht, weil es gemütlich war, sondern weil ich mich in mich zurückzog, um nicht zu zerbrechen am Außen. Ich lernte, mit mir zusammenzuarbeiten. Nicht mich zu lieben, nicht gut zu finden, sondern zu akzeptieren. Ich stellte fest, dass dieser Mensch, den ich so lange gehasst hatte, kein Monster war. Ich bin anstrengend, widersprüchlich, schwierig, ja. Aber jemand, mit dem man arbeiten kann. Also erreichte ich ein Arbeitsverhältnis mit mir selbst. Und das ist viel mehr als das womit ich nach Jahrzehnten des Selbsthasses gerechnet hatte..
Anfang 2023 endete diese Phase nicht freiwillig. Meine Mutter brach sich den Oberschenkel. Plötzlich war ich wieder in der Welt, nicht vorbereitet, aber das Leben fragt nicht. Ich funktionierte erst einmal. Zusammen mit meinen Geschwistern regelte ich Dinge, half bei Papierkram, bei Alltäglichem. Und dann kam der Punkt, an dem sie mir etwas nicht vorschlug, nicht bat, sondern anordnete. Sie war zu diesem Zeitpunkt in der Kurzzeitpflege und erklärte einfach dass nach Hause gehen ja klappen würde, weil ich ja wie immer jede Woche zu ihr komme und ich ihr beim Duschen helfen würde.
Schon im Zug nach Hause wusste ich, dass ich das nicht tun würde. Noch bevor ich wieder in Aschaffenburg ankam, schrieb ich in die Familiengruppe. Ich beschrieb, was passiert war, und sagte klar: Ich ziehe mich zurück. Ich fahre nicht mehr zu ihr. Und meine Geschwister (die einzigen Menschen die überhaupt verstehen können wie es mit unserer Mutter ist) hielten zu mir. Obwohl es für sie Mehrarbeit bedeutete. Mein Bruder E rief mich an und sagte: Bleib bei deiner Wut. Das war kein Wendepunkt. Das war ein Beweis, dass ich zu mir stehen durfte, dass auch andere diesen Menschen "ich" als wertvoll genug erachten, dass dieser Mensch auch mal eigene Bedürfnisse über die von anderen stellen darf.
Ich sagte Nein. Und dieses Nein hielt. Anderthalb Jahre lang. Keine Antworten auf Briefe, keine Reaktionen auf Nachrichten. Ich blieb bei mir und ich verlor mich dabei nicht. Ganz im Gegenteil, zum ersten Mal in meinem Leben setzte ich eine Grenze nach außen, ohne innerlich daran zu zerbrechen. Das war der Moment, in dem ich wusste: Ich komme mit mir klar. Nicht perfekt, nicht konfliktfrei, aber mit genug Respekt vor mir selbst.
Danach stürzte ich mich ins Leben, ich hatte und habe immer noch Angst vor einem Zivilisationsbruch, aber keinen Grund mehr das Leben nicht auszuhalten. Ich wollte einen großen Happen von der Welt, ob sie nun unterging oder nicht. Ich fing selbst an zu streamen, und Content zu machen um mich mitzuteilen. Ich fing an auf p****.de und auf Joy zu streamen um das brodelnde Leben zu spüren und ein wenig Bewunderung einzusacken. Beides klappte gut. Und als ich im Oktober 2023 Pete kennenlernte, begann ein neuer Raum. Eine neue Aushandlung. Aber das ist eine andere Geschichte.
Hier endet diese wichtigste Lektion für mich:
Ich werde mich selbst nie los, also arbeite ich mit mir zusammen an einem erfüllten Leben.
Als Matrosin auf der Roald Amundsen
. Bei einem Frauentörn auf der Roald Amundsen lernt unsere Autorin nicht nur, wie man einen Zweimaster segelt, sondern auch viel über sich selbst. .
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