Einsamkeit
"Aber dann waren Sie doch nicht allein!" entfährt es meinem Therapeuten in beinahe vorwurfsvollem Ton. Ich bin gerade dabei, meine Lebenslinie vor versammelter Mannschaft aus Patienten und Therapeuten der Tagesklinik vorzustellen. Die Vorstellung der Lebenslinie - das ist der Höhepunkt des Tagesklinikaufenthaltes. Vorher arbeitet man wochenlang im Stillen und für sich selbst daran; beschäftigt sich mit seiner Vergangenheit, befragt Wegbegleiter, sucht Fotos zusammen, hat erschütternde Erkenntnisse, bricht in Tränen aus und bastelt schließlich eine meterlange Kollage, die man dann in gut 45 Minuten vorstellen darf, mit anschließender Fragerunde. Meiner Kindheit habe ich die Überschriften "Angst" und "Einsamkeit" gegeben.
Der Satz meines Therapeuten trifft mich sehr tief in eine alte, namenlose Wunde. Wieder das Gefühl, falsch zu sein, falsch empfunden zu haben, mich rechtfertigen zu müssen, zu unrecht eine schlimme Kindheit für mich zu beanspruchen. So unmöglich das klingt: manchmal beneide ich die Menschen, die in Ihrer Kindheit ein allgemein anerkanntes Trauma erlebt haben, eine Vergewaltigung z.B., was auch immer. Sie können viel einfacher erklären, was sie durchmachen mussten. Sie können viel einfacher Verständnis für ihr Leiden erhalten. So einfach ist es um meine Kindheit leider nicht bestellt, denn sie war nach außen hin nahezu perfekt. Ein wohlhabendes, gebildetes Elternhaus, ein gut erzogenes Kind, das bis heute mit aller Kraft versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Und das gelingt mir. Ich bin ein Meister darin; nicht mal ich selbst merke, wie schlecht es mir geht. Und so stehen die Fotos meiner Lebenslinie vielleicht tatsächlich im Widerspruch zu den anklagenden Beschriftungen darunter.
Ja, es gab nicht unerhebliche physische Gewalt bei uns zuhause, doch das war für mich am wenigsten schlimm. Was meine Kindheit zerstört hat, waren jahrelange emotionale Vernachlässigung, Lieblosigkeit und psychische Gewalt. Dinge, die in Einzelvorfällen schwer aufzuzählen und zu erklären sind und die damals kein Straftatbestand waren. Man gerät sehr schnell in eine Rechtfertigungsposition, möchte man es jemanden näher erläutern. Aber ich war einsam, verdammt einsam und ich bin es bis heute. Denn was mir gefehlt hat war vielleicht nicht die Anwesenheit von Menschen, aber Zuneigung, Liebe, Zärtlichkeit, das Gefühl, dass jemand da ist, der mich liebt und auf den ich mich verlassen kann. Stattdessen bin ich mit den Gefühl aufgewachsen, dass ich alles mit mir alleine ausmachen muss und unter keinen Umständen zeigen darf, was in mir vorgeht. Ich war emotional allein.
Geblieben ist mir ein Fass ohne Boden. Egal wie viel Liebe dort heute hinein geworfen wird, es reicht mir nicht. Das Gefühl, allein zu sein, nicht geliebt zu werden, bleibt. Ich bin meiner jetzigen Therapeutin sehr dankbar, dass sie eine aufwändige und geduldige Diagnostik mit mir betrieben hat, denn ich habe jetzt einen Namen für dieses kaputte Fass, es heißt "selbstunsicher-vermeidende Persönlichkeitsstörung". Und damit fühle ich mich nicht mehr ganz so falsch, kann diese Zustände einer psychischen Krankheit zuordnen und mich selbst besser verstehen.














