Sehnsuchtsort
Fünf Jahre meines Lebens habe ich hier verbracht. Irgendwie hat es mich schon immer an die Ostsee gezogen. Durch die vielen Dienstreisen meines ersten Berufes kannte ich die verschiedenen Gegenden Deutschlands ganz gut. Das weite Land, die klare Luft, die kühlen Sommer, das Möwengeschrei, die Art der Menschen hier. Nun wollte ich noch ein zweites Mal studieren, mich beruflich umorientieren. Greifswald. Ich kannte die Stadt bisher nur von der Durchreise; aber als ich damals die Chance witterte, hier studieren zu können, hatte ich eine tiefe Sehnsucht nach diesem Ort, der mir eigentlich noch fremd war.
Die persönlichen Rahmenbedingungen waren jedoch mehr als schwierig, denn ich war örtlich in der Heimat gebunden. Mein Plan, meinen ersten Beruf, bei dem ich eine ansehnliche Karriere hingelegt hatte, aufzugeben, mich trotz der persönlichen Umstände nun zum Studium in der Ferne aufzumachen, stieß überwiegend auf Unverständnis und Ablehnung bei den Menschen um mich herum. Abgesehen von den Kritikern, die der Meinung waren, dass ich dieses Studium nicht schaffen könne, weil ihre Kinder selbst große Probleme damit hätten, hatten die anderen Skeptiker vielleicht eine Vorahnung davon, was es bedeutet, wenn es jemanden so sehr woanders hinzieht.
Telefonisch erfuhr ich damals: „Sie sind zugelassen in ... Moment ... Greifswald“. Mein Traum ging in Erfüllung. Ich organisierte mir ein Zimmer an meinem neuen Studiumsort und versuchte den Spagat zwischen neuem Leben in Greifswald und alten Leben am Heimatort – ich pendelte, so oft es ging. Dabei überkam mich jedes Mal ein Unbehagen auf dem Weg nach Hause. Sobald ich jedoch wieder zurück in Greifswald war, fühlte ich mich frei; alles zog mich hier hin. Durch das viele Pendeln sah und erlebte ich allerdings nicht viel in Greifswald und mein Leben hier blieb oberflächlich und flüchtig.
Ich benötigte zwei Jahre, um zu begreifen, dass ich mit meinem alten Leben seit vielen, vielen Jahren todunglücklich war und mir all die Zeit etwas vorgemacht hatte. Es folgten Trennung, Scheidung, Einsamkeit, große finanzielle Verluste, Depression und viel Psychotherapie. Ich lebte zum ersten Mal in meinem Leben allein und selbstbestimmt. Und endlich konnte ich mir Greifswald zu meiner Heimat machen. Ich verliebte mich in jede Gasse, jeden Baum, jeden Vogel hier. Das alte, von den Jahren gezeichnete Straßenpflaster und die Bordsteine meiner Straße waren mir heilig. Es war eine sehr schwierige und belastende Zeit und gleichzeitig die schönste und wichtigste Zeit meines Lebens. Ich fand eine neue, wunderbare und liebevolle Beziehung. Ich arbeitete hart an mir und bekam meine psychischen Probleme in den Griff. Schließlich konnte ich den theoretischen Teil meines Studiums erfolgreich beenden und musste, der persönlichen Verantwortung wegen, an meinen Heimatort zurück, an dem ich zwar fast mein gesamtes Leben verbracht habe, wo mir aber nichts heilig, sondern – im Gegenteil – alles zuwider ist.
Nur sehr selten, so wie jetzt, bin ich wieder in meinem geliebten Greifswald. Jedes Mal komme ich mit der Stillen Hoffnung her, dass die Realität mich einholen könne und sich meine Sehnsucht nach Greifswald als ein Zauber herausstellen könnte, der wieder verfliegt. Immerhin sind auch die meisten Menschen meines damaligen sozialen Umfeldes mittlerweile nicht mehr hier. Das Gegenteil ist der Fall. Ich fühle mich hier sofort wieder geborgen, zuhause, spaziere durch jeden Winkel der Stadt und suhle mich in den Erinnerungen, die jede Ecke für mich birgt. Es macht mich traurig, zu wissen, dass ich hier nicht auf Dauer ein Zuhause finden kann, denn auch zukünftig machen es persönliche Umstände für mich unmöglich, in diese Gegend zu ziehen.
Wie soll man also damit umgehen? „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen“ – wenn das nur so einfach wäre. Ich versuche herauszufinden, was es genau ist, das mich nach Greifswald zieht. Kann ich diese Gefühle von Freiheit, Zuhause, Angekommensein auch an anderen Orten außerhalb der ungeliebten Heimat finden? Haben diese Gefühle mit dem Ort an sich zu tun oder sind sie Ausdruck des damaligen neuen Lebens fernab der Heimat? Eine Antwort auf diese Fragen habe ich bisher nicht. Sicher ist nur, dass dieser Lebensabschnitt in Greifswald für immer einen wichtigen Platz in meinem Herzen einnehmen wird und ich unendlich dankbar dafür bin.













