20. Februar 2017
Unlimited technology from the whole universe!
Ich fahre mit dem Zug von Zürich nach Berlin, und wie schon öfter in letzter Zeit funktioniert das neue kostenlose “WIFIonICE”-Internet ganz gut. Anne Schüßler hat nämlich jetzt weniger Internet, weil bisher unterversorgte Bahnkundinnen wie ich mehr haben, die Bandbreite aber begrenzt ist. Internet ist ein Nullsummenspiel, auf kurzen Zeitskalen betrachtet.
Ich arbeite also leidlich konzentriert, als ein junger Mann mit Zetteln vorbeikommt und fragt, ob ich an einem Testprojekt zum Filmesehen im Zug teilnehmen möchte. “Auf eigenen Geräten?”, frage ich blöd, weil ich mich noch an das letzte Filmesehen-im-Zug-Projekt der Deutschen Bahn erinnere. Aber natürlich ist es auf eigenen Geräten, und im Dienste der Techniktagebuch-Berichterstattung lasse ich sofort die Arbeit fallen. Ich bekomme eine Anleitung, einen Zufriedenheitsfragebogen und einen Kugelschreiber mit DB-Logo. Die Anleitung kann ich hier nicht zeigen, weil sie am Zufriedenheitsfragebogen festgetackert war, aber sie enthielt lieblos in den Seitenverhältnissen verzerrte Screenshots.
16:02 Uhr, Verheißung:
16:05 Uhr, Andeutung kommenden Unheils:
16:07 Uhr, schlechte Nachrichten:
16:07, tja:
Ich stelle die Arbeit ein und lese stattdessen ein Buch (in PDF-Form). Ich hatte zehn Jahre lang kein Internet im Zug und davor sechsunddreißig Jahre kein Internet im Zug, ich verfüge über Survivalstrategien. Die Fragebögen werden wieder eingesammelt, außer Frage 1 “Wie zufrieden waren Sie mit dem Login-Vorgang” (sinngemäß) konnte ich leider nichts beantworten. Das Einsammelpersonal wirkt heiter und gelassen und sagt, das sei nun mal hin und wieder so mit der Technik, dass sie nicht funktioniere.
Nach einer knappen Stunde geschieht etwas Unerwartetes. Es gibt eine Durchsage: “Bitte beachten Sie die aktuelle Störung unseres Internets ... lange Denkpause ... dass an dieser Störung ... gearbeitet wird. Wir bitten Sie diesbezüglich noch um etwas Geduld.” Das habe ich noch nie erlebt. Die Bahn nimmt die Internetversorgung als Teil ihres Angebots ernst! Bisher war es so, dass man den Zugbegleiter fragen konnte, warum das WLAN nicht geht, und er dann “WLAN, wir haben WLAN?” sagte oder “Dafür sind wir nicht zuständig, das ist ein anderer Anbieter, da können wir nichts machen.” (Ich habe das natürlich nie gefragt, weil ich Bahnfahren als Übung im Stoizismus betrachte. Ich beklage mich ausschließlich im Techniktagebuch über fehlendes Internet, na gut, und manchmal schreie ich ein bisschen herum. Aber nie in der Bahn, da habe ich Prinzipien.)
Ich stelle mir vor, wie sich die zahlreichen für diesen Fall mitgeführten Techniker über das Zuginternet beugen, und nach einer Stunde geht es tatsächlich wieder. Ich kann das Filmpilotprojekt aufrufen und feststellen, dass ich dort “exklusiv im ICE” zwölf Filme zur Auswahl habe. Möglichst unbequemes seitliches Scrollen durch die Titel verhüllt wie bei iTunes und Netflix die Kleinheit des Angebots. Eine letzte, folgenlose Warnung:
Ich versuche es zunächst mit “The Hobbit”, aber den versprochenen englischen Ton zum Film gibt es nicht. Das scheint kein grundsätzliches Problem zu sein, bei “Men in Black” funktioniert alles. Und dann sehe ich zum ersten Mal seit 2008 einen Film im Zug.
(Kathrin Passig)














