"Sonst aber sind schon mehr als die Hälfte der 22 arabischen Staaten in chronischem wirtschaftlichem Niedergang oder staatlich-territorialem Zerfall auf Raten begriffen. Ursachen sind sich teils überlagernde, teils gegenseitig potenzierende politisch-gesellschaftliche und kulturelle Krisen, ein schleichendes Abbröckeln der Herrschaftslegitimation der durchweg autoritären Machthaber und ein vielerorts dramatischer Verfall der Wirtschaft. [..] Freilich bestätigt der letzte [Arab Human Development Report], im November 2016 erschienen, nur das düstere Gesamtbild einer politischen, sozialen und wirtschaftlichen Krise, die sich fast allerorts in der arabischen Staatenwelt mit ihren 450 Millionen Einwohnern gefährlich zuspitzt. Die nüchternen Zahlen erschrecken, zumal sie belegen, wie überproportional schlecht die Region im globalen Vergleich abschneidet. So stellt zwar die arabische Welt gemessen an der Einwohnerzahl nur 5 Prozent der Weltbevölkerung, doch 2014 registrierte man in ihr 47 Prozent aller auf der Welt dokumentierten Terroranschläge, 68 Prozent aller Todesopfer als Folge von Kriegshandlungen sowie 58 Prozent aller Flüchtlinge weltweit, die Krieg und Terror ins Ausland getrieben haben. [..] Misslungen sind aber auch die Militärinterventionen zum Sturz von Diktatoren – wie die im Irak 2003 –, die den Aufbau neuer demokratischer Gesellschaften verfolgten, doch kontraproduktiv wirkten, weil sie Machtvakua schufen und alte Staatsfundamente zerschlugen, ohne tragfähige neue zu bauen. [..] Im Ergebnis hat die westliche Demokratie in keinem arabischen Staat tiefe Wurzeln geschlagen, auch nicht nach dem vom Westen mit irrealen Erwartungen verbundenen Arabischen Frühling von 2011. Im Gegenteil: Anstatt demokratische Blüten zu treiben, schlug dieser «Frühling» in einen harten «Arabischen Winter» um, geprägt von Bürgerkriegen (Syrien, Libyen, Jemen) und der Restauration von Militärdiktaturen (Ägypten). Und selbst dort, wo die Demokratisierung ansatzweise glückte wie in Tunesien, kämpft die Demokratie um ihr Überleben. Statt Demokratien herrschen überall in Nahost autoritäre und hoch repressive nationalistische Militärregime, mit harter Hand regierende, konservative Monarchien oder (wie in Iran und im IS-Staat in Syrien und im Irak) Theokratien sowie viele kleine und kleinste auf tribal-ethnische Machtbündnisse gestützte Warlord-Regime (Jemen und Libyen). Der Zerfall ganzer Staaten beweist, dass die Ordnung von Nationalstaaten, die Europa 1918 aus der Konkursmasse des zerbrochenen Osmanischen Reichs in Nahost schuf, gescheitert ist. Diese Staaten blieben künstliche, ethnisch und konfessionell höchst inhomogene Gebilde, die Diktatoren nur durch Gewalt zusammenhielten. Als deren eiserner Griff sich löste und die politische und soziale Ordnung des Staats zerfiel, fanden grosse Volksgruppen ihren letzten, verlässlichen Halt in ihren eigenen Gruppenidentitäten von Konfession und Ethnie. Denn nur sie boten den einzelnen Individuen ein Gefühl von Gemeinschaft und Solidarität und in Form von Milizen auch ausreichend Halt und Schutz vor ihren Feinden. [..] der nun erneut akut gewordene alte sunnitisch-schiitische Konfessionshader bildet den Hintergrund, auf dem sich der Konflikt um die Vormachtrolle in Nahost zwischen Iran und Saudiarabien, den traditionellen Schutzmächten der Sunniten (Riad) und Schiiten (Teheran), abspielt und stetig zuspitzt. Dieser Hegemonialkonflikt, in dem jeder der zwei unversöhnlichen Kontrahenten bestimmte konfessionelle Kräfte in den Bürgerkriegen im Irak, in Syrien und Jemen als Stellvertreter instrumentalisiert, verschärft diese Bürgerkriege wiederum um ein Vielfaches und macht deren Lösung de facto unmöglich. [..] Der IS, die seit 2013 mächtigste und gefährlichste Jihadistenorganisation mit globaler Reichweite, zieht aus dem Ringen zwischen Riad und Teheran als «lachender Dritter» und Todfeind der beiden Antagonisten den grössten Nutzen. Zwar hat das IS-Kalifat seit Ende 2015 einige Territorien in Syrien und im Irak verloren, aber es ist militärisch längst nicht besiegt: Dafür sorgen schon allein die divergierenden Interessen seiner Gegner in der internationalen Anti-IS-Allianz. Zudem ist der IS weiterhin attraktiv für Abermillionen enttäuschter arabischer Jugendlicher, die sich von ihren Regierungen verraten fühlen, weil sie mit dem Westen paktieren und ihnen keine ökonomische Zukunft bieten. Die wirtschaftliche Lage in den meisten arabischen Ländern ist und bleibt äusserst prekär, was nicht nur von der Misswirtschaft der äusserst egoistischen, reformunwilligen Machteliten und der unausrottbaren Korruption in der Administration herrührt. Ebenso trägt auch das in allen Staaten ungebremste Bevölkerungswachstum dazu bei, eine schleichende demografische Zeitbombe, die die Regierenden nicht entschärfen können, da sie für eine wachsende Bevölkerung, die immer jugendlicher, unzufriedener und aufsässiger wird, nicht genug Arbeits- und Ausbildungsplätze schaffen. Beispielhaft für die meisten arabischen Staaten ist der Irak, dessen jährliches Bevölkerungswachstum mit 2,9 Prozent das neuntgrösste der Welt ist; die Bevölkerung hat sich von 1991 bis heute von 18 auf 38 Millionen Menschen mehr als verdoppelt – trotz mehreren Kriegen und zwölfjährigem Uno-Embargo. 60 Prozent der Iraker sind jünger als 25 Jahre, und die Jugendlichen haben kaum Perspektiven."