Sehnsuchtsort:
Aphrodite‘s Rock (Kouklia, Zypern)
34° 41′ N, 32° 35′ O
“Ten Points of Vision” Nature does not need the intervention of skilled or unskilled middlemen to be transformed into Art. The right circumstances and the right viewing point of the audience – connoisseur shall suffice.
Costas Tsoclis
Am späten Nachmittag des 30. Juli 2017 erreichten wir den Parkplatz nahe dem Aphrodite-Felsen. In knapp einer Stunde sollte hier die Installation „Ten Points of Vision“ des griechischen Documenta- und Biennale-Künstlers Costas Tsoclis feierlich eröffnet werden. Wir betraten das Aussichtsplateau, dreißig Meter hoch über dem Meer. Dort standen zehn gewaltige Bilderrahmen aus Metall, die in der Sonne glänzten.
Vielleicht fünfzig Gäste, darunter Christian und ich, applaudierten, als Dr Christos Patsalides, Chairman von Páfos 2017, die Veranstaltung eröffnete und das Künstlerteam um Costas Tsoclis begrüßte. Die üblichen Reden wurden gehalten, denen ich mehr oder weniger interessiert, zuhörte.
Bis Tsoclis selbst ans Mikrofon trat und seine Idee der Installation erläuterte: “We shall isolate 10 pieces of land, without cutting them off from the general natural landscape – as opposed to what happens when a photo is taken, or what is seen from a window – and we shall unify them with certain sculptural elements, so as to create another reality.”
Das faszinierte mich, ich schlenderte ein wenig umher und betrachtete durch die Rahmen die Landschaft. Aus einer banalen Aussichtsplattform an der Westküste Zyperns wurde ein einmaliges Erlebnis. Durch einen der Bilderrahmen näherten sich am Horizont rasch Schiffe. Sarazener auf Beutezug. Doch oben auf dem Felsen erkannte ich den byzantinischen Held Digenis Akritas. Er schleuderte einen gewaltigen Felsen hinunter ins Meer und versenkte so die plündernden Schiffe.
Ich ging zum nächsten Rahmen, in dem der von Akritas geworfene „Pétra toú Romioú“, der Felsen des Römers, von Wellen umspült im Wasser lag. Die Sonne tauchte den Rahmen und die Szenerie in glitzerndes Licht. Ich rieb meine Augen. Träumte ich? Unten stieg eine schwarzgelockte nackte Frau aus dem Wasser, unter ihren Füßen sprossen Blüten aus dem Boden. Aphrodite, die Schaumgeborene, die Göttin der Schönheit, Liebe und der sinnlichen Begierde, entstieg den Fluten.
Der Gedanke an ihre Zeugung riss mich aus dem Bild. Leider. Denn diese Geschichte ist schrecklich: Auf Anraten seiner Mutter Gaia schnitt Kronos seinem Vater Uranos das Gemächt ab und warf es ins Meer. Blut und Samen vermischten sich mit dem Ozean, der aufschäumte und die Göttin gebar. Aufregende Zeiten waren das im antiken Griechenland!
Heute, in Zeiten von Corona, hätte Aphrodite das zyprische Ufer nicht mehr so leicht betreten können, wie noch vor drei Jahren in meiner Fantasie: Grenzer hätten einen Covid-19-Test durchgeführt und sie sicherheitshalber – aller Anmut zum Trotz – in eine 14-tägige Quarantäne geschickt.
An diesem Abend aber zeigte es sich, dass Christos Tsoclis zusammen mit dem Architekten Giorgos Triantafyllou und dem Bildhauer Dimitris Skalkotos zehn faszinierende Blickpunkte und unendlich viele Blickwinkel geschaffen hatte, durch die jede und jeder ein eigenes Kunstwerk schaffen kann. Trotz der einengenden Rahmen sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.
Auch die Eröffnungsfeier war inzwischen zu Ende, die Gäste bedienten sich am Buffet und versorgten sich mit Wein. Mit einem Glas Rotwein in der Hand hielt ich zum Abschluss selbst eine kleine Ansprache, um den wenigen Zuhörerinnen und Zuhörern meinen Pafos 2017-Reiseführer zu präsentieren.
Text: Andreas Salewski Fotos: Christian Heid und Andreas Salewski













