„Teile und Herrsche“ langweilt.
Palavr.org beschreibt ein Konzept für ein soziales Netzwerk, das mit crowd-finanzierten Inhalten einen Beitrag zur Diversifikation von Meinungen und von Informationen im Netz leisten soll.
Der Schwerpunkt der Anwendung liegt zusammengefasst auf drei Aspekten:
· Medienschaffende werden in die Lage versetzt, ein Einkommen (unabhängig von Werbeeinnahmen) durch ihre Arbeit zu erhalten – crowd-funded – Nutzer können andere Nutzer mit Kleinst-Beträgen (micro-payments) direkt finanziell unterstützen.
· Nutzer können sich intensiver mit den Inhalten auseinandersetzen, indem sie sich in ihren Kommentaren direkt auf Aussagen des betreffenden Inhalts beziehen können (visualisierte Textreferenzen / Zeitpunkt-bezogene Kommentierung in Videos). Sie schaffen somit eine direkte Auseinandersetzung mit den Inhalten, wovon die Community insgesamt profitiert – Die diversen Meinungen der Community werden strukturiert und die Arbeit, die die Community täglich in die Revision von Informationen und insbesondere Nachrichten investiert, entfaltet eine umfassendere Wirkung.
· Die psychologische Hemmschwelle ist groß, seine Meinung, seine Vorurteile, seine Ängste öffentlich zu äußern und damit ein realistisches Abbild der Gedanken und Emotionen der Nutzer zu zeichnen. Political correctness ist ein Inbegriff dieser Hemmung. Durch „palavr-likes“ erhalten die Nutzer die Möglichkeit sich im „Tinder-Verfahren“ zu vernetzen. Dies bedeutet, dass andere Nutzer diese likes nur dann einsehen können, wenn sie denselben Inhalt geliked haben. Nutzer können Ihre Ansichten somit der Community zugänglich machen – sie überwinden jedoch die psychologische Barriere, welche durch die Angst entsteht aus seinem Umfeld ausgegrenzt oder anderweitig sanktioniert zu werden.
Weshalb sind diese Funktionen notwendig?
Der Bedarf an Dezentralisation der Informationslandschaft entspringt der Erkenntnis, dass die etablierten Medien, seien sie öffentlich-rechtlich oder in Medienkonzernen organisiert, eine überwältigende Nähe zu staatlichen Organen und / oder organisierten Kapitalinteressen besitzen. Sie erfüllen somit verschiedene Funktionen. Dabei ist jedoch anzuzweifeln, ob sie die ihnen anvertraute, wichtigste Aufgabe – Das Korrektiv und die Beobachtung und Bewertung staatlicher Handlungen und im weiteren Sinne auch die Beobachtung der Handlungen von Konzernen - gewahrt bleibt.[i] Die Mechanismen der derzeitigen medialen Landschaft sind besonders durch die finanziellen Abhängigkeiten der Medienschaffenden gekennzeichnet, was tragischer Weise jedoch nicht zu einer auf die Leserschaft / Nutzer ausgerichteten Informationslandschaft führt, sondern zu einer, die sich maßgeblich an organisierten Kapitalinteressen ausrichtet.
palavr möchte die Abhängigkeit jeglicher Medienschaffenden durch crowd-funding reduzieren. Journalisten, Blogger, Künstler, Autoren, Filmemacher, Fotographen und Weitere sollen somit langfristig in die Lage versetzt werden, Einkommen, nicht durch Werbefinanzierung oder Auftragsarbeiten zu erhalten und sich damit die Freiheit ihrer Arbeit nehmen lassen. Sie können sich stattdessen eine Leserschaft aufbauen, von der ein Teil bereit ist, für Inhalte Kleinstbeträge zu zahlen falls sie dies wünschen. Dies ermöglicht es den Medienschaffenden sich weniger beeinflusst von Ihren Financiers zu bewegen, weil es unterschiedliche Unterstützer gibt – jedoch immer unter dem fairen Prinzip, dass User nicht für schlechte Inhalte zahlen werden – „Wer es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, der verschwindet“.
Neben dem Finanzierungsaspekt, steht die Interaktion von Nutzern und Inhalt im Fokus. Es zeigt sich, dass die User in den derzeit populären sozialen Netzwerken zu vielen Themen ihre Meinung äußern möchten und dass diese Meinungen die Keimzelle für eine Veränderung gleich welcher Art sein können. Diese diffusen Meinungen in Form von Kommentaren bleiben in populären sozialen Netzwerken jedoch weitgehend ungenutzt. Sie werden gepostet – sie werden erneut gepostet – und ändern doch kaum etwas, denn sie sind für die Medienkonzerne scheinbar kaum und die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten überhaupt nicht einkommensrelevant. Somit findet ein Ausgleich der Diskrepanz zwischen veröffentlichter Meinung und öffentlicher Meinung nur eingeschränkt statt.
palavr stellt den Userkommentar – ob im Text oder im Video - in den Fokus der Webanwendung und App. Insbesondere im Rahmen von Nachrichtenmeldungen sind die Kommentare der Nutzer heutzutage häufig interessanter, als die Inhalte selbst. Die Meldung über den nächsten Gewaltakt und menschliches Leid ist mitunter trivial – die richtigen Schlüsse, die Nutzer daraus ziehen, für die Verantwortlichen jedoch gefährlich.
palavr denkt den User-Kommentar deshalb neu: er wird in der Webanwendung und der App in der Regel parallel zum Inhalt selbst angezeigt (http://palavr-mockup.businesscatalyst.com) und lässt den Nutzer damit direkt die Wahrnehmung des Inhalts durch die Community erfahren. Die Kommentarfunktion von Texten und Videos ist weiterhin mit der Eigenschaft ausgestattet, Passagen in Texten, bzw. Sequenzen in Videos, auf die sich der Kommentierende bezieht, zu visualisieren. Andere Nutzer, die denselben Inhalt betrachten, können beim Überfliegen der Kommentare somit sofort identifizieren, welche Text-Passagen und Video-Sequenzen besonders positiv, negativ oder kontrovers betrachtet werden. Das Ziel dieser Funktion ist es, einen Überblick über die Reaktionen und Emotionen zu erhalten, welche Inhalte bei der Community auslösen. Diese Reaktionen sind somit besser strukturiert und lassen Rückschlüsse auf die Intention des Inhalts sichtbar werden.
Political correctness langweilt noch mehr – und ist mächtiges Werkzeug
Welche Bedeutung hat die veröffentlichte Meinung in der heutigen Medienlandschaft? Auch wenn die Glaubwürdigkeit etablierter Medien schwindet, so hat sie doch zumindest die Funktion, die Menschen darauf hinzuweisen, welche Meinung vertreten werden darf, um nicht von „der Gesellschaft“ ausgegrenzt zu werden. Sie führt letztlich zur Isolation der Mehrheit und erfüllt damit einen entscheidenden Zweck. Sie lässt viele Menschen nicht erkennen, wie viele andere Menschen dieselbe Haltung zu bestimmten Problemen besitzen, wie sie selbst. Political correctness ist entscheidend, um Kooperation zu erschweren und von der Bevölkerung gewünschte Veränderungen in der Gesellschaft zu hemmen. Political correctness kann eine so starke Wirkung entfalten, dass Sie sich auch auf Online-Avatare und Profile in sozialen Netzwerken auswirkt. Nutzer überlegen was sie „liken“ können, ohne sich ausgiebig rechtfertigen zu müssen – gezielt platzierte social-media-hacks hingegen führen zu massenhaft unreflektierter Zustimmung.
Palavr nähert sich dieser Problematik, indem es die Funktion der „likes“ erweitert. Ziel ist es, differenzierte und unterschiedliche Ansichten zu fördern, indem die „likes“ nicht an alle Kontakte in der Freundesliste verteilt werden, sondern diese „likes“ allen in der Community ersichtlich sind, die denselben like auf den Inhalt abgegeben haben.[vi] Ziel ist es, sich nicht durch selbst auferlegten Meinungsterror im Rahmen der political correctness einschränken zu lassen, sondern die eigene Meinung der Community zugänglich zu machen, jedoch mit der Bedingung, dass dieser „like“ einem anderen User nur dann zugänglich ist, wenn dieser denselben Inhalt / Stream etc. geliked hat. Es entstehen cluster von Nutzern, die denselben geistigen Horizont besitzen und sich weiter organisieren können. Der Einzelne Nutzer steht nicht in der Gefahr für seine Ansichten sanktioniert oder ausgegrenzt zu werden, weil lediglich diejenigen User in seiner Freundesliste ggf. einen Hinweis auf den „like“ bekommen können, die sich einem Inhalt bereits selbst aus einer ähnlichen Sichtweise nähern. Die negative Wirkung der political correctness kann so gemindert werden. Menschen finden leichter zusammen - Kooperation wird vereinfacht.