Schnippsel-Sonntag 10/10
So schnell geht das! Ehe man sich versieht, sind die 10 Episoden zum Schnippsel-Sonntag schon wieder vorbei! Anlässlich der Veröffentlichung meines eBooks “Mondscheinbestie - Dunkles Erwachen” habe ich mir überlegt, ich teile heute einen wesentlich längeren Abschnitt aus dem Roman mit euch - die 1. Begegnung zwischen Sebastien und Luna. :)
Zusätzlich zu dieser Leseprobe habe ich am vergangenen Freitag (16. November 2018) meine allererste Live-Lesung auf Instagram abgehalten, wo ich zwei weitere Szenen mit euch geteilt habe. Dieses Video findet ihr in meinem YouTube-Kanal neben dem Trailer und Teaser zum Roman. :)
Ich hoffe sehr, euch gefällt der Schnipsel! Den Roman gibt es inzwischen bei den gängigen Händlern/Onlineshops (z. B. Amazon, Thalia, Weltbild, Hugendubel, Bol, Osiander, ebook.de und bücher.de, etc.). Über neue Leser würde ich mich wahnsinnig freuen! :D Und nun wünsche ich euch viel Vergnügen bei der Einweihung des Wuppertaler Märchenbrunnens im Jahr 1897 und einen tollen Start in die Woche!
Leseprobe aus “Mondscheinbestie - Dunkles Erwachen”
Sie fanden schnell, was sie suchten: Doktor Wilk war gemeinhin bekannt. Als die ungleichen Zwillinge in Elberfeld ankamen, wusste man ihnen schnell zu helfen, sodass sie die Einweihung des Märchenbrunnens erreichten und im Angesicht dieses beeindruckenden Bauwerks nicht schlecht staunten. »Siehst du den Mann dort?«, meinte Sebastien jäh und deutete auf einen Mann mittleren Alters, der etwas schmallippig lächelte. Pascal und er standen etwas abseits der versammelten Gruppe unter den kahlen Zweigen einer Linde und beobachteten, wie die Leute trotz der frühwinterlichen Kälte den Brunnen bestaunten und freundlich miteinander schwatzten. »Das muss er sein«, meinte Pascal und löste sich bereits aus dem Schatten des Baumes, um auf den Mann zuzugehen. Sebastien packte seinen Arm. »Warte!« »Was ist?« Irritiert sah Pascal ihn an. »Was willst du denn zu ihm sagen? Sieh ihn dir doch an! Das ist kein Ort, um ihn mit der Geschichte zu behelligen.« Pascal warf einen Blick auf Herrn Wilk. »Und was schlägst du stattdessen vor?« Sebastien sah zu der Reihe Kutschen herüber, die weiter oben am Straßenrand standen. »Wir warten in seiner Kutsche auf ihn.« Pascal schnaubte. »Ach, und das ist dann wohl weniger auffällig, oder wie? Er wird uns für Räuber halten.« Sebastien wusste, die Situation war keineswegs ideal. Wie sollten sie solch eine Thematik ansprechen, ohne sofort als verrückt zu gelten und in einer Heilanstalt zu landen? »Aber wir haben keine Wahl«, meinte er. »Wir könnten doch zu seinem Haus gehen und dort auf ihn warten«, schlug Pascal spöttisch grinsend vor. »Unten, im Tal, nannten sie uns doch die Adresse.« Sebastien nickte. »Das wäre wohl das Vernünftigste.« Sein Blick wanderte über die Gesellschaft am Brunnen. Einige Schritte von Doktor Wilk entfernt sah er ein Mädchen, eine junge Frau. Sie unterhielt sich mit zwei Männern und wirkte nicht eben glücklich, stellte er fest. Ihr Blick streifte ziellos umher, mied sogar ihren Gesprächspartner, ehe sie die Brüder erblickte. Sebastien erwiderte ihren Blick ruhig. Das Mädchen wirkte angespannt, regelrecht verkrampft, als der Mann vor ihr ihre Aufmerksamkeit verlangte. Sie richtete sich auf und reckte eigensinnig das Kinn. Sie weckte Sebastiens Neugier. In dem Moment versteifte sich Pascal vor ihm. »Was ist los?«, fragte Sebastien, doch sein Bruder reagierte nicht. Statt einer Antwort hob er das Kinn, reckte die Nase in die Luft und … schnüffelte. Sebastien stellten sich bei dem Anblick die feinen Härchen im Nacken auf. »Pascal?«, hakte er nervös nach. Er trat vor seinen Bruder und erschrak, als er ihm ins Gesicht sah. Der Blick seines Bruders war leer, nach innen gerichtet, und seine Oberlippe zuckte. Er zog sie hoch und bleckte die Zähne wie ein wildes Tier. »Bruder«, sprach Sebastien ihn leise an, griff nach seiner Schulter und schüttelte ihn schwach. Pascal blinzelte. Er zog die Brauen zusammen und schauderte kurz, dann starrte er Sebastien erstaunt an. »Was ist los?«, fragte er. »Wollen wir jetzt zu Doktor Wilk, oder nicht?« Sebastien zögerte, dann nickte er. Sie lösten sich von dem Baum und wechselten die Straßenseite, sodass sie vor der Gesellschaft verborgen hinter den Kutschen entlanggingen. Plötzlich hörten sie Schritte näherkommen. Sie fuhren beide erschreckt zusammen. Pascal wandte den Kopf, beschleunigte seinen Schritt und zog Sebastien mit sich. »Wir müssen uns verstecken«, zischte er. »Warum?«, erwiderte Sebastien, als sein Bruder unvermittelt eine der Kutschentüren aufriss und in die Dunkelheit hineinstolperte. Sebastien folgte ihm hastig. »Pascal, was ist denn in dich gefahren?«, herrschte er ihn an. Dann bemerkte er erneut die Leere im Blick seines Bruders. Er seufzte und schloss die Tür, um gegenüber von ihm Platz zu nehmen. Pascal schnüffelte wieder. Er wandte den Kopf mal hierhin, mal dorthin und richtete seine Aufmerksamkeit schließlich auf die ledernen Polster. Ein tiefes Knurren entfloh seiner Kehle. Sebastien biss sich unruhig auf die Lippe. Was sollte er tun, wenn sein Bruder jetzt und hier durchdrehte und den Verstand verlor? An Peinlichkeit wäre dies wohl kaum zu übertreffen. »Was ist bloß los mit dir?«, fragte er in seiner Hilflosigkeit und griff nach Pascals Händen. Sofort blinzelte sein Bruder und sah sich ein weiteres Mal verwirrt um. »Ich dachte, wir wollten zum Haus vom Doktor?«, meinte er. »Du hättest gleich sagen können, dass du lieber eine Kutsche nehmen willst.« Sebastien setzte zu einer Antwort an, doch in dem Moment öffnete jemand die Tür des Gefährts. Überrascht starrten die Brüder die junge Frau an, die zu ihnen hineinkletterte, ohne den Blick vom Boden der Kutsche zu lösen, um nicht zu stolpern. Sofort erkannte Sebastien sie wieder. Es war das Mädchen vom Brunnen. Mit was für Problemen sie sich wohl herumschlagen musste, fragte er sich. Dann räusperte er sich, woraufhin sie zusammenzuckte und den Blick abrupt hob. Ihr stand kurz der Mund offen. »Wer sind denn Sie?«, stammelte sie und stolperte einen Schritt zurück. Sebastien hob die Hände. »Verzeihen Sie, Mademoiselle, wir wollen Sie nicht erschrecken«, erklärte er. »Wir suchen Doktor Wilk. Kennen Sie ihn?« Misstrauen zeichnete sich in ihrem Gesicht ab. »Sind Sie Patienten von ihm?«, fragte sie und musterte sie beide. Zugleich erhöhte sie die Distanz zu ihnen. Augenblicklich schüttelte Sebastien seinen Kopf. »Nicht direkt…«, begann er und warf seinem Bruder einen Blick zu, der schon wieder auffällig schnupperte. Die Situation war unglaublich grotesk und vor allem beschämend. »Wir haben ein … kleines Problem.« Das Mädchen betrachtete Pascal. Waren das Faszination und Interesse in ihrem Blick? »Wir hörten, Doktor Wilk sei herausragend in seinem Fachgebiet. Wir benötigen dringend seine Meinung.« Sie überlegte einen kurzen Moment lang, sah noch einmal in Richtung des Brunnens. Dann streckte sie Sebastien die Hand entgegen. »Mein Name ist Luna. Luna Wilk«, sagte sie. Stille senkte sich über die Kutsche. »Ich bin die Tochter von Doktor Wilk.« Sebastien nahm ihre Hand und wollte sie schon küssen, als sie sie ihm mit einem Lächeln entzog. »Welch ein Glück«, stieß er unbeirrt hervor und lächelte breit. »Ich bin Sebastien Bacarière und das ist mein Bruder Pascal.«














