Die Büroautomation spaltet die Gesellschaft
Ich mache ein Praktikum im Ordnungsamt, in der Abteilung, die unter anderem für Schornsteinfegerangelegenheiten zuständig ist.
Bei den Schornsteinfegerangelegenheiten ist in diesem Zusammenhang ausreichend zu wissen, dass Kaminkehrer ihre Reviere vom Amt zugeteilt bekommen und, weil sie sich ihre Kunden daher nicht aussuchen können, eventuelle Mahnverfahren von der Behörde erledigt werden.
Mein Praxisanleiter macht das mit den Mahnungen so:
Er nimmt die Mahnung vom Vorjahr, greift zu Karopapier und einem blauen Stabilo Fineliner und schreibt die alte Mahnung ab, ersetzt dabei die persönlichen Daten, den ausstehenden Betrag und das Datum durch die aktuellen Werte.
Danach gibt er das Blatt zum Schreibdienst.
Der Schreibdienst hat bereits eine IBM 8100. Das ist ein im Jahr 1990 schon betagter bewährter Abteilungsrechner mit recht intelligenten Terminals, der unter anderem eine Textverarbeitung bietet. Die Schreibdamen haben die Schornsteinfegermahnung schon seit Jahren als Vorlage im Computer und tauschen nur noch die persönlichen Daten und den ausstehenden Betrag aus, das Datum ergänzt die Textverarbeitung selbst.
Wie offenbar jedes Jahr findet mein Praxisanleiter auch dieses Mal beim Vergleich seiner Vorlage mit dem ausgedruckten Schreiben etwas, das er triumphierend für einen Kommafehler hält. Tatsächlich hat er den Fehler beim Abschreiben gemacht, in der Textkonserve des Schreibdienstes ist die Zeichensetzung genauso korrekt wie auf dem Ausdruck.
In Rahmen einer anderen Aufgabe des Büros aus dem Bereich Gesundheitsaufsicht müssen immer wieder Arztrechnungen an die Kassenärztliche Vereinigung oder die Privatversicherung der untersuchten Person abgegeben werden.
Mein Praxisanleiter hat dazu vor über 15 Jahren einen Dreifachdurchschreibsatz entwickelt, für den er auch eine Prämie bekommen hat. Man tippt die persönlichen Daten der untersuchten Person in die Felder des obersten Blattes ein, hat dahinter das Blatt für unsere Akte und noch ein Blatt weiter die Abgabenachricht an den Arzt, um dessen Rechnung es ging.
Allerdings stieg die Zahl der Fälle mit diesen Untersuchungen kontinuierlich. 1990 kommen einmal im Quartal Stapel mit 60-80 Rechnungen desselben Arztes an, die mein Praxisanleiter alle auf die beschriebene Weise mit dem Vordruck abarbeitet.
Aber hey! Diesmal macht das der Praktikant!
Sein Bürokollege, der ihn auch im Urlaub vertritt, hat selbst ein Terminal der IBM 8100. Und ist gerade im Urlaub.
Ich warte, bis mein Praxisanleiter einen Tag für eine Untersuchung im Krankenhaus verbringt, und begebe mich an das Terminal, um aus dem Vordruck einen Serienbrief zu machen.
Überflüssig: Der Kollege hat für die Abgabe der Rechnungen schon längst von der EDV-Abteilung einen Dialog bauen lassen, mit dem er die persönlichen Daten von bis zu 100 untersuchten Personen erfassen kann und diese dann in den Briefen als Tabelle auflistet, statt pro Fall einen eigenen Dreiersatz Papier zu erzeugen.