Heidegger's Black Notebooks
Responses to Anti-Semitism
Edited by Andrew J. Mitchell and Peter Trawny
Columbia University Press (September 2017)
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Heidegger's Black Notebooks
Responses to Anti-Semitism
Edited by Andrew J. Mitchell and Peter Trawny
Columbia University Press (September 2017)
Die Gewalt als die Versammlung des Waltens. Das Walten west im Ereignen. Das Ereignis ist die Kehre des Seyns aus dem Willen zum Willen in den Brauch. Die Gewalt bricht die Macht des Willens - bricht, indem sie spricht als die Sprache der Stille der Freye. Die Welt aus Ereignis verweltet die Gewalt.
Heidegger, GA97: Anmerkungen I-V (Schwarze Hefte 1942-1948)
Geistig - aus Geistertum - das Geisterhafte - Magische - Walten des Seins? (p.77)
Alt sein heißt: dort innehalten, wo der eine wesentliche Gedanke eines Lebens in sein zuerst erwachtes Walten einfach einschwingt. (p.174)
Die »Bedeutungslehre« sucht das Wesen der Sprache : die Erfahrung, daß Sprache waltet und nicht »Ausdruck« ist: Walten und Wahrheit des Seins - (p.288)
Kann da ein Gedanke zum herrschenden werden, indem er von der Notwendigkeit einer Herrschaft spricht? Ist Walten notwendig herrschaftlich und herrisch? (p.368)
Hier walten Verhältnisse, die sich durch die Vorstellung von Wirkungszusammenhängen niemals denken lassen. (p.450)
Der künftige Denker muß das Un-wesen des Seyns wissen. Deshalb kann er nie zum Verneiner werden, aber auch nie zum Bejaher des »Seienden«, und erst recht nicht zu dem, was das gemeine Denken aus diesem Weder- Noch herausrechnet: zum Zweifler. Dann bleibt ihm aber nur noch die Geschicklichkeit des Dialektikers, der alle »Seiten« des Seienden zumal gelten [lassen] und zumal beseitigen kann und alles in den Ausgleich im Absoluten bringt, worin er sich - sicherer als noch Descartes - gut aufgehoben weiß und nicht nur die Gegensätze der vorstellenden Subjekt-Objektbeziehung? [...] Der künftige Denker muß gerade diesen Schutz und Ausweg, der vom Ausgleich kommt, zu allererst und entschieden verachten können, weil er die Irre des Seyns erfährt, die wesentlich reicher und »seiender« ist denn jede Richtigkeit jedes Erlebens von Seiendem. Wer auch nur für Augenblicke und auf kurzen Strecken diese Irrgänge des Seyns bahnschaffend durchwandern kann, wirkt mit an der Versetzung des neuzeitlichen Menschen in das ihm Verweigerte, ohne doch die Verweigerung dadurch aufzuheben in einen Besitz.
Martin Heidegger, Überlegungen VII-XI (Schwarze Hefte 1938/39)
Peter Trawny - « Heidegger, "Weltjudentum" und die Moderne »
Vortrag 13.12. 2014. Goethe-Institut Tokyo, Japan
ペーター・トラヴニー「ハイデッガー、『世界のユダヤ人集団』と近代」 【PDF】
J-C Martin - Peter Trawny : Heidegger n’est-il plus à sauver ? (Aug. 2014)
日本語訳:ジャン=クレ・マルタン「ペーター・トラヴニー/ハイデガーはもはや救われるべきではないか?」(2014年)
Heidegger's Black Notebooks: A discussion with Peter Trawny and Roger Berkowitz On April 8th, 2014 at the Goethe Institute in New York City
Heidegger's Black Notebooks: A Panel Discussion with Peter Trawny and Babette Babich, moderated by Roger Berkowitz
Philosophy and Anti-Semitism: The Heidegger Case | Lezing door Peter Trawny
„Die 'Bild'- und 'Ton'-'Reportage' der Machenschaft ist der planetarische 'Mythus' des Vollendungsabschnittes der Neuzeit. Die Welt des abgelegensten deutschen Bauernhofes wird nicht mehr durch das Geheimnis der Gezeiten des Jahres, durch die 'Natur' bestimmt, in der noch die Erde waltet, sondern durch das illustrierte Blatt mit der Darstellung von ausgezogenen Film- und Tanzweibern, von Boxern und Rennfahrern und sonstigen 'Helden' des Tages. Hier handelt es sich nicht mehr um Zerstörung der 'Sittlichkeit' und des 'Anstandes', sondern um einen metaphysischen Vorgang, um die Ver-wüstung jeder Möglichkeit des Seyns in das Gemächte des machbaren -her und vorstellbaren Seienden. Zum elektrischen Pflug und zum Motorrad, das in einer Stunden zur nächsten Großstadt befördert, gehört das amerikanisch aufgemachte 'Magazin' und illustrierte Blatt, gehört die Angleichung der Sitten der Bergbewohner an diejenigen des großstädtischen Sport- und Bar-betriebs. Wenn die Machenschaft ihre Macht so weit gesichert hat, werden die ebenfalls machenschaftlich ergründeten 'Prinzipien' von 'Blut und Boden' ausgegeben und schließlich findet sich noch die 'Wissenschaft' – die nach diesen neun Gesichtspunkten ihre Entdeckungen macht. Die Losgelassenheit des Seienden in die Seinsverlassenheit ist durch irgendwelche Maßnahmen nicht aufgehalten – sie muß selbst als das, was geschieht, die künftige Entscheidung mitbestimmen.“
Heidegger, Überlegungen XII-XV (Schwarze Hefte 1939-1941), ed. P. Trawny, Frankfurt/M. 2014, 54 sq., Nr. 35).
Alles muss durch die völlige Verwüstung hindurch. Nur so ist das zweitausendjährige Gefüge der Metaphysik zu erschüttern.
Martin Heidegger, Schwarze Hefte
http://parolesdesjours.free.fr/questionheidegger.pdf
Article commandé par Le Monde en mars 2014 pour la rubrique "Débats", jamais paru.
Das Heidegger-Problem. Vorläufige Skizze einer Argumentation
II. Dies ist kein historisches Ereignis oder ein geistvoller Skandal, auch keine angemessene Anklage gegen das Werk Heideggers, wenn ihm nun durch die Schwarzen Hefte Antisemitismus nachgewiesen werden kann. Es ist durch Adornos Interpretation hinlänglich bekannt, dass Ähnlichkeiten von Heidegger’scher Philosophie und Nationalsozialismus sich darstellen, die keineswegs so negiert werden können, dass man sagt: Dort sei Heideggers Philosophie, auf der anderen Seite sei sein Eintreten für den Nationalsozialismus. Vermutlich wird dann auch die Kehre als Abkehr vom Nationalsozialismus behauptet oder auf Heideggers Stellen verwiesen, in denen er sich von der Rasse als Kategorie distanziert (die sich in seinen Vorlesungen über Hölderlin und Nietzsche finden lassen). Solch eine philologische Argumentation behauptet, man könne Heidegger nachweisen, dass “eigentlich” seine Philosophie nicht mit dem Nationalsozialismus identifiziert werden könnte. Dies ist nicht sonderlich gut begründbar, weil es eben nicht die ‚Ähnlichkeiten’ widerlegen kann, die sich auch darin manifestieren, dass Heidegger praktisch-politisch in dieser Zeit wirkte – irgendwie steht dann das Tun Heideggers außerhalb seines Werks, ist nicht Moment des Werks. So verfolgt man also eine Politik der Trennung: Wie will man nun begründen, dass es zwei oder mehrere Heideggers gegeben hätte? Es bestünde begründeter Anlass zu vermuten, dass derjenige, der so etwas sagte, dies täte, um Heideggers Wirken zu verdrängen, es zu rationalisieren oder eben zu übergehen, dass Heidegger nationalsozialistisch oder zumindest nicht widerständig gegen den Nationalsozialismus handelte (eine gebräuchliche Taktik, um in Deutschland Vergangenheit zu bewältigen).
Dies ist kein bloßer Verdacht, sondern wir müssen uns dem Problem stellen, dass auch ein Philosophieren ein Wirken ist, dass es eben ein Partei-Ergreifen ist. Gerade Heidegger hätte es wohl als merkwürdige Trennung, als Uneigentliches kritisiert, wenn man dächte, dass es biographische Fakten gäbe, die in keinem Zusammenhang zum Dasein eines Denkens stünden, die bloß Vorhandenes wären, was man nicht deuten müsste. Wer sich mit Heidegger beschäftigt, wer etwas mit seinen Philosophemen tut, der ist gezwungen zu reflektieren, weswegen dieses Tun auf ein Werk verweist, was die gesellschaftlichen Verhältnisse der Individuen in gewissem Sinne autoritär denkt, wenn etwa die Sprache als Medium dem Sprechen als Mittelgebrauch vorgeordnet wird, wenn die Sprache das Haus des Seins und das Sprechen im Verdacht steht, bloß zu schwätzen, uneigentlich zu sprechen. Und dann läge es überhaupt nicht fern, man sagte, Heidegger sei in dieser Zeit (ob nun aktiv für den Nationalsozialismus engagiert oder sich von ihm abwendend, dies wäre erst einmal gleichgültig) konterrevolutionär gewesen (und welche politische Markierung, erschien hier nicht als eine Form der Trennung, die losgelöst vom Ironischen funktionierte?). Er hätte nämlich dann ein irgendwie "Gegebenes", die Sprache als Resultat, als ein das Sprechen als Vollzug Bestimmendes gedacht. Man könnte dann den frühen Heidegger gegen den späten Heidegger gebrauchen, um ihn selbst zu kritisieren; das Werk selbst ist ja nur als Einheit durch die Trennung all dieser Werke – und weswegen in all dieser Vermitteltheit nicht jene Widersprüche gebrauchen, wie es Adorno tut? Man könnte aber auch (vielleicht dann) sagen, dass man dies nicht mit Heidegger denken müsse, denn es gäbe etwa durch ein Philosophieren Adornos ein Modell für ein wahres Philosophieren, was den Naziphilosophen Heidegger längst widerlegt hätte.
III. Dies ist die andere Position. Sie meint, dass durch ein praktisch-politisches Bekenntnis, seine antisemitischen Tiraden aus den Schwarzen Heften, sein Eintreten gegen Husserl, seine Auslassungen zur Technik und zu Auschwitz jedweder Gebrauch Heidegger’scher Philosopheme oder Sätze vergeblich sei, vielmehr etwas Infektiöses aufweise. Wer sich mit Heideggers Philosophie beschäftige oder sich sogar positiv auf Heideggers Werk beziehe, der könne dies nur tun, weil er insgeheim, ganz uneigentlich eigentlich die Heidegger’sche Affinität zum Nationalsozialismus affirmiere. Wenn Antiheideggerianer nun so argumentieren, wie Gruber und Scheit in ihrem Artikel „Die Schocktherapie“ (Jungle World Nr. 13/2014; man könnte auch auf andere Schreibende verweisen, die keineswegs einem Hang zur kritischen Theorie verdächtig), dass all jene, wie auch immer unbewusst oder bewusst, nationalsozialistische Politik betrieben oder deren Rationalisierung, gar Metaphysizierung, wenn sie Heidegger irgendwie rezipierten, mit ihm arbeiteten – dann haben sich beispielsweise Gruber und Scheit keine Mühe mit Heidegger gemacht. Sie haben schon gar nicht Derrida, Lévinas oder Blanchot, Jabès gelesen, deren Kritiken Heideggers (eindeutig: genitivus objectivus). Und wenn sie behaupten, sie hätten diese Philosophen oder Schriftsteller gelesen, dann wissen wir aus ihren Zitaten und ihren (und deren) Interpretationen, dass sie diese Werke nicht sonderlich verstanden haben. Sie kritisieren diese Denker für Vollzüge, die man ihnen nur unterschieben braucht, wenn man einfach nicht über die begrifflichen Mittel verfügt, um sich solcher Probleme anzunehmen (wir wollen nicht verheimlichen, dass solche Kritiken der Dekonstruktion sich auch in anderen Bereichen des Feuilletons tummeln oder in den Mittelbauten deutscher Universitäten, die gewiss Gruber und Scheit wegen ihres polemisch-infantilen Stils verachteten; wir wollen aber dies nicht tun, das wäre auch schlechter Stil). So wird beispielsweise in einem jakobinischen Stil "Partei" ergriffen, der Gegner eben passend gemacht. So wird doch allen Ernstes behauptet, Derrida hätte aus “Marx einen Kämpfer gegen die Uneigentlichkeit” gemacht.
Wer Derridas Kritik an Heideggers Begriff der Eigentlichkeit nicht erwähnt, wer eben nicht nachvollzogen hat, dass Derrida diese Eigentlichkeit als Wiederholung der Präsenz, gerade als das Uneigentliche darstellt, wer also allen Ernstes behauptet, Derrida vollführe genau das, was diese Vulgärkritik bereits an Heidegger ‘nachgewiesen’ hätte, der merkt gar nicht, dass man selbst sein eigenes Spiegelbild jagt.
IV. Derrida de- und rekonstruiert keineswegs so das Marx’sche Erbe, wie es Scheit und Gruber behaupten. Das kann jeder in „Marx’ Gespenster’ nachlesen, wenn er unvoreingenommenen Blickes und mit bloßen Kenntnissen der Textinterpretation an dieses Werk geht. Derrida ist überhaupt nicht an einem Kampf gegen die Uneigentlichkeit interessiert. Wer so ein Urteil über Derridas Werk pflegt, wer Derridas Philosophie als ein Nachleben des Nationalsozialismus behauptet, der kann nicht begrifflich arbeiten, der ist in gewissem Sinne nur geschwätzig.
Wie sollte man denn mit diesen plumpen Prämissen, überhaupt von sich behaupten, man arbeite gemäß einer kritischen Theorie Adornos, wenn man so die anderen liest? Mit immanenter Kritik hat dies wenig zu tun, aber mit dem Verfertigen von Feinden, was philosophisch fehlerhaft oder falsch, und politisch infantil wirkt. Wie sollte man, wenn man so etwas tut und dann auch noch behauptet, man spreche wahr, wie sollte man denn dann Adornos Kritik an Heidegger verstehen?
Warum jetzt Adorno? Nun ja, wenn man Derrida so liest, als liefen alle seine Überlegungen zur Sprache als Medium und dem Sprechen als Vollzug, seine Überlegungen zur Unmöglichkeit des einen Ursprungs, seine Überlegungen zur Notwendigkeit der Wahrheit, seine Überlegungen zum Marx’schen und marxistischen Erbe darauf hinaus, dass er doch irgendwie trotz alledem die Uneigentlichkeit schlecht fände, die Eigentlichkeit irgendwie als Gutes denke, als der Ursprung des Wahren – wenn man letzteres also an Derrida nachweist, obwohl es vollends den Gegenstand nicht trifft, dann steht auch zu befürchten, dass die Lektüre Adornos nicht allzu gründlich gewesen sein kann.
Der Schreiber der Ironie, des Changierens zwischen Genitivus subjectivus und Genitivus objectivus, der das Simulacrum und die notwendige Metapher als Momente des Vollzugs begreift – dieser Derrida soll ein Denker der Eigentlichkeit sein? Offenkundig muss es mehrere Derridas geben oder die Herren können nicht lesen. Ich plädierte tatsächlich auf Letzteres.
Warum? Diese Herren haben einen Begriff der Sprache oder des Sprechens, der weit hinter Heidegger oder Hegel zurückfällt, sie sollten einmal gründlich und nicht so hastig Adornos “Ontologie und Dialektik” lesen. Adorno hält sich nicht lange an Heideggers Antisemitismus auf oder an einer Wesenverwandtschaft zum Nationalsozialismus (da interessieren eher Heideggers Epigonen und Multiplikatoren im damaligen Feuilleton oder im Mittelbau der Universitäten – davon handelt der „Jargon der Eigentlichkeit“), denn dadurch ist eine historische Person gerichtet, aber eben nicht Aussagen oder Sätze, die durchwegs Anspruch auf ein Allgemeines, auf Wahrheit anmelden. Adorno erkennt Heideggers Bemühen um einen Sprachbegriff an, denn beide kritisieren einen (neu-)kantianischen Subjektivismus und eine positivistische Wissenschaftstheorie.
Nur war eben Adorno kein Ticketdenker wie seine Adepten, die in Adornos Namen sprechen wollen, aber sogar Adorno missverstehen. Und so missverstehen sie auch den Gebrauch immanenter Kritik: Sie wollen doch den eigentlichen Heidegger, die eine Lektüre eines Werks, die bloß darauf hinausläuft, dass das Denken des Seins nur der verzerrte Ausdruck des Werts sei, des sich selbst vernichtenden Selbstzwecks, identisch sei mit dem antisemitischen Wahn. Solche Herren wollen sich die Arbeit des Begriffs ersparen, indem sie etwas bereits vorverurteilt haben (ihre Interpretation muss also identisch mit dem Werk sein, sie reflektieren nicht das Verhältnis von Interpretation und Werk). Sie wissen immer genau, was an Heidegger falsch ist, können es aber nicht logisch, in einer angemessenen Reflexion der Darstellung und der Sprache kritisieren, sondern kritisieren das an Heidegger, was noch nicht einmal der Reflexion bedürfte, sondern durch eine grundsätzliche Parteilichkeit gegen jeden Antisemitismus schon erledigt ist. Zwar nicht praktisch, aber theoretisch. Antisemitismus lässt sich theoretisch nicht rechtfertigen.
V. Den Gegner dort treffen, wo er fällt, da lohnt kein Tritt. Immanente Kritik nimmt den Gegner an seiner stärksten Stelle, was wir bei Hegel klar dargestellt finden. Aber reden wir nicht über die fundamentale Unkenntnis solcher Antiheideggerianer, wenn es um Hegel geht (und vergessen wir also Heideggers interessante Reflexionen zur „Phänomenologie des Geistes“ oder seine Überlegungen zur Gleichursprünglichkeit von Differenz und Identität, was Derrida an ihm stark macht). Sie passen ins Klischee: Jener schlechte Akademismus, der meint, die eigene (Adorno-)Lektüre sei der Wahrheit letzter Ausdruck, als ein solches Problem wirken etwa Scheit und Gruber. Dieses Problem passt in ein Klischee, weil sein Stil ihn verrät, der sich von der ersten Zeile an bierernst darin ergeht, dass Heidegger unter allem Niveau sei. Darin drückt sich leider nicht vielmehr als die plane Abneigung aus. Die mag sich begrifflich aufspreizen, schimpfen, als ginge es um die Vernichtung des Gegners. Nach ihnen kann man von Heidegger nichts lernen und es dürfte ein zu verfolgender Hinweis dafür sein, dass sie noch nicht wirklich die Arbeit am Begriff gelernt haben. Ein Nazi sagt leider manchmal Wahres und ob jemand Nazi ist als historische Person, determiniert nicht all seine Aussagen dergestalt, dass man sagen könne, er liege überall und zu jeder Zeit falsch.
PS: Solche "Lumpenintellektuelle" wie Gruber und Scheit, gebrauchte man diesen Begriff hier einmal an der falschen Stelle, haben nicht gelesen, wer mittlerweile alles mit Heidegger arbeitet und tatsächlich kritisiert, dass er ein Nazi war. Man muss hier auf Stekeler-Weithofer verweisen, auf Sebastian Rödl, Christoph Demmerling oder Andreas Luckner – man müsste aber auch sich einmal anschauen, wer alles mit Heidegger gerade in Deutschland arbeitete: Josef König, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Gadamer. Alle diese Philosophen arbeiten mit Heidegger so, dass man dies vollziehend etwas von Heidegger lernen kann. Sie begnügen sich nicht damit, der Kinderkrankheit des Akademismus Ausdruck zu verleihen, indem sie Heideggers Philosophie als nationalsozialistisch verspotten (argumentum ad hominem galt einmal als unschicklich, aber an Universitäten war so etwas immer wieder gerne gesehen). Sie kritisieren Heidegger begrifflich. Das ist schwer und nicht leichtfertig zu tun. Anders erklärt es sich nicht, dass Adorno in unterschiedlichen Werken, zu unterschiedlichen Zeiten mit Heidegger unterschiedlich arbeitet, ihn unterschiedlich kritisiert. Und dies ist nicht durch den Nationalsozialismus als das Desaster so bestimmt, dass sich Adorno mit dem Merksätzchen begnügte, dass Heideggers Philosophie die Begleitmusik für die Vernichtung oder selbst ein Ausdruck der Vernichtung gewesen wäre. Adorno nimmt das historische Grauen ernst und lässt es nicht zum Namenstäfelchen gerinnen.
PPS: Und wie nehmen wir all diese Aussagen, die behaupten, dass da etwas nicht gelesen oder verstanden wurde? Lesen wir sie als Ironie, bedeutet dies nicht, sie verlören etwas von ihrer Schärfe, nein, sie wären nur als Aufgabe der Kritik zu lesen, als etwas, warum dieser Text eine vorläufige Skizze einer Argumentation ist. Aber das ist darzustellen, wenn es wirklich nötig wäre.
PPPS: Vielleicht könnten wir sogar Derrida so kritisch lesen, dass er Marx als Kämpfer gegen die Uneigentlichkeit (dessen Stirnerkritik, die Derrida zu einfach auslegt) liest, aber dies eben nicht affirmiert, ihn eben als Weggefährten Heideggers oder einer bestimmten traditionellen Weise des Philosophierens in gewissen Aussagen rekonstruiert, die es zu kritisieren gelte, um das Marx'sche oder marxistische Erbe zu retten. Ach, schreiben wir doch lieber Text über "Deutsche Ideologie" oder über Texte, die eben begrifflich arbeiten. Und ein Schelm, der in dieser Sortierung nicht das obige Übel erkennen mag.