Bis eben liefen wir noch in mitten einer Gruppe von einem Duzend Menschen durch die Seitenstraßen der Stadt. Hinter uns eine Polizeikette, die uns verfolgen. Ihre Präsenz hallt nach schließlich sind sie in Vollschutz unterwegs. Eigentlich wunderlich, dass sie sich noch so gut bewegen können. Schließlich sind sie wohl wie wir schon den ganzen Tag auf den Beinen. In unseren schwarzen Sachen wirken wir auch schon fast uniformiert. Fast jeder trägt hier schwarze Stiefel, die die Füße nur bedingt vor der Kälte schützen, die von dem Boden ausgeht. Aber das Laufen hält uns warm. Ich habe schon längst die Orientierung verloren. Die Stadt kommt mir fremd vor, obwohl ich nicht zum ersten Mal hier bin. Vom Adrenalin getrieben folge jemanden, den ich durch die Gruppe kennengelernt habe, mit der ich angereist bin. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden und uns auf der Demonstration gut unterhalten. Als die Veranstaltung begann zu eskalieren und sich meine Bezugsgruppe auflöste (ein Anfängerfehler) hatte er meine Hand gegriffen und mich mitgezogen. Da wir nun doch deutlich schneller laufen konnten, als die Polizei, habe ich diese aus den Augen verloren. Wir biegen in eine weitere Gasse ein und stehen vor einem Hauseingang in einem Innenhof. Plattenbauten, sehr typisch. Alles grau in grau, auch wenn die Nacht schon hereinbricht. Ich nehme alles wie durch einen Schleier wahr. Die Musik war mal wieder ohrenbetäubend. Gedämpft höre ich Schlüssel klimpern und finde mich in einem Hausflur wieder. Meine Augen brauchen einen Moment, um sich an das Licht zu gewöhnen. Wir nehmen die Treppe. Meine Beine protestieren ein wenig. Ich sollte wirklich wieder mehr Sport machen. In der Wohnung angekommen läuft Musik auf Zimmerlautstärke. Es scheint eine WG zu sein, aber keiner ist im Wohnzimmer, wo die Musik herkommt. Es ist alles ein wenig unordentlich, aber irgendwie wohnlich. Wir haben den ganzen Weg kein Wort mit einander gewechselt. Ein wenig ausser Atem und durchnässt vom Schweiß und Wasserwerfer zieht mich meine Begleitung in ein Zimmer, vermutlich seins. Er fängt an sich aus- bzw. umzuziehen und reicht mir ein T-Shirt und eine Hose. Doch ich habe anderes im Sinn. Ich entledige mich der nassen Klamotten und lasse sie unachtsam auf den Boden fallen. Ich spüre den Blick und als sich unsere Blicke treffen, scheinen wir beide zu wissen, was der Adrenalinkick in uns ausgelöst hat. Ich frage: „Soll ich mich wirklich erst wieder anziehen?“ und grinse. Als er mein Grinsen erwidert und sich das gerade gewechselte Shirt direkt wieder auszieht und einen Schritt auf mich zukommt. Ich lege meine Hände an seine Taille und überwinde so den letzten Abstand zwischen uns.