22.03.2020
Oma in der Unterhaltungswüste
Abends rufe ich noch mal bei meiner Oma an, um zu fragen, wie es ihr geht. Im Seniorenheim gelten gerade strenge Besuchsregeln, es kommt niemand mehr rein. Die Angehörigen dürfen Dinge abliefern, aber selbst dann wird eine persönliche Übergabe unterbunden. Raus darf man zwar noch, aber auch hier wird davon abgeraten, mit Verwandten spazieren zu gehen, vermutlich, um jedes Risiko, dass man das Covid-19-Virus ins Heim einschleppt, zu vermeiden.
Als ich um kurz nach 19 Uhr anrufe, ist Oma schon im Bett. Just an diesem Tag ist ihr Fernseher kaputt gegangen, so dass ihr ein wichtiger Unterhaltungskanal fehlt und sie aus reinem Frust schon ins Bett gegangen ist. Sie hat zwar noch zwei Bücher, kann sich aber aktuell schlecht darauf konzentrieren. Ich frage nach, ob sie noch genug Lesestoff hat und biete an, im Notfall auch Dinge ins Seniorenheim bestellen zu können, wenn sie mir sagt, was sie gerne lesen möchte.
Sie hat aber beim letzten Spaziergang schon herausgefunden, dass der Buchladen durchaus auch noch geöffnet ist. Man darf zwar nicht mehr rein, aber sie nehmen Bestellungen an und liefern auch ins Seniorenheim. Ich finde den Bücherladen im Netz und sehe, dass sowohl eine telefonische Bestellung als auch eine Bestellung im Onlineshop möglich ist. Oder man klopft halt an die Scheibe und wartet, bis jemand kommt.
Ein Tablet oder dergleichen hat meine Oma nicht. Bisher war es nicht nötig und jetzt, wo man es vielleicht doch sinnvoll einsetzen könnte, ist niemand da, der es ihr erklären könnte und ich kann mir nicht vorstellen, dass hier eine telefonische Anleitung ausreichen würde.
Ansonsten will Oma dafür sorgen, dass sich morgen jemand um die desolate Fernsehsituation kümmert. Außerdem kommt morgen wieder die Tageszeitung, das ist das wichtigste Informationsmedium für sie. Da sie jetzt aktuell über gar keine aktuellen Nachrichten informiert ist, gebe ich ihr noch die Wetteraussichten durch, die ich auf meinem Smartphone abrufe. Wir unterhalten uns noch bis 20 Uhr und so habe ich ihr an diesem tristen Abend zumindest noch ein bisschen die Zeit verkürzt.
(Anne Schüßler)








