Warum ältere Homosexuelle bei der Gleichstellung oft vergessen werden
Wie homosexuelle Seniorinnen und Senioren das Miteinander in der Gesellschaft erleben.
„Wenn wir über Homosexualität sprechen, geraten Senioren sicher oft ins Hintertreffen“, sagt Klocke. Meist liege der Fokus auf den Jugendlichen. Unter anderem, weil man an Schulen alle Jugendlichen erreichen kann. Und auch, weil sie sich dort aufgrund der Schulpflicht dem Mobbing nicht entziehen können. Dabei könnten auch ältere Menschen in vergleichbare Situationen geraten, so Klocke – etwa in Altenpflegeeinrichtungen, die für viele ebenfalls eine Art „Zwangsinstitution“ seien.
(...)
Dass es sehr wohl relevant ist, ob jemand gleichgeschlechtlich liebt, wird auch im Zusammenhang mit dem Thema Pflegebedarf deutlich. Offen mit ihrer Sexualität umzugehen, sei für ältere pflegebedürftige Homosexuelle oft nicht leicht, sagt Cornelia Brandstötter-Gugg. Sie arbeitet am Zentrum für Public Health an der Medizinischen Universität Wien im Bereich der Stiftungsprofessur für Pflegewissenschaft.
Zuletzt hat sie intensiv zum Thema Homosexualität und Pflege geforscht. Schon Sexualität im Alter an sich gilt immer noch als Tabuthema. „Hinzu kommt, dass homosexuelle Menschen zum Beispiel in Pflegeheimen zusätzlich damit konfrontiert sind, dass man dort Heterosexualität als ‚das Normale‘ ansieht und Homosexualität wenig mitdenkt“, so Pflegeexpertin Brandstötter-Gugg.
Das beginnt, wenn einem männlichen Bewohner, über dessen sexuelle Orientierung nichts bekannt ist, beim Tanznachmittag nahegelegt wird, eine weibliche Bewohnerin aufzufordern. Es geht weiter, wenn eine Frau, die gerne in eine Einrichtung ziehen würde, beim Aufnahmegespräch automatisch gefragt wird, ob sie einen Mann hat. Die Möglichkeit, dass sie eine Frau haben könnte, wird gar nicht erst in Betracht gezogen. Oder wenn der gemeinsame Einzug mit ihrer Partnerin verweigert wird.
Fehlt es an Zeit und fühlen sich die Betroffenen nicht sicher, kann es laut Brandstötter-Gugg sogar passieren, dass Homosexuelle ihre Sexualität leugnen und Hinweise darauf – etwa Fotos von sich mit gleichgeschlechtlicher Partnerin oder gleichgeschlechtlichem Partner – verstecken. Dabei sind Beziehungen und Sexualität ein Teil der Identität, die so unter Umständen in Teilen verloren geht.
(...)
Auch strukturelle Probleme führen im Kontext Alter und Pflege zur Benachteiligung homosexueller Personen. „Ist ein Paar nicht rechtswirksam verheiratet, kann die Partnerin oder der Partner von Bestattungsvorbereitungen oder Nachlassplanungen ausgeschlossen werden“, erklärt Brandstötter-Gugg.
Da gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland erst seit 2017 heiraten dürfen, leben ältere homosexuelle Paare vergleichsweise oft unverheiratet zusammen. Sie sind von dieser Regelung also eher betroffen als ältere heterosexuelle Menschen.












