„Ich bin Gott im Wald näher als in der Kirche“
Meine Erfahrungen mit Staatspriestern, Kirchenbeamten und warum ich trotzdem ein gläubiger Mensch blieb und heute ein halber Voodoo-Anhänger bin – EIN GLAUBENSBEKENNTNIS
Warum ich zwischen 1975 und 1978 Theologie studiert habe, genauer gesagt „Religionspädagogik“ ist nicht so leicht zu beantworten. Eines der Gründe war, dass Ich mich schon immer für Spiritualität und Mystik aber auch an Religionen interessiert habe. Die gesamte Hippie-Zeit in den 60ziger und 70ziger Jahren war geschwängert mit fernöstliche Weisheitslehren, I-Ging, Buddhismus, Zen und astrologischen Spekulationen. Zusammen mit der Lektüre von Herrmann Hesse wurde das Mitte der 70ziger Jahre zu einem Startschuss für ein Studium an der katholischen Fachhochschule in Mainz, die sowohl Religionslehrer als auch sogenannte Gemeinde-Referenten ausbildete, also Laien-Hilfskräfte, die sowohl Religionsunterricht erteilten als auch Kirchliche Jugendgruppen betreuten. Schon während meines Studiums kamen mir große Zweifel an meiner Entscheidung und die erschreckende Erkenntnis, dass man nicht unbedingt ein guter Mensch sein muss, um in einer Schlangengrube wie die Kirche dauerhaft zu überleben. Doch nun der Reihe nach:
Ein steinernes Kreuz und ein sterbender Vermieter
Meine Spirituelle Entwicklung lässt sich sehr schnell zusammenfassen: Ich war als Kind sehr gläubig, obwohl meine Eltern mit der Kirche nicht viel am Hut hatten. Die Religion kam vielmehr von außen. Es war das Fluidum des rheinischen Katholizismus, dass in einem 800 Einwohnerdorf nahe bei Bonn buchstäblich in der Luft lag. Vor dem Haus, in dem ich aufwuchs, auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht auch heute noch ein altes steinernes Wegkreuz mit dem obligatorischen Korpus. Das hat mich bereits als Dreijähriger magisch angezogen. Warum hängt da ein nackter Mann mit ausgestreckten Armen und guckt so traurig? Meine Mutter konnte dazu wenig sagen. In Mecklenburg hat man solche Kreuze, wenn es sie im heidnisch wendisch geprägten Mecklenburg überhaupt gab, gründlich entfernt. Es war die alte Vermieterin, die auf meine Fragen freundlich antworte. Vielleicht auch mein Vater, der zumindest in meiner frühen Kindheit sich bemühte einigermaßen menschlich zu sein. Dass änderte sich erst buchstäblich „schlagartig“ als mit der Geburt meiner Schwester das erste große Unglück über mein Leben hereinbrach. Und so erfuhr ich, von wem auch immer, dass Jesus ein lieber Mensch sei, den böse Menschen ans Kreuz geschlagen haben. Aber das er trotzdem nicht tot ist, sondern im Himmel wohnt und auf uns herabschaut. Wie heiß es so schön, man muss das Himmelreich aufnehmen wie ein Kind. Ein weiterer Grund für meine religiöse Faszination liegt garantiert in meinen slavischen Genen. Einer meiner Vorfahren war ein Förderer der mährischen Volksfrömmigkeit und vertrat als Abgeordneter die tiefgläubige Tschechische und polnische Minderheit im ersten deutschen Parlament, das von einer erdrückenden Mehrheit protestantischer, völkischer Abgeordnete dominiert wurde.
Ende der 50ziger Jahre erkrankte der nette Hauswirt, den ich liebevoll „Onkel Mergel“ nannte. Zuerst kam der Arzt und dann der Pfarrer, um dem Totkranken auf dem Sterbebett die letzte Ölung zu geben. Ein Ritual, das fast an eine Voodoo-Praxis erinnert und garantiert viel älter ist als das Christentum. Im ganzen Haus roch es nach altem Urin, Kerzen und Weihrauch. Danach erschallten erschütternde Klagelaute der Angehörigen, die mein Vater, abgebrühter Weltkriegsveteran zynisch mit dem Satz quittierte: „Wie kann man sich so gehen lassen!“ Wird man als 5jähriger mit solchen starken Bildern, Gerüchen und Geräuschen konfrontiert, so bleiben diese eingebrannt im Gedächtnis. Für immer.
Warum lässt Jesus Petrus untergehen?
Im katholischen Kindergarten der Nachbargemeine, die schon zum heutigen Bonn gehörte, faszinierten mich zwei Jahre später die bunten Bilderbibelgeschichten. Am meisten die Geschichte vom wandelnden Jesus auf dem See. Da fand ich Jesus zum ersten Mal ein wenig hinterhältig. Warum lockt er den armen Petrus aufs Wasser und lässt ihn dann wie einen nassen Sack untergehen? Nur um seine Überlegenheit zu zeigen? Ich fühlte mich fortan wie Petrus. In gewisser Weise schwach, vielleicht auch minderwertig. Das war wohl das erste theologische Problem, das mich beschäftigt hat. Kurz vor der Pubertät, so mit 10 Jahren, waren meine religiösen Fantasien so stark, dass ich beim Gebet vor dem Einschlafen, das Gefühl hatte es würde sich noch eine weitere Person, ein Geistwesen im Zimmer befinden. Ich schaute dabei beständig auf ein schlichtes Metallkreuz bis ich das Gefühl hatte ich würde über meinem Bett schweben. Und das alles ohne Drogen.
Dann kam die Pubertät und parallel schwappte die APO Beat und Sexwelle heran. Oswald Kolle, Beatles, halbnackte Frauen auf Kinoplakaten, Miniröcke, Zotige Geschichten von Nachbarjungens. Das ganze Fellini-Programm einschließlich schlechtem Gewissen, wenn mal wieder die Hormone ihren Tribut forderten. Hinzukam ein widerwärtiger, prügelnder, bulliger Deutsch- und Religionslehrer, der uns aus einem Katechismus verlogene Moralpredigten hielt. Er war dafür verantwortlich, dass meine tiefreligiöse Phase, die bei der Erstkommunion noch in Christusvisionen schwelgte, bei der Firmung nur noch eine Farce war und buchstäblich „schlagartig“ endete.
Einmal zog er mich während einer Rauferei, die ich gar nicht angezettelt hatte, an den Haaren nach oben, ein andermal schlug er mir mit der Hand so brutal ins Gesicht, dass meine Brille wegflog und sich noch nach Stunden die widerwärtigen Abdrücke seiner fetten käsigen Hand in meinem Gesicht abzeichneten. Ausgerechnet die Bibel sollte mich zum Rebellen werden lassen. Als ich das Kapitel aus der Apostelgeschichte des Lukas über die ersten Christen las, war mir sonnenklar, dass Jesus mit den heutigen Kirchen und erst recht mit seinen Staatsdienern nicht mehr das geringste gemein haben kann. Eigentlich ein Grund niemals Theologie zu studieren und in den kirchlichen Dienst einzutreten.
Die Staatskirche und ihre Pharisäer
Dennoch blieb ich auch als ich längst nicht mehr in die Kirche ging, dem katholischen Glauben verbunden. Schuld daran war wohl mein großes Interesse an Geschichte und Kunst, die ohne abendländische katholische Kirche undenkbar wäre.
Angefangen hat diese Vermischung von Kunst und Religion schon in der Grundschule, als ich für eine Bildbeschreibung von C. David Friedrich sogar von einem Vertreter des Schulamtes gelobt und mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Sobald ich eine alte Kirche betrat, wurde ich wie der Romantiker Wackerrode von einem Schauer gepackt. Kirche war stets mehr als das ein und ausgehende beamtete Bodenpersonal.
Wie groß war der Schock als ich bei meinem ersten Gemeindepraktikum nach zwei oder drei Semestern auf abgeklärte pseudoprogressive Berufskatholiken stieß für die Kirche in erster Linie nicht Kontemplation, sondern eine Art von sozialpädagogischen Gemeindeleben-Gruppen-Event war. Da passte ich nicht hinein. Ich solle doch lieber Bibliothekar werden oder mir einen Beruf aussuchen, bei dem ich nichts mit Menschen zu tun habe, höhnte einer der Berufschristen. Schlüsselerlebnis in Sachen Bürokratie-Staatskirche, war das vergebliche Bemühen einer durchreisenden Sintifrau ihr neugeborenes Kind taufen zu lassen. Die Frau glaubte, wie bei Strenggläubigen Katholiken üblich, dass ihr Kind ungetauft bei Ableben nicht in den Himmel käme. Der Staats-Pfaffe lehnte es ab das Kind zu taufen, weil die Frau nicht an einem vorgeschriebenen Taufgespräch teilnehmen wollte. Das grandiose herzlose Plädoyer des „Progressiven modernen Pharisäers, der heute seinen gut dotierten Ruhestand genießt, klingt mir noch heute in den Ohren: „Wie komme ich dazu den Aberglauben dieser Frau zu unterstützen!“
Irgendwann hat mich dann der unfehlbare Moralapostel der kirchlichen Moderne selbst am Wickel. Treuherzig und leutselig, wie ich von Natur aus bin, erzählte ich der Gemeindesekretärin, dass ich so gerne im Wald spazieren gehe und mich dort mit Gott inniger verbunden fühle wie in der Kirche. Was heute im Zeichen widererwachter Eremitenfreunde, Pilgerwanderungen und religiös motivierter Naturliebe zur hellen Begeisterung führt, löste damals 1976 einen regelrechten Shitstorm in der Gemeinde aus. Zunächst denunzierte mich die Gemeindesekretärin nach Stasi-Art in dem sie – geistig nicht gerade die Hellste – meine Ausführungen verzerrt ihrem Chef wiedergab. Dann wurde ich zu einem dringenden Gespräch ins Büro des Staatskatholiken zitiert. Die neuzeitliche Inquisition nahm ihren Lauf. Wie ein Personalchef oder besser gesagt moderner Großinquisitor breitet er genüsslich mit zynischem Lächeln die Denunziation seiner Informantin aus und erklärte mir „In der heutigen Kirche werden ziemlich kleine Brötchen gebacken“ und das Religion vor allem einzig aus Gemeindeleben bestände. Dann humpelte er davon. Ein fast symbolischer Akt.
Ich ging nach dem Gespräch wieder in den Stadtwald, der auf dem höchsten Punkt eine Art Kathedrale aus Laubdächern bildete. Dort errichtete ich aus Feldsteinen einen kleinen Altar und betete still ein Vaterunser. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich von den heiligen Hainen der Druiden und den Baumaltären der Santeria-Priester, Voodoo-Hungan und Mambos nichts oder nur sehr wenig gewusst. Bei meiner Handlung folgte ich ganz meiner Intuition. Ein weiterer „Heiliger Hain“ war ein Quellgebiet nahe dem Vorort Frauenstein, das ich „das gelobte Land nannte“.
Gute Seelsorger sind selten – sie sind Selenführer
Mein zweites längeres Hauptpraktikum absolvierte ich auf einem Gymnasium. Mein Mentor versöhnte mich wieder vorübergehend mit der Kirche. Er war Pfarrer im Schuldienst und einer der menschlichsten Pädagogen, die ich kennenlernte. Seine Unterrichtstunden glichen Treffen unter Freunden. Darüber hinaus war er Vertrauenslehrer für die gesamte Schule. Und das in einer Zeit, in der die Schüler fast ausnahmslos in der linken Szene verkehrten und natürlich auch Drogen nahmen. Er hätte auch Buddhist oder Schamane sein können. Ohne ihn wäre ich vermutlich nie Religionslehrer geworden. Später wurde er sogar mein Pfarrer für die Trauung. Zum zweiten Seelenführer in jener Zeit entwickelte sich der schwuler Sozialarbeiter Johannes, der einerseits tiefgläubig war, andererseits in der entsprechenden Gay-Szene verkehrte. Mit seiner Hilfe überwand ich nicht nur die Glaubenskrise während meines Studiums, sondern auch eine schwere Identitätskrise, ohne dass es zwischen uns irgendwelchen sexuellen Handlungen kam. Er war vielmehr der große Bruder, den ich nie hatte, aber hätte haben können. Johannes Vater war im Krieg gefallen und die Mutter eine Kriegerwitwe. Meine Mutter war in gewisser Weise auch eine Kriegerwitwe, da sie ihren Verlobten ebenfalls im Krieg verloren hatte. Für mich war dieser wunderbare Freund fast ein Spiegelbild des Heiligen Johannes. Eine Art Widergänger, auch wenn das auf den ersten Blick übertrieben, wenn gar blasphemisch klingt.
Wir besuchten zusammen eine Mitternachts-Ostermesse, ein spirituelles Erlebnis der besonderen Art, wenn ganz nach heidnischem Brauchtum, Punkt 12 Uhr, begleitet von den Schlägen der Glocke die Osterkerze entzündet wird. Das hatte fast den Charakter ein Damaskuserlebnis. Ich fühlte mich wie jemand, der nach jahrelangem Herumirren durch die Dunkelheit endlich wieder Licht und Freiheit gefunden hat. Ich war im wahrsten Sinne des Wortes „wiederauferstanden“ und begriff, dass man auch als Lebender lebendig begraben und tot sein kann. Nicht von ungefähr haben die Worte „Licht“ im Johannesevangelium eine besondere Bedeutung. „Licht“ war das Hauptelement der spätantiken Mysterienreligionen, deren Anhänger in Griechenland scharenweise zum Christentum übertraten.
Meine Zeit als Religionslehrer endete dramatisch
Dieses Potential an christlichen Glaubensgefühl schmolz während meiner Zeit als Religionslehrer dahin, wie Eis in der Mittagssonne. Nun traten wieder die Staatskirchenbeamten auf den Plan, die Krümmel-Picker, Heuchler und Pharisäer. Mein Start war nicht schlecht. Schwierige Schule im Mannheimer Problemviertel aber nette Kollegen. Anhängliche Schüler, die in mir den blutjungen, bärtigen Junglehrer, eher einen großen Bruder als einen pädagogischen Kirchenvertreter sahen. Dann kam die Gründung der Grünen, an deren Aufbauphase ich stark mitwirkte. Gleichzeitig ging meine Ehe den Bach hinunter. Meine Frau liebte mich nicht mehr, wandte sich anderen Männern zu.
Immer häufiger kollidierte mein Engagement bei den Grünen mit den täglichen Schulvorbereitungen. Dennoch lief der Unterricht einiger Maßen gut. Mein Mentor war zufrieden, doch die Kirchenoberen der Diözese Freiburg missfiel mein pädagogischer Stil. Sie kürzten mit Deputat um ein paar Stunden, stuften mich kurzerhand gehaltsmäßig auf einen Hungerlohn herab und gaben damit nicht nur meiner beruflichen Laufbahn den Todesstoß, sondern besiegelten auch das endgültige Aus für meine Ehe, denn mit 1100 Mark konnte man auch 1980 keine Familie ernähren. Die Kirche als Ehestifter und Vernichter. Mein privates wie berufliches Leben brach zusammen wie ein Kartenhaus. Ich stand kurz davor… nein ich versuchte sogar, allerdings vergeblich, die Türe zu einer anderen Welt zu öffnen.
Dass ich der menschenverachtenden Deutschen katholischen Staatskirche nach meinem Ausscheiden aus dem Schuldienst den Rücken kehrte, verstand sich von selbst. Schon während meines Volontariates bei einer Zeitung fand ich jedoch zu meinem inneren Glauben zurück und stellte erleichtert fest, dass dieser nicht von einer Kirche abhängig ist, aus der der Heilige Geist schon vor Jahrzehnten endgültig ausgezogen ist, wie mir mein prügelnder Religionslehrer und der Staatskirchenpfarrer in Wiesbaden schon hautnah bewiesen hatten.
Den Katholizismus in Frankreich neu entdeckt – Er ist eine andere Religion
Während meiner Kindheit, besonders in der Spätphase entwickelte ich einen starken Glauben an die Heilige Maria. Besonders in jener Zeit, als mein Vater zunehmend gewalttätig wurde und meine Mutter mich nicht schützen konnte oder wollte. Maria wurde zunehmend zu meiner Inneren Mutter, zu einer Seelenführerin, zur einzigen Person, der ich in flehentlichen Gebeten meinen Schmerz mittteilen konnte. Am Ende hat diese mächtige Beschützerin vielleicht sogar mein Leben gerettet, denn nach einer dieser Prügelorgien bekam mein Vater einen schweren, fast tödlich verlaufenden Herzinfarkt und hat dann nie wieder die Hand gegen mich erhoben. Als ich bei C.G. Jung zum ersten Mal etwas über die Archetypen las, entdeckte ich zeitgleich in den „Heiligen“ etwas, das weit über das Christentum hinausstrahlte, weil es viel älter war als die Religion, die in der Römerzeit irgendwo in Nordgaliläa in einem hellenistisch geprägten Gebiet entstand.
Bei meinem ersten Urlaub in Südfrankreich, den ich mir als Redaktionsvolontär buchstäblich vom Mund abgespart hatte, wurde ich auf besondere Weise mit einem starken Marienbild konfrontiert. Es war die Kapelle Notre-Dame de Bon Secours in Nyons, die mich täglich regelrecht in Bann schlug. Sie ist auf einem Felsen über der südfranzösischen Kleinstadt errichtet und überragt sogar die eigentliche Hauptkirche, die sich mitten im Ort befindet. Eigentlich besteht sie aus einem umgebauten alten Wacht- oder Gefängnisturm, dem man mit einer Maßwerkpyramide fast das Aussahen einer kleinen Kathedrale gegeben hatte. Oben an der Spitze weithin sichtbar. Die Maria Bon Secours. Auf gut Deutsch: „Gute Hilfe“. Die konnte ich in jener bewegten Zeit, in der ich wieder bei „Null“ anfangen musste, wirklich gebrauchen.
In Nyons traf ich mich regelmäßig abends mit einem englischen Globetrotter, der in einem Gartenhaus lebte und zahlreiche bunte Vögel beherbergte. Hier lernte ich zum ersten Mal im Leben eine nette Französin kennen. Krankenschwester im dortigen Hospital. Sie war esoterisch angehaucht, sprach etwas englisch und interessierte sich für das chinesische Orakelbuch I-Ging. Ein Urlaubsflirt mit erotischen Einlagen wurde aus der Begegnung nicht aber eine Art wage Ahnung, dass Frankreich in naher Zukunft eine zweite Heimat für mich werden könnte. Ausgelöst wiederum durch eine Frau. Die lernte ich ein Jahr später auf einer Fahrt nach Italien kennen. Eine französische Kunststudentin, die in Paris Filmwissenschaft studierte.
Während ich infolge der Fernbeziehung ständig zwischen Paris und Deutschland pendelte, lernte ich so nebenbei die bedeutenden Kathedralen Frankreichs kennen und vertiefte mich dabei immer mehr in die Welt der Scholastik, die ich während meines Studiums nur oberflächlich gestreift hatte. Die wohl wichtigste Erkenntnis war, dass der katholische Glauben die heidnischen Vorläufer keinesfalls blindwütig verdammte, so wie das später der Protestantismus tat, sondern in ihnen Vorläufer Christi sah. Die Kathedralen Frankreichs mit ihren prächtigen Portalen und ihrem Figurenschmuck sind ein beredtes zu Stein gewordenes Zeugnis dieses Universalgefühls, wenn neben den Propheten auch die Philosophen der Antike und der astrologische Himmel mit den zwölf Sternbildern auftauchen. Bereits in Chartres, einem bedeutenden Marienwallfahrtsort wurde von den Druiden, die dort aus ganz Gallien zusammentrafen, eine keltische Göttin verehrt. Den tiefen Brunnen aus der Keltenzeit gibt es heute noch. Er soll den Schleier Mariens vor der Feuersbrunst bewahrt haben. Startschuss für einen in nur 30 Jahren errichteten Neubau, den man selbst heute mit modernen Geräten nicht in dieser Zeit bauen könnte. Ein Wunderwerk.
Anknüpfend an uralte Sonnenrituale, die man an Menhir-Anlagen in Frankreich wie in Deutschland, ja in ganz Europa nachvollziehen kann, richteten die mittelalterlichen Baumeister die viertgrößte Kathedrale Frankreichs nach der Wintersonnenwende aus. Die berühmten Glasfenster wirken dabei wie Sonnenuhren, wenn ihr Widerschein, gleich einem wandernden Lichtbild den gewaltigen Innenraum erstrahlen lässt. Zeitgleich begann ich mich immer mehr für antike Mysterienkulte, Alchemie, die jüdische Kabbala und schließlich für die Templer und Steinmetzbruderschaften zu interessieren. Damit begann meine 12jährige Freimaurerzeit mit zahllosen Vorträgen, Reden und von mir organsierten Informationsveranstaltungen, die erst um das Millennium herum nach einem ekelhaften Eklat angereichert mit bodenloser Niedertracht abrupt mit meinem Austritt endete. Verbunden mit der bitteren Erkenntnis, dass Wissen oft Perlen vor die Säue ist, Engagement mit Undank belohnt wird und die wahre Freimaurerei eigentlich nur in sich selbst zu finden ist. Das hatten schon vor mir die Freigeister Fichte und Lessing erkannt und sich beizeiten aus dem Staub gemacht.
Kurz nach dem Millennium habe ich noch einmal einen Anlauf genommen, um mit der katholischen Staatskirche ins Reine zu kommen. Gestützt auf mein profundes Wissen in Sachen mittelalterlicher Bauhütten und einem guten Kontakt zu einem Französischen Museum im französischen Flandern bot ich dem Bistum Limburg eine Ausstellungskonzept über den berühmten Baumeister Villard de Honnecourt an, deren Bauhüttenbuch zu den „Nationalheiligtümern“ Frankreichs zählt. Man tat zunächst begeistert, lud mich zu einem Gespräch mit hochrangigen Entscheidungsträgern ins Bischöfliche Ordinariat und lies mich dann buchstäblich – eine besonders perfide, altbewährte Taktik der Kirche – am langen Arm verhungern. Als ich mich beschwerte, wurde ich auf beispiellose Weise verhöhnt. Man unterstellte mir „Wahrnehmungsstörungen“. Das witzige: Die Ausstellung für das Bistum Limburg sollte den Titel „Der Designer Gottes“ tragen. Wenige Jahre später wurde das Bistum durch den Skandal um den „Badewannen-Bischof“ erschüttert. Seine Design-Objekte und die Luxuswohnung sind heute Teil des Diözesanmuseums, bei dem ich vergeblich angeklopft hatte. Hellsichtigkeit ist selten mit beruflichem Erfolg verknüpft.
Zweites Aha-Erlebnis mit Symbolcharakter: Als ich nach einer zweitägigen 55km langen Pilgerwanderung vom Hintertaunus erschöpft in Mariental/Rheingau ankam, an die Klosterpforte anklopfte, um nach der Uhrzeit fragte, schaute mich der Pater mürrisch und misstrauisch an und gab lakonisch die Zeit bekannt. Eine weitere Bitte, ob ich im Haus meine Wasserflasche auffüllen konnte, erfüllte er nicht. Er verwies mich auf die Toiletten draußen vor dem Haus. Die hätten auch einen Wasseranschluss. Die Botschaft war klar: Pilger ist nur der, der sich bei der Behördenkirche vorher anmeldet. Die zweite Botschaft: Diese verlogene Staatskirche hat nicht einmal „Wasser“ = „Quell des Lebens“ zu bieten. In dem völlig verdreckten kleinen Waschbecken war der Hahn so eng montiert, dass ich die Flasche nicht einmal halb voll machen konnte. Wie heißt es so schön bei Lukas 10:
„Kommt ihr in eine Stadt, wo man euch nicht aufnimmt, so geht hinaus auf ihre Straße und sagt: Selbst den Staub aus eurer Stadt, der an unseren Füßen klebt, schütteln wir ab vor euch.“
Eigentlich bin ich heute noch Freimaurer und Mitglied einer unsichtbaren universellen Loge, ein Suchender, ein Wanderer zwischen den Welten, der dem „Unrecht wehrt, wo es sich zeigt“ und „niemals der Not und dem Elend den Rücken kehrt“, wie es in einer Freimaurerformel heißt. Dafür habe ich so manchen Tribut an die Dämonenwelt bezahlt, kann aber morgens beruhigt in den Spiegel schauen. Im Jahr 2011 organsierte ich zusammen mit Kopten und Aramäern, den einzigen erhaltenen Resten der orientalischen Urkirche die größte Demo gegen Christenverfolgung in Frankfurt. Natürlich blieb die mit den Islamisten paktierenden Staatskirchen dieser Veranstaltung fern. Später engagierte ich mich für eine ermordete Jüdin und wurde, nachdem man mich lange genug bespitzelt und durchforscht hatte wegen „Beleidigung“ eines Staatsnahen Reporters angeklagt und verurteilt. Dabei musste ich mich noch in von dem gegnerischen Anwalt wegen meiner lange zurückliegenden Freimaurerzugehörigkeit als „Verschwörungstheoretiker“ beschimpfen lassen. Und das in einem Land, deren führende Köpfe Könige, Philosophen, Musiker (Mozart), Politiker (Gustav Stresemann) und sogar Sozialdemokraten, zum Beispiel der ehemalige hessische Ministerpräsident Holger Börner Freimaurer waren. Mein Ekel gegenüber diesem Land und seinen dummen selbstherrlichen halbgebildeten Eliten ist kaum noch in Worte, wohl aber in Flüche zu fassen.
Was bleibt? Ein innerer Glaube, der sich nicht verändert hat, weil er Teil meines Bewusstseins ist. Angereichert mit der Begabung – mehr Fluch als Segen – schreckliche Ereignisse im Vorfeld zu sehen. Der Glaube an die Kraft der Gedanken, aber auch das Wissen um Mächte und Kräfte, die in allen Kulturen – schon bei Griechen, Ägypter, Juden und Babylonier – mit Respekt behandelt wurden. Das Wissen um Schicksal und Vorsehung, um menschliche Verstrickungen, die oft wie unlösbare Flüche von einer Generation zur nächsten weitergereicht werden. Stichwort: Ahnenkult. Weiterhin das Wissen um alte Kultstätten, die nicht ohne Grund von frühen Christen weiter benutzt wurden, weil sich die Gottheit, die dort früher verehrt wurde, kaum von den christlichen Heiligen, allen voran Maria unterscheidet.
Wie ich bereits in meinem kleinen Sachbuch“ Lots Töchter“ schildere, muss man sich die meisten Religionen wie Flüsse vorstellen, die als Bach irgendwo entspringen aber dann schon zwei Täler weiter Wasser aus der Umgebung aufnehmen. Schließlich Nebenflüssen, die aus einem ganz anderen Gebirge kommen. Mancher Einfluss läuft auch als unterirdischer Fluss, als Traum und Intuition und Schicksalsstrang. Noch bevor ich Freimaurer wurde, ja gar nichts darüber wusste, erfand ich als 12jähriger Knabe in einem Art Phantasiereich eine Art Geheimgesellschaft.
In den letzten Jahren – und hier schließt sich der Kreis – träumte ich von einer Loge, die mitten im Wald liegt, und wo sich regelmäßig Leute zu Ritualen treffen. Erst seit knapp drei Monaten weiß ich, dass es solche Tempel oder Sanktuarien mitten im Wald tatsächlich gibt, nämlich in der Santeria auf Kuba oder im Voodoo-Kult auf Haiti. Auch Bäume werden verehrt und die Kräfte, die in ihnen wohnen. Wie oft habe ich schon vor einem großen Baum gestanden, seine Aura gespürt und ihn voller Ehrfurcht berührt. Im Santeria-Kult und im Voodoo, der leider zu Unrecht mit Vorurteilen behaftet ist, empfinde ich als inzwischen 67jähriger so etwas wie Seelenverwandtschaft. Ich höre gerne – manchmal stundenlang – die wunderbare Musik von RAM, Boukman Eksperienc, Erol Josue oder Yoruba Andabo und vielen anderen, auf die ich täglich stoße. Hier ist alles vorhanden: Glaube, Lebensfreude, Spiritualität und auch die musikalische Qualität kann sich hören lassen. Woher kommt der Voodoo oder die Santeria? Sie sind Ableger der afrikanischen Yoruba-Religion. Die wiederum wurde stark vom antiken Ägypten beeinflusst. Aus dieser spirituellen Quelle wiederum schöpften auch Judentum, Hellenismus und Christentum. Alexandria, der geistigen Schmelztiegel des römischen Reiches beherbergte schon früh die größte christliche Urkirchen-Gemeinde, gegründet vom ersten Evangelisten Markus. Und so ist es kein Wunder, dass die große ägyptische Göttin Isis, ähnliche Attribute besitzt wie die griechische Artemis, die fast lückenlos mit der heiligen Maria verschmolz, in Westafrika zur Oshun der Yoruba wurde, und als synkretistisches Exportgut schließlich in der Karibik landete wo sie in Kuba als Yemaya und auf Haiti, als Erzulie Dantor verehrt wird.
Das Tor zu dieser Welt hat mir die schwarze Madonna von Tschenstochaugeöffnet, als ich mal wieder auf den Spuren meiner slavischen, schlesischen Vorfahren wandelte. Sie gilt als Nationalheilige Polen, ein geschundenes Volk, dem ich mich auch als Oberschlesier trotz aller geschichtlichen Differenzen verbunden fühle. Angeblich haben polnische Auswanderer das Bild der Schutzheiligen nach Haiti genommen. Die Haitianer wiederum sahen in der slavischen Maria, die ursprünglich aus Byzanz kommt, ein Abbild ihrer großen Göttin Erzulie Dantor. Ihre Narben, die vom einem Hussiten-Überfall stammen, konnten die ehemaligen Sklaven ohne Probleme auf das eigene Schicksal übertragen. Aber auch die Kraft und Macht, die in ihrem Bildnis ruht. Wie bei ähnlichen Marienbildern wurde auch in Polen der Frevler hart bestraft. Ähnliche Geschichten sind übrigens auch vom Gnadenbild „Maria vom Siege“, Maria Buchen, von der Maria auf dem Holzberg und von Kloster Mariental überliefert, als ein Maurer nach der Säkularisation die frevelhaften Abrissarbeiten mit dem Leben bezahlte.
So stehe ich nach manchen von Selbstzweifeln begleiteten Lebensreisen wieder an dem gleichen Punkt wie vor mehr als zwei Jahrzehnten, als ich nach dem Tod meiner Exfrau den Königsgaukler von Manfred Kyber las und erschüttert weinte, wenn jener Mann, der nicht mit dem Schwert, sondern mit dem Schild kämpfte, das er stets schützend über andere hielt, müde vom Kampf sich sterbend in die Arme der großen Göttin legt, die am Ende alles sein kann: Parvati, Isis, Artemis, Minerva, Maria, Erzulie Dantor oder Yemaya.