Januar 2021
Handygebrauch im Supermarkt, eine archäologische Exkursion
Als ich vor einem Supermarktregal stehe, macht das Handy in meiner Tasche ein lautes und widerwärtiges Geräusch. Ich denke zuerst, es ist was kaputt, aber bei näherer Betrachtung ruft mich jemand an. Das Handy ist noch neu und um so was Absurdes wie Klingeltöne habe ich mich natürlich nicht gekümmert. Meine Mutter ist dran und möchte, dass ich Kekse mitbringe.
Weil ich mein Handy angefasst habe, fällt mir wieder ein, dass der Umgang mit dem Handy beim Einkaufen zu Beginn der Pandemie, im Frühjahr und Sommer 2020, ein mittelgroßes Problem für mich darstellte. Man fasst im Supermarkt ja immer irgendwelche dubiosen Oberflächen an und dann wieder das Handy. Nach dem Einkaufen wusch ich mir in dieser Zeit nicht nur die Hände, sondern auch das Handy mit Seife. Wenn man schnell ist, geht das Handy davon gar nicht kaputt. (Die verschiedenen hier beschriebenen Defekte sind älter als das Handyeinseifen.)
Erst heute merke ich, dass dieser Konflikt zwischen Handybenutzung und Hygiene aus meinem Leben verschwunden ist. Ich fasse während des Einkaufens mein Handy nicht mehr an. Ich kann mich nur mühsam erinnern, warum und bei welchen Gelegenheiten ich das früher überhaupt im Supermarkt getan habe.
Es muss wohl ungefähr so gewesen sein: Früher war Einkaufen für mich eine Routinetätigkeit, bei der ich mich auf nichts zu konzentrieren brauchte. Ich konnte nebenbei Nachrichten im Messenger beantworten und in der Kassenschlange Twitter durchlesen. Diese Gewohnheiten haben offenbar den Beginn der Pandemie überdauert, sind aber irgendwann im Sommer oder Herbst 2020 verschwunden. Jetzt denke ich beim Einkaufen nur ans Einkaufen und daran, den anderen Menschen im Supermarkt auszuweichen. Eine Kassenschlange zum Twitterdurchlesen gibt es gar nicht, weil ich zu unbeliebten Uhrzeiten an unbeliebten Orten einkaufe. Und vielleicht habe ich auch einfach insgesamt noch mehr Zeit als früher, um ungestört durch “Ereignisse” oder “Sozialleben” aufs Handy zu schauen. Es kann sich also erst gar kein aufgestauter Internetdurchlesewunsch entwickeln, dem ich dann ausgerechnet im Supermarkt nachgeben müsste. Wahrscheinlich wird das neue Handy ein uneingeseiftes Leben führen.
(Kathrin Passig)













