Sie würde sterben. Das wissen alle, weil alle darüber reden. Es gibt niemanden, der nicht darüber spricht. Kein Kaffeetrinken mehr ohne die unterschwellige Frage, ob sie denn schon gestorben sei. Die Menschen – vor allem die älteren Baujahres – zerrissen sich ihre faltige Lippen über dieses eine Thema, das so weltbewegend erscheint wie ein Hurrikan, der ganze Kontinente verwüstet oder ein Tsunami, der eine ganze Inselkette ertränkt. Dass diese eine Person sterben wird, ist keine Nachricht, die irgendwo sehr weit weg passiert, sondern ein Ereignis, das sehr, sehr nah ist. Nur ein paar Straßen weiter.
In einem Einfamilienhaus mit hoch aufgeschossenen Hecken und einem jungen Feigenbaum neben dem schmalen, unordentlichen Kiesweg. Alle kennen dieses Haus, diesen Kiesweg, den Feigenbaum und das verwunschene Schloss, das sich hinter den dicken, sattgrünen Efeuranken versteckt. Ich sehe sie vorbeischleichen. Neugierige Blicke sind gen Fenster gerichtet. Vielleicht erhascht man ja ein blasses, dürres Gesicht hinter dem Glas. Eines, das nach draußen schaut, die Menschen beobachtet, die so widerlich am Gaffen sind. Wonach sie gaffen? Nach Tod. Sie halten Ausschau nach dem Mann in Schwarz, der mit seiner riesigen Sichel in der Hand, von der noch ein bisschen Blut tropft. Sie wollen sie sehen, diese unheilbringende Kreatur, der ihr furchtbares Gesicht nur den Sterbenden offenbart. Vermutlich erwarten sie tatsächlich, dass sie auf dem Kiesweg dahinschlendern zu sehen. Bei gleißendem Sonnenschein, bester Laune pfeifend mit Flipflops an den Füßen.
Der nahende Tod macht die Menschen neugierig. Wann passiert das schon mal, dass er sich ankündigt? Sonst kommt er mit einem lauten Schlag, der sofort wieder verklingt. Er kündigt sich nicht an, fällt einfach in die Häuser ein und sorgt für ein stummes Ableben im Schlaf. Man kann es kaum jemandem verdenken, dass die ganze Zeit darüber geredet wird. Der Tod ist spannend, vor allem für die Betagteren unter uns, denen diese endgültige Bekanntschaft in nicht allzu weiter Ferne bevorsteht. Seine Unantastbarkeit macht ihn so furchtbar interessant. Man will immer das, was man nicht bekommen kann. Jetzt wollen alle nur den Tod anfassen, in berühren, sich davon überzeugen, dass er wirklich so kalt ist. Schließlich ist er zu Gast. In einem Haus. Ganz nahe. Dabei durch den Garten, die Zimmer, den Keller zu streifen und den richtigen Moment abzupassen.
Mich ekelt all das an. Der Hype und der Tumult um diesen nahenden Fremden, der zu feige ist sich zu zeigen. Das Gerede und Getuschel hinter vorgehaltenen Händen geht mir gegen den Strich. Vor allem, das es überall passiert. Noch mehr, dass es vor meinen Augen passiert. Am aller meisten, dass es meine Schwester ist, über die sie reden.
Wir wussten alle, dass sie irgendwann sterben muss. Früher als die anderen Menschen. Vermutlich noch als Kind. Und sie hat uns alle überrascht. Schließlich gibt es sie noch. Sie lebt jetzt schon drei Jahre länger als alle erwartet haben. Em hat es allen gezeigt und mit hoch erhobenem Kopf lesen und schreiben gelernt wie die anderen Kinder. Sie hat sich im Dreck gewälzt wie die anderen Kinder. Sie hat einen Jungen auf die Wange geküsst, was die anderen kleinen Mädchen sich noch nicht getraut haben. Aber das ist jetzt vorbei. Em ist müde. Und das schon seit einer ganzen Weile. Seit zwei Monaten. Seit sie von der Schule nach Hause kam und das weiße Waschbecken rot spuckte.
Wir wussten die Krankheit würde zurückkommen. Wir sind zwar Optimisten aber nicht unrealistisch. Em ist nicht geheilt, nur weil sie ein paar Jahre gut durchgekommen ist. Es gibt Sachen die kann man nicht heilen, kann man nicht ändern. Das Monster in ihr hat nur ein wenig geschlafen. „Mami, es ist wieder wach“, hat Em im Krankenhaus gemurmelt und sich mit ihrer ganzen Hand an dem Zeigefinger meiner Mutter festgehalten. Wir wussten alle, was sie meinte. Als ich eine Minute später aus dem sterilen, weißen Zimmer wankte, erbrach ich all meine Wut, Trauer und Verzweiflung in den ersten Mülleimer, der mir begegnete. Er nahm alles stumm hin, wie man es von einem Mülleimer so erwartet.