Sammelbeitrag: Wie wir 2018 die Fussball-WM der Herren tippen
Bei der Arbeit nutzen wir einen kostenlosen Online-Tippdienst. Man hat dort sein Konto und nimmt an den Sachen teil, auf die man Lust hat. Also z.B. Bundesliga, oder eben EM oder WM.
Früher hatten wir einen papiernen Plan, so eine Art Holz-Excel. Man trug seinen Tipp ein und ein armer Freiwilliger musste dann die Punkte von Hand auszählen. Lustig daran war, dass jeder die Tipps der anderen sehen konnte und man sich gegenseitig vorab mit großen Behauptungen verhöhnen konnte. Wenn es jemand zu ernst nahm, bezichtigte er die Kollegen, seinen Tipp “geklaut” zu haben. Man konnte seinen Tipp auch nicht mehr ändern, wenn man ihn einmal an die Wand geschrieben hatte, sonst wurde man sehr verhöhnt. Deshalb tippte man entweder sehr kurz vor dem Spiel oder eben uninformiert.
Mit der Online-Tipprunde ist alles anders. Man sieht die Tipps der anderen aus der Runde erst nach dem jeweiligen Spiel. Man kann also nur hinterher “haha, verloren” zu den Verlierern sagen, was nur halb so lustig ist wie das Geplänkel vorab.
Weil man die Tipps online noch bis zum Anstoß korrigieren kann, unternehme ich tatsächlich Anstrengungen, auf dem Laufenden zu bleiben: wie fit ist Mo Salah, hat Özil aufgehört zu schmollen etc. etc.. Ich tausche kurz vor dem Spiel noch WhatsApp-Nachrichten mit Kollegen aus “Ich ändere und setz auf Marokko, hatte eine Eingebung beim Duschen”. Manche Kollegen ändern dauernd ihre Tipps, bis das Spiel losgeht. Andere tippen vor Beginn des Turniers alles durch, sogar die Finals, bei denen man nicht mal weiß, wer spielen wird. Bislang hat sich keine Methode als eindeutig besser erwiesen.
Als erstes wird zwischen Küche und Serverraum in unserer Firma ein WM-Spielplan aufgehängt. Auf russisch. Mit kyrillischen Buchstaben. Da mein Interesse für Fußball etwa so groß ist wie das der meisten Menschen, sagen wir, an Modellfliegen, stört es mich nicht, dass ich allenfalls ein oder zwei Mannschaftsnamen entziffern kann.
Als nächstes gehen intensive Flurgespräche los, wie man tippen soll: Auf einem großen Zettel (der russische taugt dafür aus naheliegenden Gründen nicht), mit einem Online-Tool über einen, wie viele meinen, dubiosen Dienst, “der nur die E-Mailadresse haben will” oder anders. Es kommt anders: Es wird eine Google-Tabelle angelegt, zu der der Link herumgeschickt wird. Man soll seinen Tipp dort eintragen. Auf Vertrauensbasis! Ich nehme an, dass unsere organisierenden Studenten regelmäßig (alle fünf Minuten oder so) Screenshots machen.
Ich öffne die Tabelle. Tja. Wir sind schon ziemlich viele Mitarbeiter! Meinen Namen finde ich ziemlich weit rechts. Dann kann ich gleichzeitig nicht mehr sehen, wer gegen wen spielt, weil die Spielpaarungen ganz links stehen. Ich tippe ein bisschen vor mich hin, gebe aber schnell entnervt auf. Außerdem ahne ich schon, dass ich wieder wie bei der letzten WM meistens vergessen werde zu tippen. Deswegen schreibe ich in das oberste Tippfeld in Zeile 4 “=D4”. In der Spalte D tippt der Kollege, der beim letzten Mal gewonnen hat. Dann ziehe ich mit der Maus das markierte Feld nach unten, so dass sich die Berechnung fortsetzt.
Der “Schwindel” fliegt auf, weil der Kollege vergisst, bei einem Spiel was einzutragen. Bei mir bleibt auffälligerweise das gleiche Feld leer. Ich trete schon jetzt meinen eventuellen Gewinnanteil an den nächstbesten Kollegen ab. Ein paar Tage drauf wird ein Zwischenstand herumgeschickt. Ich ändere meine Tabelleneinträge der noch ausstehenden Spiele auf den Kollegen, der mit seinem Tipp bislang am besten dasteht. Man belobigt mich, dass ich nunmehr nicht mehr das Gleiche tippe wie Kollege ”D”. Ich sage: “Schau mal genau hin …” Und trete erneut alle möglichen Gewinne ab.
Für die Kolleginnen und Kollegen in der Kleinstadt hat jemand uns bei einem Online-Dienst angemeldet, ähnlich wie Mia es beschreibt. Es sind so viele Tipps abzugeben, oh weh! Mit meiner Fußball-Kompetenz verhält es sich folgendermaßen: Bei “Lewandowski” denke ich an den deutsch-jüdischen Komponisten und seine Psalmvertonungen, mittlerweile habe ich aber verstanden, dass es einen gleichnamigen Fußballer gibt, der wohl recht bekannt ist.
Ich tippe alle Spiele in einem Rutsch durch und orientiere mich dafür recht eng an den ebenfalls auf der Plattform angegebenen Wettquoten, dennoch liege ich nach den ersten Spielen auf Platz 23 von 25. Einsatz waren fünf Euro, drei davon sind vorgesehen für Getränke bei einem gemeinsamen Fußballgucken.
Mit den Kollegen aus UK tippe ich ganz anders, total untechnisch: 10 Pfund Einsatz, alle Länder werden auf Zettel geschrieben, jeder zieht verdeckt einen Zettel, auf meinem steht “Senegal”.
Immerhin ist Senegal gerade auf dem Weg ins Achtelfinale, oder?
Zu dieser Weltmeisterschaft bin ich leider nur zu einer einzigen Tipprunde eingeladen. Vor vier Jahren waren es noch derer drei. Die Tipprunde läuft über eine Webseite unter fifa.com, es scheint sich also um das hochoffizielle Tippspiel der FIFA zu handeln. Eingeladen wurde ich von einem aus den USA stammenden Bekannten mit italienischem Nachnamen, der an einer polnischen Uni lehrt. Man darf also einiges an internationalem Flair erwarten.
Umso enttäuschter bin ich, als ich mich am Tag des Turnierbeginns bei der Webseite registriere, um erste Ergebnisse einzutragen: Die Tippabgabe ist bereits geschlossen! Von anderen Online-Tippspielen bin ich es gewohnt, dass man zumindest bis zum Beginn des jeweiligen Spiels tippen kann und bei den kommerziellen Wettanbietern gegebenenfalls sogar, solange das Spiel noch läuft.
Um mich ein wenig über diesen Fehlschlag hinwegzutrösten, logge ich mich in mein Hörerkonto beim RBB-Radiosender Radio 1 ein. Dort nehme ich seit Jahren am Bundesligatippspiel teil und natürlich gibt es dort auch eines für die WM.
Der Vorteil ist, dass ich mit den Modalitäten dieser Webseite bestens vertraut bin und Tipps problemlos auch auf dem Smartphone abgeben kann. Der Nachteil ist, dass unter den rund 9000 Teilnehmern dieser Tipprunde sicher auch einige Freunde und Bekannte sind, ich aber in dieser Horde quasi für mich allein tippe.
(Mia Culpa / Markus Winninghoff / Molinarius / Virtualista)