4. bis 6. Juli 2017
Ohne SIM ist schlimm
48 Stunden war ich auf Entzug. Kein mobiles Netz.
Am Abend des 4. Juli nehme ich mein Handy aus der Hosentasche. Ganz normal, wie etwa alle fünf Sekunden. Ich gucke drauf – es gibt eigentlich gar nichts zu gucken – und sehe auch auf den ersten Blick nichts Besonderes. Aber irgendetwas ist anders. Oben links steht nicht mein Netzanbieter mit den Punkten der Empfangsgüte davor, sondern “Ungültige SIM-Karte”. Wie, ungültige SIM-Karte? Bis eben war sie doch noch gültig. Mir schwant Böses, und ich soll nicht enttäuscht werden.
Ich suche etwas Dünnes, Stabiles, um die kleine Schublade, in der die SIM-Karte steckt, herausbefördern zu können. Das erste ist zu spitz, das zweite zu dick, mit dem dritten Teil geht es einigermaßen. SIM-Karte raus, mit einem trockenen Lappen abwischen und mal den SIM-Kartenschacht mit Druckluft aus dem Kompressor ausblasen. Das ist nicht unbedingt gut, weil sich plötzlich das Display auf Höhe des Schachts nach außen wölbt. Vermutlich habe ich gerade eine astreine Display-Demontagetechnik gefunden, ich erkunde das aber nicht weiter.
SIM wieder rein, Handy einschalten. Geht nicht. Ausschalten, SIM wieder raus, noch mal wischen. Kräftiger! SIM wieder rein (Oh, vergessen auszuschalten, egal.) Immer noch nicht. Das Handy der Frau muss her: Überkreuz-SIM-Kartentausch. Siehe da: In ihrem Handy das gleiche Problem. Meins geht mit ihrer Karte. Damit wäre der Super-GAU kaputtes Handy kurz vor der Vorstellung der neuen iPhones (ich bin dieses Jahr wieder “dran”) wohl erst mal abgewendet.
Also wende ich mich an meinen Provider, die Telekom. Es ist übrigens 21:45 Uhr. Es gibt einen Chat. Video geht nicht, weil an dem Macbook die Kamera abgeklebt ist. Also Tipp-Chat. Der Button geht nicht (im Chrome-Browser). Ich kopiere den Link in Safari. Wieder kein Erfolg. Dann Vivaldi, der seit neuestem meine Gunst hat. Der Button lässt sich nun anklicken, aber: “Sie können uns im Chat während der angegebenen Uhrzeiten erreichen.” So oder so ähnlich bekomme ich zu lesen. Die angegebenen Uhrzeiten sind 7:00 Uhr bis 23:00 Uhr, es ist kurz vor 22:00 Uhr. Ich fühle mich zum Äußersten genötigt: Einem Anruf der Hotline. Aber wider Erwarten komme ich schnell dran und hab alsbald einen freundlichen und kompetent wirkenden Herrn am anderen Ende der Leitung. Name, Geburtsdatum, Telefonnummer sind schnell erfragt. “Ja, da kann ich Ihnen eine neue Karte zuschicken.” Ich rechne kurz: Vor übermorgen wird das nichts. “Kann ich nicht in so einen Shop gehen und mir eine holen?”, frage ich. “Ja, klar, wenn Sie den Weg auf sich nehmen wollen?” Kein Problem, ich bekomme noch die nächstgelegenen Shops genannt. Danke, Tschüss, Gute Nacht.
Am 5. Juli muss ich ohne funktionierendes Handy aus dem Haus gehen. Allein die ganzen Pokémon, die ich nicht fangen kann! Kein Stau-Wordfeud und so weiter. Mir fehlt was. Im Büro werde ich ab 9:40 Uhr hibbelig. Um 10:00 Uhr bekomme ich meine neue SIM-Karte. Ich bin der erste an diesem Morgen im Telekom-Shop in den Schönhauser Allee-Arcaden. Dass ich den Weg ohne mobiles Gerät finde, beflügelt mich ein wenig.
“Ja, da muss ich Ihnen nun eine Sicherheits-SMS auf Ihr Handy schicken, den Code darin brauche ich, um in das System zu kommen.”, weist mich der junge Azubi an. “Das mit der SMS könnte ohne funktionierende SIM-Karte aber schwierig werden.” – “Hm.” – “Jo, hm.” Lange Rede, kurzer Sinn: Es gibt keine Möglichkeit, in dem Shop in das System zu kommen, solange man mir nicht an eine zu meinem Vertrag gehörende Nummer eine SMS schicken kann. Ich bekomme eine SIM-Karte per Post, vertröstet man mich. Mit Glück, so meine Berechnungen, ist sie wenigstens genau so schnell da, wie wenn ich sie über die Hotline bestellt hätte. Aber diese Enttäuschung! Diese verschwendete Zeit! Die unnötig gekauften Fahrkarten!
Geknickt trotte ich von dannen. Der Himmel ist nun noch grauer als vorhin. Mich nerven bereits die ersten Gestalten, die provozierend ihr Drecks-Handys vor ihre Nase halten, nur um mich zu ärgern! Denen zeige ich’s und logge mich wenigstens kurz im Schönhauser Allee-Arcaden-WLAN ein, was sofort funktioniert, kaufe online ein Kurzstreckenticket und begebe mich direkt in das Büro. Ich ziehe keine mobilen Daten ein.
Der Tag vergeht. Ich habe einen Termin jenseits von Halensee und drucke mir dafür AUF PAPIER eine Wegbeschreibung aus. Das habe ich zuletzt vor 5 Jahren gemacht! Auf dem Rückweg von dem Termin, wo ich mit der BVG hinfahre, muss ich MANGELS NETZ Fahrkarten am Automaten kaufen. Wie tief bin ich gesunken, denke ich, und werfe ein paar Münzen in den Becher eines Obdachlosen, der zweifellos größere Sorgen hat als ich. Oder auch nicht? Wer weiß.
Am Morgen des heutigen Tages gewöhne ich mich langsam an den Zustand. Ich habe noch ein Notfall-Handy, dessen Nummer nicht mal ich kenne. Das nehme ich mit. Ansonsten bin ich nicht erreichbar. Das wäre eigentlich gar nicht schlecht gewesen, weil ein Termin am Vormittag so halb platzt. Noch eigentlicher ist es aber manchmal gar nicht so schlecht, nicht erreichbar zu sein, denke ich, wo der Termin doch eher unangenehm gewesen wäre.
Feierabend. Ich fahre durch die Stadt, erst noch eine Runde Modellfliegen, dann nach Hause. Ich habe schon vergessen, wie das ist mit diesem Online. Denn ich fahre auf einem mir unbekannten Weg und lasse mich dabei von einer offline funktionierenden Navigations-App leiten, die sich noch auf meinem Handy befindet. Nimm das, SIM-Karte!
Ich komme nach Hause und öffne den Briefkasten. Yeah! Die Telekom schreibt mir. In einem braunen großen Umschlag steckt ein kleinerer weißer. Darin finde ich eine bereits aktivierte SIM-Karte, sowie Pittje Puck PIN und PUK. Wenn ich das richtig sehe, könnte damit jeder, der dieses Umschlags habhaft wird, fröhlich mit seinem Handy, aber meinem Vertrag rumsurfen und telefonieren und ich hätte immer noch keine neue SIM-Karte.
Warum das sicherer ist, als wenn ich in einen Laden gehe, leibhaftig vor einem Mitarbeiter stehe, den Personalausweis gezückt, das Handy in der Hand, alle Vertragsdaten abrufbereit, ist mir ein schier unlösbares Rätsel. Über Twitter erfahre ich, dass man es bei der Telekom zwar praktisch fände, in einem Shop den Kunden mit einer neuen SIM-Karte aus seinem Jammertal zu retten, aber das derzeit nicht wieder einführen werde.
Endgültig zerstörte alte Karte
Noch rätselhafter ist mir allerdings, warum man überhaupt noch eine SIM-Karte in ein Handy stecken muss. Die Chips in den Karten sind überall die gleichen, nur die Programmierung ist anders. Das kommt mir doch sehr anachronistisch vor, und sollte sich längst mit einem Zugangscode des Providers softwaretechnisch lösen lassen. Wie froh man wohl bei den Handy-Herstellern wäre, eine weitere Öffnung im Gerät verschließen zu können und mehr Platz für tollere Hardware nutzen zu können.
(Markus Winninghoff)










