Interview mit Peter Bohn: "Die Weinbranche in Sachsen war revolutionär in den 1990er Jahren"
Wie steht es um den Sachsenwein? Diese Frage kann wohl am besten ein Experte beantworten, der das Anbaugebiet kennt und zugleich einen Blick von außen darauf hat. Der in Meißen lebende Branchenkenner Peter Bohn, langjähriger Marketing- und Vertriebschef von Schloss Proschwitz und Chef des Wormser Weinhandelshauses P. J. Valckenberg, schildert im Gespräch mit dresdenwein.de in ziemlich klaren Worten seine Sicht der Dinge und gibt Einblick in seine jetzige Arbeit. Fazit: Sachsens Winzer haben noch viel Arbeit vor sich, wenn sie gegenüber anderen deutschen Anbaugebieten aufholen wollen. Derzeit stockt es, meint der Fachmann.
Peter Bohn im Weinberg der Familie in Meißen - hier steht Weißburgunder. - Foto: Jan-Dirk Franke
Dresdenwein.de: Sie waren 15 Jahre Marketing- und Vertriebschef bei Schloss Proschwitz. Seit gut drei Jahren führen Sie nun die Geschäfte im Wormser Weinhandelshaus P. J. Valckenberg. Was fällt Ihnen heute auf, wenn Sie mit dieser Außensicht auf das Weinbaugebiet Sachsen schauen? Wie schätzen Sie die Entwicklung ein?
Peter Bohn: Naja, ich schaue ja nicht nur von außen drauf, ich wohne nach wie vor mittendrin. Aber klar: Man betrachtet die Dinge schon anders, wenn man, umgeben von hunderten Weingütern, im größten Anbaugebiet Deutschlands sitzt und dazu noch viel unterwegs ist in der Welt. Man ordnet die Dinge dann anders ein. Ich meine, dass in Sachsen Großes entstanden ist – mit Begeisterung, Leidenschaft und zum Teil auch mit Geld und Fördergeld, vor allem aber mit dem Herzen. Aber seit Ende der 2000er Jahre gibt es nicht mehr die Dynamik. Es entstehen nach wie vor neue Dinge. Aber neu heißt nicht automatisch, dass auch die Qualität einen Schritt nach vorn macht. Aber um die geht es substanziell – gerade bei den Preisen, die wir in Sachsen haben – und nicht um Coolness, den Auftritt oder die Show. Die Weinbranche in Sachsen war revolutionär in den 1990er Jahren und zu Beginn dieses Jahrhunderts. Heute finde ich jedoch in ganz Deutschland solche revolutionären Zellen. Wenn ich mir zum Beispiel anschaue, was in der Pfalz gemacht und wie investiert wird – etwa bei Lucas Krauß, dem Weingut Pflüger oder seit vielen Jahren bei Markus Schneider, das ist erstaunlich. Und von daher würde ich sagen, ist die Aufholbewegung in Sachsen ins Stocken geraten. Die Winzer müssen mehr in die Qualität investieren. Wofür ich gar kein Verständnis habe, ist, wenn bei diesem Preisniveau und Anspruch Rebsorten wie Phönix oder andere pilzresistente Trauben sortenrein ausgebaut und auf den Markt gebracht werden.
Dresdenwein.de: Was stört Sie an den Piwis?
Peter Bohn: Wenn wir seriöse Weine wollen, dann reden wir über Riesling, Spätburgunder, Weiß- und Grauburgunder, aber nicht über so einen Schnickschnack.
Dresdenwein.de: Was verbinden Sie mit dem sächsischen Wein?
Peter Bohn: Ich verbinde ihn zuerst einmal mit Liebe und Leidenschaft. Ich durfte hier viel ausprobieren, lernen und erleben. Ich bin nahe einer anderen Weinbauregion geboren, in Rom bei Frascati – auch da gibt es nette Weine. Was mich aber von den Menschen her, vom Weinmachen und von der Landschaft bis heute immer begeistert hat, ist das Elbtal. Gerade deswegen möchte ich es noch einmal betonen: Hier ist mehr drin. Heute wird mehr über technische Lösungen, über Marketing und Piwis gesprochen als über das, was man aus Spätburgunder, Riesling oder Traminer rausholen kann. Dass das möglich ist, sieht man bei Klaus Zimmerling, bei Martin Schwarz und hier und da bei Schloss Proschwitz oder Karl Friedrich Aust. Aber da muss mehr kommen.
Dresdenwein.de: Sie wohnen nach wie vor in Meißen und nicht in Worms. Was hält Sie eigentlich hier?
Peter Bohn: Die Landschaft, die Familie, die Freunde, die Ruhe. Als ich 1996 herkam, hatte ich weder Freunde noch Bekannte in Sachsen. Trotzdem hatte ich keinen einzigen Tag Heimweh. Faszinierend fand ich, dass damals die Strukturen noch nicht eingefahren waren. Das war auch für den Weinbau wichtig. In Sachsen konnte man viel Neues ausprobieren. Einiges ging schief, aber dann hat man etwas anderes versucht. Ein solches „try and error“ wird jedoch immer schwieriger, je gefestigter die Strukturen sind. Die Betriebe trauen sich dann nicht mehr, vom eingeschlagenen Weg abzuweichen. Aber genau das müssen sie tun. Probieren, auf die Nase fallen, wiederaufstehen, etwas Neues machen. Daraus wird man schlau.
Im Elbtal ist nach der Wende in Sachen Wein Großes entstanden, die Winzer müssen heute aber mehr in Qualität investieren, findet Peter Bohn.- Foto: Jan-Dirk Franke
Dresdenwein.de: Können Sie mal ein Beispiel dafür nennen?
Peter Bohn: Klar. Bei Proschwitz waren das damals die ersten Barriques. Wir haben dann Dornfelder ins Fass gelegt und daraus sächsischen Portwein gemacht. Und wir haben die Scheurebe knochentrocken ausgebaut und damit ein neues Gefühl für diese Rebsorte in Deutschland geschaffen.
Dresdenwein.de: Sie leiten ja eines der großen Weinhandelshäuser in Deutschland mit angeschlossenem Weingut, das ist etwas anderes, als nur eine einzige Marke zu vertreten…
Peter Bohn: Ja, das ist es mit Sicherheit. Ich würde sagen, es ist eine der komplexesten Aufgaben, die es im Weingeschäft gibt, weil Sie jedes einzelne Segment verantworten müssen. Wir exportieren in insgesamt 24 Länder, vor allem nach Amerika, Japan, in das Baltikum und nach China. Valckenberg hat eine Niederlassung in den USA. Das heißt, Sie müssen dort die Mitarbeiter und deren Denkweise verstehen und Strukturen schaffen. Ich war erst vor kurzem in China. Jede Region innerhalb dieses Landes hat unterschiedliche Gewohnheiten, Ansprüche, Geschichten. Und dort Botschafter für deutschen Wein zu sein und gleichzeitig das Kaufmännische nicht aus den Augen zu verlieren, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Die zweite Säule ist das Importgeschäft. Wir importieren aus sieben Ländern Weine und repräsentieren natürlich auch deutsche Weine. Und dann haben wir auch noch das Weingut Liebfrauenstift, das seit über 200 Jahren zum Unternehmen gehört. Ein weiteres Standbein ist die Sektkellerei am Turm, die Valckenberg mehrheitlich besitzt. Das ist ein hoch komplexes Geschäft. Das schafft man nur mit einer guten Mannschaft. So etwas funktioniert nicht als One-Man-Show. Mich fasziniert das: Wein, Weingüter, Kunden und Mitarbeiter zu einer Einheit zu verbinden. Hört sich ein bisschen spirituell an, ist aber so.
Dresdenwein.de: Sie sind viel im Ausland unterwegs. Wie sieht man dort den deutschen Wein?
Peter Bohn: Er kommt immer besser an. Wir dürfen dabei aber nicht vergessen, dass auch andere Länder nicht schlafen. Genau deshalb fahren wir mit den ausländischen Gästen, die wir haben, nicht nur an die Mosel, die Pfalz und in den Rheingau, sondern auch nach Berlin und München. Ich glaube nämlich, wir Winzer vergessen oft, den Leuten zu zeigen, was Deutschland eigentlich bedeutet. Deutschland war selten so attraktiv wie heute und beim Wein lange Zeit nicht so spannend wie jetzt. Und das muss man rüberbringen. Dazu reicht es nicht, drei Weingüter zu zeigen und etwas über Restsüße, Fläche und Böden zu erzählen. Man muss mit den Gästen auch mal in Berlin durch die Kneipen ziehen und erleben, wie die Menschen dort den Wein zelebrieren. So schafft man Faszination.
Ein Bild aus vergangenen Proschwitz-Tagen, entstanden 2010 auf dem Schlossgelände. Ein Jahr später verließ Peter Bohn Sachsens größtes privates Weingut. - Foto: E. Büscher/DWI
Dresdenwein.de: Sie haben im Weingut Liebfrauenstift erst einmal das Sortiment zusammengestrichen, jetzt werden gerade mal drei verschiedene Weine produziert, alles Rieslinge. Das ist sehr mutig…
Peter Bohn: Das war eine der von allen Seiten am schnellsten und begeisterndsten aufgenommenen Entscheidungen. Bei 13 Hektar elf verschiedene Weine zu produzieren, war einfach zu viel. Ich habe Eigentümer, Mitarbeiter und Leute in der Branche gefragt, welche Weine wir machen – niemand konnte sie mir auf Anhieb alle aufzählen. Und um ein Weingut im internationalen Geschäft darzustellen – Liebfrauenstiftweine gibt es inzwischen in acht Ländern – müssen sie das Sortiment in einem Satz erklären können. Das ist das Apple-Prinzip. Wenn Sie 20 Sätze brauchen, hört ihnen keiner mehr zu. Wir machen einen Lagenwein, der dem Großen Gewächs entspricht, und zwei Gutsweine – trocken und halbtrocken als Reminiszenz an den Export, denn in Amerika werden mehr restsüße Weine getrunken als trockene. Wir können damit nun effizienter und qualitätsorientierter arbeiten als wenn vorher, als wir elf Weine voneinander abgrenzen mussten. Ein 13-Hektar-Weingut braucht auch nicht mehr Weine. Die Amerikaner haben uns oft angesprochen, wenn wir das Große Gewächs erklärten, weil für sie selbst das schon kompliziert genug ist. Wir haben dann immer mal folgenden Witz zu hören bekommen: Was machen die Deutschen, wenn sie am Ende des Tunnels Licht sehen? Die Amerikaner sagen: Die Deutschen machen den Tunnel länger. Und so scheint es manchmal.
Dresdenwein.de: Können Sie einmal erklären, was den Liebfrauenstift-Riesling auszeichnet?
Peter Bohn: Da, wo die Reben heute stehen, lag einst der Rhein an. Das heißt, hier befand sich Schwemmland. Ein kleinerer Fluss, der aus der Pfalz kam, brachte noch roten Sandstein mit, der sich ablagerte. Dadurch entstand ein Boden, der sich von den umliegenden Flächen deutlich unterscheidet. Aufgrund der Mauern, die das frühere Kloster umgeben, ist die Lage zudem geschützt. Das führt zu einer relativ eigenständigen Sensorik. Die Wein haben Schmelz und Fruchtigkeit. Es sind keine stahligen Weine, sondern weiche, saftige Rieslinge.
Dresdenwein.de: Die „Liebfrauenmilch“ hat hier ihren Ursprung. In den 1970er, 80er und 90er Jahren wurden unter diesem Namen von diversen Kellereien aberpappig-süße deutsche Weine als billige Supermarktmarktware verscherbelt. Wirkt das schlechte Image der „Liebfrauenmilch“ eigentlich immer noch nach?
Peter Bohn: Die Liebfrauenstiftweine haben damit ja nichts zu tun. Das Weingut ist angesehen, sie finden unsere Weine in deutschen Sterne-Restaurants, in Schweden oder in New York – da gibt es kein Imageproblem.
Wein in einem Berliner Kaufhaus: Sachsen muss aufwachen und sich vergleichen, wenn man Wein über die Landesgrenzen hinweg verkaufen will, meint Peter Bohn. - Foto: Jan-Dirk Franke
Dresdenwein.de: Rheinhessen ist das größte deutsche Weinanbaugebiet. Nimmt man das kleine Sachsen dort überhaupt wahr?
Peter Bohn: Kaum. Man sieht höchstens mal eine Flasche Proschwitz oder Zimmerling, aber der Verkauf ist schwierig. Wegen der Preise, die sich deutlich abheben vom übrigen Niveau, geht das nur bei Weinen, die herausragend sind. In Rheinhessen und in der Pfalz bekommen Sie viele Weine zu einem sehr fairen Preis. Das Angebot ist gigantisch und viele Weine sind wirklich sehr schön. Die sächsischen Weine indes kosten im Einstiegsbereich teilweise das Doppelte. Da muss Sachsen sich vergleichen und aufwachen, wenn man über die Landesgrenzen hinweg verkaufen will.
Dresdenwein.de: Ihre Familie hat auch einen eigenen kleinen Weinberg hinter dem Haus in Meißen. Bleibt da überhaupt noch Zeit dafür?
Peter Bohn: Nein, das macht der Schwiegervater. Und die Kinder müssen dann mit ihren kleinen Händen die Trauben selektieren. Nein, natürlich nicht [lacht]. Es sind lediglich 200 Stöcke. Im ersten Jahr sind sieben Flaschen dabei rausgekommen, dieses Jahr werden es etwa 100 Halbliter-Flaschen.Wir haben deshalb Weißburgunder gepflanzt, weil es ein sehr steiler Weinberg steht, der viel Sonne abbekommt. Im Übrigen ist der Weißburgunder für mich die in Sachsen am besten adoptierte hochwertige Rebsorte. Das Ganze ist natürlich nicht gewerblich, sondern nur zum privaten Vergnügen.
Dresdenwein.de: Was mögen Sie selbst am liebsten?
Peter Bohn: Eleganz. Pinot noir aus dem Burgund sowie Bordeaux. Gerade im Bordeaux findet man abseits der ganz großen Namen tolle Weine. Neben den Rotweinen mag ich frische, elegante Rieslinge, überwiegend trocken wie Große Gewächse, aber auch restsüß, wie sie etwa von der Mosel kommen.
(Das Gespräch führte Jan-Dirk Franke, Wirtschaftsjournalist und Weinkenner aus Chemnitz.)
Steckbrief:
Peter Bohn wurde im Mai 1968 in Rom geboren und kam vier Jahre später nach Deutschland. Er hat in Aachen Betriebswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Unternehmensentwicklung und Marketing studiert. 1996 heuerte Bohn auf Schloss Proschwitz an, wo er 15 Jahre blieb - als Marketing- und Vertriebschef. Als geschäftsführender Gesellschafter verantwortete er hier auch die Meißner Spezialitätenbrennerei. Zudem saß er zwei Jahre lang im Vorstand des Sächsischen Weinbauverbandes. 2011 wechselte er als Geschäftsführer zum Wormser Weinhandelshaus P. J. Valckenberg, das er bis heute leitet. (jdf)







