Adventskalendergeschichten
8. Dezember
----------------------------- .:: Der dumme Hund ::. -----------------------------
„Ich atme flach, um die Schmerzen nicht anzustacheln. Ich rühre mich nicht und starre vor mich hin. Warum können diese Schmerzen nicht vergehen? Werden sie abgemildert, entfachen die Kittelträger sie neu. Hilf mir doch irgendjemand raus aus dieser Hölle! Wofür straft ihr mich? Was hab ich euch getan? Mein müdes Herz zittert, mein Kopf droht zu platzen und mein Magen zerreißt.
Mein ganzes Leben ist eine nie enden wollende Qual. Ihr lasst mich einfach nicht sterben, dabei würde ich so gerne hinüber zu den Sternen gleiten und in der Ewigkeit vergehen. Ich bin kaputt, ganz tief in mir. Nicht nur mein Körper ist viele Male mit euren Giften gestorben, sondern auch meine Seele. Euer Verrat schmerzt so tief.
Ich wurde nie gestreichelt und nie sanft berührt. Ich bin eine Katze und unser Schicksal ist stets ungewiss. Entweder wir werden mit Liebe als Familienmitglied umsorgt, verhungern auf der Straße oder werden für Kosmetika, Medikamente und sonstige, menschliche Perversionen gefoltert. Es ist ein Verbrechen, was ihr tut, auch wenn eure Gesetze das nicht bestätigen.
Gegenüber liegt ein Hund. An schlechten Tagen weiß ich nicht, wen ich mehr verachten soll. Euch, oder ihn? Wenn ihr kommt, wedelt er mit der Rute, dabei habt ihr ihm sein ganzes Leben nur Schmerzen zugefügt. Er hofft so vergeblich auf eure Liebe, dass mein Herz noch weiter zerbricht, an eurer Grausamkeit. Ich will das alles nicht mehr sehen.
Als ihr uns wenig später holt, geht das Hundeleben vor die Hunde und ich bleibe zurück. Ich bin dem Tod so nah, dass ich weiß, dass es vorbei sein wird. Ich bin kaputt, mein ganzer Körper ist zerstört durch eure Versuche. Seid euch gewiss, dass ich nicht im Namen der Wissenschaft leiden und sterben wollte.
Verdammt bin ich, immer noch da zu sein. Immer noch zu denken. Immer noch zu leiden. Ich bemühe mich wieder um eine flache Atmung, doch der Schmerz ist mein treuer Begleiter. Ich werde weggebracht und ich hoffe, dass sie mich nun erlösen. Oft genug sind sie zu bequem, uns diesen Gefallen zu tun. Wir sind nur Versuchsobjekte, Respekt schenkt uns keiner. Ich verliere zwischendurch das Bewusstsein, aber als ich wieder zu mir komme, liege ich wieder auf einem dieser Tische und finde nicht die Energie, auch nur gedanklich über mein Schicksal zu fluchen.
Jeder Atemzug schmerzt. Dann schlafe ich wieder. Ich schlafe lange und auch in den folgenden Tagen bin ich kaum jemals wach. Innerlich bin ich so taub geworden, dass ich die Emotionen der Menschen um mich herum gar nicht wahrzunehmen vermag. Vielleicht habe ich auch verlernt, Gefühle zu deuten, weil die Kittelträger, die uns gefoltert haben, keine Gefühle hatten.
Ich muss jedenfalls wieder anfangen zu essen, weil mein Magen noch mehr schmerzt, wenn ich nichts zu mir nehme. Es dauert Wochen, bis ich wieder halbwegs zu Kräften komme. Es gibt nun Menschen um mich herum, die mich ständig berühren. Ich kenne das nicht und ich weiß nicht mehr, dass ich mich vor langer Zeit einmal nach solchem Trost gesehnt habe. Ich wünschte immer noch, sie hätten mich gehen lassen.
Auch jetzt noch lande ich regelmäßig auf einem dieser Tische. Ich weiß nicht was sie mir spritzen, aber ich bin froh, dass es nicht wehtut. Meine Schmerzen vergehen danach für eine Weile, trotzdem verkrieche ich mich jedes Mal, wenn sie mich zurückbringen, an den Ort, an dem ich im Moment lebe. Sie versuchen mir meinen Freiraum zu lassen, aber immer wieder suchen sie doch nach mir und pflegen kurz mein Fell für mich.
Ich mag das nicht. Ich mag nicht von Menschen berührt werden. Jedes Mal schießen tausende Erinnerungen durch meinen Kopf, von dem, was sie mir alles angetan haben. Ich mag aber auch noch aus einem anderen Grund nicht berührt werden: Mein zitterndes Herz erschaudert jedes Mal. Ich fühle etwas und ich bevorzuge, nichts zu fühlen. Ich habe Angst, welche Schatten in meinem Inneren auf mich lauern, wenn ich zulasse, Trost bei ihnen zu finden.
Es vergeht viel Zeit. Ich gehe den Menschen aus dem Weg, aber manchmal muss ich ihr Streicheln über mich ergehen lassen, wenn ich an meinem Lieblingsplatz liege. Es gibt eine Decke nahe der Heizung. Dort ruhe ich, wenn die Kälte der Vergangenheit nach mir greift und mich gefangen nimmt. Die Wärme vertreibt die Dämonen und den Nachhall der Schmerzen. Ich beobachte, was die Menschen tun und manchmal denke ich an den dummen Hund. Er hätte das hier geliebt. Seine Rute hätte nicht mehr aufgehört, auf den Boden zu trommeln. Er hätte mehr Dankbarkeit zu bieten gehabt, als ich.
Ich wünschte, sie hätten ihn auch gerettet. Ich glaube ich könnte ihn sogar hier bei mir ertragen. Mit der Nachbarskatze kann ich nicht auskommen. Sie hat nie in den Abgrund geblickt und weiß sich dennoch über jeden Mäusedreck zu beklagen. Den Garten in dem ich mich seit einer Weile bewegen darf, habe ich nie verlassen. Manchmal streune ich durch das Gras und frage mich, warum es nicht immer so hatte sein können, wie hier. Könnte ich doch nur vergessen...
Als die Menschen eines Tages mit einem lauten, plärrenden Etwas nach Hause kommen, beginnt mein Leben wieder deutlich anstrengender zu werden. Ständig wird mein Frieden gestört und nach einigen Mondwenden muss ich mir immer wieder Schlafplätze weit oben suchen. Es kehrt meist erst Ruhe ein, wenn die Sonne untergeht. Mein neuer Platz ist auf der Decke des plärrenden Dings. Die Decke fühlt sich unter meinen Pfoten gut an. Es ist warm. Ich mag warm. Ich mag nicht, dass ich warm mag. Ich bevorzuge, nichts zu mögen.
Mit der Zeit mache ich mir nicht mehr die Mühe, zu flüchten. Am einfachsten ist es, wenn ich alles über mich ergehen lasse. Das zupfen am Fell. Das ziehen an den Ohren. Die Hiebe. Hin und wieder tröste ich den plärrenden Störenfried, in dem ich um ihn streiche. Er mag mich. Es beruhigt ihn. Ich wusste nicht, dass ich beruhigen kann. Ich wusste nicht, dass ich für etwas gut bin. Vielleicht mag ich es, für etwas gut zu sein. Für diese eine Sache mag ich vielleicht sogar gerne leben.
Als die Decke verschwindet, schlafe ich direkt auf dem inzwischen weniger oft plärrenden Etwas. Wir schlafen immer zusammen. Das Menschenkind wächst unter mir. Tag um Tag, Mondwende um Mondwende, Jahreslauf um Jahreslauf. Wir haben es immer warm. Ich mag es nun, wenn es warm ist. Wir trösten uns. Vielleicht lieben wir uns. Ich werde jedenfalls geliebt, aber ich weiß nicht, ob ich gut genug bin, um zu lieben.
Der dumme Hund hätte hier auch gut dazu gepasst, aber er streift nur manchmal neben mir durch meine Träume. In meinem Herzen habe ich ihn mitgenommen. Raus aus dem Todeslabor. Hinein in das Leben in einer Familie. In einem Rudel. In einer Gemeinschaft. Hinein in Wärme und Zärtlichkeit und Liebe. Ich trage den dummen Hund bei mir und wenn ich bei meinem Menschenkind liege, liegt sein Andenken bei uns. Ich glaube, das ist Liebe.“


















