20. November 2020
Fußnoten, ein noch nicht so ganz ausgereiftes Konzept, aber es gibt sie ja auch erst seit vierhundertfünfzig Jahren
Ich möchte etwas aus einem Buch zitieren. Das Buch liegt mir als PDF vor. Das Zitat ist ein Zitat aus einem weiteren Buch, weshalb ich in meine eigene Fußnote schreiben möchte: “<eigentliche Quelle des Zitats>, zitiert nach <Buch, das mir vorliegt>”.
Die Quelle steht in einer Fußnote mit der Nummer 88. Die Fußnote ist eigentlich keine Fuß-, sondern eine Endnote, sie steht also nicht auf derselben Seite, das wäre ja auch zu einfach. Aber immerhin ist die Nummer ein Link. Ich klicke auf den Link und werde zwar nicht direkt zur Endnote befördert, aber an den Anfang des Endnotenteils. Macht ja nichts, denke ich, runterscrollen bis zur 88, fertig. Ich kopiere die Quelle der Nummer 88. Weil ich schon vor vielen Jahren auf meine Lessons-Learned-Liste geschrieben habe, dass man immer noch mal in die Originalquelle sehen muss, google ich die Zitatquelle. Das Buch gibt es bei Amazon und mit “Blick ins Buch” kann ich die Seite sehen, auf der das Zitat stehen sollte. Dort steht etwas ganz anderes.
Entweder hat der Autor meines Buchs schlampig zitiert oder das Buch hat mehr als eine Endnote 88. Das würde doch niemand tun? Mehr als eine Endnote mit derselben Nummer machen? Aber ich weiß, dass es leider oft so ist, ich bin selbst auch schon von Verlagen dazu genötigt worden.
Ich suche im PDF nach “88”. Viele Jahreszahlen aus dem 19. Jahrhundert kommen dabei zum Vorschein, viele Seitenzahlen im Inhaltsverzeichnis auch, aber die Endnotennummern werden von der Suche offenbar nicht erfasst. Schon klar, die braucht sicher niemand.
Ich suche im PDF wieder nach einem Stichwort aus meinem Zitat, um zur Ausgangsseite zurückzukommen. Ich sehe oben auf der Seite nach, wie dieser Abschnitt des Buchs heißt. Ich suche im PDF nach allen Vorkommen dieses Abschnitttitels und finde den dazugehörigen Endnotenteil. Ganz vorsichtig, um nicht wieder in einen anderen Endnotenteil zu rutschen, scrolle ich zur Nummer 88. Dann google ich sicherheitshalber noch mal die Originalquelle, und diesmal stimmt es. Wenn Endnoten gesetzlich verboten wären und das doppelte Vergeben von Endnoten doppelt verboten, wäre ich jetzt noch zwanzig Minuten jünger.
(Kathrin Passig)











