Das Herz ist wie ein Buch. Manche dürfen für einen Moment lang darin blättern. Einige dürfen es sich für eine gewisse Zeit ausleihen, aber nur wenigen schenkt man es.
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Das Herz ist wie ein Buch. Manche dürfen für einen Moment lang darin blättern. Einige dürfen es sich für eine gewisse Zeit ausleihen, aber nur wenigen schenkt man es.
Dezember 2019
Löschen ist das einzig wahre Aufräumen
Mich erreicht eine WhatsApp-Nachricht meiner Tante: ob sie mich dringend kurz sprechen könnte? Ich rufe sie an. Zum Glück ist keiner tot oder krank – außer dem iPad meines Onkels. Das zeige immer an, dass der Gerätespeicher komplett voll sei. Man könne es fast gar nicht mehr benutzen. Sie habe schon Google Maps gelöscht, aber das habe auch nicht wirklich geholfen. Ich atme tief durch und mache mich bereit für die telefonische Fernwartung.
Bei iOS – selbst bei der älteren Version, die mein älterer Onkel auf seinem älteren iPad hat – gibt es eine Übersicht über den Speicherverbrauch. Dort sind alle Apps gelistet, sortiert nach der Datenmenge, die sie in die Waagschale werfen. Ich bekomme meine Tante dazu, ein Handyfoto von dieser Übersicht zu machen; im dritten Versuch gelingt es ihr, es mir via WhatsApp zu schicken. Damit ist der Schuldige schnell überführt. Von den ca. 64 GB Speicherkapazität, die das Gerät hat, werden exakt 55,45 GB durch eine App namens Onleihe eingenommen. Der nächstgrößere Eintrag beläuft sich auf etwas über 300 MB.
Onleihe ist eine App, die von vielen deutschen Bibliotheken (und laut Wikipedia auch in anderen Ländern) genutzt wird, um digitale Inhalte zur Verfügung zu stellen. Nach dem Login mit dem Bibliotheksausweis kann man Bücher, Zeitungen und Zeitschriften innerhalb der App ausleihen, herunterladen und lesen. Mein Onkel, der immer ein großer Zeitungsleser war, nutzt die App gerne und regelmäßig, um Zeitungen zu lesen, die er nicht auf Papier abonniert hat. Aber warum hat sich diese grundsätzlich harmlose App bis auf die Größe von über 55 GB aufgebläht? Da ich die App auch auf meinem eigenen iPad installiert habe (ohne sie je wirklich genutzt zu haben), kann ich dort auf die Suche gehen.
Die relevante Stelle ist zum Glück schnell gefunden. Die App unterscheidet zwischen vier Kategorien von Medien, jeweils dargestellt in einem eigenem Tab: Auf dem Gerät, Ausgeliehen, Vorgemerkt und Merkzettel. Da ich die App nicht nutze, sind die meisten Tabs bei mir ziemlich leer. Allerdings fällt auf, dass sich im Tab ›Auf dem Gerät‹ einige Einträge finden von vor Monaten, als ich die App mal ausprobiert und ein paar Zeitschriften heruntergeladen hatte. Bei jedem Eintrag ist auch eine Dateigröße genannt. Die Vermutung entsteht (und bestätigt sich im Folgenden), dass auch Medien, deren Leihfrist abgelaufen ist, auf dem Gerät gespeichert bleiben, obwohl man – da, wie gesagt, die Leihfrist abgelaufen ist – nicht mehr darauf zugreifen kann. Eine Routine, die abgelaufene Downloads nach einer Weile automatisch löscht, scheint es nicht zu geben. Der Tab ›Abgelaufen‹ enthält bei mir drei Einträge, bei meinem Onkel 678.
Die Suche nach der Funktion ›Alle löschen‹ bleibt erfolglos. Auch kann man anscheinend nicht mehrere Einträge markieren und diese auf einen Rutsch löschen. Man muss bei jedem einzelnen abgelaufenen Download das Kontextmenü öffnen, auf ›Vom Gerät löschen‹ drücken und eine Abfrage bestätigen, dass man wirklich löschen möchte – drei Mal in meinem Fall, 678 Mal im Fall meines Onkels. Ich bitte meine Tante, zum Test 15 oder 20 Einträge zu löschen und danach erneut die Übersicht zur Speicherplatzbelegung aufzurufen. Und tatsächlich: Der Platz, den die Onleihe beansprucht, ist um ein paar hundert MB kleiner geworden. Ich instruiere meine Tante, mit dem Löschen einzelner Einträge fortzufahren, um weitere Speicherkapazität freizugeben. Als Rentnerin hat man ja nicht viel anderes zu tun, sagt sie. Damit endet die telefonische Beratung.
Der letzte Schritt geschieht bei meinem nächsten Besuch bei den beiden. In mühsamer und gemeinsamer Arbeit haben sie es geschafft, 676 Einträge aus der Liste zu löschen. Zwei Einträge widersetzten sich der Löschung und blieben erhalten. Der freigewordene Speicherplatz genügte, um das iPad wieder benutzbar zu machen – aber auch nach der Löschaktion nimmt die Onleihe über 22 GB Speicherplatz ein. Die Stelle, an der sich weitere Dateien in dieser Größe angesammelt haben könnten, ist in der Benutzeroberfläche aber nicht ersichtlich. Daher lösche ich die App komplett vom Gerät und installiere sie neu. Der Speicherplatz, den sie in Anspruch nimmt, reduziert sich damit (temporär) auf ein paar hundert MB. Diese Vorgehensweise hätte ich meiner Tante theoretisch schon beim Telefonat, das einige Wochen zurückliegt, empfehlen und ihnen damit ersparen können, 676 Ausleihen manuell löschen zu müssen. Allerdings war meine Befürchtung, dass es ihnen anschließend nicht gelingen würde, die App neu zu installieren und sich anzumelden. Und mein Onkel über mehrere Wochen ohne seine geliebte Onleihe? Nicht vorstellbar.
Am Ende zeigt sich die Onleihe-App noch einmal von ihrer besten Seite: Um zu testen, ob alles funktioniert, gebe ich einen willkürlichen Begriff ins Suchfeld ein und schicke die Suche ab. Als ich anschließend meinem Onkel sein iPad reiche, fällt ihm auf, dass der Begriff, nach dem ich testweise gesucht habe, wenig überraschend im Suchverlauf steht. Er bittet mich, den Eintrag oder den ganzen Verlauf zu löschen. Nach längerer, erfolgloser Suche nach einer Stelle, an der man den Suchverlauf löschen kann, lösche ich die App halt noch mal und installiere sie ein zweites Mal neu. Man hat ja nicht viel anderes zu tun.
(Christopher Bergmann)
31. Juli 2019
Ich melde mich bei einer amerikanischen Bibliothek an, um ein E-Book auszuleihen
Ich erinnere mich gerade wieder einmal an eine Passage aus "Humboldt's Gift" von Saul Bellow. (Sie ist nicht übermäßig bedeutend. Im Wesentlichen geht es darum, dass der Protagonist sich brüstet, zu jeder allgemein akzeptierten Mehrheitsmeinung auch einen literarischen Text zu kennen, der die gegenteilige Position vertritt.)
Das Buch habe ich vor über 25 Jahren gelesen und die deutsche Version steht seitdem in meinem Bücherregal. Ich habe einen Großteil des Inhalts vergessen, aber diese Passage ist mir irgendwie in Erinnerung geblieben. Ich habe sie auch schon mehrmals im Buch gesucht, aber in dem knapp 500-seitigen Band nicht wiederfinden können. Es wäre ohnehin schön, diese Sätze einmal im englischen Original zu lesen; vor allem aber interessiert es mich, ob ich mich nach so langer Zeit überhaupt einigermaßen richtig daran erinnere (meiner Erfahrung nach kommt es mitunter zu frappanten Verfälschungen).
Ich gebe also die Suchbegriffe "Humboldt's Gift Saul Bellow" bei Google ein. Und die Suchmaschine reagiert direkt mit dem Ergänzungsvorschlag "Free Download".
Das Buch ist von 1975 – es kann also noch nicht gemeinfrei sein. Dennoch folge ich natürlich dem Vorschlag – vielleicht ist es bei Google Books verfügbar? Ist es, die Suche führt mich aber zum Internet Archive. Wie sich herausstellt, verfügt dieses über EPUBs, die aus Scans der Printausgabe erzeugt wurden und die man mittels DRM-gesicherter Software für 14 Tage ausleihen kann.
Dafür muss ich mich dort als Nutzer registrieren und mir "Adobe Digital Editions" installieren. Beides ist kostenlos und rasch erledigt.
Und schon kann ich das Buch herunterladen, öffnen und mit dem Suchbegriff "Nietzsche" – von dem im konkreten Fall der Text mit der Außenseitermeinung stammt – finde ich umgehend das Gesuchte. Ich stelle befriedigt fest, dass meine Erinnerung mich nicht getäuscht hat.
(Virtualista)
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