Der Mensch ist ein aufsitzendes Wesen, das auch mit Illusionen eine Zukunft hat, die unsicher ist, im Passieren aber mit Norm und Form belegt wird. Der Mensch ist ein richtiges, rechtes, zum Beispiel recht sprechendes Wesen, das demjenigen aufsitzt, was Aby Warburg in der Einleitung seines Atlas' mit der Figur von Trajans Gerechtigkeit assoziiert und als ein geschichtetes, achronologisches Material bezeichnet, dessen seismische Passionen und Aktivitäten er im Mnemosyneatlas entfaltet.
Der Mensch ist ein aufsitzendes, richtig geschriebenes Wesen, das einem sedimentären, aufrührbaren Geschichte aufsitzt. Der Mensch sitzt auf einem Stuhl, der unter anderem als heiliger Stuhl gilt, unter anderem sitzt er auf dem kurulischen Stuhl (Cicero), er sitzt auf Regierungsbänken (Christoph Schönberger), er sitzt auf einem Stuhl, der santa sede oder sogar von den mutigen Engländern und Seefahrern holy sea genannt wird, weil das kein ruhiger, sondern ein unruhiger Stuhl ist.
Der Mensch ist ein aufsitzendes Wesen, das auch mit Illusionen eine Zukunft hat, die unsicher ist, im Passieren aber mit Norm und Form belegt wird. Hinterher ist man nicht nur schlauer, hinterher hat man immer Recht, auch wenn man hinterher sich sagen (lassen) muss, um ein extremes Beispiel zu nehmen, ein Opfer oder ein Mörder zu sein.
Etwas wurde verwurstet, wie die Pilze Holz morsch und anderes dabei scharf machen und der Regen die römischen Architekturen porös macht und anderes dadurch schärft. Etwas passiert, gährt (andere Schreibweise gehrt) und geht vorüber und vorbei - und wird mit Norm und Form belegt, das Passieren wird mit Norm und Form belegt. Darum ist condere condire und condire condere verbunden, wie ein Ei dem anderen, und darum ist es auch so magisch wie mantisch, dass man die gründliche Reproduktion durch condere und condire am Austausch von e und i erkennen kann. Ah ja! sagen die einen, oh! die anderen.
Cornelia Vismann hat dazu in ihrem Buch über die Medien der Rechtsprechung die Geschichte von Hélène Rytmann erzählt, die eine jener Helenen ist, die aus dem Ei geschlüpft sein sollen - und die insofern wie jene Taube wirkt, die im Bild vom Piero della Francesca sitzt und dort durch den Kalk hindurch einer heiligen Konversation lauscht:
Piero della Francesca, so wollen wir einmal annehmen, speichert eiernd das Bild von Helena, beschirmt von einer Bogenarchitektur, unter Venus' Muschel, an einem Faden hängend, einem Bildfaden.
Weil das Bild ein eiernder Speicher ist, ein Cache/ caixa/ Kassiber ist, müsste man sich versichern, dass die Helena, die dort sitzt, jene Hélène Rytmann ist, von der Cornelia Vismann in ihrem Buch über die Medien der Rechtsprechung spricht.
Vismann schreibt dort über Hélène Rytman auf eine Weise, dass der Leser, der das Buch gut kennt, unsicher ist, ob er das richtige Buch gelesen hat. Sie schreibt nicht aufwendig versteckt über Hélène Rytman, sie schreibt aber nicht offensichtlich über sie, weil die Geschichte, die sie schreibt, erst da beginnt, wo Hélène Rytman von ihrem Mann bereits erdrosselt, umgebracht wurde.
Der Mann heißt Louis Althusser - und da fällt bei manchem Leser der Groschen: ach so, die meinen sie, warum sagen sie das nicht gleich? Ja, den kenne ich, jetzt weiß ich, welche Geschichte sie meinen. Cornelia Vismann erzählt die Geschichte von der Erdrosselung Hélène Rytmans, um zu erzählen, wie wichtig juridische Kulturtechniken sind. Etwas passiert nämlich, muss aber mit Norm und Form belegt werden, weil der Mensch ein aufsitzendes Wesen ist, das mit Illusionen, man kann sagen: nur mit Illusionen eine Zukunft hat, zumindest als richtiges, rechtes Wesen. Sein Gedächtnis ist auch gedrosselt, nämlich stolz oder kurz.
Etwas passiert, hinterher ist man schlauer und weiß, ob man Opfer oder Mörder ist. Vismann assoziiert die juridischen Kulturtechniken mit dem, was symbolische Ordnung, das Imaginäre und das Reale genannt wird. Juridische Kulturtechniken registrieren die Welt und regieren damit die Welt, aber sie beherrschen sie nicht, an keiner Stelle. Sie nehmen die Welt wahr, üben sie damit unbedingt, üben sie sogar aus, insofern würde ich sogar das Wörtchen Ausdifferenzierung akzeptieren, als etwas, bei dem nach der Differenzierungen vor der Differenzierung ist, wie beim Fußball.
Juridische Kulturtechniken regen die Welt, indem sie das, was passiert, mit Norm und Form belegen. Was Vismann eine symbolische Ordnung nennt, muss nicht in Ordnung sein, nicht einmal symbolisch muss es sein (diabolisch, parabolisch, hyberbolisch geht auch), sortiert, stürmisch und bolisch können die Normen und Formen, mit denen die Welt geschieden, geschichtet und gemustert wird, auch sein.
Mein Interesse gilt dabei dem Bild als einem Objekt sowie der Bildgebung oder aber, etwas seltsam gesagt: dem Bilden als einer juridischen Kulturtechnik.
Was ist ein Bild? Das Lexikon erklärt es, das Lexikon ist ein Laokoon (der war Deuter oder Leuteschauer): Es schaut auf das Lesen, auf Letter, die Mahle und klamme Sendungen sind, die Schlingen und verschlungen sind. Ein Lexikon sagt, dass das Bild die Übersetzung vom imago/ pictura, eidos/ eidolon ider figura oder schema sei. Das heißt, dass auf weit entfernte Fremdwörter, auf antike Wörter zurückgegriffen wird, um zu erklären, was ein Bild sei. Warburgleser und Warburgschauer spitzen da die Ohren, weil Warburg die These hatte, dass der Mensch dann auf weit entfernte Formeln zurückgreift, wenn ihm zuviel, too much too soon passiert.
Die Erklärung, was ein Bild sei, ist, wenn sie auf weit entfernte Begriffe zurückgreift, eine Pathosformel, die kaschiert, was passiert, wenn der Begriff oder wenn ein Bild erscheint und auftaucht. Lexika kaschieren, speichern, kassieren, kassibern und kaisern Begriffe, sie hören dabei nicht auf, Begriffe zu richten und zu regen. Gestelle schieben sie, so sagt Warburg das.
Naheliegende Erklärungen, was ein Bild sei, fangen naheliegender an, vor allem aber ohne große Trennung. Sie nehmen Worte beim Wort, beim Laut, beim Strich. Ein Bild ist danach naheliegender Weise Wild (wild), bald, bold. Ein Bild ist das, was wild ist, was bald ist (schnell kommt), was bold ist (rund/kreisend/fett( geballt). Bezeichnungen pendeln konkret über die Erde. Vor der Erfindung des Flugzeugs sind keine Wörter und keine Begriffe und keine Bilder weit gefolgen, wenn sie geflogen sind, dann immer nur in Wurfweite oder in sichtbare Reichweite. Ein Bild soll schnell und bald da sein, das sagen Wissenschaftler noch heute. Sie messen Wahrnehmung als etwas, das von hier nach da käme, das ein Startlinie hätte und eine Ziellinie und dass man darum mit Messgeräten messen könnte, wann Wahrnehmung startet und wann sie ins Ziel läuft. Bild sei das, was sprinten würde, der Begriff sei das, was langsamer ginge, das sagt Bredekamp noch heute - und Röhl stimmt solchen Thesen soft und sofort zu, weil das eine Frage nach juridischen Kulturtechniken ist, nach einer Welt, die mit Norm und Form belegt sein soll. Ein Bild soll das sein, was wild, schwer kontrollierbar ist. Ein Bild soll das ein, was bold oder ein Bold, ein Bolide ist, es soll kreisen, ballen, kreisen, ballern, böllern.
Dass ein Bild ist, was bald, bold oder wild ist, das sind die naheliegenden Erklärungen, die dasjenige, was passiert, nicht im Fremdwort kaschieren. Nicht ganz so nahe und nicht ganz so ferne liegen die Erklärungen, die man Mitte des 19. Jahrhunderts bei den Grimms findet. Das sind mir die interessantesten, das liegt schlicht sn einem Zeitabstand, der sie heute wie eine Horizontlinie, besser noch Küstenlinie oder Ufer erscheinen lässt. Bei den Grimms, die ganz explizit Rechtswissenschaft und Medienwissenschaft nicht als zwei unterschiedliche Wissenschaften begreifen, liegt die Schwelle einer modern verschalten und versicherten Sprache, aber dort ist noch alles unsicher. Tabula picta etwa ist bei dem Grimms das, was man Träbeläte nennt. Trä wie in träge, trä wie Träger - gemeint ist eine hölzerne Tafel. Beläte heisst beladen. Diese Sprache ist nicht ganz so alt und nicht ganz so weit entfernt wie das Lateinische und das Griechische. In Schweden und in hinteren Tälern spricht man immer noch so. Die Sprache fällt nicht vom Himmel, das ontologische Wesen und das phänomenologische Wesen schleppt sich durch die Wiesen, Felder, über die Wege vor unseren Augen, man muss das nur protokollieren.
Ein Bild, das tabula picta ist, eine ein beladener Träger, Träbeläte. Man kann mit Benjamin Blümchen Wissenschaft betreiben, weil hinter Benjamin Blümchen auch Walter Benjamin stecken kann. Für Warburg ist das alles noch selbstverständlich, darum greift er als Summe seiner Wissenschaft auf einen geradezu grimmigen, grimmhaften, märchenhaften Gegenstand zurück und macht so nebenbei die Summe seiner Wissenschaft zur Summe einer Bild- und Rechtswissenschaft: Die Lateranverträge! Wenn die mal nicht am Ort und Ab-Ort (Siegert) Rom versichern, was Bild und Recht so sind, dann schafft es niemand, wenn nicht diese Lateranverträge endlich die und alle weiteren römischen Fragen lösen würden. Warburg löst die römische Frage, indem er sie locker macht, macht sie locker, indem er die Betrachter lockt. Das ist Summa als das Schloss, als dass es beim Versicherer Kafka beschrieben wird.
Märchenhaft heißt hier nicht ausgedacht, phantasiert. Grimms Märchen sind doch nicht erfunden, ausgedacht oder herbeiphantasiert. Das ist historischer Materialismus - und das Material ist eben genau das, was Warburg archronologisch geschichtet, seismisch aktiv und passioniert begreift. Märchen heißen Märchen, weil sie klamme Ozeane sein sollen, verträgliche Nachtgeschichten kurz vor dem mare ode Mar oder Meer, das die Franzosen und die Russen cauchemar oder aber кошмар nennen. Meerchen.
Cauche ist caixa, Gasse (klamme Sendung), Kescher (Traumfänger/ Fischernetz), Kassiber, Cassirer, Kaiser oder, falls man nicht Louis Althusser gedenken will, sondern Hélène Rytman: cauche ist lado, Laden, Lady.
Glaubt man wirklich, dass Piero della Francesca so etwas nicht bedacht haben könnte oder das Cornelia Vismann so etwas nicht bedacht haben könnte, als der eine seine Sacra Conversazione malte und als Vismann ihre Buch über die distinkten Verwurstungen vor Gericht schrieb?
Ich war zwischen 2002 und 2010 in der komfortablem Lage, mit Cornelia Vismann und Thomas Vesting zu arbeiten. Ich beobachte das Verhältnis zwischen ihren Entwürfen und seinen Entwürfen nicht nur genau und scharf, sondern geladen, denn das war ich ja, ich war und bin geladen oder, um jetzt doch einmal das Wort der Würgers Althusser zu verwenden: gerufen, die beiden zu (das Wort eines Bürgers) beobachten oder aber (das Wort Warburgs) zu betrachten. Glaubt wirklich jemand, dass ich davon ausginge, dass einer der beiden Recht hat, einer der beiden Unrecht? Glaubt wirklich jemand, dass ich irgendwann in dem Verhältnis der Frau, die Cornelia Vismann heißt, und dem Mann, der Thomas Vesting heißt, mich auf eine Seite geschlagen hätte? Geladen habe ich mich immer, scharf geladen. Thomas Vesting, der zweifelhafte Übertrager, und das römischste Pastorentöchterchen aller Zeiten,Viva Via Cornelia, das Mädchen der Rechtssprechung: auf welche Seite soll man sich da denn schlagen können? Ich torkele, fackel, flamme, ich summe, das sind nach Giordano Bruno die heroischen Passionen der Falter und Diplomaten, ihrer gerichteten Gefühle und gefühlten Gerichte, das ist das Verfahren eines cogito, das sich flugs (meteorologisch) aktualisiert, also passioniert und je nach Situation aktiv wird.
Diesen Sommer hört Thomas Vesting mit dem Mittwochsseminar auf, eine Feier zu Gunther Teubners 80. Geburtstag wird stattfinden.
Das Mittwochsseminar war zwischen 2002 und 2010 der einzige Raum, ohne Scheiß, der einzige Denkraum in Frankfurt, der mich hat sprechen und schreiben lassen. Das ist keine Frage der Erlaubnis von Anderen Das ist eine Frage ihrer Augen, ihrer Muskeln, ihrer Haare. Das ist eine Frage von Tischen und Stühlen. Dieser Denkraum hat verführt, war methodisch Verfahren im Sinne von Ino Augsberg. Anderswo fiel mir entweder nichts ein oder aber dasjenige, was ich gut vorbereitet hatte, fiel in dem Moment aus, wo ich woanders sprechen oder schreiben wollte.
Bevor ich mich im öffentlichen Recht, ausgerechnet dem ministrablem Zweig der Rechtswissenschaft, sowie im Medienrecht und der Rechtstheorie habilitiert habe, war ich durch die Tätigkeiten in (Moskauer) Anwaltskanzleien oder als Sekretär von Bazon Brock zu verdorben, um sauber zu arbeiten. Eins kann ich aber besser, nämlich wischen, wischen kann ich besser als der Uwe Volkmann, dafür lege ich meine Hand ins Feuer, seitdem die Redaktion des Staates mir erläutert hat, kein Mensch verstünde ein Wort von dem, was ich täte und das sei weder Rechtswissenschaft noch überhaupt Wissenschaft. Wischen können die nicht so gut. Taxifahren kann ich wesentlich besser als Armin von Bogdandy; Pizza backen kann ich besser als Stefan Korioth, Teig kneten (daher soll die Lady Justice ihren Namen habe) kann ich besser als Dieter Grimm und Rainer Wahl zusammen, kleiner Scherz am Rande. Die minderen Tätigkeiten erledige ich schärfer und schneller als die ministrablen Herren.
Das Mittwochsseminar fand tagsüber statt, war aber beste Nachtwissenschaft, märchenhaft, albtraumhaft im besten, nämlichen grimmigen Sinne. Man saß in klammem Raum von Regalen umstellt, um sich herum das Fleisch und die Textilien, das lässt sprechen und schreiben. Wen ich da alles das erste mal getroffen habe! Ophelia, Peer, Rudolf, Ricardo, Domenico, Anna... die Liste ist lang, aber vor allem in jedem Einzigen und jeder Einzigen endlos listig, weil nur lustige und nur Lusthabende dort auftauchten, jede/ jeder war Luxus. Jeder Name war jeweils Programm. Ich habe dort nicht nur geschrieben und gesprochen, sondern auch Fotos gemacht und sogar gefilmt: die Bilder sind jetzt in den kleinen 'Auferstehungsmaschinen' (Bazon Brock) gespeichert, die man nicht Kassiber, aber Videokassette oder cache/ Speicherkarte nennt. Den Schatz behalte ich. Alles geht vorüber, aber nichts kommt weg, nicht dem historischen Materialisten.