Urlaub steht an. Um ein Flugzeug zu besteigen braucht das Kind Ausweispapiere. Und auch die Einreise in Marokko ist nur mit gültigem Pass möglich. Nun ist es so, dass unser Sohn schon seit seinem zweiten Lebensmonat Passinhaber ist. Früh haben wir ihn, das Novemberkind, in den Süden verschleppt, damit er nicht erst nach einem halben Lebensjahr die Sonne kennenlernt. Dieser Pass also wies jetzt einige Mängel auf: Der Sohn ist keineswegs noch 50 cm groß. Auch die Augenfarbe hat sich geändert. Statt blau ist jetzt braun angesagt. Das Foto des Säuglings hat nur noch entfernte Ähnlichkeit mit dem mittlerweile 3 ½ jährigen Kleinkind. Gut vorstellbar, dass ein etwas schlecht gelaunter Grenzbeamter die Einreise mit dem veralteten Dokument verweigert. Da Eltern bemüht sind alle eventuell auftretenden Probleme beim Reisen mit Kind im Vorwege aus dem Weg zu räumen, was natürlich ohnehin ein zweckloses Unterfangen ist, das wir nichtsdestotrotz zu bewältigen versuchen, haben wir uns entschlossen einen neuen Kinderreisepass zu beantragen. Das Tolle am Ausweis für Kleinangehörige: Man kann ihn direkt nach dem Beantragen mitnehmen. Das nicht so Tolle: Es kann bis zur Aushändigung des roten Büchleins eine Menge schief gehen.
Die Kindsmutter hat mit Glück einen sozial verträglichen Termin im Bezirksamt gebucht. Vollmacht des Vaters ist da, Personalausweis auch. Als sie im Amt ist, fällt der Sachbearbeiterin aber auf: Das Kind fehlt. Das muss nämlich bei der Ausstellung zugegen sein. Macht ja Sinn irgendwie. Aber kein Problem: Reise ist sowieso erst in anderthalb Monaten. Bis dahin bekommt man locker einen neuen Termin.
Der Kindsvater bucht einen Termin. 07:45 Uhr, sportliche Uhrzeit. Aber das Kind ist immer früh wach. Und dafür geht’s auch in das nächstgelegene Bezirksamt, maximal 10 Minuten mit dem Auto. Plus Parkplatzsuche vielleicht. Bis zur Reise sind es dann nur noch anderthalb Wochen. Aber ist ja alles kein Problem. Der Pass-Tag kommt. Um 06:30 Uhr klingelt der Wecker. Es fühlt sich an wie 05:30 Uhr. Was kein Wunder ist, denn zwei Tage vorher hat die Sommerzeit begonnen. Kind schläft natürlich felsenfest. Aber so kann sich der Papa wenigstens in Ruhe fertig machen. Duschen, anziehen. Es ist 07:00 Uhr. Kind schläft immer noch. Der Vater rafft gemütliche Klamotten für den Kleinen zusammen und pirscht sich an sein Bett heran. Kind rührt sich nicht. In einem Überraschungsangriff wird der Sohn innerhalb von 5 Minuten angezogen, Banane, Getränk und die Antragsdokumente – diesmal eine Vollmacht der Mutter und deren Reisepass – geschnappt und ab zum Auto. Der Sohn wacht langsam auf. Ist aber erstaunlich friedlich und wahrscheinlich einfach noch nicht ganz bei Sinnen. Kind wird ins Auto gesetzt, angeschnallt. Jetzt fällt dem Vater auf: Irgendwie steht dieser Familien-Van in zweiter Reihe ungünstig. Nach 5 Minuten Lenkradkurbeln steht fest. Das wird nichts. Zugeparkt. Hektisches Überlegen: Polizei verständigen und auf den Abschleppwagen warten. Dann wird das mit dem Termin im Amt auch nichts. Ok, erstmal wieder nach Hause. Natürlich steht das Auto nicht direkt vor der Haustür. Das Kind geschnappt und mit den gut16 kg im Schnellgang zum Haus getrabt. Termin innerlich schon abgehakt. Aber da ist die Kindsmutter vor: Es wird auf die Dringlichkeit verwiesen und man könnte doch noch schnell mit dem Bus… Kurz wird es sehr hektisch und etwas lauter. Dann stürmt der Vater mit dem Kind aus der Wohnung (3. Obergeschoss) und ist Sekunden später auf der Straße. Der Sohn juchzt im Kinderwagen. So schnell wird er normalerweise nicht geschoben. Zur Bushaltestelle sind es im Normalfall 10 Minuten. Heute nur die Hälfte. Ein Silberstreif am Horizont: Der richtige Bus kommt sofort. Trotz des morgendlichen Berufsverkehrs und der Schulkindermassen, die sich an jeder Haltestelle drängeln, sind Vater und Sohn um 07:48 im Amt. „Haben Sie auch die Geburtsurkunde dabei“, fragt die Dame an der Rezeption. „Geburtsurkunde?!“ Davon hatte der weibliche Haushaltsvorstand gar nichts gesagt. Der Blutdruck steigt bedrohlich. „Na, kein Problem. Dann müssen sie zur Abholung noch einmal mit der Geburtsurkunde vorbeikommen.“ Erleichterung allenthalben. Das Kind ist sowieso immer noch erstaunlich gut gelaunt. Dass der Sachbearbeiter allem Anschein nach zum ersten Mal einen Kinderreisepass ausstellt und hochkritisch mit dem Passbild ist – geschenkt. „Das haben sie wohl selbst gemacht. (Lange Pause) Na ja, bei Kindern müssen wir gewisse Mängel ja akzeptieren. Sehen Sie hier: Der Hintergrund ist nicht gleichmäßig weiß.“ Schließlich lässt er Gnade walten. Nur mitnehmen darf man den Pass nicht. Fehlt ja die Geburtsurkunde. Der kleine Mann bekommt den entwerteten und „UNGÜLTIG“ gestempelten Ausweis ausgehändigt. Und ist stolz wie Bolle. Denn dafür war man ja in aller Herrgottsfrühe aufgestanden. So hat er es zumindest verstanden. In der U-Bahn hält er den alten Pass stolz in den Händen. Vater und Sohn stehen direkt an der Tür, sind nur drei Stationen bis nach Hause. An der zweiten Station rutscht dem Kind der Ausweis aus der Hand, fällt unglücklich, ist noch einen Moment lang sichtbar... und verschwindet im Spalt zwischen Bahnsteigkante und Zug im Gleisbett. „Zurückbleiben bitte. Türen schließen.“ Der Sohn fängt herzzerreißend an zu weinen. Es ist 08:15 Uhr.