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@xvelvetmourningx
Später.
„Wenn ich einmal groß bin,
möchte ich zwei Kinder.
Ein Mädchen.
Und einen Jungen.“
sage ich,
während ich meiner Barbie die Haare kämme.
Sie bekommt einen Namen.
Sie bekommt ein Zimmer.
Ich falte winzige Decken
aus Taschentüchern.
Ich tue so,
als würde ich sie schlafen legen.
„Ich bin die Mutter.
Du bist der Vater."
Damals
war Zukunft
etwas,
das man einfach bekam.
Ich bin fünfzehn.
„Wie viele Kinder möchtest du später mal haben?“
„Zwei. Ein Mädchen und einen Jungen.“
Ich stelle mir vor,
wie wir sonntags zusammen frühstücken.
Wie kleine Hände nach meinen greifen.
Wie ich nachts aufstehe,
weil jemand Angst vor Gewittern hat.
Wie ich Pflaster auf aufgeschlagene Knie klebe,
Geburtstagskuchen backe
und am ersten Schultag heimlich mehr weine
als mein eigenes Kind.
Es fühlt sich an,
als wäre das alles längst entschieden.
Als müsste ich nur noch groß genug werden.
Ich bin neunzehn.
Das Badezimmer riecht nach Waschmittel.
Der Schwangerschaftstest liegt auf der Waschmaschine.
Ich starre ihn an.
Als könnte ich verhindern,
dass die zweite Linie erscheint.
Ein Strich.
…
Zwei.
Mein Herz schlägt so laut,
dass ich nichts anderes mehr höre.
Nein....
Nein...
Nein!
Ich sinke auf den Boden.
Meine Hände zittern.
Ich presse sie auf meinen Bauch.
Da ist noch nichts.
Und trotzdem
ist plötzlich alles da.
Angst.
Schuld.
Panik.
Meine Mutter sagte immer:
„Mach nicht denselben Fehler wie ich.“
Mit neunzehn bekam sie mich.
Die Klinik ist weiß.
Weiße Wände.
Weiße Kittel.
Weiße Decken.
So viel Weiß.
Und trotzdem
fühlt sich alles schwarz an.
Irgendwo
weint ein Baby.
Ein Schrei.
Dann noch einer.
Ich frage mich,
ob meins auch geschrien hätte.
Ob es meine Stimme erkannt hätte.
Ob ich ihm ähnlich gesehen hätte.
Der Eingriff dauert nur wenige Minuten.
Aber manche Minuten
enden nie.
„Später.“
sage ich.
Immer wieder.
Wie ein Gebet.
Wie eine Entschuldigung.
„Nicht jetzt.“
Ich bin zweiundzwanzig.
Ich habe ihn gefunden.
Den Menschen,
bei dem sich Zuhause
nicht wie ein Ort,
sondern wie ein Herzschlag anfühlt.
„Willst du irgendwann Kinder?“
fragt er.
Ich lächle.
„Ja. Später. Irgendwann."
Denn irgendwann
ist leichter auszusprechen
als die Wahrheit.
Die Wahrheit ist:
Ich habe Angst.
Davor,
dass mir das Leben
wieder zuvor kommt.
Ich bin sechsundzwanzig.
Zwei Striche.
Schon wieder.
Und plötzlich
bin ich wieder neunzehn.
Wieder Badezimmer.
Wieder Atemnot.
Wieder dieselbe Angst.
Nur dass diesmal
etwas anders ist.
Diesmal
tut es noch mehr weh.
Ich will dieses Kind.
Ich will es.
Mit jeder Faser.
Aber ich weiß,
dass Liebe
nicht immer reicht.
Ich bin psychisch krank.
Manchmal kämpfe ich darum,
selbst den nächsten Morgen zu erleben.
Wie soll ich einem Kind
die Welt zeigen,
wenn ich sie selbst
oft kaum ertrage?
Also sitze ich wieder
zwischen weißen Wänden.
Diesmal schreibe ich einen Brief.
An jemanden,
dessen Herz vielleicht schon geschlagen hat.
Ich schreibe:
„Es tut mir leid.
Bitte glaub niemals,
dass du nicht gewollt warst.
Du warst nicht das Problem.
Ich wollte dir nur
eine bessere Mutter schenken,
als ich sie heute sein kann.“
Und als ich den Brief falte,
fühlt es sich an,
als würde ich
mein eigenes Herz
mit hineinlegen.
Doch wann
ist eigentlich später?
Wann ist der richtige Zeitpunkt,
ein Kind in diese Welt zu setzen?
In eine Welt voller Krieg?
Voller Hass?
Voller Menschen,
die Liebe diskutieren,
als wäre sie eine Meinung?
Was,
wenn mein Kind psychisch krank wird?
Was,
wenn es keinen Therapieplatz bekommt?
Was,
wenn es in der Schule gemobbt wird?
Was,
wenn ich seine Tränen trockne
und trotzdem nicht verhindern kann,
dass es sich kaputt fühlt?
Was,
wenn es mit zwölf Jahren
nicht mehr leben möchte?
So wie ich.
Dann Krankenhaus.
Thrombose.
Lungenembolie.
Ich habe überlebt.
Aber seitdem
hat jeder Herzschlag
ein anderes Gewicht.
Ich sitze im Rollstuhl
im Garten.
Mein Freund sitzt vor mir.
Ich sehe ihn an.
Und sage den Satz,
den ich niemals sagen wollte.
„Wenn ich schwanger werde…
könnte ich sterben.“
Plötzlich
ist Mutter werden
kein Traum mehr.
Sondern eine Entscheidung
zwischen zwei Leben.
Und ich frage mich:
Wie egoistisch wäre es,
ein Kind so sehr zu lieben,
dass ich bereit wäre,
es mit meinem eigenen Leben zu bezahlen?
Oder…
wie egoistisch wäre es,
es niemals kennenzulernen?
Ich habe nicht gesagt:
„Nie.“
Ich habe immer nur gesagt:
„Später.“
Doch irgendwann
merkt man,
dass später
kein Ort ist.
Später
ist etwas,
das leise verschwindet.
Ohne Bescheid zu sagen.
Und manchmal
merkt man erst,
dass man ihm hinterherläuft,
wenn man es
nicht mehr einholen kann.
Manchmal stelle ich mir vor,
sie wären trotzdem da.
Ein kleines Mädchen,
das meine Augen hat.
Ein Junge,
der seine Nase geerbt hat.
Ich überlege,
welche Namen ich ihnen gegeben hätte.
Ob sie lieber Dinosaurier
oder Prinzessinnen gemocht hätten.
Ob sie nachts zu uns
ins Bett gekrochen wären.
Ob sie gewusst hätten,
wie unendlich sehr
sie geliebt worden wären.
Ich werde es nie erfahren.
Und vielleicht…
ist genau das
die lauteste Stille,
die ich jemals ertragen musste.
…
Ich schließe die Augen.
Und sehe wieder
das kleine Mädchen
mit der Barbie in der Hand.
Sie lächelt.
So voller Hoffnung.
So sicher,
dass alles gut wird.
Sie schaut mich an und fragt:
„Sind wir jetzt groß?“
Ich nicke.
Langsam.
Mit Tränen in den Augen.
Und zum ersten Mal
tut mir die Wahrheit weh.
Denn groß geworden bin ich.
Aber Mutter…
bin ich nie geworden.
Obwohl ich doch immer nur
später
gesagt habe.
TW: Gewalt, Papa
Papa ist mein Held
Es ist bald Vatertag.
Der Bastelkleber klebt an meinen kleinen Fingern.
Buntes Tonpapier.
Eine Schere mit runder Spitze.
Die Erzieherin lächelt.
„Schreibt doch auf, warum euer Papa euer Held ist.“
Die anderen Kinder melden sich.
„Meiner spielt Fußball mit mir.“
„Meiner macht die besten Pfannkuchen.“
„Meiner trägt mich auf den Schultern.“
Ich melde mich nicht.
Ich denke an gestern.
An den Moment, bevor die Haustür aufgeht.
An dieses eine Geräusch.
Den Schlüssel im Schloss.
Wie ein Kind lernt, an Schritten zu erkennen,
ob es heute sicher ist.
Ich war vier.
Ich wusste schon,
wie Wut klingt.
Ich wusste,
dass ein falsch herum liegender Schuh,
ein vergessenes Spielzeug
oder ein Zimmer,
das nicht perfekt aussah,
reichen konnten.
Ich wusste,
das Liebe plötzlich laut werden konnte.
Und dass Hände,
die einen eigentlich festhalten sollten,
auch wehtun können.
Papa war mein erster Held.
Weil Kinder nicht wissen,
dass Helden ihre Kinder nicht schlagen.
Sie glauben einfach,
dass Zuhause überall so aussieht.
Papa brachte mir bei,
leise zu sein.
Nicht zu weinen.
Nicht zu widersprechen.
Nicht zu fragen.
Denn Fragen machten ihn wütend.
Und Wut…
tat weh.
Ich lernte,
meinen Atem anzuhalten,
wenn er den Raum betrat.
Ich lernte,
Gesichter zu lesen,
lange bevor ich ganze Bücher lesen konnte.
Ich lernte,
dass Angst einen Geruch hat.
Und dass man sich selbst
ganz klein machen kann,
in der Hoffnung,
nicht gesehen zu werden.
Ich lernte nie,
wie sich Geborgenheit anfühlt.
Aber ich wusste genau,
wie lange Minuten sein können,
wenn man auf einem Sessel sitzen muss.
Nicht reden.
Nicht spielen.
Nicht einschlafen.
Nur warten.
Warten,
bis Papa entscheidet,
dass man genug gelitten hat.
Man sagt,
Kinder vergessen viel.
Ich nicht.
Ich erinnere mich nicht an jedes Datum.
Nicht an jedes Weihnachten.
Nicht an jedes Geschenk.
Aber ich erinnere mich daran,
wie mein Körper zusammenzuckte,
wenn jemand plötzlich die Stimme hob.
Bis heute.
Papa sagte,
er tue das nur,
weil er mich liebt.
Liebe.
Ein großes Wort
für so viel Angst.
Also glaubte ich später,
Liebe müsse wehtun.
Ich entschuldigte mich,
wenn andere mich verletzten.
Ich sagte Ja,
obwohl ich Nein meinte.
Ich zog längere Röcke an,
weil ich glaubte,
mein Körper könne Schuld sein.
Ich blieb,
obwohl ich längst hätte gehen sollen.
Nicht,
weil ich schwach war.
Sondern weil ich nie gelernt hatte,
dass ich etwas Besseres verdient habe.
Und jedes Mal,
wenn etwas passierte,
hörte ich deine Stimme.
„Was hast du gemacht?“
Nicht:
„Was ist dir passiert?“
Sondern:
„Was hast du gemacht?“
Heute fragst du mich,
warum ich psychisch krank bin.
Heute sagst du,
du hättest mich nie geschlagen.
„Höchstens mal eine Ohrfeige.“
Komisch.
Mein Körper erinnert sich
an Dinge,
die dein Gedächtnis vergessen hat.
Er erschrickt noch immer
bei lauten Stimmen.
Er wartet noch immer darauf,
dass jemand plötzlich wütend wird.
Er trägt noch immer
das kleine Mädchen in sich,
das dachte,
Angst sei ein normaler Teil von Familie.
Du sagst,
dein Vater sei schlimmer gewesen.
Vielleicht.
Aber Schmerz ist kein Wettbewerb.
Ein Kind zählt keine blauen Flecken.
Ein Kind zählt nur die Tage,
an denen es keine Angst hatte.
Und davon hatte ich nicht viele.
Es ist bald Vatertag.
Ich sitze in der Kita.
Vor mir liegt ein Herz aus rotem Tonpapier.
Mit krakeliger Schrift schreibe ich darauf:
„Papa ist mein Held.“
Weil ich vier Jahre alt bin.
Weil ich keinen anderen Papa kenne.
Und weil niemand einem Kind erklärt,
dass Helden ihre Kinder beschützen.
Nicht vor sich selbst.
Dankbarkeit
Es beginnt im Rücken.
Zumindest sagen sie das.
“Verspannt.”
“Verhoben.”
“Ein eingeklemmter Nerv.”
“Stress.”
“Psychosomatisch.”
Psychosomatisch.
Ein Wort, das so sauber klingt. Fast elegant.
Ein Wort, das man Menschen gibt, wenn man aufhört zu suchen.
Also glaube ich ihnen.
Was bleibt mir auch anderes übrig?
Ich nehme Tabletten.
Morgens.
Mittags.
Abends.
Eine gegen den Schmerz.
Eine gegen den Schmerz, den die Schmerztablette im Magen verursacht.
Eine, damit meine Muskeln endlich loslassen.
Eine weitere gegen den Schmerz der trotzdem bleibt.
Mein Wecker erinnert mich nicht mehr daran, zu leben.
Er erinnert mich daran, welche Tablette als Nächstes dran ist.
Ich lerne Nebenwirkungen auswendig, anstatt wieder lachen zu lernen.
Und trotzdem…
wird es schlimmer.
Jeder Atemzug fühlt sich an, als hätte jemand Glasscherben zwischen meine Rippen gesteckt.
Ich bewege mich langsamer.
Ich schlafe kaum.
Liegen tut weh.
Sitzen tut weh.
Atmen tut weh.
Aber alle sagen dasselbe.
“Das ist der Rücken.”
Also muss ich wohl einfach stärker sein.
Oder?
Aber mein Körper…
mein Körper erzählt eine andere Geschichte.
Er schreit.
Nur spricht niemand seine Sprache.
Zwei Wochen.
Vierzehn Tage.
336 Stunden.
20.160 Minuten.
Ich habe sie nicht gezählt.
Mein Körper schon.
Und irgendwo zwischen Schmerzmitteln, Arztbesuchen und dem Satz
“Das ist psychosomatisch”
fängt etwas in mir an, den Ärzten weniger zu glauben als meinem Bauchgefühl.
Kennst du dieses Gefühl?
Wenn etwas nicht stimmt, du es aber nicht beweisen kannst?
Wenn alle um dich herum sagen, du übertreibst, und trotzdem schreit jede Zelle in dir:
Da stimmt etwas nicht.
Bitte.
Hör nicht auf.
Also gehe ich ins Krankenhaus.
Nicht weil ich mutig bin.
Sondern weil ich Angst habe.
Große Angst.
Ich bekomme sofort Schmerzmittel.
Und dann…
warte ich.
Fünf Stunden.
Fünf Stunden in einem Raum, der aussieht, als hätte dort schon tausend Menschen auf Antworten gewartet.
Tick.
Tick.
Tick.
Die Uhr hängt direkt vor mir.
Sie macht nichts Besonderes.
Und trotzdem ist sie das Lauteste im ganzen Raum.
Tick.
Jede Sekunde klingt wie:
“Vielleicht.”
Tick.
“Vielleicht ist es doch nichts.”
Tick.
“Oder vielleicht alles.”
Sie verspottet mich.
Oder rettet sie mich?
Ich weiß es bis heute nicht.
Dann öffnet sich die Tür.
Ein Arzt.
Dann zwei.
Dann drei.
Komisch.
Plötzlich schaut mir jeder in die Augen.
Plötzlich redet niemand mehr über den Rücken.
Die Schwester wird freundlicher.
Fast zu freundlich.
Sie fragt, ob ich irgendwas Schönes geplant hatte.
Ob ich Familie habe.
Ob jemand weiß, dass ich hier bin.
Warum fragt sie das?
Was passiert hier?
Röntgen.
CT.
Ultraschall.
Ich werde von Raum zu Raum geschoben, als wäre ich plötzlich wichtig geworden.
Vor fünf Minuten war ich noch die Frau mit Rückenschmerzen.
Jetzt scheinen alle zu rennen.
Und niemand erklärt mir warum.
Bis ein Arzt sich vor mich stellt.
Er holt Luft.
Ironisch.
Und sagt:
“Sie haben eine beidseitige Lungenembolie.”
Ich glaube, Menschen stellen sich Schock wie einen lauten Knall vor.
Aber Schock…
ist leise.
Ganz leise.
Die Welt wird dumpf.
Ich höre nur noch einzelne Wörter.
Lunge.
Beidseitig.
Intensivstation.
Blutverdünner.
Lebensgefährlich.
Lebensgefährlich.
Was für ein absurdes Wort.
Man hört es im Fernsehen.
In Serien.
Es passiert anderen.
Nicht mit 26.
Nicht mir.
Mein Uropa hat es damals nicht geschafft.
Mein Onkel starb an einer Thrombose.
Ich kenne diese Geschichten.
Aber Geschichten passieren immer den anderen.
Bis sie plötzlich deine werden.
Ich bin 26.
Ich habe Listen mit Orten, die ich sehen wollte.
Bücher, die ich lesen wollte.
Lieder, die ich noch hören wollte.
Menschen, die ich noch lieben wollte.
Ich bin doch noch gar nicht fertig.
Ich denke an meine Mama.
Wie erklärt man einer Mutter, dass ihre Tochter gerade erfahren hat, dass sie hätte sterben können?
Ich denke an meine Brüder.
Verkraften sie das?
Wer macht schlechte Witze, wenn ich nicht mehr da bin?
Wer nervt sie an Weihnachten?
Wer schickt ihnen dumme Memes um zwei Uhr nachts?
Und dann…
kommt dieser Gedanke.
Ungefragt.
Ungebremst.
Scheiße.
Ich will nicht sterben.
Ich nehme alles zurück, was ich mit sechzehn gesagt habe.
Jedes:
“Mir doch egal.”
Jedes:
“Ich will nicht mehr.”
Jede Nacht, in der ich dachte, das Leben hätte nichts mehr für mich.
Ich nehme alles zurück.
Weil ich plötzlich begreife, wie laut der Wunsch zu leben sein kann, wenn der Tod einmal an deine Tür klopft.
Tropf.
Tropf.
Tropf.
Das Schmerzmittel läuft.
Ich starre auf den Beutel.
So viel Hoffnung passt also in einen durchsichtigen Plastikbeutel.
Die Intensivstation riecht nach Desinfektion.
Nach Plastik.
Nach Angst.
Piep.
Piep.
Piep.
Der Monitor schläft nie.
Also schlafe ich auch nicht.
Ich lausche meinem Herzschlag, als müsste ich kontrollieren, ob er wirklich noch da ist.
Die Schwester bringt Sauerstoff.
Ich atme.
Der Schlauch riecht nach nichts.
Und genau das werde ich nie vergessen.
Denn dieses Nichts war plötzlich alles, was ich brauchte.
Luft.
Nur Luft.
Etwas, das wir jeden Tag verschwenden, ohne Danke zu sagen.
Die Schwestern schauen mich an, als könnten sie es selbst nicht glauben.
“Über zwei Wochen?”
“Niemand hat die Lunge abgehört?”
“Niemand?”
Nein.
Niemand.
Ich war doch jung.
26.
Zu jung, um ernsthaft krank zu sein.
Zu jung für eine Lungenembolie.
Zu jung für Intensivstation.
Zu jung, um ernst genommen zu werden.
Ich höre alte Menschen auf dem Flur stöhnen.
Ein Fernseher läuft irgendwo.
Jemand lacht.
Jemand weint.
Jemand bekommt Besuch.
Jemand bekommt schlechte Nachrichten.
Krankenhäuser sind seltsam.
An einem Ende beginnt Leben.
Am anderen endet es.
Und manchmal liegen nur zwei Türen dazwischen.
Ich bekomme Kompressionsstrümpfe.
Ich soll laufen.
Aber nicht zu weit.
Nicht allein.
Nicht ohne Überwachung.
Plötzlich muss jeder meiner Schritte beobachtet werden.
Vor einer Woche musste ich noch beweisen, dass ich Schmerzen habe.
Jetzt muss ich beweisen, dass ich nicht umfalle.
Ich öffne das Fenster.
Draußen regnet es.
Menschen laufen vorbei.
Mit Einkaufstaschen.
Mit Regenschirmen.
Mit Terminen.
Mit Alltag.
Keiner von ihnen weiß, dass ich gerade zum ersten Mal verstehe, wie wertvoll ein ganz gewöhnlicher Dienstag ist.
Der Regen fällt einfach weiter.
Als wäre nichts passiert.
Und genau das ist das Verrückte.
Die Welt bleibt nicht stehen.
Auch wenn deine eigene gerade auseinanderfällt.
Ich lehne den Kopf ans Fenster.
Und verspreche mir etwas.
Wenn ich hier wieder rauskomme…
dann warte ich nicht mehr.
Nicht auf den richtigen Zeitpunkt.
Nicht auf irgendwann.
Nicht auf später.
Ich will reisen.
Ich will ans Meer.
Ich will Wälder sehen.
Konzerte.
Nächte, die zu kurz sind.
Menschen, die bleiben.
Ich will lachen, bis mein Bauch wehtut.
Nicht meine Lunge.
Ich will Fotos machen.
Nicht weil ich perfekt aussehe.
Sondern weil ich da bin.
Ich will meiner Mama sagen, dass ich sie lieb habe, ohne einen Anlass zu brauchen.
Ich will meinen Brüdern noch tausend dumme Nachrichten schicken.
Ich will leben.
Nicht irgendwann.
Jetzt.
Denn niemand hat mir versprochen, dass ich achtzig werde.
Niemand hat mir versprochen, dass morgen selbstverständlich ist.
Mir wurde nur gezeigt, wie schnell alles anders werden kann.
Und vielleicht…
vielleicht ist genau das das Wertvollste, was mir diese Krankheit genommen und gleichzeitig geschenkt hat.
Sie hat mir die Selbstverständlichkeit genommen.
Und dafür Dankbarkeit gegeben.
Heute höre ich meinen Atem anders.
Nicht, weil er perfekt ist.
Sondern weil er da ist.
Jeder Atemzug sagt:
Du bist noch hier.
Du bist noch hier.
Du bist noch hier.
Und jedes Mal, wenn ich ihn höre,
klatscht irgendwo das Leben ganz leise Beifall.