Die bestmögliche Behandlung im Krankenhaus ist kein Zufall!
von Dr. med. Donata von Dellingshausen
Wenn man mit einer schwerwiegenden Diagnose konfrontiert wird, eine Operation oder ein Krankenhausaufenthalt bevorsteht, dann kommt schnell die Frage: wohin? Wie finde ich den richtigen Arzt, den besten Operateur?
Viele vertrauen in dieser Situation dem Rat ihres niedergelassenen Arztes und wollen sich durch zusätzliche Informationen nicht verunsichern lassen. Das ist nachvollziehbar. Andere fragen den Nachbarn und Freunde (“das ist eine gute Klinik, ich lag da mit meinem gebrochenen Bein, das Essen ist super...”). Viele suchen nach Informationen im Internet und auf den Seiten der Kliniken, die sich dort von ihrer besten Seite zeigen.
Als Ärztin würde ich mir wünschen, dass die Qualität der Medizin in Deutschland so gleichmäßig hoch ist, dass dieses Verhalten kein Gesundheitsrisiko darstellt.
Leider weiss ich, dass das nicht so ist.
Es gibt gut organisierte Kliniken, wo das Essen schmeckt, die Bäder sauber und die Krankenschwestern freundlich sind. Die Qualität der Behandlung ist dadurch keinesfalls garantiert. Denn die hängt hauptsächlich von der Qualifikation des behandelnden Arztes und dem Know-How der Klinik ab.
So kann es innerhalb einer Klinik riesige Qualitätsunterschiede geben: möglicherweise ist sie herausragend für die Behandlung des Eierstockkrebses, aber schlecht für Hüftprothesen. Innerhalb der Abteilung für Frauenheilkunde ist man eventuell mit Brustkrebs gut aufgehoben, aber auf keinen Fall mit einer komplizierten Zwillingsschwangerschaft. Einfach weil die Ärzte dort einen anderen Schwerpunkt haben und die Verantwortlichen im Kreissaal nicht ausreichend hierfür qualifiziert sind.
Natürlich muss man nicht für jede Operation in eine Spezialklinik fahren. Eine Recherche, ob die angepeilte Klinik ausreichend Erfahrung mit “meiner” Erkrankung hat, halte ich aber in jedem Fall für sinnvoll. Ich persönlich würde mein Kind selbst bei einer harmlosen Polypen-Operation nicht jedem anvertrauen, der behauptet, das zu können.
Ganz anders ist es bei der Diagnose eines bösartigen Tumors, beispielsweise am Eierstock. Es ist eine furchtbare Wahrheit, aber hier kann die falsche Klinik, der falsche Operateur einem Todesurteil oder zumindest einer deutlichen Verkürzung der Lebenszeit gleichkommen. Es bedarf einer hohen Spezialisierung, ausgezeichneter Infrastruktur, der funktionierenden Zusammenarbeit verschiedener Fachabteilungen sowie der Teilnahme an Studien, um bei diesen Erkrankungen die bestmögliche Behandlung zu bieten und die Krankheit im besten Fall zu heilen. Das ist kein Geheimnis, das wissen alle Ärzte (jedenfalls die, die sich im letzten Jahrzehnt weitergebildet haben).
Wenn dies allgemein bekannt ist, dann kann ich doch bestimmt darauf vertrauen, dass die Klinik mich nur operiert, wenn sie all diese Qualifikationen bietet? Die Klinik/der Arzt wird mich doch nicht wissentlich minderwertig behandeln und damit eine schlechtere Prognose in Kauf nehmen?! Bei so einer schweren Diagnose wird doch jeder Arzt über seinen Schatten springen und sagen: ich kann das nicht so gut, lassen Sie das lieber von von jemand anderem machen!
Leider ist das nicht so! Gründe hierfür gibt es viele: beispielsweise der Druck der Klinikleitung, Fallzahlen zu generieren. Möglichst kein Patient soll weggeschickt werden. Manche Ärzte geben sich ungern die Blöße, dass sie etwas nicht so gut können. Einige Operateure haben ein gewaltiges Ego oder sind schon so lange “Alleinherrscher” in ihrer Abteilung, dass sie tatsächlich zur kritischen Selbsteinschätzung nicht (mehr) fähig sind. Andere haben sich lange nicht mehr fortgebildet, haben keinen Austausch mit echten Spezialisten und denken, sie machen es richtig.
Zu oft habe ich gesehen, dass die Gesundheit der Patienten NICHT an erster Stelle steht. Das Ego der Ärzte und auch die finanziellen Anreize sollte man nicht unterschätzen.
Worauf kann ich mich als Patient also verlassen?
Es gibt meines Erachtens ein paar Informationen, die Laien zwar schwer zugänglich sind, nach denen man aber gezielt im Internet suchen sollte, bevor man sich behandeln lässt.
1. Hat die Abteilung Erfahrung mit meiner Erkrankung? Optimalerweise liegt hier ihr Schwerpunkt. Dieser kann “objektiviert” werden durch z.B. hohe Behandlungszahlen (s. a. www.weisse-liste.de). Trotzdem sind hohe Zahlen nie ein Garant für gute Qualität! Manche Fachkliniken machen Dinge sehr oft und trotzdem sehr schlecht!
2. Ist die Klinik “zertifiziert” für meine Erkrankung? Für einige schwerwiegende oder seltene Erkrankungen gibt es inzwischen Zertifizierungsverfahren wissenschaftlicher Fachgesellschaften. So existieren z.B. zertifizierte Brustzentren, Endometriosezentren, Beckenbodenzentren etc. Diese wissenschaftlichen Zertifizierungen sind meines Erachtens ein guter Hinweis für Qualität.
3. Hat mein Arzt die bestmögliche Ausbildung für mein spezielles Problem, hält er vielleicht das Zertifikat einer Fachgesellschaft, die sich mit meiner Erkrankung/der geplanten Operation wissenschaftlich auseinandersetzt, hat er spezielle Kurse durchlaufen und hier die höchstmögliche Stufe erreicht? Hält er Vorträge, ist er auf dem neuesten Stand?
Das alles sind gute Hinweise für Qualität. Trotzdem ist die Suche nach Informationen zur fachlichen Qualität von Ärzten im Internet oft frustrierend, weil man nicht wirklich hinter die Kulissen gucken kann. Ist der Operateur handwerklich geschickt? Kann ich mich bei ihm darauf verlassen, dass er nur operiert, wenn es medizinisch sinnvoll ist? Ist er auch unter Kollegen angesehen? An diese Informationen kommt man wohl nur als “Insider” dran.
Man sollte nicht jedem Arzt misstrauen. Die meisten Ärzte haben ein grosses Interesse an Qualität und daran, Patienten bestmöglich zu behandeln. Es gibt viele Ärzte, denen die Qualität ihrer Arbeit mehr bedeutet als Reichtum.
Trotzdem sollte man sich bei schwerwiegenden Erkrankungen unbedingt selbst informieren, eine Zweitmeinung einholen und gegebenenfalls auch eine wohnortferne Behandlung in Kauf nehmen. Nicht jeder Arzt kann alles gleich gut und eine Klinik mag für eine bestimmte Erkrankung perfekt sein, für die andere nicht. Und ganz wichtig: es kommt nicht auf das Essen an!
Mit dem Projekt BetterDoc (www.betterdoc.org) möchte ich meinen Beitrag leisten, den Patienten die bestmögliche Behandlung durch die besten Spezialisten zukommen zu lassen. Bei BetterDoc verraten Ihnen unabhängige Fachärzte, bei wem sie sich selbst behandeln lassen würden. Einfach, schnell und transparent. Der Service ist kostenpflichtig, weil wir den Ärzten eine Aufwandsentschädigung in Form von Fortbildungsguthaben zukommen lassen und mit dem Rest unsere Kosten für die Weiterentwicklung von BetterDoc decken. Allen Unterstützern, insbesondere den bei uns aktiven Ärzten, möchte ich ganz herzlich danken!
Dr. med. Donata v. Dellingshausen ist Gründerin von BetterDoc und Fachärztin für Frauenheilkunde. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Schwager leitet sie das Projekt in Vollzeit. Donata v. Dellingshausen ist 38 Jahre alt und hat drei kleine Kinder im Alter von 1, 4 und 5 Jahren.