Als Anna das Café betrat, versuchte sie gleichgültig zu wirken: Mit unbeeindrucktem Blick ging sie möglichst beiläufig an den runden Tischen vorbei. Ihr Rucksack streifte einen der leeren Stühle. Sein Bein kratzte lautstark über den Boden aus Holz, das unangenehme Geräusch hallte durch den fast leeren Raum. Schnell beeilte sie sich, setzte sich auf eine kleine Bank in der Ecke des Cafés. Kaum hatte sie sich von Mütze, Schal und Mantel befreit, die sie neben sich auf die Bank stopfte, stand die Kellnerin vor ihr. “Kann ich dir schon was bringen, oder wartest du noch?”, fragte sie und blickte auf den leeren Stuhl, der ihr gegenüber stand. “Ein Helles, bitte”, sage Anna. Sie bemühte sich der Kellnerin mit starkem Blick in die Augen zu sehen, ohne deren Blick auf den leeren Stuhl zu folgen. Er würde leer bleiben.
Anna holte ihr Buch heraus. Sie ärgerte sich ein wenig, dass die Kellnerin nicht nur davon ausging, dass noch jemand kommt. Sondern dass sie das auch noch thematisierte. Anna war manchmal alleine. Aber nicht einsam. Sie hatte Freundinnen und Freunde, genoss es aber, sich alleine mit einem Buch in ein Café zurückzuziehen. Niemand, nach dem sie sich richten musste, niemand, dem sie es Recht machen musste. Niemand, der sie schief ansah, weil sie keinen Latte oder keine Rhabarberschorle, sondern eben ein Bier bestellte. Außer vielleicht die Kellnerin. Einfach hier im Café sitzen, sich angenehm ansäuseln und lesen während im Hintergrund Tassen klapperten und Mütter, in Kinderwägen schielend, miteinander tratschten. Sie liebte es, wenn das laute Rauschen der Milchdüse sich zu einem sonoren Pfeifen hochschaukelte.
Die Frage der Kellnerin hatte sie abgelenkt. Sie hatte zwei Seiten ihres Buches gelesen, ohne den Inhalt zu begreifen. Während ihr Augen die Buchstaben zwar dechiffriert hatten, waren ihre Gedanken woanders. Ist es komisch, sich alleine in ein Café zu setzen? Was denken wohl die anderen über sie. Bei Männern ist es normaler, alleine in eine Kneipe zu gehen. Am Tresen sitzen dann einzelne Männer – zwischen ihnen bleibt immer ein Barhocker frei – so will es scheinbar das Bargesetz. Sie scherzen mit der Frau, die ihnen ein Bier nach dem anderen hinstellt. Nur selten reden sie miteinander und wenn doch dann beiläufig – lange Pausen zwischen verschiedenen Themen. Und immer ein Barhocker frei zwischen ihnen. Klar, jeder weiß, dass das Alkis sind. Wahrscheinlich gehen sie zum Trinken in die Kneipe, damit ihre Frauen zuhause nicht mitbekommen, wie viel sie eigentlich trinken. Anna schüttelt den Kopf – so ein albernes Klischee: Die grantige Frau, die zuhause auf den Mann wartet – am besten noch mit Lockenwicklern im Haar.
“Kann ich dir noch eins bringen?”, fragte die Kellnerin. Lächelte Sie abfällig? Hielt sie sie auch für einen traurigen Alki, wie die Männer an den Tresen der Pilsbars? Anna sah sich im Raum um. Es war Mittagspausenzeit. Die Tische waren jetzt alle besetzt mit eiligen Büroangestellten, die für ein schnelles Pastagericht und eine Runde Lästereien über den Chef aus den Großraumbüros in die Cafés in der Umgebung gespült wurden. Eine Gruppe stand in der Tür, die Frauen und Männer sahen sich suchend im Raum um. “Ja, sehr gerne”, sagte Anna nicht ohne ein selbstverständliches Lächeln zu konstruieren. Sie sah schnell von der tischlosen Gruppe weg und hoffte, dass keiner von ihnen auf die Idee kam, sie zu fragen, ob sie sich dazu setzen könnten. Sie sah jetzt konsequent ins Buch, um möglichen Blickkontakt zu verhindern. Warum hatte sie den Mantel nicht über den freien Stuhl gehängt?