Manchmal sind es nur wenige Sekunden, ein falscher Blick oder die Unachtsamkeit eines anderen, die genügen, um ein Leben zu beenden. Bei Sylvia Schnürer, einer sportlichen Frau mit langem, blondem Haar und blauen Augen, geschieht es an ihrem 30. Geburtstag, dem 21. September 2016, einem Mittwoch, kurz nachdem sie ihre Wohnung verlässt. Am Morgen hat ihr Verlobter ihr Ohrringe zum Geburtstag geschenkt, silberne Creolen. Nun, um kurz nach neun Uhr, will sie, die studierte Psychologin, zur Arbeit, zur Jugend- hilfe der Diakonie, wo sie minderjährige Mütter betreut. Sie steigt auf ihr schwarzes Mountainbike und radelt durch Moosach, im Münchner Norden, wo die Stadt langsam ausfranst, vorbei am Lerchenauer See und an Kleingärten, die sich hinter mannshohen Hecken ducken.