Zwar können Staaten in der Regel auf ihrer geographischen Grenze umlaufen werden und man könnte ihnen deshalb zugestehen, tatsächlich im physischen Raum festgeschrieben zu sein, je nach historischem Geschick ist das geographische Argument allerdings zumeist auch das schwächste. Regelmäßig waren und sind ökonomische, kulturelle oder sprachliche Grenzen viel wirkmächtiger und tragen dafür Sorge, dass auch Staaten letztlich virtuelle Gebilde bleiben, die sich als Gemeinschaft nicht natürlich konstituieren, sondern durch ein abstraktes Bewusstsein zusammen gehalten werden, propagiert beispielsweise durch Zeitungen, (Geschichts-)Bücher oder vermeintliche gemeinsame „Werte“. Sie sind „imaginär“, weil sie eine Ausdehnung erreicht haben, die alltägliche Interaktionen von Angesicht zu Angesicht mit allen Mitgliedern der Gemeinschaft unmöglich werden lässt und deshalb das für die Aufrechterhaltung des Staaten-Raumes obligatorische Zusammengehörigkeitsgefühl durch ideologische Ersatzpräparate erzeugt werden muss.