Der Tod General Francos – Die Stunde Null
Ich habe die Ehre, diesen Artikel aus erster Hand geschickt bekommen zu haben. Es handelt sich um ein historisches Dokument, in dem der Journalist Friedrich Kassebeer, von 1972 bis 2005 Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Spanien, Portugal, Lateinamerika und Italien, seine damaligen Aufzeichnungen zusammenfasst.
Vor 40 Jahren begann mit Juan Carlos I. der Weg zur Demokratie
Friedrich Kassebeer
Es geschah im vorigen Jahrhundert, vor 40 Jahren, einem halben Menschenalter. Ich soll mich an den Tod von General Francisco Franco erinnern, der sich „Caudillo von Spanien durch die Gnade Gottes“ nannte und so auch auf Peseta-Münzen abgebildet war. Die Geschichte spricht aus fast vergilbten Zeitungsblättern, Computer waren damals noch Utopie. Ich war seit 1972 Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Madrid und schrieb damals, im Herbst und Winter 1975, Dutzende von Berichten und Artikeln über die vierwöchige Agonie des spanischen Diktators und seinen umstrittenen jungen Nachfolger, König Juan Carlos I.
Ein kleines Transistorradio in der Jackentasche war immer eingeschaltet, um nur kein Bulletin der 32 Ärzte zu verpassen, die im Madrider Krankenhaus La Paz (Der Frieden) „um das Leben des Staatschefs rangen“, wie die Blätter meldeten. Die spanische Presse drang so tief in Franco ein, wie sie das bei dessen politischem Innenleben, seiner diktatorischen Praxis, nie gewagt hatte. Selbst Francos Leib- und Magenblatt, das konservativ-monarchische ABC, druckte eine anschauliche Skizze der inneren Organe Francos samt der entfernten Magenteile und der Operationsnähte.
Die Diktatur mit ihrem Kontroll- und Zensurapparat zeigte Auflösungserscheinungen. Vor den rund 200 im Hospital akkreditierten spanischen und internationalen Journalisten, Fotoreportern und Kameraleuten war kaum noch etwas zu verbergen. Die liberalen „Informaciones“ aus Madrid zeigten den kranken Caudillo von Kopf bis Fuß schematisch mit all seinen Leiden, von Parkinson über Herzschwäche, einen Infarkt wahrscheinlich, bis zu Lungenödem, Magenblutungen, Darmthrombose, Bauchwassersucht.
Prinz Juan Carlos von Bourbon, damals 37, fuhr als amtierender Staatschef täglich am Steuer seines Mercedes zum Hospital, um von den Ärzten Klarheit zu erlangen. Der Prinz war von Franco bereits 1969 per Dekret als künftiger König designiert worden, gegen den Widerstand radikaler Falangisten. Der Ministerrat hatte ihn Ende Oktober, da Franco regierungsunfähig war, mit der Staatsführung betraut. Es war nötig, da Spaniens Afrikakolonie Westsahara von Marokko mit Invasion bedroht wurde. Das militärische Können des Prinzen, der als Offizier von Heer, Marine und Luftwaffe ausgebildet wurde und inzwischen General war, wurde gefordert.
Mittwoch, 19. November 1975, Süddeutsche Zeitung: „Die 32 Ärzte des todkranken Generals Franco zeigen sich fast hoffnungslos. Die Vergiftungserscheinungen im Bauch verstärkten sich…Die Störungen des Herzrhythmus hielten an…Fortsetzung der künstlichen Beatmung war erforderlich, ebenso der Anschluss an die künstliche Niere… Die durch Einwirkung vieler Betäubungsmittel abgeflachte Gehirnstromkurve blieb unverändert. In Madrid wurde die Absage an eine neue Operation , die vierte in zwei Wochen, als die Resignation der Mehrheit des Ärzteteams vor dem Tod verstanden, der trotz einiger optimistischer Äußerungen in den letzten Tagen nun unausweichlich scheint.“
Schon bei der dritten Bauchoperation war das Herz des Patienten stehengeblieben, durch Elektroschocks aber wieder in Gang gesetzt worden. Francos Enkelin Mariola, die in Madrid mit ihrem silberfarbenen Rolls Royce auffiel, hatte beim Anblick ihres an viele Apparate angeschlossenen Großvaters gerufen: „Mein Gott, jetzt ist es aber genug.“ Über ihren Vater, Francos Schwiegersohn Martínez-Bordiu, Marquis von Villaverde, der als leitender Chirurg den Patienten mit behandelte, hieß es freilich in Madrid, er wolle den Caudillo unbedingt bis zum 20. November am Leben halten. Ein symbolisches, für das faschistische Spanien heiliges Datum: Am 20. November 1936 war in dem von Franco angezettelten Bürgerkrieg der Falangegründer José Antonio Primo de Rivera auf Befehl der republikanischen Regierung erschossen worden. Neben seiner Gruft im monumentalen Ehrenmal Valle de los Caidos in der Sierra bei Madrid sollte Franco beigesetzt werden.
Die spanische Regierung warnte die Chefredakteure der Zeitschriften und Tageszeitungen unter Hinweis auf die Strafvorschriften, weiterhin Kommentare zugunsten tiefgreifender Änderungen der Verfassung und des Systems sowie Meldungen über illegale Parteien zu bringen. Der Ministerrat, der unter Franco die sozialistisch orientierte Illustrierte „Triunfo“ für vier Monate verboten hatte, lehnte unter Prinz Juan Carlos den Einspruch des Blattes ab. Ähnlich drakonische Maßnahmen trafen auch andere Medien.
Wer in Spanien genauer informiert werden wollte, hörte ausländische Kurzwellensender, die britische BBC, Radio Moskau, Radio France und die Deutsche Welle. Oder man kaufte ausländische Zeitungen am Kiosk in Madrid. Für Auslandskorrespondenten begann die schwierige, beinahe pädagogische Aufgabe, den Lesern zu erklären, wie die Macht im komplizierten Franco-System verteilt war, wie die Strukturen überhaupt in Richtung Demokratie verändert werden konnten, wie es die illegalen Parteien unablässig forderten.
Endlich wurden im Hospital La Paz die Medizinmaschinen abgestellt. Franco starb in den frühen Morgenstunden des 20. November um 4.40 Uhr. Zwei Wochen vor seinem 83. Geburtstag. Sein Herz versagte nach schweren Vergiftungserscheinungen im Darmtrakt, die schon am Vortag von den Ärzten als „Schock“ erwähnt worden waren. Offiziell wurde laut Informationsministerium (!) der Tod um 5.25 Uhr von den diensthabenden Ärzten festgestellt. Die Zeitdifferenz war einer der letzten Widersprüche der Franco-Diktatur, die nie geklärt wurden.
Die Leiche wurde einbalsamiert und in den Pardo-Palast im Grüngürtel von Madrid überführt. Dort hatte Franco jahrzehntelang mit seiner Frau Carmen residiert und regiert. Dort hatte er noch im September die letzten von zahlreichen Todesurteilen bestätigt, es war die Hinrichtungsorder für fünf junge Spanier, die von Militärtribunalen wegen Mordes verurteilt worden waren. Sie gehörten zur baskischen ETA und zur FRAP, einer linksextremen Widerstandsgruppe. Am 27. September wurden sie von Polizeikommandos und der Guardia Civil auf einem Truppenübungsplatz bei Madrid erschossen. Mit drei spanischen Kollegen war ich frühmorgens dabei, wir sahen, wie die Polizisten danach zur Entspannung rauchten, auf ihre Gewehre gelehnt. Proteste europäischer Regierungen, selbst die von Papst Paul VI., hatten den Diktator nicht vom Tötungsbefehl abhalten können.
Der Tod Francos am 20. November 1975 war trotz der langen Agonie ein Schock für sein Gefolge. Mit tränenerstickter Stimme verlas Ministerpräsident Carlos Arias im Staatsfernsehen die letzte Botschaft Francos an die Spanier. „Ich wollte als Katholik leben und sterben“, hieß es da. „Im Namen Christi war ich immer gern ein treuer Sohn der Kirche. Ich bitte alle um Verzeihung, wie ich aus ganzem Herzen denen verzeihe, die sich als meine Feinde erklärt haben, ohne daß ich sie für solche gehalten habe.“ Und dann der Hinweis auf den Nachfolger: „Schart Euch um den künftigen König von Spanien, Juan Carlos de Bourbon, mit der gleichen Liebe und Loyalität, die Ihr mir entgegengebracht habt.“ Schließlich die zeitlebens von ihm gewohnte Ermahnung: „Vergeßt nicht, dass die Feinde Spaniens und der christlichen Zivilisation auf dem Sprung sind. Seid auch Ihr auf der Hut und stellt Eure eigenen Interessen im höchsten Interesse des Vaterlandes und des spanischen Volkes zurück.“
Carlos Arias war nach nur elf Minuten vor den Kameras am Ende seiner Fassung. Ihm standen als Regierungschef die Diadochenkämpfe mit dem ultrarechten Flügel des Movimiento Nacional (Nationale Bewegung), der Staatspartei, bevor. Arias war der Nachfolger des im Dezember 1973 durch ein Bombenattentat der baskischen ETA getöteten Regierungschefs, Admiral Carrero Blanco, und er hatte unter dem Drängen reformwilliger Kräfte des Movimiento, die sich im Ständeparlament der Cortes und in der Presse bemerkbar machten, ein Gesetz für „Politische Vereinigungen“ (Asociaciones Políticas) durchgebracht, die parteipolitische Tendenzen im Regime darstellen konnten.
Doch zunächst blickten alle auf Juan Carlos, den jungen Bourbonen. Seine Taktik, den Thron zu gewinnen, verblüffte im In- und Ausland, sie ließ das Wirken kundiger Berater erkennen. Er wollte sich bereits am 22. November, einem Samstag, vom Ständeparlament, den Cortes, als König und Staatschef vereidigen lassen, um dann am Sonntag als Staatsoberhaupt den Vorgänger Franco im Valle de los Caidos beerdigen zu lassen.
Die Leiche Francos wurde in einem luxuriösen Sarkophag im Palacio de Oriente, dem Madrider Königspalast, aufgebahrt, wo das Volk von ihm Abschied nehmen sollte, wie Radio und Fernsehen unaufhörlich verkündeten. Schon in der bitterkalten Nacht zum 22. November kamen die Menschen zu Tausenden. Unwirsch blickten die livrierten Protokollbeamten auf die alten und jungen Kämpfer, die mit Hackenschlagen, falangistischem Heil-Gruß und Kehrtwendung ein paar Sekunden zuviel Zeit zum Abschied vor dem offenen Sarg ihres Caudillo brauchten. Manche Übereifrigen schwenkten sogar drei Mal den rechten Arm hoch, und manche Dame im Pelzmantel entbot dem Toten nicht nur den Heil-Gruß, sondern bekreuzigte sich auch noch. Einige riefen: „Adios, Caudillo von Spanien!“ Und wieder andere brachen weinend vor dem Sarg zusammen.
Die Schlangen der Wartenden wanden sich durch das ganze Zentrum der Vier-Millionen-Metropole und erreichten fast 35 Kilometer Länge. Manche standen zwölf Stunden in bitterer Nachtkälte, und fast tausend mussten vom Roten Kreuz Erste Hilfe erhalten. Ein 80-Jähriger erlitt einen Herzanfall und starb im Krankenhaus. Auch wir, ein paar Auslandskorrespondenten, beobachteten die Szenen am Sarg. Wir waren bei der Franco-Regierung akkreditiert und brauchten nur den Presseausweis zu zeigen, um nicht warten zu müssen. So blickten wir auf den Toten in seiner Galauniform des Generalissimus und sahen das bräunlich-grau geschminkte Gesicht, das von weißer Seide umgeben in dem rötlich-braunen Mahagonisarg seltsam geglättet wirkte. Nur wenige von uns, die dem Pressekorps vorstanden, hatten je Gelegenheit bekommen, General Franco vorgestellt zu werden. Nun fragten wir uns, was aus seinem Regime werden würde.
Zehntausende, die nie eine Audienz bekommen hatten, konnten aus einem Meter Distanz auf Francos Leichnam blicken. 300.000 sollen es am Ende gewesen sein. Die Demonstration von Trauer und Neugier schien alles zu erdrücken, ließ Franco auch nach dem Ende von 39 Jahren Herrschaft allgegenwärtig erscheinen. Doch Prinz Juan Carlos war immer dabei. Spaniens künftiger König ließ sich von der vor allem von Ultrarechten organisierten Trauer nicht beiseite schwemmen, sondern emportragen. In einer Mischung von eiskalter Berechnung und fabelhaftem Instinkt für das Angemessene ließ er sich am Tage der Massentrauer im Ständeparlament als König vereidigen, verpflichtete als Staatschef und Oberbefehlshaber, frisch zum Generalkapitän ernannt, dem höchsten Militärrang, durch einen Tagesbefehl alle Streitkräfte auf sich. Er war der höchste Soldat, wie vorher Franco.
Dabei glaubten manche noch erschrocken, dass der Bourbone den Vorgänger schon äußerlich nachahmen würde. Juan Carlos rollte Samstag mittag in Francos altertümlichem Rolls Royce zum Parlamentsgebäude der Cortes. Doch die Aufklärung klang beruhigend: Franco hatte als Verweser des Königreichs oft diese Staatskarosse des 1931 aus der jungen Republik geflüchteten Königs Alfons XIII. benutzt, und Juan Carlos nahm nun den Wagen seines Großvaters wie selbstverständlich wieder in Besitz.
Der hochgewachsene Bourbone überragte schon körperlich seine Umgebung. In der Uniform des Generalkapitäns trat er vor das Parlament, begleitet von seiner Frau Sophia und den Kindern Felipe, Elena und Cristina. Spaniens neue erste Familie. Im Fernsehen sehr werbewirksam für die neue Monarchie. Juan Carlos sprach eine streng geheim gehaltene Eidesformel: Ich schwöre bei Gott und auf die heiligen Evangelien, die Grundgesetze des Königreichs zu befolgen und befolgen zu lassen und den Prinzipen Treue zu bewahren, auf denen die Nationale Bewegung (das Movimiento Nacional) beruht.“
Damit war die Formel, die unter Franco galt, umgekehrt worden: Den Grundgesetzen, die formell demokratische Rechte gewähren und Raum für Gesetzesreformen bieten, ist Juan Carlos vorrangig verpflichtet; die ständestaatlichen Prinzipien, die Franco seinem Movimiento diktierte, erscheinen erst an zweiter Stelle. Den meisten war die Tragweite dieser Eidesformel nicht klar; sie stellte sich erst ein Jahr später als Schlüssel für den Übergang zur Demokratie heraus.
Was immer des Caudillos alte Kämpfer von dieser Wendung halten mochten, der Cortes-Präsident proklamierte den Prinzen zum König Juan Carlos I. von Spanien. Das konnten viele kaum fassen, dass erstmals seit 1931 wieder von „Seiner Majestät“ die Rede war, dass „der Nachfolger“ nicht mehr Juan Carlos war, sondern dessen siebenjähriger Sohn Felipe, der als Prinz artig auf seinem Sessel saß und sich freute, wenn sein Papa so viel Beifall für seine Thronrede bekam.
Von den 140 Zeilen des Manuskripts der Thronrede, die natürlich vom Fernsehen und allen Radiosendern übertragen wurde, waren ganze elf Zeilen General Franco gewidmet. Sofort danach sprach Juan Carlos dankbar von seinem Vater Don Juan, der ihn von Kindesbeinen an Pflichterfüllung gelehrt habe. Der Thronprätendent und Chef des Hauses Bourbon musste im Exil leben, wurde von Franco nie in Spanien geduldet, hatte mit diesem aber die Erziehung und Ausbildung von Juan Carlos an den Militärakademien vereinbart, der Weg zum Königreich.
Sicher und selbstbewusst, nicht mehr gehemmt wie bisher, verkündete Juan Carlos in der Thronrede seine Pläne. Enge Bindung der Monarchie an das Volk und Gerechtigkeit als oberstes Prinzip im Mittelpunkt. Mit fast scharfer Stimme sagte er: „Niemand möge befürchten, dass seine Sache vergessen wird. Niemand möge einen Vorteil oder Privilegien erwarten.“ Man verstand es als Absage an die Vetternwirtschaft des Regimes, an die Korruption. Wer in der illegalen Opposition und ganz allgemein eine Garantieerklärung für demokratische Grundrechte und eine politische Amnestie erwartet hatte, wurde enttäuscht.
Hochrufe auf den König und auf Spanien beendeten die geschichtsträchtige Proklamation. Königin Sophia, die griechische Königstochter mit deutschen Wurzeln, bekundete ihrem Gatten nach dem Verlassen des Plenarsaals in Gegenwart nur weniger Honoratioren durch einen Hofknicks ihre Ergebenheit. Spanien lernte, was „Protokoll“ bedeutet. Juan Carlos und Sophia fuhren im offenen, uralten Roll Royce zur Bahre Francos im Oriente-Palast. Es war eine Triumphfahrt an Schlangen der Wartenden vorbei, die erstmals riefen: „Es lebe der König!“
Das Königspaar betete einige Mi nuten am Sarge Francos, und Juan Carlos duldete nicht, dass der Zustrom der Menschen unterbrochen wurde. Er zeigte Souveränität. Er empfing als regierender Monarch den amerikanischen Vizepräsidenten Nelson Rockefeller und andere zur Beerdigung angereiste Staatsgäste. Der König stand, wie er es geplant hatte, im Mittelpunkt der Trauerfeiern für Franco. Das Fernsehen zeigte in Großaufnahme, wie die tief verschleierte Witwe des Caudillo, Carmen Polo de Franco, vor dem Königspaar den Hofknicks zelebrierte. 500.000 Falangisten sollen laut spanischen Reportern zur Felsenbasilika im Valle de los Caidos gekommen sein. „Franco, Franco“, gellten Sprechchöre, und auch „Caudillo Franco, presente!“ Das „presente“ – zur Stelle! - blieb während der hektischen Wendezeit die Parole der Ultrarechten.
Als Francos Sarg im dunklen Portal der Basilika unter dem 150 Meter hohen Steinkreuz zwischen den Felsen verschwand, wurde das Ende einer düsteren Epoche bildlich greifbar. Der Sarg wurde in die Gruft neben dem Grab des Falangehelden Primo de Rivera gesenkt, ein Zyklus von vier Jahrzehnten hatte sich geschlossen. 1.500 Kilo schwer ist die Marmorplatte, mit der Francos Gruft abgedeckt wurde – noch heute unken und witzeln alte Spanier, sie sei hoffentlich für immer schwer genug. An jenem Novembersonntag schworen vor dem König und dem Justizminister als oberstem Notar des Reiches Francos Haushofmeister und zwei Offiziere, es sei wirklich die Leiche Francisco Francos, die sie hergebracht hätten.
Süddeutsche Zeitung, Madrid, 27. November 1975: Walter Scheel redete englisch mit dem sprachkundigen König Juan Carlos, als dieser ihn eine Stunde nach Mitternacht auf dem Flughafen vor der gerade ausgerollten Luftwaffenmaschine begrüßte. „You know, what we feel“, sagte der Bundespräsident, und darin lag eigentlich all das, was auch in vielen Botschaften aus dem Ausland an den jungen Monarchen zum Ausdruck gekommen war: der Wunsch, dass Juan Carlos Spanien nach der Franco-Ära friedlich ins demokratische Europa führe. „Es lebe der König!“ riefen Hunderte von den Flughafenterrassen und einige auch „Viva Alemania!“
Als Prinz hatte Juan Carlos bei Besuchen in Bonn und anderen europäischen Hauptstädten erkennen lassen, dass er als Nachfolger Francos Spanien zur Demokratie machen wolle. Das war natürlich Franco zu Ohren gekommen. Doch es hieß, dass er dem Prinzen von Soldat zu Soldat erklärte habe, jeder General schlage seine eigene Schlacht. Nun war Juan Carlos an der Reihe. Außer Bundespräsident Scheel kamen Frankreichs Präsident Valery Giscard d´Estaing, Prinz Philipp von Großbritannien, der US-Vizepräsident Nelson Rockfeller und hohe Repräsentanten anderer Staaten zur Krönungsmesse nach Madrid, um Juan Carlos sozusagen demokratische Weihen mitzugeben. Zu Francos Begräbnis waren sie bewußt nicht erschienen.
In der gotischen Basilika San Jerónimo neben dem Prado-Museum, der traditionellen Krönungs- und Hochzeitskirche spanischer Monarchen, wollte Juan Carlos in einer sehr feierlichen Messe „um göttliche Erleuchtung, Weisheit und Geschicklichkeit“ bitten, wie offiziell verlautete. Dort las ihm allerdings der Madrider Erzbischof Enrique Kardinal Tarancón gehörig die Leviten. Der vom Franquismus geschnittene und von der Falange sogar verleumdete Oberhirte hatte oft gegen Gewaltakte und Unterdrückungsmaßnehmen der Diktatur protestiert. Er appellierte in seiner Predigt an Juan Carlos, „dass Euer Königreich von keiner Art Tod oder Gewalt erschüttert werde, dass niemand durch irgendwelche Unterdrückung versklavt werde, dass alle freie Lebensfreude teilen können“.
Zum ersten Male wurde die Forderung der katholischen Kirche nach Garantien der Grundrechte in Spanien vom Staatsfernsehen direkt übertragen. Das war die Sensation für viele Spanier am Ende dieser von Marschmusik, Trauerreden und Triumphfahrten des Königs durch Madrid erfüllten Novemberwoche. Viele Spanier hatten in Oppositionszirkeln das Ende der Diktatur gefeiert. Die Studenten, deren Demonstrationen oft von der Polizei gesprengt worden waren, waren besonders ausgelassen. Aber die Ultrarechten, vor allem die fanatischen „Christkönigskrieger“, rückten zu Gewaltakten aus. Sprecher der illegalen Kommunisten, Sozialisten, Christdemokraten und Liberalen forderten Generalamnestie für etwa 2000 politische Gefangene. Durch einen ersten Gnadenakt des Königs kamen zunächst rund 500 von ihnen frei.
Ministerpräsident Carlos Arias bildete auf Geheiß des Königs die Regierung um. Als Außenminister sprach der Rechtsliberale José Maria de Areilza bereits von Öffnung zu den Demokratien Europas und ersten freien Wahlen Ende 1976. Innenminister wurde Francos früherer Informationsminister Manuel Fraga, der vom Botschafterposten in London nach Madrid zurückkehrte. Er galt als autoritär, aber reformbereit. Ich bat ihn um ein Interview, das er mir als erstem Korrespondenten gewährte. Es erschien am 22. Dezember 1975. Ich musste, wie damals in Madrid üblich, meine Fragen schriftlich einreichen, ergänzte sie aber im Wortwechsel mit dem oft aufbrausenden Minister. Was er als Minister Francos von der Diktatur gehalten habe? „Sie war nie totalitär oder diktatorisch“, betonte Fraga. Er fühle sich als Demokrat, freie Wahlen halte er 1977 für möglich. Kommunisten sollten „in der ersten Phase“ nicht erlaubt werden. Mit den Sozialisten rede er bereits.
Fraga griff mit der Polizei noch oft hart durch gegen die Opposition. Die Regierung Arias, und damit auch Fraga, löste der König in einem überraschenden Coup im Juli 1976 durch Adolfo Suárez als neuem Ministerpräsidenten ab. Unter ihm kamen die Reformen zügig in Gang. Er kannte als Minister das Movimiento von innen, entmachtete die Cortes und die Bewegung trickreich mit ihren eigenen Gesetzen. Zu Ostern 1977 legalisierte er zum Schrecken konservativer Generäle und Admiräle die Kommunistische Partei Spaniens (PCE) und siegte mit seiner Sammelpartei UCD in den ersten freien Wahlen im Sommer 1977.
Im ersten freigewählten Parlament arbeiteten alle Fraktionen, einschließlich der Kommunisten und der Katalanen, die Verfassung der „Parlamentarischen Monarchie“ aus, die am 6. Dezember durch Volksabstimmung angenommen wurde. Das schwerste Problem Spaniens wurde der Terror der baskischen ETA-Separatisten, dem fast 1000 Menschen, vor allem Offiziere und Polizisten, zum Opfer fielen. Der Aufruhr in Militär und Polizei führte zum Putschversuch am 23. Februar 1981, als ein Guardia Civil-Kommando im Parlament die Abgeordneten als Geiseln nahm und Generalleutnant Milans del Bosch in Valencia die Panzer gegen die Demokratie auffahren ließ. König Juan Carlos befahl nachts übers Fernsehen den Rebellen den Rückzug in die Kasernen und rettete so die Demokratie. Aber auch sein Königreich. Doch hier beginnt eine andere Geschichte.
(Friedrich Kassebeer war von 1972 bis 2005 Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Spanien, Portugal, Lateinamerika und Italien.)













