In den letzten Wochen und Monaten ist mir aufgefallen, dass sich unsere Diskussionsart stark geÀndert hat und wie ich durch GesprÀche mit befreundeten Philosophen und Denkern, anderen ebenso.
Doch woran machen wir das fest? Besonders in den sozialen Medien, wie Facebook oder Twitter kann man diese Art des âDiskutierensâ gehĂ€uft beobachten. Es handelt sich dabei um das âRecht haben wollenâ. Daran ist an sich nichts Falsches; wir wollen recht haben, weil wir der Meinung sind, etwas ist aufgrund von Fakten und unserer Interpretation richtig.
Diskussionskultur im Wandel
Relativierungen und Reaktionen
Diskussionskultur im Wandel
Wenn ich mich noch an die Diskussionsforen erinnere, die frĂŒher viel stĂ€rker zum Meinungs- und Wissensaustausch genutzt wurden, dann gab es dort zwar auch das eine oder andere harsche Wort, aber es hatte viel weniger extremistische ZĂŒge an sich, weil allen klar war, dass es sich um einen Austausch handelte.
Ich wĂ€hle das Wort âextremistischâ bewusst, denn nichts anderes ist diese derzeitige Diskussionskultur, die wir da zum groĂen Teil pflegen. An einigen Beispielen werde ich versuchen, das zu verdeutlichen.
Vor einiger Zeit habe ich mit einem Freund ĂŒber den Klimawandel diskutiert und war offen fĂŒr seine Gedanken. Er selbst ist kein âKlimaleugnerâ (wie sie oft genannt werden), sondern er ist offen fĂŒr Gegenargumente und Kritik der gĂ€ngigen Meinung. Daher habe ich mir diverse Diskussionen angeschaut und erkennen können, dass (mal abgesehen von den Klimaleugnern als solches) jeder, der auch nur ein kritisches Wort gegen den, von Menschen verursachten, Klimawandel Ă€uĂerte, zum einen als Klimaleugner bezeichnet wurde und zum anderen ĂŒberschĂŒttet wurde mit Hasskommentaren.
Als die SUV Autofahrer, die solche Wagen in der Stadt nutzen, medial in aller Munde waren und fĂŒr den menschengemachten Klimawandel als groĂe Mitursache verantwortlich gemacht wurden, wurden solche Autos beschĂ€digt oder beschmiert. Wer jetzt denkt, dass das vielleicht nur durch die Medien geisterte und womöglich gar nicht real war â ich habe einen solchen Wagen live im Feierabendverkehr vor mir sehen können, als er auf dem Weg zur Polizei war. Das bedeutet, dass diese Art der Diskussion schon physische Formen angenommen hat. Wir reden nicht mehr nur, sondern der, dem ich fĂŒr etwas Schuld gebe, gehe ich auch noch an. Erst vielleicht nur sein Auto, spĂ€ter möglicherweise ihn selbst âŠ
Es gibt noch viele Ă€hnliche Beispiele in Bezug auf unsere Diskussionskultur, bei einem habe ich es letztens selbst aktiv ausprobiert. Dabei handelte es sich um den Schreibfehler auf dem Trauerkranz fĂŒr die Opfer des Holocaust.
In den sozialen Medien wurde sich diverse Male darĂŒber empört, wie denn so etwas sein kann. Auf einem Geburtstagskuchen kann das ja mal passieren, aber auf einer Schleife fĂŒr die Opfer des Holocaust? Ein Ding der Unmöglichkeit!
Wenn man dann, wie ich, (sinngemĂ€Ă) dann schreibt âIst zwar nicht schön, passiert aber dennoch â thatâs lifeâ, ist die Empörung noch viel gröĂer.
Ich relativiere nichts, noch leugne ich etwas, aber dass ich so etwas wie âshit happensâ sage, trifft auf völliges UnverstĂ€ndnis. Umgehend wurde ich angegriffen und fĂŒr dumm erklĂ€rt, weil mir angeblich die Tragik und das AusmaĂ der Katastrophe ĂŒberhaupt nicht klar wĂ€re.
Das war ehrlich gesagt mein Moment wo ich schreiben wollte âOk, Boomerâ (Link ist am Ende des Beitrags). Denn ich befand mich in dieser Situation genau dort, wo das angebracht gewesen wĂ€re.
Den Diskussionsteilnehmern war es völlig egal, dass Menschen auch mal Fehler machen. Es ging ihnen nur darum sich aufzuspielen und ihrer Empörung, ĂŒber so einen Fehler freien Lauf zu lassen. Wahrscheinlich hĂ€tten sie denjenigen, der den Fehler verursacht hat, am liebsten an den Pranger gestellt und angeschrien, wie er denn als Mensch nur so versagen könne.
Auch ging es ihnen darum, sich aufzuregen ĂŒber diejenigen, die sagen âKommt mal wieder runter und beruhigt euchâ.
Ărzte, Physiker, VerkĂ€ufer, Sachbearbeiter, Piloten und alle anderen machen Fehler, einige fallen auf, einige eben nicht.
Dieser ist aufgefallen, und zwar unangenehm. Nur ist das noch lange kein Grund fĂŒr uns, unsachliche und absolut emotionale bis extremistische Diskussionen zu fĂŒhren â zumal sie keinerlei Mehrwert haben.
Wir empören uns, dass jemand etwas nicht (so absolutistisch und) auf unsere Weise sieht.
Relativierungen und Reaktionen
Ein anderes Beispiel ist der Fall Roger Hallam.
Dieser sagte: âTatsache ist, dass in unserer Geschichte Millionen von Menschen unter schlimmen UmstĂ€nden regelmĂ€Ăig umgebracht worden sindâ und es ânur ein weiterer ScheiĂ in der Menschheitsgeschichteâ wĂ€re (Quelle: Tagesschau).
Umgehend konnte man lesen, dass er den Holocaust verharmlost, er sich damit als Nazi outen wĂŒrde und sein Buchverlag (Ullstein) hat umgehend die Auslieferung seines Buches gestoppt. Ebenso hat sich der deutsche Teil der Organisation âExtinction Rebellionâ, von der er MitbegrĂŒnder ist, von seinen Aussagen umgehend distanziert. Zudem sei er in der Bewegung in Deutschland nicht mehr willkommen.
Vorher war Hallam durch Aussagen wie âAnders als klassische linke Bewegungen schlieĂen wir niemanden aus. Auch jemand, der ein bisschen sexistisch oder rassistisch denkt, kann bei uns mitmachenâ aufgefallen.
Ich sehe es Ă€hnlich wie ein philosophischer Kollege von mir (Hugo): âRichtig ist: Er hat ihn ârelativiertâ: âRelativierenâ heiĂt, Dinge in Beziehung zueinander zu setzen, Tabus zu hinterfragen. Das ist die Grundaufgabe aller kritischen Denker. In einer misanthropischen Kritik an der Menschheit bezeichnete er die Shoa als âfast normales Ereignisâ, ânur ein weiterer ScheiĂ in der Menschheitsgeschichteâ und fĂŒhrte dazu Beispiele an.â
Der Ullsteinverlag stoppt dahingehend die Auslieferung seines Buches, was thematisch nichts damit zu tun hat. Von deutschen Politikern, die sich darĂŒber empören, wird er gerĂŒgt.
Und wie so oft steigen viele auf den Zug auf, um ihn medial zu steinigen. So etwas passiert auch gerne mal in akademischen Kreisen, wo ein kritischer Geist mal ganz schnell als nicht wissenschaftlich und untragbar dargestellt wird, um diesen aus seinem Job zu drÀngen.
Nichts anderes passiert auch in diesem Fall. Anstatt ein VerstĂ€ndnis fĂŒr das Gesagte aufzubauen, anzunehmen und vernĂŒnftig zu diskutieren, wird umgehend auf jemanden eingeprĂŒgelt, weil er sich kritisch zu einem Thema geĂ€uĂert hat.
Teilweise traut man sich gar nicht mehr auf bestimmten Seiten bei Facebook und Co zu Ă€uĂern, weil sofort jeder kritische oder nachfragende Gedanke unterbunden wird, mit Absolutismus.
âEntweder seid ihr fĂŒr uns, oder ihr seid fĂŒr die Terroristenâ
In dieser absolutistischen Diskussionskultur bewegen wir uns zurzeit.
âWas du bist nicht links (oder fĂŒr die Linke)? Dann musst du rechts sein! Dann bist du dumm und wĂ€hlst wahrscheinlich auch noch die AfD! Verdammter Nazi!â
âWas du willst dich mit Diskussionen mit AfDlern einlassen? Mit denen kann man nicht diskutieren, da hilft nur das komplette Verbot und am besten sofort alle einsperren!â
Doch was passiert dann, wenn man Menschen, die sich kritisch Ă€uĂern und zum Denken anregen, verwehrt, BĂŒcher herauszubringen oder sich öffentlich Ă€uĂern zu dĂŒrfen?
Genau, sie wÀhlen die Plattform, die ihnen dieses Recht gewÀhrt und das ist dann genau die, die so hart bekÀmpft wird.
Ich möchte ja niemandem Angst machen, aber 1984 ist viel nĂ€her, als so manch einer denken mag. Wörter dĂŒrfen nicht mehr genutzt werden, alle sollen gleich sein und gleich behandelt werden, wir mĂŒssen der Meinung der Mehrheit sein und dĂŒrfen diese Meinung nicht kritisch hinterfragen, Zwiedenken ist Pflicht, den zu Hassen der nicht ins Bild passt (Hasswoche), jemanden zur Unperson zu machen (wenn auch bezogen auf die öffentliche Person) usw.
NatĂŒrlich kann man mich jetzt als Schwarzseher abtun, vielleicht bin ich das sogar, die Parallelen sind jedoch nicht von der Hand zu weisen.
Vielleicht sollten wir langsam aber sicher uns dessen bewusst werden, dass auch andere Menschen andere Meinungen haben dĂŒrfen und dass wir niemanden absolutistisch von unserer Idee des Lebens und der Welt ĂŒberzeugen mĂŒssen.
Kritische Gedanken dĂŒrfen immer geĂ€uĂert werden, auch wenn sie uns nicht gefallen. Wir mĂŒssen nicht völlig hasserfĂŒllt gegen alles und jeden, der nicht in unser Weltbild passt vorgehen, sondern sollten anfangen zuzuhören, zu verstehen, die Meinung anderer annehmen und dann darĂŒber diskutieren und seine Sicht vielleicht sogar noch mit Fakten zu untermauern.
âI wouldnât say a single word to them. I would listen to what they have to say, and thatâs what no one did.â
https://www.zeit.de/kultur/2019-11/generationenkonflikt-ok-boomer-millenials-babyboomer-rezo
https://www.tagesschau.de/inland/hallam-extinction-rebellion-101.html?fbclid=IwAR0REbRis4laplD3i3Lr_wCGSeycgaq3pERMrObT3i0CJY5qxQBHuFJjQl0
https://de.wikipedia.org/wiki/1984_(Roman)
https://www.imdb.com/title/tt0310793/characters/nm0001504
Veröffentlicht November 2019, aktualisiert
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