BAUHAUS? ABER: WOW [2] –Haus Esters und Haus Lange
[Dies ist der zweite Teil einer losen Serie zum Bauhaus-Jubiläum in NRW. Hier geht es zum ersten Teil.]
Bauhausiger geht es im Westen kaum. Wo man andernorts eine Art Bauhaus-Prequel mit Peter Behrens oder Henry van de Velde in den Hauptrollen inszeniert oder wie bei Zeche Zollverein die Traditionslinien etwas zurechtbiegt, um das rotgeklinkerte Stahlfachwerk als “Neue Sachlichkeit” angeschlossen und somit das feine Weltkulturerbe in den Jubiläumskanon zu bekommen, kann man hier Original-Bauhaus an zwei tatsächlich von Ludwig Mies van der Rohe geplanten und von seiner Partnerin Lilly Reich innengestalteten Häusern bestaunen.
Wäre schnell wieder in Stand gesetzt: Das Bad.
Haus Esters. (Foto: Dirk Rose)
Bauwerke besonderen Ranges
Die beiden Industriellenvillen Haus Esters und Haus Lange profan “Häuser” zu nennen, ist dabei untertrieben: die Anwesen sind Inszenierungstätten bürgerlichen Lebens sondergleichen, vom Orgelzimmer bis zur großzügigen Vorfahrt und von Herren- und Damenzimmern bis zum Zimmer für die “Leute”, womit wohl das Personal gemeint sein muss. Vom Wohnstandard passen sie sich ein in das sie umgebende Villenviertel, aber in ihrer doppelgeschössigen Stahlskelettbauweise, die erst die markant großen Fensterflächen ermöglicht, sind sie bahnbrechend. “Gesamtkunstwerk” ist ein ein großes Wort, das die Krefelder Museen zur Charakterisierung des Ensembles mit den weiten Blicken in den Garten nutzen - aber es fühlt sich schon ganz richtig an, dass man hier stolz im weltweiten Club der “Iconic Houses” mitmischt.
Zwei Ausstellungsräume mit starkem Charakter
Es ist ein großes Glück, dass die Krefelder Kunstmuseen diese beiden Häuser schon seit gefühlter Ewigkeit als Ausstellungsräume nutzen können. Je nach eingeladener Künstlerin sind sie mal Kontrapunkt, mal Ergänzung, mal Hülle, mal Teil des Werks. Die bis Januar laufende Ausstellung “Anders Wohnen” betreibt die zeitgenössische Auseinandersetzung mit dem Bau und besteht aus einer ganzen Reihe Positionen, die man auf den ersten Blick teils läppisch oder teils sperrig finden kann: Da steht eine Wand aus schäbig gemalten Marmorimitat auf Holz herum, die an Mies` Barcelona-Pavillon erinnert - und sich zugleich bei zweitem Blick auf die Rückseite als Bausatz für Gruppenworkshops mit Hockern, Tischen und literaturbestücktem Regal entpuppt (Raumlabor Berlin), andernorts stolpert man über eine Sammlung aus in Krefeld gesammelten Altmöbeln, die für den Laien recht überzeugend mit neuen Farbakzenten versehen Bauhaus-Ikonen spielen.
Installation aus Fundmöbeln von Frank Bragigand (Foto: Dirk Rose)
Hier wird das Bauhaus-Jubiläum von der Stilwerk-Betuchtheit und Exklusivität zurückgeholt auf das Level Massenproduktion, deren Impulsgeber jenseits der heutigen Verkitschung teurer Klassiker es vor allem im Objektdesign war (Frank Bragigand). Das New Eelam-Projekt von Christopher Kulendran wiederum erfindet gleich ein ganz neues Wohnkonzept: Elitäre Apartments, die man als Mitglied in einem Club temporär weltweit an allen kosmopolitischen Hotspots nutzen kann, Orchideen in einem wartungsfrei abgeschlossenem Mini-Ökosystem inklusive.
Eröffnung in drei Akten
Die Eröffnung der Ausstellung erfolgt aufeinanderfolgend in drei Akten: Utopie, Mobilität und Dystopie. Die derzeitige Leere des Haus Esters, das erst ab September düstere Ideen zum neuen Wohnen präsentiert, ist dabei für Architekturpuristen ein Glücksfall, sein Besuch ist wie eine erste Hausbesichtigung mit einem Makler. Der kritische Claqueur wurde sofort einziehen, freut sich aber auch auf einen Wiederbesuch zum 2. Akt dieser vor allem auch in Anbetracht der knappen Ressourcen des Hauses hervorragend gelungenen und im Jubiläumstaumel erfrischend gegenwartsrelevanten Präsentation.
Besuch mit Maklerin Kuratorin: Magdalena Holzhey steckt mit ihrer Begeisterung an.
Applaus für eine Zeitreise zu Fortschrittsglaube und Formbewusstsein, für eine eindrucksvolle Demonstration der Bedeutung von Peter Behrens, Henry van de Velde & Mies van der Rohe und für eine konzentrierte Schule des genauen Sehens. Im Bauhausjubiläumsjahr 2019 Applaus für das Projekt “Bauhaus im Westen” und #bauhauswow!
Der kritische Claqueur durchschaut das Bauhaus.
Tag 1: Krefeld
Nicht umsonst steht Krefeld in Nordrhein-Westfalen im Mittelpunkt des Bauhaus-Jubiläums: Als ein wichtiger Wirkungsort des gebürtigen Aacheners Mies van der Rohe sind in Krefeld drei erhaltene Bauten dieser überragenden Architekten-Koryphäe zu besichtigen. Die beiden Villen Haus Esters und Haus Lange sind als zusammenhängendes Museum einladender Ort für die Präsentation von Gegenwartskunst und der Mies van der Rohe-Business Park will sich Kraft seiner Aura als einziger realisierter Fabrikbau des Namenspatrons heute als hochwertiger Büröstandort etablieren. Doch die #bauhauswow-Tour beginnt mit einer Überraschung: Bildhauer Thomas Schütte hat für das Jubiläumsjahr eine Pavillonskulptur im kleinen Kaiserpark errichtet, in der bis zum 27. Oktober Krefelds große Vergangenheit als kreative Seidenstadt beleuchtet wird.
Der Thomas Schütte-Pavillon.
Statt des beim Thema Bauhaus erwartbaren Flachdaches, kommt der Pavillon als eine Art Pagode daher, statt mit Beton und Stahl für die Ewigkeit kommen als Baumaterialien Holz und Kupfer zum Einsatz: Diese simple, im inneren in acht Teilräume gegliederte Raumskulptur hat durchaus ihren Charme, der zusätzlich durch die Erläuterungen der extrem kenntnisreichen Kraft hinter dem Trägerverein Projekt MiK gewinnt: Christiane Lange ist Urenkelin des Bauherrns von Haus Lange und als Historikern engagierte Streiterin für die Erforschung der Bedeutung Krefelds in der Moderne. Sie ist es, die den Besucher – mit etwas Glück – gleich in doppelter Form, persönlich und als Teil der ausgestellten Videointerviews begrüßt.
Versuch eines Kugelpanoramas im Zentrum des Thomas Schütte-Pavillons
Vielfalt und (post)modernes Probieren
Über Mies van der Rohe hinaus wirkten auch zahlreiche andere Bauhaus-Gestalter in Krefeld – der guruhafte Kunstlehrer Johannes Itten oder Lilly Reich, die in der Ausstellung vor allem durch die Fotos der von ihr und van der Rohe gestalteten Messepavillons beeindruckt, sowie zwei weitere Dutzend Charakterköpfe, die in der Ausstellung in einer kleinen Porträtgalerie gewürdigt werden.
Ein gängiges Missverständnis möchte Christiane Lange gerade rücken: Das Bauhaus war nicht nur Strenge und Perfektionismus, sondern mit den vielen Autodidakten in seinen Reihen, Seiteneinsteigern und Großmäulern auch in “einer charmanten Weise inkompetent” – und deshalb gerade durch seine unkonventionelle Kühnheit so wirkmächtig. Vielleicht teilt das Bauhaus mit seinem forschenden Trial-and-Error und dem Prinzip der Disruption unter dem Einfluss großer neuer technischer Potentiale (Massenfertigung, Baustoff Stahl, Standardisierung), einen Geist, den gegenwärtig auch die Startup-Szene unter dem heutigen Eindruck der Notwendigkeit der Weltneuerfindung im Digitalen prägt.
Beeindruckende Regionalgeschichte
Aus heutiger Perspektive staunt man ungläubig über den vergangenen Reichtum und die kreative Kraft Krefelds und steht ratlos vor der Frage, wie ein Wirtschaftszweig so kontinuierlich niedergehen kann. Die Ausstellung ist auch im Zusammenspiel mit dem von sozialen Spannungen geprägten Stadtbild ein Denkanstoß dazu, was passiert, wenn die Leitindustrie einer Stadt erlischt. Während bürgerliche Villenpracht rund um den Kaiserpark immer noch von Reichtum zeugt, sieht man auf dem Weg durch die Innenstadt eine Kommune, die sich (gefühlt wie Wolfsburg ohne VW) auch mit einer offenen Drogenszene, mit hohem Leerstand und baulichen Verfall auseinandersetzen muss.
Klein, oho, aber teuer.
Der Ansatz, das 100-Jahre-Bauhaus-Jubiläum mit einer zeitgenössischen Ausstellungsraumskulptur zu feiern, wirkt zwar vor allem mit Blick auf die Gesamtlage der Stadt etwas eitel, gleichzeitig aber auch wie ein Echo des umfassenden Gestaltungsanspruchs des Bauhaus. Zudem klingt in ihm auch nostalgisch die Zeit der großen Weltausstellungen und die Biennale in Venedig an.
Bei allem Verständis und Respekt jedoch für die herausfordende Finanzierung eines solchen Werkes: acht Euro Eintritt für eine symbolisch aufgeladene und gut gemachte, aber letztlich doch sehr übersichtliche Kulturgeschichtsschau verhindern leider eine wünschenswerte Breitenwirkung auch auf die lokale Bevölkerung. Hier wäre ein Pay-what-you-want-Modell sinnvoll und vielleicht auch lukrativer gewesen, um den vermutlich eh geringen Anteil an der Finanzierung des Gesamtprojekts zu sichern.
Einen Besuch ist der Thomas Schütte-Pavillon für alle halbwegs flüssigen Bauhaus-Fans trotzdem wert, vor allem, wenn man sich neben der Architektur auch für die anschmiegsameren Formen der Bauhaus-Gestaltung interessiert. Die #bauhauswow-Gang zieht derweil weiter zur nahegelegenen, berühmten Außenstelle des Kaiser-Wilhelm-Museums...
[Disclaimer: Mit Modebloggern, Architekturjournalisten, Lokalpatrioten, Kulturredakteuren, Instagram-Helden und Magazin-Machern (w/m/d) führte die #bauhauswow-Tour als Multiplikatoren-Reise organisiert von Tourismus NRW e.V. an drei sonnigen Maitagen nach Krefeld, Essen und Hagen. Der kritische Claqueur arbeitet für Tourismus NRW e.V. und nutzte die Gelegenheit der Begleitung aus persönlichem Interesse außerhalb der Arbeitszeit und ohne Honorar. Die dargestellten Positionen sind seine persönlichen. Dieser Artikel soll alle drei Reisetage abbilden und wird stetig erweitert.]
Applaus für Wagemut und einen logistischen Herkulesakt, Applaus für die bestimmt über 300 Busfahrerinnen & Schauspieler, Garderobenbetreuer & Bühnenarbeiterinnen, Dramaturgen und Putzkräfte, Applaus für eine sehr gute Idee. Am 1. Oktober Applaus für die RuhrBühnen und ihre gemeinsame Spielzeiteröffnung Jackpott.
Elf Bühnen - ein Spektakel
Alles fängt so schön an: Der Himmel über der Jahrhunderthalle strahlt in tiefem spätsommerblau, 1100 aufgeregte Menschen füllen den Platz, der Busfahrer verfährt sich eine Runde in Stahlhausen, steuert dann Richtung Bochumer Schauspielhaus und verkündet lokalkoloritös: "die Sachen, die se nicht brauchen, können se gern im Bus lassen, ich geh dann damit auf den Trödelmarkt."
Elf Bühnen feiern heute auf vier verschiedenen Bustouren mit jeweils drei Aufführungsbesuchen das neue Kulturnetzwerk RuhrBühnen mit einem 430.000 Euro-Spektakel: Wo es jeweils hingeht, wissen nur die Planer und die außergewöhnlich freundlichen Busbegleiterinnen.
Ein Kurztrip durch das alte Testament
Die erste Fahrt ist kürzer als gedacht: Die Reiseleitung kommt durch die Reihen und reicht mir eine Karte - "Hagar", Reihe 1, Platz 1, Schauspiel Bochum, sonst nicht meine Preisklasse. Erst nach der Veranstaltung werde ich merken, dass das garnicht Hagar ist, sondern eine unter "Lecture Perfomance Konzert" laufende Multimedia-Lesung mit Kinderchor. Neben ausladenden Passagen aus dem Alten Testament, natürlich mit Endlosgenealogie, gibt es linksselbstverständliche und etwas moralinsauere Plattitüden über Globalisierung und Fluchtbewegungen und beeindruckenden Gesang von Issam Bayan und Kerstin Pohle, der das Ganze dann auch über das Niveau einer experimentellen Einführung übereifriger Dramaturgen hebt. Der Hagar-Stoff ist jedenfalls nach einer langen revuehaft-unzusammenhängenden Stunde halbwegs verstanden und der sonntägliche Kirchenbesuch gefühlt auch abgehakt. Lustvoll ist dieser Theatergang nicht und ein Teil des Publikums spiegelt sich in dem einzigen Jungen des Kinderchores, der hibbelnd gleichsam sein Gähnen kaum unterdrücken kann. Trotzdem: Der Applaus ist mehr als freundlich.
Doppelt gemoppelt und die Kunst des Kürzens
Wieder im Bus geht es auf die A40 und in die Netzwerke in denen erste positive Kurzkritiken aus Dortmund und Hagen auflaufen. Es geht Richtung Mülheim: Moers, Theater an der Ruhr oder Ringlokschuppen, denke ich, und blättere in das inhaltlich etwas auseinander fallende Booklet. Hagar wird auch im Ringlokschuppen Ruhr gespielt? - Plötzlich wird mir klar, dass es auf meiner Route erst jetzt zum Hauptgang kommt und sich zwei Stücke mit dem gleichen Stoff beschäftigen und von der gleichen freien Gruppe gestaltet werden. Schade, eigentlich hätte ich mir drei selbstständige Positionen gewünscht.
Ein Bekannter aus Schauspielkreisen beschwert sich derweil über den "kunstfeindlichen Trailercharakter" und Jackpott als "Theaterlego", sowie die Kürzungen, die der Gesamtplanungswillen der Inszenierung von Hagar angetan wurde. Ein anderer Bekannter betont dagegen, dass Kainkollektiv ein strenge Kürzung manchmal ganz gut täte. Und siehe da: Die folgende Stunde aus 2:10h destillierte Hagar-Essenz wirkt erstaunlich reif - vielleicht aber auch weil man sonst problematische Kürzungen logisch überbrückt, weil man dank Intro im Schauspielhaus mit dem Stoff schon vertraut ist. Der ist schnell erzählt: Die Ehe zwischen Abraham und Sara bleibt kinderlos, stattdessen zeugt Abraham mit der Magd Hagar einen Sohn. Als Sara unerwartet doch noch schwanger wird, werden beide verstoßen - sowohl inhaltlich im Text als auch folgend ganz praktisch aus der christlich-jüdischen Überlieferungstradition: Stattdessen wird der Sohn Hagars Ismael zu einem Propheten im Islam.
Klar, dass dieser Mythos zu Aktualisierungen und Assoziationen einlädt. Bei Kainkollektiv fließen die Grenzen zwischen den Schauspielern und ihren "performten" Rollen, beim Einlass lümmeln sie sich auf zwei Bänken herum, sie stellen sich mit Namen vor und beleuchten in einigen Kurzmonologen ihre persönlichen Beziehungen zu dem Stoff. Hagar ist multiethnisch vierfachbesetz, verbunden durch ein blaues Kleid, das alle Darstellerinnen tragen. Dieser sprunghaften Theaterform gemäß, angetrieben auch durch eine Drehbühne, die mal an die Kaaba, dann an ein Designmöbel, dann ein - ausgiebig genutztes - Klettergerüst erinnert, ist das Stück übervoll an erinnerungswerten Momenten. Wenn die Kinderlosigkeit zeitgemäß über die Anzahl der Versuche einer künstlichen Befruchtung, die die Krankenkasse übernimmt, erläutert wird, wenn es in einer seltenen Sequenz ungebrochenen Schauspiels gelingt überzeugend zu zeigen, dass im alttestamentarischen Ägypten der Monotheismus eine Zumutung und staatsfeindliche Bedrohung war, wenn sich der durchweg überzeugende Gesang aus arabischen, afrikanischen und westlichen Traditionslinien in den Elektrosoundflächen berühren, zeigt sich was in diesen Theatermischformen gelingen kann.
Hohe Erwartungen bei PACT Zollverein
Keine große Strecke legt unser Bus anschließend zur letzen Station zurück: PACT Zollverein, eines der spannendsten Produktionshäuser der Freien Szene nährt mit einem großen Namen die Vorfreude: Forced Entertainment spielt "Tommorow's Parties".
Das Programm von PACT ist anspruchsvoll, auch einem neugierigen Publikum wird hier manchmal Einiges abverlangt. In meinen Augen funktioniert PACT im Kleinen ein bisschen wie die Ruhrtriennale im Großen: Oft verlässt man das Haus in einem Zwischenstadium von Beglücktheit und Irritation nach Arbeiten von chelfitch, Mette Ingvartsen oder halt Forced Entertainment - manchmal aber auch einfach ratlos. Wie bei dem großen Festival werden hier Wagemut und Experiment goutiert, denn nur an dieser Grenze kann ästhetisch Neues entstehen.
Ein Theaterreise-Unfall
Doch genau an diesem Ort passiert dann leider der größte Unfall der Theaterreise und der hat eigentlich nichts mit dem Stück zu tun, sondern mit einer planerischen Unachtsamkeit gegenüber dem Publikum: Ja, man darf auf einer Veranstaltung, die neue Menschen an das Haus heranführen soll, gern auch überfordern, das passt tatsächlich zu PACT. Aber einem unvorbereiteten Publikum mit ganz unterschiedlichen Englisch-Kenntnissen einen very britishen Zwei-Personen-Dialog über abgedroschene Zukunftsfiktionen, gegeben auf zwei Europaletten vor einer bunten Lampionkette ohne jegliche Aktion zuzumuten, ist so problematisch, wie das Gerede von Ruhrtriennale-Intendanten vom voraussetzungsfreien Theater und ihr pseudoeinladend-umschlingender Gestus.
Ohne die sonst immer präsenten vorlachenden Forced-Entertainment-Groupies wirkt das Ganze plötzlich weit weniger lustig und hier wenn überhaupt schmerzlich unfreiwillig komisch. Einer der gut 50 Gäste, die mit den Füßen abstimmen, fällt fast auf der Treppe, die direkt auf der Bühnen endet. Während sich Schnäuzer, Tuscheln und helle Handybildschirme in den Reihen mehren, gibt es auf der Bühne Passagen über Menschen, die nicht mehr zuhören können und Zeit, die sich quälend zieht. Die beiden Performer können einem Leid tun. Ein solchen Publikumsverhalten haben sie nicht verdient, vor allem weil es die besondere Qualität der Produktion, ihren ruhig-fließenden, hypnotischen Sprachrhythmus, empfindlich stört.
Das Argument, das sei halt die Blind-Date-Logik des Formats, zieht bei einem Stück, dass ausschließlich aus 150 Sprechakten und ein bisschen Mimik und Gestik besteht, nicht: Auch bei einem Blind Date weiß man in der Regel vorher, welche Sprache das Gegenüber spricht. Da hätte man sich etwas anderes aussuchen müssen - und im Sinne der Distinktion gegenüber der anderen Häuser am besten etwas Tänzerisches oder Performatives gewählt, das sich gleich direkt über den Körper und nicht die Sprache vermittelt.
Was spielen?
Die gelungene oder weniger gelungene Stückauswahl ist dann wohl auch entscheidend für die Sinnhaftigkeit des Gesamtprojekts und die Werbewirksamkeit für jede einzelne Bühne. Im Vorwort des Begleithefts steht: "Jedes Haus steht für ein künstlerisches Profil." - Dann sollte im besten Fall jeder Beitrag auch in irgendeiner Weise Botschafter dafür sein.
Das gelingt in meinem Fall im Ringlokschuppen als Produktionszentrum für die Freie Szene - in Bochum, wo man neugierig gewesen wäre auf einen Sneak Peak auf Johan Simons erste Post-Triennale-Spielzeit, gelingt das nicht. Zudem ist es absurd, die gleiche (eigentliche freie) Truppe und den gleichen Stoff an zwei Häusern den Gästen als Visitenkarte zu präsentieren. Verpasst ist auch die Chance, den Besuchern zumindest durch 3min-Einführungen (vielleicht als Video im Bus?) kurz zu verdeutlichen, wo man hier auch künstlerisch gerade zu Gast ist.
Ein Glückspielfazit
Jede Lotterie hat Gewinner und Verlierer, das gehört zum Spiel, deswegen fällt das Urteil für meine einzelnen Stationen deutlich härter aus, als für das gesamte Projekt, das in herausragend schöner Gestaltung hier seine Premiere feiert. Andere Touren führen zu einer Roberto Cuilli-Inszenierung ans Theater an der Ruhr, zu Dokumentartheater von Kay Voges nach Dortmund oder zum Intendantendebut nach Oberhausen, meine Theaterreise war dagegen fast schauspielfrei. Wenn man die Häuser auch in der Differenzierung zur Freien Szene programmatisch vorstellen möchte, ist das nicht repräsentativ und nach bestem Wissen eingeschätzt auch nicht verkaufsfördernd.
Das Mahl der 1100 am Ende dagegen mit einer Art Live-Radio-Show von Stefan Keim ist eine wunderbare Premiere. Den Übergang vom Festivalsommer in die Spielzeiten so jährlich zu begehen, wäre gerade in der Unaufgeregtheit ein tolles neues Ruhrgebietsritual. Fazit nach zwei Nieten und einem Trostpreis: Neues Spiel - neues Glück 2018? Dem Format wäre es zu wünschen!
Ab in den Servicemodus! - Der kritische Claqueur empfiehlt Dir handverlesene Inszenierungen im März:
Dringende Empfehlungen mit Geld-zurück-Garantie:
Macbeth am 6. und 7. März im Theater Rottstr. 5, Bochum
Applaus für rohe Energie und erotische Aura, für aufrichtiges Suhlen und Wühlen im Fruchtmark dieses universellen Stoffes um Schuld, Macht und Lust und für die abgründige Schauspielkunst dieses Dreier-Ensembles.
Mary und Max am 16. und 26. März am Theater Paderborn
Applaus für eine zauberhafte Trickfilmadaption mit unaufdringlichem Tiefgang, für charmantes Low-tech-Theater mit händisch betriebener Drehbühnenminiatur und für die letzte große Überraschung auf meiner Theaterreise.
Helenes Fahrt in den Himmel am 25. und 27. März im Schauspiel Köln
Applaus für wirklich zeitgenössisches Krisentheater, für explizite Szenen ohne Exhibitionismus und eine herausragende schauspielerische Ensembleleistung. Am 10. Februar Applaus für das Schauspiel Köln.
Hiob am 9. März im Grillo-Theater Essen
Applaus für ein labyrinthisches Bühnenbild, für die klischeearme Darstellung eines jüdischen Milieus vor dem ersten Weltkrieg und für eine überzeugende schauspielerische Ensemble-Leistung.
Spezialtipp: Maura Morales am 7. März im Ringlokschuppen Mülheim
Die Schöpferin der Tanzkreation, die mir auf meiner Reise den Glauben an die erzählerische Kraft zeitgenössischer Choreographien wiedergegeben hat, ist auf Gastspiel im Ringlokschuppen. Ich habe "Wunschkonzert" nicht gesehen, aber tippe darauf, dass es genauso gut ist!
Bunbury am 19./21./28./31. März im Schauspielhaus Düsseldorf
Applaus für einen verdammt lustigen Abend, Applaus für die behutsame Aktualisierung eines wirklich zeitlosen Stoffes, Applaus für heilloses Bunburysieren auf und vor der Bühne.
X-Freunde am 9./22./23. März im Werkstatt Theater Köln
Applaus für eine temporeiche Farce über ständige Hast, für starke Monologe und drei Schauspieler in Höchstform.
Sehr Sehenswert:
Nathan der Weise am 6. und 9. März im Schlosstheater Moers
Applaus für das Bohren dicker Klassiker-Bretter, für eine stimmungsvoll-ernste Inszenierung und für große Schauspielkunst am kleinsten Stadttheater Deutschlands.
Endspiel am 22. März im Theater Dortmund
Applaus für einen postapokalyptischen Beziehungsalptraum auf Dauerschleife, für herausragendes Sounddesign und reduziert-effektvolles Bühnenbild im Comicstil und für zwei Schauspieler, die sich meisterhaft an ihren Handicaps und ihrer Misanthropie abarbeiten.
Lohnende Theaterabende
Perplex am 6. und 7. März im Rheinischen Landestheater Neuss
Applaus für einen abendfüllenden, technisch wie inhaltlich famosen Bühnenkniff (keine Sorge, kein Spoiler), für die Idee, Karneval als Vulkan Eyjafjallajökull zu gehen und für ein extremes Energieniveau der vier Schauspieler.
Es wird einmal am 11. März im Schauspielhaus Bochum
Applaus für einen Spagat zwischen Theaterreflektion und existentiellen Fragen, für kunstvolle Textpirouetten und einen akrobatischen Intertextualitätszirkus.
Ein Volksfeind am 6. und 20. März im Theater Münster
Applaus für eine freie Adaption des Ibsen-Klassikers mit Freude an Krawall und Konflikt, für Stadttheater, das auch die eigene Stadtpolitik thematisiert und für eine politische Brandrede, die außerhalb des Bühnenraums das Publikum genauso polarisieren würde.
Clowns 2 1/2 am 6. März im Theater an der Ruhr, Mülheim
Applaus für einen ruhigen Abend mit dosiertem Witz, für eine Art Arterhaltungsprogramm für Clownerie und ein rhythmisch perfektes Ensemble
Geschmackssachen:
JR am 8./9./14./16./27. und 28. März im Schauspiel Wuppertal
Applaus für den imposanten Blick von der Bühnenfläche in den Zuschauerraum der Wuppertaler Oper, für einen bösen kulturkritischen Endmonolog und für einen Schattenspiel-Ausflug in den Reagan-Kapitalismus.
Verlorene Kinder am 6. und 19. März im Theater Krefeld
Applaus für Mut zur konventionellen Erzählform für einen höchst unkonventionellen Stoff, für einige gelungene choreographische Einfälle und für die Zwei-Minuten-Exposition, während der die Idee einer tänzerischen Katastrophendarstellung tatsächlich aufzugehen scheint.
Iphigenie auf Tauris am 18. März im Prinz-Regent-Theater, Bochum
Applaus für die Bemühung um jugendliche Vermittlung eines sperrigen Stoffes, für distanzloses Spiel auf Tuchfühlung und für zwei Schauspieler die sich redlich ihr Brot verdienen.
Applaus für eine zauberhafte Trickfilmadaption mit unaufdringlichem Tiefgang, für charmantes Low-tech-Theater mit händisch betriebener Drehbühnenminiatur und für die letzte große Überraschung auf meiner Theaterreise. Am 28. Februar Applaus für das Theater Paderborn.
Foto: Meinschäfer
Hier legt die Intendantin noch selbst Hand an: Katharina Kreuzhage inszeniert in dem bescheiden-modernen Theaterneubau des Paderborner Theaters ein Stück, das man oberflächlich betrachtet als Kinderkram abtun könnte. Denn was für die Animationsfilmkunst gilt, gilt allemal für ihr Theater-Spin-Off: Unter der immer wieder falschen Annahme, Zeichentrick, Digitale Animation und Stop-Motion seien nur was für Kinder, verpasst manch Erwachsener fantastische Stoffe. - Und manchmal sollte man Kinder vielleicht sogar fernhalten von den vermeintlich süßen Gestalten, wenn wie in diesem Fall das Schicksal unerklärlich zuschlägt und der Protagonistin Mary eine halbe Hiobs-Geschichte ohne Happy-End aufnötigt.
Mary ist ein einsames Mädchen in tristester australischer Outback-Szenerie: Mutter ständig besoffen, Vater leidenschaftlicher Tierpräparator, leider keine Freunde, da mit einem üblen Muttermal auf der Stirn gestraft. Sie gelangt an einen idealen Gegenpart. Der leicht autistische und maximal soziophobe Max lebt in New York mit seinen 42 Jahren genauso einsam und ziellos vor sich hin. Aus dieser Zufallskonstellation entwickelt sich ein rührender Briefwechsel zwischen liebevollem Austausch von Schokospezialitäten und skurril-abseitigen Diskussionen über die Herkunft von Kindern (Bierglass oder Ei?) bis zur gegenseitigen Selbstliebeertüchtigung. Im Gegensatz zu Max` Leben, das bis auf eine Episode in der Psychiatrie weitgehend gleichförmig bleibt, entwickelt sich Mary weiter, heiratet und studiert angeregt durch das Leiden Ihres Briefreundes Psychologie.
Auf der Bühne werden die transpazifischen Ortswechsel simpel mit einer kleinen Drehbühne gelöst, die auf der einen Seite eine Down-Under-Interpretation eines Wohnzimmers in Gelsenkirchener Barrock und auf der anderen Seite die raumschiffartige Behausung von Max zeigt. In diesen konträren Kleinszenarien spielen sich beide Hauptdarsteller in die Herzen der Zuschauer. Vor allem Max Rohland vermag es den Autismus seiner Figur sowohl überzeugend und wenig verniedlichend, zugleich aber auch komisch und dabei nicht bloßstellend darzustellen.
Die Themen von Konformitätszwang und Normabweichung, von Verlorenheit auf der Welt und letztlich von wahrer Freundschaft werden in diesem Siebzigminüter trotz tausend grausamer Einzelheiten so heiter interpretiert, dass man am Ende nicht weiß ob man lachen oder weinen soll. Nur dass das Ensemble und die Regie einen großen Applaus für diese Uraufführung verdient hat, steht außer Frage.
Applaus für einen postapokalyptischen Beziehungsalptraum auf Dauerschleife, für herausragendes Sounddesign und reduziert-effektvolles Bühnenbild im Comicstil und für zwei Schauspieler, die sich meisterhaft an ihren Handicaps und ihrer Misanthropie abarbeiten.
Ein Diener stapft auf überhohen Buffalos um seinen blinden Meister auf einem Thron herum: "Willst Du, dass ich Dich verlasse?" "Du kannst mich nicht verlassen." "Dann werde ich Dich nicht verlassen!". Aus der immer gleichen, mit kräftigem Wums lautsprecherverstärkten Schrittfolge und dem eingespielten Quietschen der Tür entsteht als Einlasssituation ein hypnotisches Soundtableau auf der zimmergroßen Bühne des Studios. Viel mehr jedoch passiert Im Verlauf des Abends tatsächlich nicht. - Absurdes Theater ist halt eine Geschmacksfrage.
Die beiden letzten Überlebenden einer Katastrophe sind mit größter Abneigung aneinander gebunden: Der Meister, weil er blind ist und an seinen Sessel gefesselt, der Diener, weil nur der Meister noch Nahrung im Haus hat. Samuel Becket entwirft ein düster-absurdes Kammerspiel, das Kay Voges konsequent in überdehter s/w-Optik mit reichlich Lichtgeflacker umsetzt. Die beiden Hauptdarsteller spielen mit großer Stimmgewalt und Präzision, vor allem der Diener Lum (Uwe Schmieder) meistert mit schiefem Gang schweißtreibend seinen kleinen Kreiselmarathon. Heimlicher Star des Abends ist eindeutig Mario Simon, der mit seinen synchronen Soundeffekten aus der knatschend-quitschenden Ton-Wundertruhe die seltsam abgründige Comic-Atmosphäre perfektioniert.
Das Stück, das schon einige Aufführungen auf Lums krummen Buckel hat, begeistert noch immer die Zuschauer: Einen aufbrausenden Applaus für einen schweren Stoff vor ausverkauftem Haus und das bei einem Publikumsaltersschnitt von vielleicht 34 Jahren - das hat der Claqueur auf seiner Reise so noch nicht erlebt.
Applaus für den imposanten Blick von der Bühnenfläche in den Zuschauerraum der Wuppertaler Oper, für einen bösen kulturkritischen Endmonolog und für einen Schattenspiel-Ausflug in den Reagan-Kapitalismus. Am 26. Februar Applaus für das Schauspiel Wuppertal.
Foto: Tom Buber
Manchmal kann man sich schon fragen, ob jeder Stoff auf die Bühne gehört. Ein bisschen fühlt sich das im Zuschauerraum an, als wäre man in eine Dramatisierung von Musils "Mann ohne Eigenschaften" oder Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" oder vielleicht sogar Arno Schmidts "Zettels Traum" geraten: Man merkt der Bühnensprache an, dass sie einem sprachmächtigen Kunstwerk entstammt, aber die Handlung hat zu wenig Kraft, um die die Sprachkunst bühnenfähig zu machen. Bei William Gaddis' "JR" kommt dazu, dass sich ein Großteil des Romans mit dem Idiom des Geldes beschäftigt und das publikumsfähig zu machen, ist schon eine Herausforderung.
Ein Jugendlicher, Typ: Uwe Wöllner, beginnt nach einem Schulausflug in eine Börse jede Annonce in Tageszeitungen wahrzunehmen und bestellt sich per Post prämierte Gratiskonten, Produktproben und Aktienbriefe. In der grotesken Logik jedes dieser Angebote für voll zu nehmen, schafft er es mit einigem Geschick, Selbstverliebtheit und dem Einspannen eines Erwachsenen als Geschäftsführer zu einigem Wohlstand - um natürlich am Ende im Ruin zu enden. Eine zweite Parallelhandlung setzt sich derweil mit der Bedeutung von Kunst im Kapitalismus und der Unmöglichkeit Schaffensprozesse zu bepreisen auseinander. Klingt kompliziert? Ist es auch. Schnell verliert man den Anschluss, entdeckt in seiner Reihe Köpfe, die aufgrund der Komplexitätsüberforderung immer wieder ermattet nach vorne kippen.
Während des Spiels vor einer Projektionswand, hinter der es immer wieder zu Schattenspielepisoden kommt, beginnt das Technikpersonal das Bühnen-Provisorium abzubauen. Speisen sich zu Beginn die projizierten Bühnenbilder noch aus dem Bildvorrat des amerikanischen Kapitalismus von Wall Street bis Dallas-Hochhaus, fallen mit fortschreitender Zeit mehr und mehr Wuppertal-Bezüge ins Auge, wenn durch eine US-Stadt im Hintergrund plötzlich eine Schwebebahn rattert oder eine örtliche Bauspekulationsruine gezeigt wird. Der Kapitalismus ist überall. Verstanden.
Das Publikum, das durchaus reizvoll unter den zahlreichen Vorhängen des Bühnenraums sitzt, sieht am Ende in den Zuschauerraum, in dem sich die Schauspieler mit starren Mienen verteilt haben. Keine Applausordnung, kein Vorhang - stattdessen spielt man in Wuppertal zum Auszug der Zuschauer eine Polonaise und lässt sie als Betrachtungsobjekte an den Schauspielern im Parkett durch einen engen Seitenausgang defilieren.
Das Ganze wird vermutlich weder dem Roman (nicht gelesen), noch einer fundiert ästhetisierten Kapitalismuskritik mit Überraschungswert, noch einem Kommentar zur desolaten Bühnensituation in Wuppertal gerecht. Schade, vor allem weil die Schauspieler ihre Jobs gut erledigen und einige Pointen durchaus zünden.
Applaus für Boulevard-Theater, das seinen Job macht und gut unterhält, für Komik, die sich aus perfektem Timing ergibt, und für die Leistung, ein rein privates Theater immer wieder auszuverkaufen. Am 25. Februar Applaus für das Theater im Rathaus in Essen.
Die Geschichte von Felix und Oscar ist schnell erzählt: Felix wird von seiner Frau verlassen und zieht aufgrund akuter Suizidalität zu seinem Messie-Freund Oscar. Innerhalb kürzester Zeit ergibt sich aus einer Männerfreundschaft eine asexuelle Paarbeziehung, in der Felix alle Klischees eines Heimchen am Herd übernimmt. Gänzlich durcheinander gerät das Beieinander von Felix, Oscar und ihrer Pokerkumpelrunde, als zwei grazile Spanierinnen in ihr Leben treten. So weit, so gut.
Routiniert arbeiten sich alle Schauspieler durch den Abend, setzen ihre Pointen mit viel Rhythmusgefühl. Besonders tun sich die beiden Spanierinnen hervor, die mit synchron-lasziven Bewegungen und Sprachfragmenten die gealterte Männergesellschaft auf und vor der Bühne bezirzen. Das alles ist nicht neu, etwas vorhersehbar und hat wenig Bühnenesprit, aber beweist gutes Theaterhandwerk.
Wenn auch die Handlung manchmal etwas lahmt oder sich der Umbau hinter dem Zwischen-Vorhang zieht: Es macht große Freude, die Freude der anderen vorwiegend Ü-55-Gäste in den Gesichtern lesen zu können. Schön, dass es auch solche Orte gibt.
Applaus für die Bemühung um jugendliche Vermittlung eines sperrigen Stoffes, für distanzloses Spiel auf Tuchfühlung und für zwei Schauspieler die sich redlich ihr Brot verdienen. Am 24. Februar Applaus für das Prinz Regent Theater Bochum.
Foto: Birgit Hupfeld
Machen wir es kurz und schmerzlos: Das war nix. Das kann jedem Theater passieren und ist auch ok. Schade jedoch, wenn durch die NRW-Lehrpläne eine künstliche Nachfrage geschaffen wird und diese Inszenierung so als ausverkaufter, vermeintlicher Dauerbrenner läuft.
Pseudo-popkulturelle Didaktik mit Street-Art-Stammbäumen an der Seitenwand wie vom Tageslichtschreiber, überengagiertes Spiel, das frisch daher kommen möchte, aber nicht ernstzunehmen ist, ein Sounddesign auf dem Niveau einer Literaturkursinszenierung: Das macht weder Spaß noch hilft es beim besseren Verständis dieser Klassiker-Zumutung.
Die beiden Spieler geben alles, doch die Sprache leiert und passt stellenweise nicht zu ihren Aktionen. Die Rollenvereinigung des gesamten Casts mit Ausnahme von Iphigenie auf einen Schauspieler fordert ihren Tribut in den holzschnittartigen Zeichungen. Hier der - ach wie lustig - überaus tuntige Begleiter, da der lüsterne Regent, hier wieder verwirrter Bruder - schön, das zumindest eine Rolle durch eine Batmanfigur ersetzt wird. Als Stoff-Auffrischung vor einer Klausur ist das Ganze vielleicht funktional, doch diese Inszenierung wirbt keine neuen Theatergänger. Ich bin mir sicher, dass alle Beteiligten mehr Potential in sich tragen, als dieser laue und sich ziehende Abend verrät.
Applaus für rohe Energie und erotische Aura, für aufrichtiges Suhlen und Wühlen im Fruchtmark dieses universellen Stoffes um Schuld, Macht und Lust und für die abgründige Schauspielkunst dieses Dreier-Ensembles. Am 23. Februar Applaus für das Rottstr 5 Theater in Bochum.
Bis nach Düsseldorf dringt die Kunde von diesem kleinen Bochumer Theaterwunder mit seiner durchaus konventionellen, aber etwas rougheren Ästhetik, das seine 99 Plätze unter dem abgerockten Brückenbogen regelmäßig an ein popkulturaffines Publikum ausverkauft.
Mit einem Bierchen in der Hand und hohen Erwartungen werde ich Zeuge eines konzentrierten und - man soll es kaum glauben - kurzweiligen Macbeth, der beweist, wie wenig man braucht um einem Klassiker neues Leben einzuhauchen: Vorzügliche Schauspieler, eine sparsame und textbewusste Regie und als Requisiten nur ein Beil, drei Papphütchen und ein Buffet exotischer Früchte. Im Gegensatz zu anderen Klassikerinterpretationen an Off-Bühnen wird der Text weder seines hohen Tons beraubt noch deklamierend abgespult. Stattdessen entsteht eine Spannung zwischen der historischen Sprache und der Abgerissenheit des Bühnenraums. Shakespeare ist in der Rottstr 5 wieder zeitgemäßes Volkstheater: Intelligent, ein wenig derb und von ungezügelter Spielfreude geprägt.
Lady Macbeth (Karin Moog) überragt mit ihrem destruktiv-sexuellen Ausdruck das Ensemble: Wie sie den zwischen Wahnsinn, Ohnmacht und Aktion rasenden Macbeth in seine Macht zwingt, wie sie in das körperliche Ringen zwischen Erotik und Aggression tritt ist herausragend. Bernhard Glose spielt eindrucksvoll und nicht ohne Witz den getriebenen Macbeth und auch der zusammengelegte Bote-Hexe-Geist-Macduff (Jörg Schulze-Neuhoff) füllt mit abgründiger Erhabenheit und etwas undefinierbarem zwischen Grusel und Ekel würdevoll seine Rollen aus.
Unter allem der schwarze Erdengrund, in dem die Stöckel von Macbeth versinken wie die Instrumente des Mordes, der den Schweiß auffängt und nackte Körper beschmutzt. Die Inszenierung ist direkt, und - obwohl kein Spritzer Kunstblut fließt - fruchtfleischblutig und barock. In dieser Konzentration gehen selbst das Zerdrücken von Früchten und eine veritable Essensschlacht als drastische, aber angemessene Illustrationen durch. Das Publikum ist zu Recht begeistert von diesem Regie-Debut von Nina de la Parra.
Applaus für ein postdramatisches Schlaglicht-Flackern auf vergessene Arbeitersprechchöre, für denkwürdige Textpassagen und eine eindrucksvolle Vorführung dieser rostigen Rhythmus-Maschinerie. Am 22. Februar Applaus für das Musiktheater im Revier.
Vier Performer an einem halbhohen Tisch unmittelbar vor dem Publikum knallen Kurzepisoden aus der schönen neuen Arbeitswelt in die Mikros. Im Hintergrund steht in Reih und Glied ein Chor und setzt Passagen eines Sprechchorwerks von 1930 um. Das Wechselspiel funktioniert: Wo es in der historischen Teilrekonstruktion um die Beherrschung der Welt durch Technik und die Macht der großen Maschinen geht, setzen zeitgenössische Passagen über fragwürdige Sinnhaftigkeit, Prekariat und Desillusionierung in der Arbeitswelt einen zukunftsgerichteten, aber gänzlich utopiefreien Kontrapunkt.
Gekonnt und effektvoll werden die Performer-Monologe über die dahinter dröhnende Textmaschinerie gelegt. Das lautmalerische Spiel mit der Materialität von Sprache (“Ratter-Ratter-Schlack” - oder so ähnlich) verleiht dem Abend einen treibenden Rhythmus. Immer wieder wird mehr oder weniger dissonant ein Song über die niemals endende Misere der Arbeit angestimmt, der zum Ende hin schließlich mit herrlichem Pathos vom Gesamtchor intoniert wird. Der gesamte Abend karikiert nicht ohne Klischees sowohl die Sinnfreiheit moderner Managementsprache und die vermeintlich undurchdringliche Komplexität der gegenwärtigen Arbeitswelt, als auch den aus heutiger Perspektive holzschnittartigen Kampf der sozialen Bewegungen gegen das Kapital.
Eigenartig allein das Setting in Gelsenkirchen - wo ist hier das Maker-Lab, wo sind die ausgebeuteten Dauerpraktikanten der Kreativbranche und die Online-Agenturen aus dem Text? Das Alte ist hier nicht mehr, aber auch das Neue (noch) nicht. Das Ganze wirkt deswegen vor den nur rund 40 zahlenden, weitgehend ergrauten Zuschauern mit Sicherheit anders als im koproduzierenden Frankfurter Mousonturm. Insgesamt ist Stadt der 1000 Feuer eine nicht ganz unanstrengende, aber gelungene Reflektionsübung auf dem Weg der gesellschaftlichen Neubestimmung des Arbeitsbegriffs.
Applaus für ein labyrinthisches Bühnenbild, für die klischeearme Darstellung eines jüdischen Milieus vor dem ersten Weltkrieg und für eine überzeugende schauspielerische Ensemble-Leistung. Am 21. Februar Applaus für das Grillo-Theater in Essen.
Eine Zugabe hätte den Abend perfekt gemacht. Das Drama des gottesfürchtigen Mendelsingers, der von Schicksalsschlag zu Schicksalsschlag taumelt, findet seine Auflösung in einem Auftritt des Klezmer-Orchesters des vormals stummen und in Europa zurückgelassenen Sohnes, der unerwartet beim nach Amerika ausgewanderten Teil der Familie auftaucht. Diese Musik, in der die Tragik des menschlichen Lebens in treibenden Rhythmen von einer rauschhaften Feier des Moments verdrängt wird, hätte gerne in einem kleinen Zusatzkonzert münden können, zumal die Band ansonsten an diesem Abend nichts zu tun hatte.
Angelehnt an die biblische Hiob-Geschichte entwirft Joseph Roth in der Romanvorlage von 1930 eine Milieustudie und eine Auseinandersetzung um die große Frage nach der zum Himmel schreienden Ungerechtigkeit in der Welt: Warum belohnt Gott nicht diejenigen, die ihm treu ergeben sind? Doch auch: Wie kann sich die irdische Vernunft dazu erheben Gottes Plan so in Zweifel zu ziehen? Die Essener Bühnenadaption gelingt. Man merkt der Handlung die Romanhaftigkeit an, doch die Umsetzung in Figurenmonologe und die hoch symbolische Bildsprache des Abends transportieren die Essenz und die Stimmung des Romans: Die schwere Behinderung des Letztgeborenen, die sexuelle Berührungslosigkeit des Paares, die von der sexuellen Getriebenheit der Tochter konterkariert wird, die bittere Armut und nicht zuletzt der Tod der zwei Söhne im ersten Weltkrieg sind die Prüfung des Mendelsingers.
Schauspielerisch wird von zwei, drei kleineren Anschlussfehlern abgesehen vor ausverkauftem Haus viel Präzision geboten. - Die allerdings ist auch geboten bei einem Bühnenbild das aus einer erhobenen, zum Publikumsraum abfallenden Labyrinthebene mit zahlreichen versteckten Abgangsmöglichkeiten besteht. Dem Abend fehlt es an einigen Stellen etwas an erzählerischem Tempo, insgesamt aber gelingt ein zu Recht gefeierter Abend am sonst in letzter Zeit oft geschmähten Grillo-Theater. Ein Zugabe-Ruf also für beides: ein tolles musikalisches Finale und konventionelles Stadttheater von seiner besten Seite.
Das sagt die Begleitung (Sascha): Man soll es nicht glauben: Es war mein erster Besuch im Grillo Theater. Das Haus präsentierte sich amtlich mit solidem Ensemble, das den nicht einfachen Stoff gekonnt ans Publikum brachte. Die Inszenierung, die die Buchhaftigkeit der Quelle in einigen besonderen Momenten schön in Szene setzt, lebt vor allem auch durch das intelligente, sehr schlichte Bühnenbild. Ich mag das, vor allem wenn Technik, wie Projektion und Beleuchtung, zur Wirkung beiträgt und nicht als Selbstzweck dient. Auch wenn ich mir gelegentlich gewünscht hätte, dass die ein oder andere bildliche oder subtil dramaturgische Beschreibung nicht noch einmal deutlich erklärend ausgesprochen worden wäre, bleibt der Gesamteindruck mehr als empfehlenswert.
Applaus für einen ruhigen Abend mit dosiertem Witz, für eine Art Arterhaltungsprogramm für Clownerie und ein rhythmisch perfektes Ensemble. Am 20. Februar Applaus für das Theater an der Ruhr.
Ciuilli ist Meister der humoristischen Suspense. Konsequent lässt er jede Handlung pantomimisch ausspielen und zögert bis zur Schmerzgrenze die ersehnt-erahnte Pointe heraus. Diese Kunst ist anachronistisch wie ein Viereinhalbstunden-Lohengrin. Große Momente gelingen in den rhythmischen Passagen, wenn die lesenden Clowns aus einem kleinen Zeitungsaufschlag ein Konzert aus Reißen, Flirren und Buchzuschlagen entwickeln. Doch dieser Reiz nutzt sich ab und Lacher sind rar. So hat der Abend mehr poetisch-musikalische denn komische Qualitäten, vor allem in den effektvollen Passagen, in denen auf der Bühne das Licht gelöscht wird.
Für heutige Rezeptionsgewohnheiten müsste man Clowns 2 1/2 abfilmen und dann auf Fast-Forward schauen, Manegen-Stimmung kommt nur während des Finales auf. Heimlicher Star des Abends ist der Tod, der mit einer mobilen Windmaschine jeden einzelnen Clown von der Bühne bläst. Schmunzelfähig auch die Szene in der alle Clowns auf kleinen Stühlen ein dem Publikum gegenübersitzendes Publikum mimen und alle möglichen Regungen von Spannung bis Langeweile zeigen - das ist letztlich - vermutlich ungewollt - auch ein guter Spiegel für diesen wechselhaften Abend.
Applaus für das Bohren dicker Klassiker-Bretter, für eine stimmungsvoll-ernste Inszenierung und für große Schauspielkunst am kleinsten Stadttheater Deutschlands. Am 19. Februar Applaus für das Schlosstheater Moers.
Unvorbereitet in der ersten Reihe (freie Platzwahl) findet man sich vor einem großen Klumpen Lehm wieder, um fünf Frauen und Männern in Brautkleidern mit großen Kopfhörern dabei zuzusehen, wie sie Figuren formen. Die urtümliche Materialität spannt einen großen Assoziationsbogen auf, von gebrannten Tonfamilien auf dem Kirchenbasar, irgendeiner Art Kreativtherapie bis zu Schöpfungsmythen und menschlicher Formbarkeit. - Nicht nur der Kopf, sondern auch die Hände möchten jedenfalls ganz schnell mitkneten an diesem Stoff. Dieses starke Bild verleiht dem Abend eine fast sakrale Würde.
Seien wir ehrlich, die eigentliche Theaterhandlung konnte ich in dieser Bühnenfassung nicht nachvollziehen. Es ist ein wenig Theater für Deutschlehrer (und ich weiß wieder, warum ich das dann doch nicht geworden bin). Doch hier wird es paradox: Trotzdem habe ich den Abend als bereichernd empfunden. Die kurzen Episoden in denen moralische Empfehlungen für die Gegenwart wie etwa “Mein Kind darf heiraten, wen es will.” von auf der Bühne ausgehängten Hausordnungen verlesen werden, all das allegorische Formen und Zerstören mit dem Lehm, das auf den weißen Kleidern seine Spuren hinterlässt, in Haare und Gesicht geschmiert wird und in einer rabiaten Schlacht mit in den Zuschauerraum fliegenden Klumpen endet und die Collage, Rhythmisierung und Wiederholung von Textfragmenten ziehen fraglos in den Bann.
Dazu kommt die Freude am Spiel dieses Ausnahmeensembles, das in intimer 100-Platz-Theater-Atmosphäre alles aus dieser Inszenierung holt und nie in den Verdacht gerät reines Abspulinstrumentarium von historischen Phrasen zu werden. Der berühmten Ringparabel (lohnt sich bei Unkenntnis zu googlen) wird großen Raum eingeräumt, die eigentliche Bühnenhandlung um interreligiöse Konflikte, Rettung, Solidarität und Liebe wirkt auch in den für mich unzusammenhängenden Szenen mit symbolischer Kraft. Durch Nichtverstehen dazu gezwungen, formt das Hirn den Lehm dieser Inszenierung stetig mit, auch das Maß der Bereitschaft dazu, entscheidet wohl über die individuelle Wahrnehmung des Abends.
Das sagt die Begleitung (Philipp):
Lessings “Nathan der Weise” ist ein Klassiker mit einer 230jährigen Rezeptions- und Aufführungsgeschichte im Gepäck und als moderne Inszenierung damit von vornherein eine Herausforderung. Was das Ensemble des Schlosstheaters Moers daraus gemacht hat, war eine sehr moderne, sehr künstlerische, metaphernreiche und anspruchsvolle Neuinterpretation. Klar im Vorteil ist, wer als Zuschauer mit dem Stoff vertraut ist, denn der “aktualisierten” Version auf der Moerser Bühne war so nicht immer leicht zu folgen und - um ehrlich zu sein - auch in Kenntnis des zugrunde liegenden Textes waren einige Bilder und Interpretationsangebote nicht immer direkt nachzuvollziehen. Die Aufführung war also durchaus anspruchsvoll, gleichzeitig aber war dieser “Nathan” absolut sehenswert. Die Leistungen aller fünf Schauspieler waren durchweg großartig und die Eingriffe in den beziehungsweise Zusätze zum Text halfen, die Grundthematik der Geschichte zu aktualisieren und noch deutlicher in den Vordergrund zu bringen. So wurde die interreligiöse Problematik aus dem Rahmen von Lessings Text in den Diskurs der Gegenwart hinein erweitert.
Alles in allem kein einfacher Theaterbesuch, aber durchaus eine geglückte und sehr sehenswerte Inszenierung.
Applaus für eine unerwartete Erfahrung, für 25-minütige Züruckgeworfenheit auf das Alleinsein gegenüber einem mysteriösen Mitspieler und für ein leises Experiment im Grenzraum zwischen Realpräsenz und Virtualität. Am 19. Februar Applaus für PACT Zollverein im Maritim Hotel Gelsenkirchen.
Allein über den Dächern Gelsenkirchens in einem frisch gemachten Hotelzimmer: Man öffnet die Balkontür, setzt sich vor den Fernseher und versucht sich zu entspannen. Während der Verkehr von draußen hereinrauscht, finden sich Spuren ehemaliger Gäste: Kleine Figuren bevölkern versteckte Winkel des Zimmers, eigenartige Notizen liegen auf dem Schreibtisch parat und unter dem Bett findet sich tatsächlich eine aufgerissene Kondompackung. Plötzlich löst die Klospülung aus. Bist Du wirklich allein hier?
Wie soll man über diese Arbeit schreiben, ohne ihren Reiz zu zerstören? Ganz dick müsste man das, was hier Ungewöhnliches passiert mit SPOILER auszeichnen, denn der zögerliche Lernprozess, die individuelle Aneignung der Situation, in die man in “seinem” Zimmer auf der 9. Etage geworfen wird, macht den eigentlichen Reiz dieser kunstvollen Ortsaneignung aus. Dazu gehört auch das vergebliche Suchen und die Frustration darüber, dass hier erstmal irgendwie nichts passiert. Denn gerade aus dieser Situation speist sich die notwendige Aufmerksamkeit für einen besonderen Moment.
Halten wir es einfach so: Am Sonntag, wenn das Duo Heine Avdal und Yukiko Shinozaki weiterzieht, berichte auch ich weiter. Bis dahin rate ich jedem mit Interesse an neuen Erzählformen, partizipativem Theater und Formexperimenten, diese kleine, ausgesprochen feine Arbeit zu besuchen und bin gespannt, wie ihr diese Versuchsanordnung wahrnehmt…
Termine bis Samstag unter +49(0)201.28947-20
http://www.pact-zollverein.de/buehne/programm/field-works-hotel
Das sagt die Begleitung (Marco): Eine Arbeit in der du kriegst, was du bist. Formalistisch höchst experimentell und exklusiv, empathisch eine Herausforderung. Wie die Inszenierung funktioniert hängt zu mehr als 50% von der eigenen Lust ab, aktiver Teil der Performance zu werden.
Applaus für eine temporeiche Farce über ständige Hast, für starke Monologe und drei Schauspieler in Höchstform. Am 18. Februar Applaus für das Freie Werkstatt Theater Köln.
Es ist eine moderne Bühnenvariante von Heinrich Bölls berühmter "Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral", die Felicia Zeller mit X-Freunde realisiert hat. Wozu der ganze Stress, den man sich antut, die Schlafmittel, die Beziehungskrisen, der Alkoholmissbrauch, die nicht gepflegten Freundschaften? Die Sucht nach Erfolg und Anerkennung beerdigt letztlich die Fähigkeit das Leben zu genießen. X-Freunde arbeitet sich am Modethema Müdigkeitsgesellschaft mit beißendem Witz und sprachlicher Präzision ab. Drei Protagonisten laufen dem guten, wahren Leben hinterher: Ein Künstler mit Prokrastinatinationsproblem und Schaffenskrise und ein Ehepaar bestehend aus einem zum Hausmann mutierten Ex-High-Potential (Koch) und einer Agenturtussi auf dem Weg in die erfolgreiche Selbstständigkeit. Das haben die Schauspieler wirklich... ich meine hätte mir das jemand vorher... auch wenn das Ganze nicht neu... - ein intelligentes Strukturprinzip lässt die Drei hauptsächlich in sich überschlagenden Ellipsen sprechen, denen das Verb abhanden gekommen ist. In diesem erstaunlich natürlich wirkenden Kunstgriff, spiegelt sich auf der Handlungsebene der tatsächliche Stillstand und die geistige Leere des überbordenden Aktionismus wieder. Getragen wird die absehbare Handlung von pointierter Regie und drei Schauspielern, die in gute Ensembles gehören. In einander ebenbürtiger Spielfreude laden sie die Textvorlage so hochklassig auf, das man glaubt, dieses Stück sei ihnen auf den Leib geschrieben worden. Wie Anne Holz die ewig gestresste Multi-Tasking-Queen im Post-It-Wahn verkörpert, die zu jeder unpassenden Gelegenheit noch ein kurzes Telefonat führen muss, wie Thomas Hüpfer in zunehmend devoter Bettelstellung um seine Beziehung ringt und wie Sunga Weineck, den vom Geniekult gehemmten Großbildhauer mimt, ist beeindruckend - vor allem für ein kleines, freies Theater. Auch der Claqueur leidet dann und wann an Aktionismus. Belassen wir es als erste Besserungsmaßnahme deswegen um 23:47 dabei. - Morgen stehen gleich zwei Stücke auf dem Spielplan - könnte ja sein, dass man etwas verpasst...