Körperliche Mobilität erhalten
Je älter du wirst, desto konsequenter musst du etwas dafür tun, damit du nicht auseinanderfällst.
Am 1. August 2011 hatte ich einen Motorradunfall, bei dem ich mir zwei Wirbel gebrochen habe. Bis nach der zweiten Operation war nicht klar, ob ich mobil bleiben würde. Die Operationen waren erfolgreich, ich war mental wieder auf dem Weg.
Einen Tag nach der zweiten Operation klopfte es an der Tür und ein junger Mann in weißer Hose und grünem Hemd trat ein. "Guten Morgen Herr Gress, ich bin Ihr Physiotherapeut, wir gehen jetzt ein paar Meter zusammen, damit Sie nicht einrosten." Ich dachte, der Mann macht einen Scherz, ich war schon eingerostet. Mir tat alles weh, ich hatte zwei gebrochene Wirbel, mein linkes Schulterblatt war gebrochen und meine linke Seite war bis zum Fuß geprellt, weil ich mit einem Auto zusammengestoßen war. Ich war auf wochenlanges Liegen eingestellt, nicht auf sofortiges Bewegungstraining.
Das Aufstehen war das Schlimmste. Wenn die einfachste Bewegung Schmerzen verursacht, braucht man eine große Portion Motivation, um weiterzumachen. Der junge Mann hat seine Sache gut gemacht, er hat mich auf die Beine gebracht, mich im Zimmer und im Flur an der Wand entlang nach vielleicht 100 Metern wieder ins Bett gebracht. Am zweiten Tag bin ich ohne seine Hilfe zum Aufzug gelaufen, mit dem wir ein Stockwerk nach unten gefahren sind. Dann ist er mit mir die Treppe hoch und wieder in mein Zimmer gegangen. Nach einer Woche bin ich alleine mit dem Aufzug ins Erdgeschoss gefahren und sechs Stockwerke über die Treppen hoch gegangen. An diesem Tag wurde mir klar, dass ich wirklich wollen muss, um Erfolg zu haben. Das hat meine Zielsetzungen für die nächsten Jahre verändert.
Ich habe gemerkt, dass ich meinen Körper wieder aufbauen muss. In der Reha habe ich gelernt, wie es nicht geht. Drei Stunden Training am Tag und 21 Stunden rumhängen. Ich konnte mir nicht vorstellen, was gut sein sollte, wenn der Aufenthalt in der Klinik verlängert wird.Ich wollte keine Tabletten mehr nehmen, ich wollte gutes Essen, ich wollte nach Hause zu meinen Büchern und meiner Plattensammlung. Und ich wollte Sport treiben. Die drei Wochen Reha waren verschwendete Zeit, das tägliche Training in der ambulanten Reha dagegen war der Hammer. Es war effektiv, es hat Spaß gemacht, ich wurde gut betreut und motiviert, zu Hause weiter zu trainieren.
In ein Fitnessstudio wollte ich auf keinen Fall. Also habe ich einen Personal Trainer gebucht, mit dem ich drei Monate lang mein Programm für zu Hause gemacht habe. Das war intensiv und ich habe gemerkt, wie mein Körper in kurzer Zeit an Kraft gewonnen hat. Wegen der langsam heilenden Brüche konnte ich nur eingeschränkt trainieren, aber das war mir egal. Der Fortschritt trieb mich an. Jeden Tag habe ich ein neues Ritual einstudiert. Vor dem Aufstehen habe ich mir vorgestellt, was ich machen möchte, sobald ich die Füße auf dem Boden habe. Das habe ich durchgezogen und trainiere seit 13 Jahren jeden Tag zu Hause.
Nachdem die Brüche vollständig verheilt waren und ich wieder beweglich war, brauchte ich ein erweitertes Trainingsprogramm für zu Hause. Da es mit dem ersten Personal Coaching so gut geklappt hat, habe ich für drei Monate einen weiteren Trainer gebucht. Mit ihm habe ich das Krafttraining neu organisiert. Außer einem TRX-Band und einer Langhantel habe ich keine Geräte angeschafft, sondern das gesamte Training auf das Trainieren mit dem eigenen Körpergewicht umgestellt. Sechs Mal die Woche trainiere ich, sonntags ist Pause. Da gehe ich, wann immer es geht, an die frische Luft und wandere.
Meine ständige Frage: Wie kann ich sicher sein, dass ich jeden Tag mein Training durchziehe? Alles hängt von den Morgenritualen ab. Ich stehe zwischen sechs und halb sieben auf. Montags und donnerstags brauche ich nur mein TRX-Band. Das hängt griffbereit an einer Stange neben der Tür. Ich muss nur hingehen und loslegen. In den Pausen zwischen den Trainingsblöcken koche ich Wasser und mache Tee. Das ist jeden Tag gleich. Manche finden das langweilig und haben vielleicht auch Recht. Aber es hilft mir, meinen Start in den Tag gut zu planen. Wenn ich früher aus dem Haus muss, ist das kein Grund, nicht zu trainieren. Dann stehe ich eben eine halbe Stunde früher auf. Es ist alles eine Frage der inneren Einstellung und der Rituale.
Montags und donnerstags trainiere ich mit dem TRX-Band. Bizeps, Trizeps, Schulter, Oberschenkel. Danach Stretching und Wirbelsäulenkräftigung.
Dienstag und Freitag trainiere ich auf der Matte. Das Programm: Kräftigung der Rücken- und Bauchmuskulatur, Planking, Beweglichkeit der Hüften und Gelenke, Trizeps auf dem Stuhl, Kniebeugen und Bizeps mit der Langhantel. Dazu Stretching und Wirbelsäulenkräftigung wie jeden Tag.
Mittwoch und Samstag ist die Brustmuskulatur dran mit 100 Liegestützen, Planking, Rücken- und Bauchmuskulatur, Beweglichkeit der Hüften und Gelenke und zum Abschluss natürlich wieder Stretching und Wirbelsäulenstärkung.
Ich höre mir nie an, welche Probleme andere mit ihrer Konsequenz haben. Es ist mir völlig egal, wenn andere jammern, dass sie das nie durchhalten würden. Sie müssen es nicht tun und es interessiert mich auch nicht. Ich kümmere mich um meine eigene Lustlosigkeit an manchen Tagen, damit habe ich genug zu tun. Auch nach 13 Jahren stelle ich mich jeden Morgen der Herausforderung, auch wenn ich keine Lust habe zu trainieren. Was mein Kopf denkt, ist unwichtig, es gibt kein Leben vor den Ritualen. Wenn man einmal angefangen hat, läuft alles automatisch, auch wenn die ersten Minuten an manchen Tagen hart sind.
Wenn ich etwas schaffen will und ein klares Ziel vor Augen habe, dann entwickle ich Rituale, die ich einstudiere. In dieser Hinsicht bin ich wie ein Schriftsteller, Schauspieler oder Musiker, die auch nur durch ständige Selbstüberwindung und konsequentes Training zum Erfolg kommen.
Wer mit seinem Training erfolgreich sein will, braucht Konsequenz und Rituale.