Kein Freund - Eine Selbstbetrachtung (30.9.2025)
Es ist gut, dass ich einzig vor dem Spiegel mir gegenüber sitzen kann. Dieses fragile verkehrte Selbstportrait lässt sich verhängen, bedecken, negieren oder mit Glück auch ignorieren. Säße ich gegenwärtig tatsächlich vor mir, müsste ich mich wohl beherrschen. Die Versuchung wäre groß, sich im Ton zu vergreifen und somit der angestauten Enttäuschung und Wut Freiraum zu gewähren.
Es ist nicht so, dass ich mich hasse, doch kommt es dem sehr nahe. Gewiss verfüge auch ich über mancherlei Eigenschaft, die ich mag, allerdings gesellen sich zu jenen weitaus mehr, die mir missfallen. Ein Ungleichgewicht, das den Betrachter oder das Objekt umkippen lässt.
Ich war ein fröhliches Kind. Ich lachte viel, malte, bastelte und sah die Welt in prächtigeren Farben. Die Zeit nahm ihr das und mir das Gespür für Glück. Ich mache ihr keine Vorwürfe, immerhin folgt die Zeit ihrer Aufgabe – Sie schreitet unaufhörlich voran. Das kann ich ihr nun wirklich nicht verübeln. Dennoch hege ich eine gewisse Antipathie für sie, ließ sie mich doch altern und verkümmern. Der höchste Baum braucht Sonnenlicht und auch das kräftigste Herz demnach Freude.
Ich empfand sie einst, war mir ihrem Wert kaum bewusst. Sie schlich sich davon, leise und ohne Wiederkehr. Ich war zwölf gewesen. Zu meiner Verwunderung wurde die Zwölf meine Lieblingszahl. Vermutlich, weil sie die letzte gute Erinnerung ist, die mir blieb.
Das Traurigste jedoch ist, dass ich weder der Zeit noch den Passanten die Schuld zuschieben kann, dass ich von meinem Leben in einem Davor und einem Danach spreche. Nein, ich muss mich selbst dafür verurteilen, was ich tat. Die Verleugnung meiner Person machte mich zu einer Wenigkeit, denn alles, was ich war, flüchtete vor dem Tyrann, der es hasste.
Ich glaubte den Zeigefingern und dem Flüstern, gewöhnte mich an den Schweiß unter der Maske und den Schatten, welcher meine Haut erbleichen ließ. Meine Fehler begingen nicht andere, sondern allein ich. Ich wollte nicht ehrlich sein, ich wollte nicht wahrhaben, ich wollte verdrängen, vergessen und verkleiden. Meine Liebe zum Theater zeigte sich früh, aus ihr wuchs der Hang dazu, Rollen zu spielen. Manche nah, andere fern, keine aber vermochte die Wahrheit auszusprechen.
Ich hasste den Widerspruch in mir, die fehlende Kohärenz. Alles in mir schien wirr und war verworren. Das Spiegelbild log, mit ihm das Lächeln, das Weinen, die Wut und das Schweigen. Man hätte mir applaudieren sollen, war ich doch ein gekonnter Lügner geworden. Ich mogelte mich durch das Leben, welches ich längst nicht mehr verstand. Begriffsstutzig und müde taumelte ich durch Jahre der vagen Begebenheiten. Wie sollte ich einem Gedanken trauen, wenn ich nicht mehr wusste, wer zu mir sprach?
Den Jungen, der ich einmal war, gab es nicht mehr, die Kindheit war verstorben. Der Heranwachsende war mir ein Fremder, der einzig lebte, um zu verschleiern. Dann kam der Erwachsene und schließlich die Frage auf, was von mir geblieben sei.
Nun sitze ich vor mir, der Block auf meinen Schenkeln, der Stift in meiner Hand, der Blick geradeaus. Wer ist dieser Typ? Was verbirgt sich hinter dem Leugnen und dem Scheitern? Er weiß es längst, ich auch. Wir sind einer und doch möchte niemand dem anderen die Hand reichen. Es hieße Verantwortung, es hieße Ende der Leichtigkeit, es hieße Aufgabe und es hieße Schuld. Ich war nie um Ausreden verlegen.
Alles ist verschwommener denn je. Ich suche in dem Trüben nach Lichtblicken und etwas, das ich festhalten kann. Greifbares, das umher schwebt. Langsam strecke ich meinen Arm aus und öffne meine Hand. Die Augen geschlossen, weil ich feige bin, die andere Hand sich an der Vergangenheit festkrallend, falls ich hinabstürze.
Wenn vorbei ist, was ich einst war und vergangen ist der Moment der Unschuld, wie sollen Worte allein noch die Kraft besitzen, den Körper aufzurichten?