Die Räumlichkeiten waren edel, doch der Schwarzhaarige hatte keinen Blick für den Luxus übrig, der ihn bereits seit Betreten des Grundstücks umwaberte. Das hier war nichts, was ihm nicht bereits aus seiner eigenen Familie bekannt war, zudem ließ er sich von derartigen Äußerlichkeiten nicht beeindrucken, schon gar nicht in diesem Augenblick. Reichtum und Wohlstand spiegelten leider oft die schlechten charakterlichen Seiten eines Wesens wider und sollten gleichzeitig dazu dienen, eben jene Schlechtigkeiten ein wenig zu verdecken. Für normale Personen des Alltags wirkte Geld und Macht sexy, lockend, sagte man, doch für ihn war es nichts weiter, als das Wechselspiel von Ketten und Käfig. Dort, hinter dem Schreibtisch am Ende des Raumes, wartete der Mann auf ihn, der sein Schicksal besiegelt hatte – nicht allein, aber doch in Zusammenarbeit mit denen, die sein Schutz sein sollten. Seine Familie. Ein Konzept, welches in dieser Welt nur ein Zusammenhalt auf dem Papier war, jedoch sicherlich nicht den Schutz bot, den ein normaler Mensch erwarten, erhoffen, würde. „Du bist spät.“ Die Stimme war samten, wie Stoff auf nackter Haut, schmeichelnd und betörend. Ja, er hatte sich Zeit gelassen, viel Zeit. Gerade so viel, wie es ihm erlaubte, nicht zu unhöflich zu sein, oder den geplanten Bund zu gefährden, aber doch um deutlich zu machen, wie wenig Gefallen er an diesem Plan fand. Neben dem Mann, dessen weiße Haare locker über seine Schulter fielen, stand jemand, der sein jüngeres Ebenbild sein könnte. Zumindest fast. Athacar, so der Name desjenigen, der mit ihm gesprochen hatte und der Kopf dieses Anwesens war, erhob sich. Sein Sohn, so viel wusste Siniath, blieb neben ihm stehen. „Es ist schön, dich zu sehen und bedenkt man, was wir uns von dir versprechen, sind wenige Minuten nichts im Vergleich zu den guten Stunden, die vor uns liegen. Nun, vor dir und meinem Sohn.“ Fast hätte der Schwarzhaarige seine violetten Iriden gen Himmel gedreht, widerstand aber im letzten Augenblick diesem inneren Drang. „Sir“, sagte er nur höflich. An sich wäre es nicht nötig, derart zu kuschen, aber sein Vater hatte es ihm eingebläut. Hatte ihm wieder und wieder gesagt, wie wichtig der Bund beider Familien war. Bald konnte er jegliches Argument auswendig und im Schlaf wiedergeben. Nichts davon machte für ihn Sinn, nichts davon entschuldigte den Umstand, dass er, gerade mal 18, einen Bund mit einem Mann eingehen musste, von dem ihm nicht viel mehr bekannt war, als der Name. Und die Gerüchte, von denen es ungefähr so viele gab, wie Bücher in einer Staatsbibliothek.
Die Nacht war kühl um ihn herum, obwohl er im Bett lag, die Decke über dem schlanken Körper. Seit drei Tagen war er hier. Seit drei Tagen hatte er sich nicht wirklich aus den ihm zugewiesenen Räumlichkeiten bewegt und Deikith, der Sohn Athacars, hatte es für diese Momente auch dabei belassen. Vielleicht war es sein Geschenk an ihn. Sollte er sich an die Situationen gewöhnen – haha! – und eine Weile für sich sein. Wahrscheinlich hoffte der ganze Clan, dass es nur eine Phase war. Natürlich, eine lebenslange Phase. Lebenslänglich. Genauso fühlte sich nämlich die Entscheidung seines Vaters für Siniath an. Und egal welchen Nutzen und welche Vorteile er sich davon erhoffte, für den Schwarzhaarigen war es ein Leben in den Ketten einer anderen Familie. Ein leises Geräusch ließ ihn aufschrecken und langsam erhob er sich vom Bett, ging zur Fensterfront und öffnete diese. „Du solltest um die Zeit nicht draußen sein“, meinte eine amüsierte Stimme und ließ Sin erneut leicht zusammenfahren. „Ich bin im Zimmer“, gab er nur zurück. Er musste die Person nicht sehen können, die sprach, um zu wissen, dass es sich dabei um einen der Kämpfer dieses Clans handelte. Schon einige Male waren sie sich begegnet. „Ziemlich frech…“, kam die amüsierte Antwort und wie ein unsichtbarer Schatten huschte die Gestalt in den Raum, ehe Siniath etwas dagegen machen konnte. „Du solltest vielleicht nicht hier drin sein…“ „Wieso? Ich arbeite hier, ich lebe auch auf diesem Anwesen. Und wenn ich sage, dass ich etwas Verdächtiges gesehen habe, dann wird niemand meine Anwesenheit hier auch nur in Frage stellen.“ Siniath antwortete nicht, zuckte nur mit den Schultern. Hier machte sowieso jeder, was er wollte. „Du solltest den Nachkommen des Clanherren nicht heiraten“, stellte Caeldryn sehr simpel fest. „Oh, gratuliere, welche Erkenntnis. Es ist ja nicht so, als hätte mich jemand gefragt, Schlauberger. Und deine Kommentare machen es nicht besser. Ich freue mich jetzt schon auf den Vollzug der Ehe.“ Es würde keine riesige Zeremonie geben, man würde es auf einige wichtige Mitglieder der namenhaften Clans beschränken, um dennoch ein Signal zu senden. Diese Allianz war mächtig, weil sie zwei an der Spitze stehende Familien verband und beide Herren sahen darin nur positive Aspekte. Man hörte nichts, doch dann spürte Siniath plötzlich die Wand im Rücken, Caeldryns Hand federleicht an einem Hals, während die andere ihn dort an Ort und Stelle fixierte. „Oh, oh, die Ehe vollziehen? Wie schön ausgedrückt. Aber du weißt ja, ich glaube diese Seite von dir sollte nur mir gehören. Das sage ich dir seit unserer ersten Begegnung.“ Ja, der Silberhaarige vor ihm hatte Recht. Verstehen tat Siniath etwas deswegen dennoch nicht. „Du bist ziemlich mutig. Wenn ich jemandem sage, was du hier so von dir gibst,…“ Doch der wenig Größere unterbrach ihn mit einem melodischen Lachen. „Das würdest du nicht tun. Das wissen wir beide. Deswegen bin ich doch auf der sicheren Seite. Ich bin der Schatten, die Dunkelheit, die dich umschließt“, raunte er in das Ohr des Jüngeren.