Hey, dein Stil sieht aus wie von ... !
Mein Zeichenstil hat sich im Laufe der Zeit sehr verändert. In meiner Schulzeit habe ich mich an meinen Lieblingsserien orientiert, aber ich habe nicht versucht, einen bestimmten Stil exakt zu kopieren. Meine Zeichnungen waren daher eher ein Mix aus verschiedenen Einflüssen. Ich würde nicht sagen, dass ich damals schon so etwas wie einen Stil hatte. Dafür waren meine Zeichnungen noch zu unausgereift. Selbst ein einfaches Gesicht zu zeichnen war eine Herausforderung. XD Ich stand eben noch ganz am Anfang.
Mit zunehmender Übung wurden meine Zeichnungen besser und auch mein Stil hat sich mit der Zeit sehr verändert. Größtenteils passierte das unbewusst. Je nach dem welche Mangas ich lese verändert sich mein Geschmack. Und auch durch das Zeichnen verändert sich das eine oder andere, weil es für mich besser funktioniert. Manche Augenformen z.B. liegen mir einfach nicht. Es gibt viele Faktoren die beeinflussen können, wie sich die Art wie man zeichnet verändert.
Und dann gibt es natürlich noch die Möglichkeit, seinen Stil bewusst zu verändern. Das habe ich (so weit ich mich erinnere) selten gemacht. Z.B. vor einigen Jahren, wo ich eine Stil-Challenge ausprobiert habe, bei der man einen eigenen Charakter im Stil seiner Lieblings-Mangaka zeichnen sollte. Das war zum Teil gar nicht so einfach, weil man dafür die Stile sehr genau studieren muss. Z.B. hab ich für die Frisur meines OCs kein vergleichbares Beispiel bei meinen Lieblings-Mangaka gefunden und musste improvisieren. Also versuchen, die Art wie der Mangaka generell Haare zeichnet, auf diese spezielle Frisur zu übertragen.
Nach dieser Challenge hatte ich dann Stil-Elemente die mir besonders gefallen haben miteinander kombiniert und in meine Zeichnungen einfließen lassen. Aber auch diese Veränderungen blieben nicht statisch, sondern entwickelten sich im Laufe der Zeit immer weiter. Und das war mir auch immer sehr wichtig, weil ich nicht wollte, dass jemand sagt „Dein Stil sieht voll aus wie der von XY“. Deshalb kam ein 1 zu 1 Kopieren für mich nie in Frage.
Arina Tanemura & Tite Kubo
Früher habe ich auf Animexx und anderen Seiten viele Bilder gesehen, wo man ziemlich deutlich sehen konnte, wer der Lieblings-Mangaka der jeweiligen Person war. Besonders oft waren das Arina Tanemura oder Tite Kubo. In den meisten Fällen haben sich die jungen Künstler aber mit zunehmender Übung von ihren Vorbildern entfernt und ihre eigenen Stile entwickelt. Mir sind aber auch ein paar wenige Ausnahmen aufgefallen.
Bei einer Person z.B. sah der Stil dem von Tite Kubo nicht nur sehr ähnlich, sondern sie beherrschte ihn außerdem auf einem sehr hohen Niveau. Es waren also nicht unausgereifte oder wackelig abgepauste Zeichnungen wie ich sie zuvor von Anfängern gewohnt war, sondern diese Person hat ihre eigenen Charaktere und einen ganzen Manga in einem Stil und auf einem Niveau gezeichnet, das sehr nah an Tite Kubo herankam. Trotz Kritik, diese Person würde den berühmten Mangaka kopieren, waren die meisten Leute eher beeindruckt von dem Können. Und diese Person war zu diesem Zeitpunkt außerdem auch noch ziemlich jung (vermutlich zwischen 16 und 18).
Die ultimative Strategie (?)
Das gab mir zu denken. Ist das intensive Kopieren eines bestimmten Stils für Anfänger vielleicht sogar die bessere Strategie? Würde es mir heute leichter fallen, meinen Stil konstant zu halten, wenn ich das in meinen Anfängen intensiver geübt hätte? Denn beim Abzeichnen muss man ja auch ständig darauf achten, was den Stil ausmacht und wie man das auf unterschiedliche Charaktere und Posen überträgt.
Der "Trainingsplan" könnte vielleicht so aussehen (nur als Gedankenspiel gemeint, also bitte nicht zu ernst nehmen):
Man nimmt sich eine Manga-Serie die in die Richtung geht, in die man selber auch möchte. Idealerweise sollte sie viele Bände haben. Je mehr Bände, umso mehr "Anschauungsmaterial".
Dann kombiniert man das Abzeichnen zahlreicher Panels und Illustrationen mit klassischen Anatomie-Übungen. Es geht nicht ums blinde Abzeichnen, sondern man versucht wirklich dahinter zu kommen, wie man eigene Ideen in diesem Stil umsetzen kann.
Ist man sicherer geworden geht man mehr und mehr dazu über, eigene Charaktere und Ideen umzusetzen, bis man keine Vorlage von seinem Vorbild mehr braucht. Das wäre dann ungefähr das Niveau wie von der Person, die sich Tite Kubos Stil angeeignet hatte.
Logischerweise erinnert dieser Stil dann stark an das Vorbild. Aber man könnte es auch positiv sehen: Man hat intensiv von seinem Vorbild gelernt und sich Techniken etc. angeeignet, die man eigentlich erst bei sehr fortgeschrittenen bzw. Profi-Mangaka erwarten würde. Kein Wunder, wenn man von einem Manga auf Profi-Niveau abzeichnet.
Und ganz nüchtern betrachtet trifft die Ästhetik bereits den Geschmack von vielen Mangalesern. Auch wenn er einem anderen Mangaka ähnelt und die Zeichnungen vielleicht noch nicht 100%ig ausgereift aussehen, so hat man zumindest schon mal einen Stil der bei vielen gut ankommt, anstatt erst über viele Jahre mit verschiedenen Stilen zu experimentieren, die nicht so wirklich "massentauglich" sind.
Natürlich sollte man nicht gedankenlos abzeichnen und damit im Internet angeben, sondern genau analysieren warum der Mangaka das so gezeichnet hat und wirklich davon lernen.
Wenn man mit dem Manga-Zeichnen anfängt gibt es unglaublich vieles zu lernen: Anatomie, Kleidung, Haare, Hände, Posen, Muskeln, Gesichter, Perspektive, Hintergründe, Dynamik, Spezialeffekte, Mimik, Paneling, Outlines ziehen, Kolorieren, etc. Und dann noch einen eigenen Stil entwickeln — puhh…
Beim intensiven Kopieren eines Vorbildes lernt man in komprimierter Form eigentlich alles was man braucht. Und anders als bei vielen How-To-Draw-Büchern sieht man auch gleich, wie es in der Praxis funktioniert (der fertige Manga). Man hat alles vor sich und kann direkt anfangen zu üben.
Ein Vorteil ist z.B., dass man direkt sieht, wo die eigenen Zeichnungen vom Vorbild abweichen und wie es eigentlich aussehen sollte. Dieses unmittelbare Feedback ist auch ein wichtiger Faktor. Denn wenn ich z.B. an meine Anfänge zurückdenke, hatte ich niemanden der mir beim Zeichnen hätte Tipps geben können.
Wenn man sich als Ergänzung außerdem noch Tutorials anguckt und Anatomie-Übungen usw. macht, hat man gegenüber vielen Anfängern die nicht so zielgerichtet üben sicherlich einen Vorteil. Zwar sehen die Zeichnungen am Anfang trotzdem erstmal unausgereift aus, aber man fängt schon früh an, sich gezielt Merkmale und Techniken anzueignen, wie man sie von Profis kennt.
Abzeichnen würde ich in dieser Form nicht unbedingt als "faule" Methode oder Schummeln sehen. Es braucht trotzdem viel Übung und Input, bis man Charaktere usw. sicher zeichnen kann.
… so zumindest mein Gedankenspiel. Ob das auch in der Praxis tatsächlich hilft, schneller Profi-Niveau zu erreichen kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Das ist nur eine Idee, wie diese Person vielleicht beim Zeichnen-Lernen vorgegangen sein könnte. Wie ihr Werdegang genau aussah weiß ich nicht.
Was den Unterschied macht
Auf jeden Fall kann ein ganz konkretes Ziel („Ich will diese Art von Manga zeichnen können“) und fokussiertes Üben von Dingen die einem diesem Ziel näher bringen den Fortschritt beschleunigen, weil man sich nicht verzettelt. So betrachtet wäre diese Strategie durchaus sinnvoll.
Das setzt natürlich voraus, dass man schon früh genau weiß was man will und dass man die nötige Disziplin hat, gezielt darauf hinzuarbeiten. Ich glaube, das ist etwas, was wahrscheinlich den meisten gerade am Anfang fehlt. Das ist vielleicht auch mit ein Grund, weshalb nur wenige in dieser Altersklasse schon so ein hohes Niveau haben.
Auch bei mir hat es viele Jahre gedauert, bis ich das Zeichnen ernster genommen habe. Es ist natürlich absolut ok einfach nur Spaß am Zeichnen zu haben und sich keine hohen Ziele zu stecken! Aber wenn man es sich zum Ziel gemacht hat mehr aus seinem Hobby zu machen, dann gehört es denke ich dazu, dass man ganz bewusst an seinen Fähigkeiten arbeitet. Ohne Fokus würde man ziellos vor sich hinzeichnen und sich wahrscheinlich nicht so sehr weiterentwickeln. Z.B. weil man dazu tendiert, in seiner Komfort-Zone zu bleiben.
"Billige Kopie" oder "der Zweck heiligt die Mittel"?
Natürlich ist das Kopieren eines Stils kritisch zu sehen. Zum Lernen ist es ok. Irgendwo muss man ja anfangen und man kann viel von Profis lernen. Kritisch wird es, wenn Leute abgezeichnete oder gar abgepauste Bilder online posten und sie als ihre eigenen ausgeben.
Was aber, wenn man sich den Stil perfekt angeeignet hat und seine eigenen Bilder und Mangas in diesem Stil zeichnet? Unterliegt ein Stil einem Copyright?
Ich weiß immer noch nicht, was ich davon halten soll. So weit wie ich das mitbekommen habe, hat diese eine Person trotz vereinzelter Kritik viele Fans und hat sich schon früh von gleichaltrigen Zeichnern abgesetzt. Es war nicht nur der Stil, sondern eben auch ein hohes zeichnerisches Niveau, was den Unterschied gemacht hat. Gibt dieser Person der Erfolg recht?
Auch wenn ich dieses Beispiel mit gemischten Gefühlen sehe, glaube ich nicht, dass diese Person aus Berechnung diesen Stil kopiert hat. Vielleicht war sie nur so sehr von ihrem großen Vorbild begeistert, dass sie einfach genauso zeichnen wollte. Und vielleicht hat diese Person die Ähnlichkeit zu ihrem Vorbild daher auch nie als etwas Negatives empfunden?
Fairerweise muss man sagen, dass der Stil dem von Tite Kubo zwar immer noch ähnelt, diese Person aber diesen Stil mittlerweile mit Character-Designs kombiniert, wie man sie von Kubo nicht kennt und auch nicht mit seinen Werken in Verbindung bringen würde. Auf diese Art hat diese Person im Laufe der Zeit viel eigenes einfließen lassen finde ich.
Viele Leute zeichnen zu Beginn mehr oder weniger ausgeprägt im Stil ihrer Vorbilder. Das ist eigentlich ganz normal und ich würde da auch keinen bösen Willen unterstellen. Das zeigt nur, dass man diesen Stil sehr mag.
Aber ich finde es wichtig, dass man sich im Laufe der Zeit von seinen Vorbildern löst und seinen eigenen Weg geht. Insbesondere, wenn man seine Werke online postet, bei einem Verlag veröffentlichen oder auf eigene Faust Geld mit seinen Werken verdienen möchte. Mir persönlich wäre es jedenfalls sehr unangenehm, für einen Stil gefeiert zu werden, den ich nahezu 1 zu 1 von jemand anderem kopiert habe.
Ich sage nicht, dass man das Rad neu erfinden muss. Das ist sowieso unmöglich. Irgendwo hat es alles schon mal gegeben. Deshalb kann es passieren, dass sich Stile auch manchmal zufällig ähneln. Z.B. weil man ähnliche Manga gelesen hat. Aber im Normalfall sehen sich Stile nicht so sehr ähnlich wie in dem Beispiel das ich meine. In diesem Fall kann ich daher nur stark vermuten, dass diese Person gezielt geübt hat, in diesem Stil zu zeichnen (wenn auch nicht in böser Absicht). Ich möchte das nicht verurteilen, weil diese Person sich abgesehen davon ein hohes zeichnerisches Niveau angeeignet hat und mit Leidenschaft bei der Sache zu sein scheint.
Ich finde den Ansatz aus meinem Gedankenexperiment interessant, aber ich empfehle trotzdem, lieber Stil-Elemente von verschiedenen Vorbildern zu kombinieren und eine eigene Note zu geben, damit es eben nicht wie der Stil von diesem oder jenem Mangaka aussieht. Ein eigener Stil ist wie eine Handschrift und sollte etwas sehr persönliches sein.
Damit die Leute eben nicht sagen „Hey, dein Stil sieht voll aus wie von XY“ sondern „Hey, ich mag deinen Stil für seinen ganz eigenen Charme! Den erkenne ich immer sofort!“