Proschanje stieg, ohne eine weitere monotone Ankündigung, von seinem Pferd. Fast hätte er Lenja mit hinunter gerissen.
„Vielen Dank“ murmelte diese und schwang sich ebenfalls mit schmerzenden Gliedern hinunter.
In der Dunkelheit konnte sie nur die Umrisse eines länglichen Gebäudes erkennen. Die Größe war beeindruckend, sicher beherbergte das einstöckige Haus mehr als zehn Zimmer. Was für eine Verschwendung für einen einzelnen Mann.
In weiter Ferne rauschte das Meer. Lenja blickte den Hügel hinunter. Ihr stockte der Atem. Sie konnte es tatsächlich sehen. Das Meer. Das Meer das Freiheit versprach. Dort lag es. Mondbeschienen. Salz und Tang lag in der Luft. In der Ferne wurde der Himmel bereits hell. Es sah aus als stieg die kobaltblaue Helligkeit aus dem Meer. Lenja dankte Mutter Ilmatar für so viel Schönheit.
Erschrocken drehte Lenja sich herum. Proschanje stand hinter ihr. In der einen Hand hielt er eine Laterne, über seiner Schulter lag ihr Seesack. Sie hatte gar nicht bemerkt, das er das Pferd weg gebracht hatte. Irgendwo in der Nähe musste ein Stall liegen. Augenblicklich spürte sie wieder die Kälte und die Müdigkeit.
Die Doppeltür des Hauses stand weit geöffnet. Sicher war er schon im Haus gewesen um die Laterne zu holen dachte Lenja und wollte die Türen schließen, nachdem sie das Haus betreten hatten.
„Nein“ Proschanje fuhr zu ihr herum. Seine großen Augen glänzten im Licht der Laterne. „Lass sie offen stehen. Die Tür muss immer offen stehen. Auch die Fenster“
Lenja hielt die Luft an. Er war wirklich verrückt. Es war eiskalt. Verzweifelt warf sie einen Blick durch die Tür hinaus. Die Aussicht auf eine, von Tesken weit entfernte Zukunft, wirkte in dem dunklen Haus eines Verrückten plötzlich nicht mehr so verlockend. Sie sehnte sich nach ihrem Zuhause, war es noch so karg. Doch zurück kehren konnte sie nicht. Der Weg war zu weit und es würde den Tod ihres Vaters bedeuten. Einer Schuld mit der sie trotz allem niemals würde weiter leben können.
„Komm Vögelchen du musst etwas essen, damit du nicht eingehst“
Schaudernd folgte Lenja Proschanje durch die Vorkammer nach links einen dunklen Flur entlang. Die Laterne lies Schatten an den Wänden tanzen, dennoch konnte sie nicht viel mehr erkennen, als Proschanjes Silhouette und eine teure Tapete, die bereits von den Wänden blätterte. Sicher hatte sie den Witterungsverhältnissen bei offener Tür und offenem Fenster nicht standgehalten. Lenja kniff sich in den Arm um nicht aufzuschluchzen. Die Müdigkeit und die Dunkelheit feuerten ihre Fantasie zu dunklen Vorstellung an. Was wenn ihm das Geld egal war und er sie einfach nur töten wollte? Wie die Mörder in den Schundromanen die sie so gerne, im künstlichen Licht der Bücherei las.
Sie betraten einen Speiseraum wie Lenja auf den zweiten Blick erkannte, als Proschanje die Laterne auf einen massiven Tisch stellte. Gestapelte Teller und weiteres Geschirr stand auf ihm herum. Viel mehr des Raumes gab die Laterne nicht preis. Kalter Meerwind wehte herein. Lenja zitterte.
„Setz dich“ Proschanje war nicht mehr zu sehen, er hatte sich in die Dunkelheit des Raumes zurück gezogen.
Lenja tat was er sagte und setzte sich mit steifen, vom langen Ritt schmerzenden Gliedern. Die Angst machte sie Willenlos, kratzte mit spitzen Krallen in ihren Eingeweiden.
So saß sie zwischen den gestapelten Tellern und die Härchen auf ihren Armen stellten sich auf während sie lauschte.
Der Wind heulte klagend um das Haus.
Proschanje kramte irgendwo in der Dunkelheit. Was wenn er nach einem Messer suchte, das er ihr in den Rücken stecken konnte. Niemand würde sie hier hören. Sie war alleine.
Bitte Mutter Ilmatar. Lenja schloss die Augen. Der Wind rüttelte stärker an den Fensterläden. Die Windgöttin antwortete, suchte sich einen Weg in das Haus. Der Wind wurde so stark das er die Teller die gestapelt auf dem Tisch standen erzittern und klirren lies. Fürchte dich nicht mein Kind. Ich bin zuhause auf den windigen Hügeln und werde dich beschützen.
Etwas berührte sie am Nacken. Entsetzt sprang Lenja auf, und taumelte zurück in die Dunkelheit des Raumes. Sofort flaute der Wind ab. Die Teller hörten auf zu klirren. Etwas scharfes riss die Haut an ihrer Wange auf. Sie schrie. Schatten tanzten vor ihren Augen. Ihr Herz fühlte sich an, als würde es jeden Moment platzen. Jemand schlug nach ihr.
„Halt“ Proschanjes Hand erreichte sie in der Dunkelheit und hinderte sie daran davon zu rennen.
„Er kann in der Nacht nichts sehen. Der Wind hat ihn erschreckt“
Lenja hielt inne. Ihr Herz raste. Kalter Schweiß rann ihr den Nacken herab. Ihr ganzer Körper bebte und zitterte. Proschanje zog sie unsanft der Laterne entgegen und zeigte ihr was er in der anderen Hand hielt.
Sie hatte den Schnabel geöffnet und atmete panisch. Ihre kleinen, schwarzen Augen waren halb geöffnet.
Es dauerte einen Moment bis Lenja begriff. Der Vogel war sicher bei Tag durch ein geöffnetes Fenster herein geflogen, um Schutz zum Schlafen zu finden, das Klirren der Teller hatte ihn aufgescheucht und in seiner Panik war er gegen Lenja geflogen.
Plötzlich kam sie sich ein wenig töricht vor. Proschanje betrachtete den Vogel in seiner Hand. Vorsichtig strich er mit einem Daumen über den kleinen Kopf, dann setzte er das kleine Geschöpf mit den scharfen Krallen auf seine Schulter. Lenja rechnete damit das er davon fliegen würde. Doch er schüttelte nur seine Flügel aus und blieb sitzen.
„Er ist zahm“ flüsterte sie, langsam beruhigte sich ihr Puls.
„Nein“ Proschanje wandte sich brüsk ab „hör auf mit dem Wind zu spielen. Setz dich und iss etwas“
„Ich habe nicht mit dem Wind gespielt. Der Wind bläst hier herein weil die Fenster ständig offen stehen“ der Schreck und die Erleichterung, nicht von einem Monster angefallen worden zu sein, hatte die Angst vertrieben. Missmutig und vollkommen erschöpft setzte sie sich wieder an den Tisch. Es war reiner Zufall gewesen, noch nicht einmal ihre Mutter konnte den Wind beschwören.
Proschanje stellte mit einem lauten Knall einen Teller vor ihr ab. Hastig schlang Lenja trockenes Brot und alten Käse in sich hinein. Das letzte mal hatte sie etwas gegessen bevor sie in die Bücherei gegangen war, und das war auch nicht besonders viel gewesen.
Proschanje stand die ganze Zeit neben ihr und starrte sie an. Lenja beschloss das er zwar verrückt war, jedoch nicht gefährlich. Jemand der eine zahme Nachtigall auf der Schulter sitzen hatte konnte einfach nicht gefährlich sein.
„Warum müssen die Fenster immer offen bleiben?“ fragte sie schließlich mit vollem Mund, nachdem sie Proschanje eine Weile kauend zurück angestarrt hatte.
Proschanje schien ein wenig zu überlegen. Natürlich ohne zu blinzeln.
„Damit die Vögel hinein und hinaus können“ er blinzelte einmal.
„Achso. Verstehe.“Lenja wandte sich wieder dem Teller zu „macht es ihnen etwas aus mich nicht die ganze Zeit anzustarren während ich esse? Das macht mich nervös“
Proschanje drehte sich der Dunkelheit zu. Die Nachtigall auf seiner Schulter zwillierte.
Lenja verdrehte die Augen „Ich danke ihnen“
Als Proschanje sie schließlich in das Gästezimmer brachte, war die Helligkeit endgültig aus dem Meer gestiegen. Lenja war so müde und erschöpft, dass sich die Wirklichkeit wie warme, weiche Watte anfühlte. Sie gingen an der Eingangstür vorüber. Sie musste schon lange offen stehen. Moos wuchs in das Haus herein und nahm bereits den gesamten Eingangsbereich in Beschlag. Der ehemals rote Teppich, der den Flur einst geschmückt hatte war löchrig und schimmelig. Die Nachtigall auf Proschanjes Schulter stimmte ein Lied an. Kleine braune Vögel flogen hinein. Sie hatten Nester in dem Dachgebälk. Das Gästezimmer lag direkt neben der Vorkammer. Es war winzig. Nur ein Bett, ein kleiner Tisch und eine Kommode passte hinein. Das kleine Fenster stand offen. In weiter Ferne konnte Lenja das Meer sehen.
Proschanje lies ihren Seesack auf den Boden fallen.
„Warte“ sagte er, drehte sich um und ging. Lenja konnte sich nicht beherrschen. Sie zog ihre Stiefel aus, wickelte sich in die eiskalte Bettdecke und legte sich auf das Bett. Es half nichts. Sie fror so sehr, dass sie nicht einschlafen konnte, obwohl die Erschöpfung in ihrem Kopf pochte. Ein Vogel tschilpte. Er saß auf ihrem Nachttisch und beäugte sie mit schräg gelegtem Kopf.
Proschanje brauchte sie gar nicht zu ermorden. Es genügte das sie sich eine Lungenentzündung zuzog und daran starb. Mit klappernden Zähnen versuchte sie sich so weit wie möglich einzurollen.
Die Tür ging auf. Proschanje trat ein. Sichtlich irritiert darüber das sie in dem Bett lag, hielt er einen Moment inne. Schon wieder eine Gefühlsregung. Irritation. In der Hand hielt er eine mit einem Korken geschlossene Flasche Wasser um die ein Stück Stoff geschlungen war. Wortlos stellte er sie neben den Vogel auf den Nachttisch. Der Vogel flatterte nicht davon.
„Was ist das?“ klapperte Lenja.
Blinzelloses Starren, dann drehte er sich um und ging. Die Tür blieb offen.
Lenja starrte einen Moment die Flasche an, dann griff sie danach. Warm. Sie war warm! Es befand sich heißes Wasser in ihr, deswegen das Tuch darum. Erleichtert steckte Lenja die Flasche unter ihre Decke und wärmte erst ihre Hände und dann ihre Füße.
Endlich konnte sie einschlafen.
Ausschnitt aus “Die Dunkelheit der Nachtigall”