Ich versuchte lange Joe ausfindig zu machen, fragte in seinem Junkie Freundeskreis herum ob ihn irgendwer gesehen hätte und ging fast täglich zu seiner Wohnung. Ohne Erfolg. Er war Spurlos verschwunden. Ich fragte natürlich auch nach diesem Ratte herum, allerdings nur um herauszufinden dass auch dieser vom Erdboden verschluckt war. Irgendwann gab ich die Suche auf. Joe’s Geschichte lies mich aber immer noch nicht ruhig schlafen. Also begann ich eine Art Selbsttherapie indem ich Joe’s Geschichte anfing aufzuschreiben. Möglichst genau so, wie er sie mir erzählt hatte. Dies gelang mir relativ gut und ich begann dann die Geschichte abstrakter zu gestalten und auszubauen. Ich gab den handelnden Personen falsche Namen und dachte mir Hintergrundgeschichten zu ihnen aus. Irgendwann hatte ich schon etwas was man einen halben Roman nennen konnte. Eine Geschichte über einen einfachen Junkie der ins Visier eines Drogenkartells kommt und nun um sein Überleben kämpfen muss. Ich habe mich oft gefragt was Joe wohl dazu gesagt hätte, aber schlecht hätte er es wahrscheinlich nicht gefunden, so wie ich ihn kenne. Ich konnte wieder ruhig schlafen und war inspiriert wie nie. Irgendwann versuchte ich mein Glück und schickte Auszüge der Geschichte an ein paar Verlage. Ich erwartete nicht viel und wurde überrascht.
Feuer
Ich stand vor einem Anwesen, das mit seiner Größe anzugeben schien. Die warme Abendsonne verschwand hinter den zurecht geschnittenen Büschen und erleuchtete nur noch die höchsten Villendächer der Nachbarschaft. Ich ging über den Kiesweg auf die schwere Wohnungstür zu und drückte die Türklingel. Es läutete. Irgendwo bellte ein reinrassiger Zuchthund.
Eine schick angezogene Dame in ihren dreißiger Jahren, öffnete mir die Tür. Sie hatte blonde lange Haare und ein enges rotes Kleid an, welches nicht wenig ihrer sportlichen Figur Preis gab. Lächelnd rief sie meinen Namen. Sie hätte sich darauf gefreut, mich endlich persönlich kennen zu lernen. Sie hatte eine kräftige Stimme, die einen sanften Ton in sich trug.
Ich kannte Frau Berling’s Stimme bis jetzt nur vom Telefon. Vor etwa einer Woche hatte sie mich angerufen. Begeistert von meinem Roman bat sie mich um ein Treffen. Wann immer ich Zeit hätte. Mit ihrer Hilfe würde ich mich bald nicht mehr vor Leuten retten können, die eine Kopie meines Buches signiert haben möchten. Filmrechte wären eventuell auch mit drin. Mindestens einen Platz in den Top fünf der Bestseller Liste. Wie jeder Autor, hielt ich mein erstes fertig gestelltes Werk nicht für überdurchschnittlich gut, dennoch, Frau Berling’s versprechen weckten ein Verlangen in mir, das ich schon fast vergessen hatte: Der beste Geschichtenerzähler der Welt zu werden.
Frau Berling führte mich durch die Eingangshalle in den Wohnsaal. Die Wände waren Geschmückt mit expressionistischen Gemälden, die wahrscheinlich mehr Wert waren, als mein ganzes Appartement. Designermöbel waren nach dem Feng Shui Prinzip im Raum angeordnet. Durch die großen Terrassentüren war ein gepflegter Garten mit Koi Teich zu sehen. Das prominenteste Möbelstück im Raum, war ein großes Sofa, welches ungefähr die selbe rote Farbe hatte, wie Frau Berling’s Kleid. Vom Sofa aus blickte man direkt auf den königlichen Kamin, in dem man mit Sicherheit ein Schwein hätte braten können. Die Flammen des Kamins gaben dem dezent beleuchteten Raum ein beruhigendes Licht.
Frau Berling bot mir einen Platz auf dem Sofa an und brachte zwei schwere Gläser, gefüllt mit Whiskey, der wahrscheinlich ebenfalls mehr Wert war als mein gesamtes Appartement. Als sie sich neben mich setzte, verschmolz das Rot ihres Kleides mit dem Rot des Sofas. Das Licht der Kaminflammen tanzte über ihr Gesicht.
„Nun, bevor wir anfangen“ begann sie „müssen Sie mir einfach erzählen wie Sie auf diese Geschichte gekommen sind.“
Ich überlegte. Sollte ich ihr von Joe erzählen? Wenn ich das tat, müsste ich ihr ebenso erzählen, dass er mir einen Mord gestanden hatte. Einen Mord, den ich nie der Polizei mitgeteilt hatte.
„Die meisten Dinge fallen mir unter der Dusche ein.“
„Natürlich.“ Sie lachte „Aber diese Geschichte - diese Geschichte ist etwas besonderes. Es ist so als würde man es nicht nur lesen.“
Sie lies den Whiskey im Glas hin und her schwingen. „Es ist so als wäre man selbst dort gewesen.“
„Sollte das nicht bei jeder guten Geschichte so sein?“, fragte ich.
Wieder lachte sie, diesmal etwas sanfter, „Wissen Sie, ich lese täglich Geschichten von Möchtegern Autoren. Ich erkenne die besonderen. Und wissen Sie welche die besonderen sind?“
Ich schüttelte den Kopf und schaute interessiert.
„Die besonderen sind die,“ fuhr sie fort „für die der Autor blutet. Die in die der Autor all seine Persönlichkeit, seine Freuden und seine Leiden einfließen lässt.“
Das Holz im Kamin knackte. Das Licht tanzte über die Wände. In der ferne bellte erneut der reinrassiger Zuchthund.
„Mein Großvater konnte diese Geschichten erzählen.“, sagte ich leise und schaute nachdenklich in mein Glas.
Ich wusste nicht warum ich ihr von meinem Großvater erzählte. Aber ich tat es. Sie hörte gebannt zu. Nippte ab und zu an ihrem Glas, während sie mich mit ihrem Blick fixierte. Ich erzählte ihr von den Kriegs Erlebnissen meines Großvaters und ich erzählte ihr von dem russischen Soldaten. Sie biss sich auf die Lippe. Es kam mir nicht vor, als würde ich es einer Fremden erzählen. Es kam mir vor als würde ich es in ein Tagebuch schreiben. Ich trank einen Schluck. Und dann, erzählte ich von Joe. Ich erzählte wie ich ihn kennengelernt hatte und ich erzählte wie ich ihn das letzte mal sah. Ich erzählte von Ratte und dem Mann im Wintermantel. Sie biss sich wieder auf die Lippe. Nach einer Weile hatte ich alles erzählt. Ich hatte kein Detail ausgelassen.
„Wissen Sie,“ sie schaute in ihr Glas und stach mit ihrem Blick dann wieder in mein Gesicht, „Ich glaube das Geschichten, Menschen sehr ähnlich sind. Wir lernen und leben durch sie. Und wir nehmen von jeder Geschichte sowie von jedem Menschen irgendetwas mit.“
Ich nickte.
Ich schaute in die Flammen des Kamins. Sie tanzten auf und ab und ließen das Holz unter sich knacken und zischen. Eine Minute war ich hypnotisiert. Ich dachte darüber nach, was ich von meinem Großvater mitgenommen hatte. Was ich von Joe mitgenommen hatte. Und schließlich, was andere von meinen Geschichten mitnehmen würden. Eine sanfte Hand auf meinem Arm unterbrach die Hypnose. Ich schaute Frau Berling an. Sie schaute zurück, wie ein Kind das um Süßigkeiten bettelt. Als sie näher kam spürte ich die wärme ihres Körpers. Sie schlug ein Bein über mich und setzte sich auf meinen Schoß. Ich streichelte durch die langen blonden Haare und spürte ihre warmen Hände auf meinem Hals.
Was dann kam, war der leidenschaftlichste Kuss, den ich je spürte. Sie lies ihre Zunge mit meiner tanzen, während ich meine Hände an ihrem Körper heruntergleiten lies. Ich öffnete den Reißverschluss, ihres feuerroten Kleides. Es fiel an ihr herunter wie ein Vorhang, der ihren nahezu perfekten Körper Preis gab. Sanft tastete ich über ihre warme Haut. Das Licht des Kamins flackerte hinter ihr auf. Sie riss mir das Hemd vom Körper. Ich warf sie aufs Sofa. Noch bevor ich einen klaren Gedanken fassen konnte, wurden wir eins. Wir liebten uns, während das Kaminholz knisterte.
Ich wachte neben Frau Berling auf. Das Sofa war groß, so dass wir nebeneinander liegen konnten. Sie schlief noch. Ich schaute zum Kamin. Ich konnte nicht lange geschlafen haben, denn die Flammen loderten noch. Ich schaute zu Frau Berling. Sie hatte einen sanften Schlaf. Sie schlief zwar tief, aber wirkte so, als könnte der Schlag eines Mottenflügels sie wecken. Doch es war das laute knallen der Eingangstür, welches sie grob aus dem Schlaf riss. Starr saßen wir nun auf dem roten Sofa, als ein Mann im Anzug mit schnellen, lauten Schritten den Wohnsaal betrat.
„Verdammte Schlampe“, sagte er leise, während er Frau Berling mit einem eiskalten Blick durchbohrte. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Sein Gesicht verzog sich zu einer Fratze. Was passierte hier? Frau Berling versuchte etwas beruhigendes zu sagen, stammelte aber nur Wort Fetzen heraus. Ich saß wie gelähmt neben ihr, so wie Gott mich geschaffen hatte. Die Kaminflammen liesen die hasserfüllte Fratze des Mannes wie eine Teufelsmaske aussehen. Während Frau Berling weiter versuchte beruhigende Wörter zustande zu bringen, drehte er sich langsam zum Kamin.
Er murmelte etwas. Ich bin mir immer noch nicht sicher was es war, aber ich meine etwas wie „Das war das letzte mal“ verstanden zu haben, bevor er zum Kamingeschirr griff. Blitzschnell drehte er sich um, in seiner rechten Hand eine lange Eisenstange, mit einem spitzen Haken am Ende. Wie ein Hund, den man in die Enge getrieben hatte, fletschte er die Zähne. Er holte aus. Brüllend begann er auf Frau Berling ein zu schlagen. Der Haken der Eisenstange bohrte sich immer wieder in ihre warme Haut. Ihr nahezu perfekter Körper verlor mit jedem Schlag an Perfektion. Blut spritzte mir ins Gesicht, ins Gesicht des Mannes der immer noch animalisch brüllte und nicht aufhörte auf Frau Berling einzuschlagen, auf den Eichenholzboden und auf das rote Sofa. Ich verlies meinen Körper. Wie eine Geschichte die ich geschrieben hatte sah ich das grausame geschehen vor mir. Frau Berling’s tauber Körper und der Mann im Anzug, mit tanzenden Kaminflammen in seinen Augen.
Wenn mich jemand fragen würde, was ich in diesem Moment dachte, was in diesem Moment in mir vorging, ich könnte es nicht beantworten. Doch wenn ich mir die Frage selbst stelle, merke ich, dass mir zwei Menschen in den Sinn kommen. Zwei Gesichter die mich schon so lang begleitet hatten. Ein junger russischer Soldat, blutend im Schnee und ein südländischer Mann im Wintermantel, blutend in einem Meer von Kristallen.
Ich verpasste dem Mann, der immer noch auf Frau Berling einschlug, einen gewaltigen Tritt in den Magen. Die Eisenstange fiel zu Boden. Er taumelte nach hinten, stolperte. Sein Kopf schlug gegen den weiß lackierten, hölzernen Kaminrahmen. Klopf auf Holz. Ich stand auf. Er nicht. Er lag bewusstlos mit dem Kopf in den Flammen.
Ein weile schaute ich ihn an. Ich schaute ihm in die Augen, die begannen sich im Feuer aufzulösen. Seine Haut quoll auf. Seine Haare brannten ab. Ich schaute zu Frau Berling. Ihr perfekter Körper, verstümmelt auf dem roten Sofa. Dann setzte ich mich auf den Fußboden und starrte in die Flammen. Und in diesem Moment verstand ich es. Ich verstand es zum ersten mal seit mein Großvater es mir das erste mal gesagt hatte.
Ich sitze nackt, verschwitzt und eingekauert auf dem dunklen Eichenholzboden und starre in den Raum. Ich habe keine Ahnung wie ich in diese Situation gekommen bin und noch weniger weiß ich, wie es jetzt weiter geht. Ich weiß nur, dass es nicht anders hätte kommen können.
Doch egal wie es weiter geht, ich werde nie wieder, nie wieder einen Menschen töten. Ich klopfe drei mal auf den Fußboden. Klopf auf Holz.









