Nach gefühlten Tagen des Warten im Schlafsack, war es dann endlich 00:30 und mein Alarm schellte. Jetzt geht es los! Wir hatten eine Stunde Zeit unsere Sachen zu sortieren und uns vorzubereiten. Daan hatte die Krankheit leider voll erwischt und er konnte sich kaum bewegen. Was wir nicht wussten war, dass unser „Frühstück“ die ganze Zeit bereit stand. Irgendwie dachten wir es gäbe was anderes zu Essen. So kam dazu, dass in dem Moment wo unsere Guides los wollten wir fragten, ob es denn nichts zu essen gäbe. Der Guide deutete auf die trockenen Brötchen und sagte „Da die Brötchen und Tee, es ist doch alles da. Wieso habt ihr nicht gegessen?“ Wir schnappten uns alle ein Brötchen und würgten es mit dem Tee hinunter. Ich muss leider zu geben, dass ich mich alles andere als fit fühlte. Meine Augen pochten und waren rot, außerdem hatte ich auch ein leichtes dröhnen im Kopf. Ich dachte mir allerdings, das sei normal und beendete mein Frühstück. Als wir den sichtlich niedergeschlagenen Daan verabschiedeten und hinaus traten. War das erste was ich dachte „Brrrrr ist das kalt!“. Beim Anlegen der Spikes wurde mir dann, aber ganz schnell warm, fürs erste. Nun wurden Gruppen gebildet. Es gab vier Guides für uns sechs. Martin und Jonny bildeten die erste. William und Josse nahmen jeweils einen Guide und Claus und ich bildeten die zweite dreier Gruppe. Zwischen den einzelnen Mitgliedern der Gruppe, befestigte der Guide nun ein Sicherungsseil. Endlich war alles vorbereitet und wir wollten gerade los, als Claus beim ersten Schritt die Bindung seiner Spikes verlor. Während die Anderen nun in der Dunkelheit verschwanden, musste Claus die Bindung wieder öffnen und nochmal alles neu verschnüren. So kam es, dass wir aufbrachen, als von den Anderen schon nichts mehr zu sehen waren. Dann war es auch für uns soweit und wir setzen Fuß vor Fuß in Richtung Gipfel. Meine Handschuhe waren sogar halbwegs trocken geworden und ich die Kälte war erträglich. Claus und ich teilten uns einen Rucksack, mit Mate de Coca, Schokolade, Keksen, drei Liter Wasser und zwei Dosen Bier (für den Gipfel, ein Schluck). Schon nach dreißig Minuten merkte ich, dass mein Kopf immer mehr anfing Probleme zu bereiten. Nach einer Stunde machten wir dann die erste Pause und trafen auf die Anderen, doch nur für ein paar Augenblicke in dem der Wortwechsel wie folgt aussah: „ Alles gut bei euch? Wie fühlt ihr euch so?“ die Antwort war immer „ Alles bestens und bei euch“ worauf sie auch sie antworteten „Alles bestens“. Wir alle logen, keiner fühlte sich wie „ Alles bestens“. Dieser Wortwechsel würde sich noch einige Male wiederholen. Dann brachen die Anderen auf und waren schon bald in der Dunkelheit verschwunden. Es war wirklich sehr dunkel, kaum ein Stern zu sehen und es wurde immer Kälter. Das einzige was ich für lange Zeit sah war der Rücken von Claus, unser Seil und meine Fußspitzen. Das Licht unserer Stirnlampen war sehr schwach und reichte somit kaum 5m weit. Es ging also weiter. Ich musste weiter. Nun spannte sich das Seil zwischen Claus und mir immer öfter, denn ich konnte nicht so schnell und die beiden mussten auf mich warten. Meine Oberschenkel brannten und wie schon erwähnt es wurde kälter. Jeder Schritt wurde zur Qual. Jeder Schritt bedeutet alle 20cm. Ich begann mir also immer öfter die Frage zu stellen „Warum? Wieso tust du dir das an? Ich könnte einfach umdrehen… Umdrehen? Nein! Du schaffst das! Stell dir mal vor wie geil das ist, wenn du erzählen kannst du warst auf über 6000m!“ Also weiter!. Minuten fühlten sich wie Stunden an und so kamen wir nach weiteren 45 Stunden am Fuß der Eiswand an. Hier trafen wir wieder die Anderen, deren Lichter man ab und zu in den Himmel ragen sah. Das selbe Gespräch wie bei der ersten Pause. Alles bestens! Das fragte mich auch immer mal wieder unser Guide und ich antwortete stets mit „ Mir geht’s gut, todo bien“. Mir ging es nicht gut, trotzdem übernahm ich jetzt den Rucksack. Wir tranken wieder ein bisschen Tee und ich versuchte einen Keks zu essen. Nach der Hälfte schmiss ich ihn weg mir wurde übel vom kauen. Wieder brachen die Anderen auf, als wir gerade den ersten Tee einschenkten. Jetzt kam das wovor ich von Anfang an am meisten Angst hatte, die Steilwand, 30m hoch und fast senkrecht. Doch zu meinem Erstaunen fiel mir dieser Abschnitt sehr leicht im Verhältnis zu dem normalen gehen im Schnee. Das ganze sieht wie folgt aus: Die Pickel wird soweit es geht über dem Kopf ins Eis gerammt, man kontrolliert ob sie wirklich halt hat, dann setzt man den ersten Fuß mit einem kleinen Schritt senkrecht im 90° ins Eis und dann den zweiten Fuß, aber nie nebeneinander. Danach wird wieder die Pickel gesetzt usw. Diese Aufgabe ging diesmal in die Waden, die angenehmer Weise nicht schmerzten und so kam ich gut voran. Geschafft! Nach ein paar Minuten waren wir oben angekommen und nach kurzer Nachfrage erklärte uns unser Guide, dass wir uns jetzt auf 5750 Metern über dem Meer befinden. Die Hälfte hab ich geschafft dachte ich mir und versuchte mich zu motivieren. Wir stapften eine Weile weiter und trafen auf Martin und die Anderen. Als deren Guide uns dann sagte, dass wir jetzt erst auf 5750m wären, war der Punkt gekommen wo ich endgültig aufgeben wollte! Es ging nichts mehr. Ich fühlte mich wirklich schlecht. Claus und die Anderen schienen hingegen zwar erschöpft aber gut drauf. Wäre da nicht also mein riesen großes Ego gewesen, wäre ich einfach umgedreht und ab nach unten. Aber was dann? Mir anhören wie die Anderen erzählen wie unfassbar genial es auf der Spitze gewesen ist? Nein! Auf keinen Fall! Also es half nichts ich musste weiter. Zu meiner Begeisterung fing es jetzt auch noch an leicht zu schneien. Das schöne ein einem Berg ist er wird immer steiler. Nach weiteren 40 Minuten des Quälens musste ich den Rucksack abgeben mit ihm wäre es mir nicht möglich gewesen. Claus war zwar nicht erfreut, aber er übernahm den Rucksack ohne Wiederrede. Wir hatten nun 5850m erreicht und ich stellte mir wieder die Frage was das ganze eigentlich soll. Voller Verzweiflung stopfte ich mir eine ganze Hand voll Cocablätter in den Mund zusammen mit einem viel zu großen Stück Asche (Alkalisch zur besseren Aufnahme). Normalerweise reichen 3-5 Blätter pro Portion. Es hat auch eigentlich gar keinen Großen Effekt mehr zu nehmen, aber ich dachte mir schaden tut es auch nicht. Also weiter, Pickel setzten, kontrollieren, Fuß setzen, kontrollieren, anderen Fuß setzen, kontrollieren und wieder Pickel setzen. Es hörte auf zu schneien nur der Wind blieb Eiskalt. Jetzt sah man auch endlich mal ein paar Sterne am Firmament, allerding von der Spitze war keine Spur zu sehen. Wenn doch wenigstens die Sonne aufgehen würde, sodass man sein Ziel sehen kann. Dass man sehen kann wie man näher kommt, wie hoch man ist und was man schon geschafft hat. Aber nein man sieht nichts außer das Seil, seine Füße und den Rücken von Claus. Weiter kämpfen jeder Schritt brennt wie Feuer, jeder Gedanke dreht sich nur darum den nächsten Schritt zu platzieren, die Muskeln anzuspannen und sich auf den Pickel gestützt hoch zu drücken. Durch den Neuschnee sank dieser aber immer öfter mal bis zum Ende in den Schnee ein sodass man rütteln musste um ihn wieder heraus zu ziehen. Vielleicht stellt ihr euch die Frage ob es Gletscherspalten gab. Ja die gab es und zwar einige, wie wir nachher bei Licht sehen konnten. Die Führer waren aber allesamt sehr erfahren und wussten jeden Schritt zu setzen. Mein Guide war 35 Jahre alt und ist seit 12 Jahren professioneller Bergführer und hat schon alle 6000er in Peru und Bolivien bestiegen. Wir machten wieder eine Pause von den Anderen keine Spur wir waren wohl zu langsam unterwegs. Ich trank wieder einen Schluck, erneuerte meine Portion von Cocablättern und der Guide sagte wir hätten nun die 5900m Marke überschritten. Da war er endlich der Punkt an dem ich aufhörte zu zweifeln und nur noch dem Gipfel im Sinn hatte. Wie von Wunderhand hörten auch endlich meine Oberschenkel auf zu brennen und ich fühlte mich deutlich besser. Wären da nicht die Kopfschmerzen gewesen, wäre ich am liebsten los gerannt. Es kamen nun verschieden Abschnitte, wo wir alle vier gelernten Techniken anwenden mussten. Wir waren nun auf der anderen Seite des Gipfels und kurz vor dem Kamm angekommen. Nun war ich an der Reihe Claus zu motivieren, denn ihm ging es nun sichtlich schlechter. Uns beide motivierte Martin, der schon so weit vor uns war und gar nicht daran dachte aufzugeben. Plötzlich sah ich gar nicht allzu weit, aber doch hoch über uns Lichter in den Himmel strahlen. Das mussten die Anderen sein! Wir waren nun am Kamm angekommen. Diesen sieht man auf den Fotos ganz gut. Wir bestiegen diesen jedoch von der anderen Seite. Jetzt wurde es technisch sehr anspruchsvoll, denn Weg beziehungsweise Pfad war keine 20cm mehr breit. Das bedeutet, dass man jeden einzelnen Schritt dreimal prüfen muss und man nicht mehr beide Füße neben einander stellen kann. Rechts geht es direkt steil hinunter und zwar soweit, das man kein Ende sehen kann und links ist eine etwa 60cm hohe Schneewand nach der es auch fast Senkrecht bis ins Bodenlose hinunter geht. Dazu kommt ein extrem starker Wind der den Hang hinauf bläst und den losen Neuschnee erbarmungslos ins Gesicht klatscht. Doch mir konnte das nichts mehr anhaben ich strotze nun vor Motivation. Um Claus zu motivieren sagte ich, dass ich jetzt wieder den Rucksack übernehmen kann und wir fragten den Führer ob wir kurz Pause machen könnten. Doch dieser erwiderte: „Maximal 10 Minuten noch bis zu Spitze“ Fast im selben Moment hörten wir laute Freudenschreie und wir sahen die Lichter der Anderen ganz deutlich. Sie hatten es geschafft! Also los es ist nur noch ein Katzensprung. Dann war es soweit gerade als sich der Himmel rot färbte erreichten wir den Gipfel. Ich schrie laut auf und war unfassbar erleichtert. Ich hatte es geschafft! Ich hab nicht aufgegeben! Wir haben nicht aufgegeben! Alle haben die 6088m erreicht! Leider gab es mal wieder ein Problem, die Kälte! Es war unerträglich kalt! Der Wind blies mit aller Stärke und die Uhr von Jonny setzte schon bei -10 C° am Rande des Kamms aus. Der Guide erzählte uns später, dass es ca. -25C° Grad waren plus Wind. So blieben wir effektiv keine Minute auf dem Gipfel. Ich zog meine Handschuhe aus, blöde Idee, und versuchte ein Foto zu schießen. Meine Hand zitterte und ich versuchte Fotos zu machen, was mir auch mehr oder weniger gelang. Als ich dann Claus fragte ob er eins von mir machen kann, sagte er erst, dass er auf keinen Fall eins machen kann. Er wollte einfach nur runter, er hatte auch sichtlich Angst und seine Hände waren noch mehr eingefroren als meine. Er schoss also ein Foto mit Handschuhen, was dazu führte, dass ich leider kein echtes Gipfelfoto habe. Egal. Viel wichtiger war jetzt der Abstieg, der mit Abstand gefährlichste Part unseres Unternehmens. Nun war ich erster und musste den fast senkrechten und schmalen Pfad hinabsteigen. Äußerste Vorsicht war geboten, wenn ich abrutschen würde, war ich auf das können und die schnelle Reaktion unseres Guides und Claus angewiesen um nicht in die Tiefe zu stürzen. Es war kein Spaß. Die nächsten 30 Minuten waren voller Anspannung, Kälte und Gefahr. Doch endlich standen wir unter dem Gipfel, es war hell, die Sonne strahlte und es war keine Wolke am Himmel zu sehen. Wir hatten den gefährlichen Teil unbeschadet überstanden und was nun folgte war pure Begeisterung und reines genießen. Die Aussicht war überragend! Auf der einen Seite sah man die entfernten Lichter von La Paz, auf der Anderen Seite hatte man einen Blick auf die gesamte Cordillera der Anden und dann war da noch der Illumani, der höchste Berg rund um La Paz. Mit seinen 6450m ragte dieser ganz allein abseits der Anderen wie ein Gigant in den Himmel. Das schönste war auch keine Anspannung mehr zu fühlen. Wir hatten es geschafft, wir mussten nur noch absteigen. Der Abstieg war wie also der mit Abstand beste Teil dieses Abenteuers. Der Schnee glitzerte und funkelte in der Sonne, der Wind hatte nachgelassen und die Kälte war wie weggeblasen. Nun sahen wir die riesigen Gletscherspalten und konnten etliche Meter in die tiefe blicken. Außerdem stellten wir fest, dass wir verdammt senkrecht einfach gerade aus hochgelaufen sind. Kaum eine Kurve haben wir gemacht. Es ging immer senkrecht den Hang hoch. Dann erreichten wir die Eiswand, die auch bei Tageslicht harmlos gegen den Gipfelkamm war. Nach ein bisschen mehr als zwei Stunden erreichten wir dann unser Basiscamp wo ich sichtlich erschöpft auf dem Bett zusammen brach. Siehe Foto! Gut dass ich Schmerztabletten mit hatte. Ich verteilte sie und nahm selber eine 1g Paracetamol. Die schlug Gott sei Dank sehr schnell an. Und mir ging es besser, als wir nach nur einer Stunde Pause incl. Rucksack von neuem Packen aufbrachen um den Rest abzusteigen. Der Abstieg verlief ereignislos zog sich aber unendlich in die Länge. Ich wollte einfach nur schlafen. Allerdings entschädigte der dank des guten Wetters umwerfende Blick vieles. Nach weiteren Stunden kamen wir dann auch unten in der Hütte an und trafen dort auf die nächste Gruppe tapferer Bergsteiger. Wir aßen etwas zu Mittag und fuhren dann die zwei Stunden zurück nach La Paz. Auf der Fahrt schliefen fast alle, außer ich mein Sitz war einfach zu unbequem. Wir verabschiedeten uns dann in La Paz von den Anderen, verabredeten uns allerding auf ein Bierchen abends um den Aufstieg gebürtig zu feiern. Im Hostel legten wir uns dann direkt in die Betten. Leider, so ist das aber nun mal in einem Schlafsaal gibt es auch noch andere Menschen und diese wollten sich wohl unterhalten. So kam es dazu, dass ich wieder nicht allzu viel schlafen konnte. Wie ich schon Anfangs erwähnt habe, sind die vier wirklich eine unfassbar lustige und verrückte Truppe gewesen. So kam es dazu, dass ich in der Bar des anderen Partyhostels die besten Runden Kings Cup oder Ring of Fire erlebt habe. Weil die anderen so verrückt waren, rissen sie einen mit und so kam es dazu dass selbst Martin die verrücktesten Regeln einhielt, die ich hier nicht erwähnen werde. Wir erlebten einen tollen Abend und ich war heilfroh als ich endlich mein Bett erreichte und einfach den ganzen Tag schlief. So bekam ich auch gar nicht mit, dass Martin aufbrach zu einem Tagestrip und auch nicht wie er wieder kam und sich verabschiedete um nach Cochabamba zu fliegen. Claus und ich blieben noch eine Nacht und fuhren dann am nächsten Tag mit dem Bus nach Hause. So endete unser Trip also mit dem absoluten Highlight. Diesen längsten, härtesten, schwersten aber auch irgendwie wunderschönen Tag werde ich wohl so schnell nicht vergessen. Doch über eins bin ich mir sicher, das war für die nächste Zeit der letzte 6000er. In dem Sinne Grüße nach Deutschland ich glaube ich habe mehr Schnee gesehen als ihr in letzter Zeit. Bis bald euer Julian.











