Nie zuvor war Ähnliches geschehen, war Ähnliches gesehen und bewundert worden. Die Ausmasse des Baumes waren gigantisch. Und sie waren, wenn man mit bisher bekannten Massstäben verglich, zugleich zutiefst grotesk.
Doch blicken wir zurück: Der besagte Baum hatte nicht mehr aufgehört zu wachsen. Über Jahre war er grösser, höher, breiter geworden. Sein Stamm hatte bald den Durchmesser eines Hauses, einer Kathedrale, schliesslich der ganzen Stadt erreicht. Und alsbald waren die obersten Spitzen des Baums von blossem Auge nicht mehr erkennbar; es schien, als wüchse der Baum beständig weiter hin zum Mond, zur Sonne.
Da, wo zuvor auf weiten Feldern Landwirtschaft betrieben worden war, frassen sich zuerst die Wurzeln, danach der Stamm des Baums in die Erde. Da, wo noch vor wenigen Wochen gefischt worden war, wo man Waren Richtung Süden transportiert hatte, auch da stand nun der Baum und sog das Wasser des Sees in sich auf, um weiter wachsen zu können.
Die Menschen waren vom Baum gleichermassen fasziniert und verängstigt. Macht- und ratlos schauten sie anfangs zu, wie der Riese sich mehr und mehr ihrer Umwelt bemächtigte. Später versuchten sie, sein Wachstum zu stoppen. Sie setzten Baumaschinen ein und Chemikalien, die Feuerwehr pumpte Wasser ab, Wurzeln wurden gesprengt, der Boden stellenweise zubetoniert.
Die Ausbreitung des Baumes konnten diese Massnahmen allerdings kaum einschränken. Bald erreichte sein Stamm, der in seiner Höhe längst bis zu den Wolken zu reichen schien, die nahen Wälder und Dörfer, bald waren die Menschen gezwungen, ihre Häuser zu verlassen.
Die Entwicklung erregte nun auch international Aufsehen. Auf den Titelseiten der Weltblätter wurden imposante Luftaufnahmen des wachsenden Riesen abgedruckt, die internationalen Fernsehkanäle schickten Reporterteams in die Gegend.
Immer wieder befragten die Medienteams Wissenschafter nach den Gründen des verstörenden Phänomens. Doch die Professoren und Forschenden waren ratlos. Einige flüchteten sich etwas hilflos in diffuse Erklärungen, die sich auf Mutmassungen, Wissenslücken und auf die unerforschten Gebiete der Quantenphysik oder die Molekularbiologie bezogen. Die meisten aber sprachen offen von einem Rätsel oder einem Mysterium.
Niemand, auch nicht die renommiertesten Wissenschafter dieser Zeit, waren imstande, das unermessliche, noch immer zügige Wachstum des Baums schlüssig zu erklären. Nicht die Dendrologen und Biologen, nicht die Physiker und Mathematiker, nicht die Hydrologen, die Klimawissenschaftler oder die Agronomen.
Diese Ratlosigkeit, die zuerst Belustigung, mehr und mehr aber auch Verunsicherung und schliesslich Angst hervorrief, sorgte alsbald für eine beispiellose Hochkonjunktur alternativer, also nicht-wissenschaftlicher Erklärungsmodelle. Die Religionsvertreter sahen in diesem Klima der Verunsicherung ein nährbarer Boden für eine Wiederbelebung des Glaubens. Oberhäupter von Kirchen und Glaubensgemeinschaften sprachen von einer neuen Sintflut, oder von Babylon, oder vom Minarett der Natur, oder von einem zu Ende gehenden Lebenszyklus der Erde.
Oft war es freilich nicht einfach, die religiösen Erklärungsmodelle von jenen der immer zahlreicheren Verschwörungstheorien auseinanderzuhalten. Die Russen – oder auch: die Amerikaner, die Chinesen – zettelten einen dritten Weltkrieg an, hiess es. Von den Strahlungsfolgen unterirdischer Endlager radioaktiver Abfälle wurde gesprochen, oder von den Möglichkeiten der kriegerischen Nutzung des Frackings als gezielten Auslöser lokaler Naturkatastrophen.
Irgendwann – der Baum hatte durch seinen Durst bereits einer ganzen Region das Wasser entzogen und eine nationale Wirtschaftskrise ausgelöst – befasste sich die UNO mit dem Phänomen. Man schuf neue internationale Gremien, rief den Notstand aus, trieb die Forschung voran, setzte irgendwann auch militärische Mittel ein.
Vergebens. Der Baum wuchs unbeirrt weiter. Er wuchs und wuchs und wuchs. Ihn kümmerte nicht, was die Menschen von ihm hielten. Er würde wachsen, solange er konnte, er wollte so hoch und dick und mächtig werden wie nur möglich.
Hier endet die Erzählung. Sie endet in einem einzigartigen Chaos. Ein Chaos allerdings nicht so sehr im praktischen Sinne – auf der Erde bleibt trotz des unermüdlichen Wachstums des Baums noch genug Platz für die Menschen – ein Chaos vielmehr im Geiste der Menschen, ein Chaos im Sinne einer existenziellen Erschütterung ganzer Gesellschaften.
Denn mit dem Land, den Wäldern, Seen, Bergen, Dörfern und Städten, die der Baum auffrisst, geht weit mehr verloren als das, was sichtbar ist. Der Baum, so wurde irgendwann allen bewusst, ist ein Spiegel. Er ist Spiegel unserer selbst.